Milch

7 Jan

Gleich nach Weihnachten fliegen der Mann, der Brummbär und ich nach Spanien. Der Mann stammt aus Kastilien, welches quasi das Deutschland Spaniens ist. Karge, teils flache Landschaft, Schnee im Winter und kulinarisch geprägt von Schweinefleisch und Eintöpfen. Hier fallen wir mit Kind und Kegel in das alte Bauernhaus der Schwiegereltern ein. Die Eingangshalle ist größer als die Küche meiner Eltern. Der Kamin hunderte von Jahren alt. Eine Heizung gibt es nicht. Vor der Tür wachen zwei Schäferhunde. Auf der anderen Seite der Straße grast die Rinderherde, von der die Familie seit Generationen lebt.

Opa B. hegt und pflegt die Herde, seit sein Vater es nicht mehr tut. Der Mann träumt seinerseits davon, sie eines Tages zu hegen und zu pflegen. Irgendwie, vielleicht. Oder halt doch was mit Computern. Jeden Tag gehen wir spazieren, betrachten das Land und träumen von einem Haus. Einem neuen Haus, einem warmen. Die Kälte im Bauernhaus macht mir zu schaffen. Das ist ironisch, denn ich neige wie kaum eine andere (und doch wie so viele) dazu, das Landleben zu idealisieren, was den Mann oft dazu bringt, die Augen zu verdrehen. Er ist hier aufgewachsen, als Baby, als Kind, ohne Heizung. Nur das Feuer im Kamin der Küche, die Glut in einer Schale unter dem Esstisch, und alle legen sich die Tischdecke über die Knie.

Morgens trinken wir Kaffee, jeder für sich, nach dem Aufstehen. Nachmittags gemeinsam, dazu essen wir Roscón de Reyes, Hefeteigkuchen mit Schlagsahne und kandierten Früchten. Nachmittags heißt hier in Spanien – denn trotz des Schnees und des Schweinefleischeintopfes und des Kaminfeuers sind wir hier in Spanien – so ab 17 Uhr. Mittagessen gibt es schließlich nicht vor 14 Uhr. Um die Zeit zwischen dem Frühstück um ca. 8 Uhr und dem Mittagessen zu überbrücken trinke ich viel heißen Café con leche. Der Kaffee kommt aus einer normalen Kaffeemaschine. Die Milch erhitzte ich in einer Tasse in der Mikrowelle.

Einmal merke ich, während sich die Tasse in der Mikrowelle dreht, dass ich eigentlich gar keinen Kaffee will. Und trinke die Milch einfach so. Auf dem Fensterbrett, und draußen schneit es. Wieso schmeckt Milch so anders, wenn sie heiß ist? Ich kann mich nicht erinnern, wann ich das zuletzt geschmeckt habe. Zum Nikolaus wahrscheinlich, als Kind. Es ist kalt, jedes Jahr, wir kaufen in der Stadt Stutenkerle mit tönernen Pfeifen. Zuhause sitzen wir in der Küche, alle zusammen, vor dem Fenster Finsternis, obwohl es doch erst 17 Uhr sein kann, später nicht. Mama erwärmt Milch in einem Topf und wir stippen die Stutenkerle hinein. Die Pfeifen nagen wir ab, ich weiß beim besten Willen nicht mehr, was wir damit vorhaben. Man kann damit nichts weiter tun, aber sie sind wichtig, trotzdem. Dann kommt der Nikolaus. Haus für Haus klappert er ab, und obwohl wir wissen, dass es ein Mann aus der Gemeinde ist, ist es doch ein magischer Abend. Wir Kinder wissen es, irgendwann, die Eltern wissen, dass wir es wissen und wir wissen, dass sie es – natürlich – wissen. Sogar mit ihm unter einer Decke stecken. Und doch.

Das geht mir durch den Kopf, als ich hier im Deutschland Spaniens, das doch Spanien ist, heiße Milch trinke und aus dem Fenster blicke. So einfach ist dieses Getränk und so aufgeladen mit – Kindheit. Und mit Nostalgie. Hier sitze ich, mit Kaminfeuer im Rücken und draußen nasse Hunde und weiter hinten nasse Kühe und kein Auto in Sicht und noch weniger ein Krankenwagen. In Berlin höre ich jedes Mal, wenn ich mit dem Brummbär rausgehe, einen Krankenwagen und hier nie. So einfach ist das. Das einfache Leben, hach hach, es hat doch etwas Magisches mit seinen Stillen und seinen Gerüchen und seinen Routinen und seinen Konstanten. Opa B. und Oma D. leben in diesem Haus seit 40 Jahren. Davor wohnte hier der Vater von Opa B. Der riesige Kamin war damals wohl noch im Gebrauch, womöglich sogar zum Kochen. Heute gibt es einen normalen Herd und im Kamin steht ein gusseiserner Ofen mit Glastür. Jeden Morgen wird er gereinigt. Ich weiss dass, weil ich dank Brummbär meist früh wach bin. Ich kann dann nicht wieder einschlafen und mein Kaffeedurst fuhrt mich als erstes in die Wohnküche. Die Großeltern schlafen noch, denn sie haben bis 22 Uhr zu Abend gegessen und danach noch gespült , aufgeräumt und ferngesehen. Vor Mitternacht gehen sie nicht ins Bett, ich hingegen schlafe meist mit dem Brummbär ein, so um 20 Uhr. Wahrend ich meinen zweiten Kaffee schlürfe, kommt irgendwann einer der beiden ins Zimmer und beginnt wortlos, den Ofen zu reinigen. Zuerst werden Asche und Glut der letzten Nacht in eine metallene Schüssel geschaufelt. Dann wird die Glastür mit einem Spray eingesprüht und nach einer gewissen Einwirkzeit abgeschrubbt. Jetzt wird Wasser geholt in einer zweiten Schussel, das Ganze wird abgewaschen. So oft, bis das Glas klar ist. Nun Handschuhe aus, Wasser weg, Lappen auswaschen und raus, Feuerholz holen. Das neue Feuer wird sorgfältig vorbereitet: erst Papier, dann kleine Zweige, oben die großen Scheite.

Bis das morgendliche Feuer im Ofen brennt, ist der Brummbär bereit für das erste Schläfchen des Tages und ich gehe raus, dick eingepackt gegen Regen, Schnee oder Wind, mit dem Baby im Tuch, meinem Kaffee in der einen und dem Smartphone in der anderen Hand. Und denke nach darüber, was ich gerade gesehen habe. Mühselige Routine für die einen, magisches Klischee für die anderen. Ich überlege, ob es etwas gibt, das ich seit vielen vielen Jahren wirklich jeden Tag auf wirklich immer dieselbe Art und Weise mache. Nichts – nicht einmal Kaffee. Höchstens das Handy zur Hand nehmen, direkt nach dem Aufwachen, denke ich traurig. Mails checken, sehen wer was geschrieben hat in den vielen Abendstunden, in denen so viele noch wach sind und ich schlafe. Was der Trump jetzt schon wieder angestellt hat. Ob die Welt noch steht. Aber das ist eher ein Handgriff, so wie Naseputzen. Es ist kein Ablauf, dahinter steckt kein Wissen, keine body memory, keine Kunst. Tatsächlich kann ich recht wenig mit meinen Händen anfangen. Nicht mal Handtücher falte ich richtig, so, dass die Kanten übereinander liegen. Kochen fällt mir ein. Ewig Gemüse schnippeln für Cannelloni mit Ziegenkäse oder im Sommer fur einen israelischen Salat. In den heißen Schmortopf greifen und das Rostgemüse fürs Boeuf Bourguignon ohne mit der Wimper zu zucken umdrehen. Wissen, bis zu welchem exakten Moment ich Sahne, Brühe und Portwein miteinander reduzieren lassen muss, damit eine himmlische Sauce daraus wird.

Oma D. kocht auch richtig gut. Jeden Mittag und jeden Abend gibt es drei Gänge. Suppe oder frittierte Croquetas, dann für gewöhnlich ein Stuck Fleisch, Gemüse, immer einen grünen Salat mit Knoblauch. Zum Nachtisch Flan oder Kuchen oder Obst. Sie kann sich viel Zeit lassen beim Kochen, denn Opa B. ist bei den Kühen und wenn wir nicht gerade hier sind, ist der Fernseher ihre einzige Gesellschaft. Und eine Katze, die macht, was sie will und die alle, der Mann eingeschlossen, unbeirrt rufen, schelten, belehren. Als würde es sie interessieren. Während ich draußen mit dem Baby im Tuch auf Twitter Neuigkeiten lese, beginnt Oma D. also drinnen die Vorbereitungen für das Mittagessen. Die Katze sitzt auf dem inneren Fensterbrett und schaut mich herausfordernd an. Und Opa B. verstaut die zwei Schäferhunde auf dem Traktor-Anhänger und den Mann auf dem Beifahrersitz und alle vier verlassen mit großem Tamtam den Hof, um auf der anderen Seite der Straße die Kuhherde zu rufen. Ich kann beobachten, wie sie da, wo man nicht weiter gucken kann, plötzlich auftaucht – eine schwerfällige, würdevolle Herde in Granitgrau, Dreckigweiß und Braun. Lange Hörner, bedachte Schritte, erhobene Köpfe. Zwischen den großen Leibern laufen auch einige Kleine mit. Eines ist wackelig, mager. Opa B. begutachtet es und verfrachtet es schließlich auf den Anhänger. Die Mutter ist außer sich, sie folgt dem Traktor, die beiden Hunde umkreisen sie. Dramatik liegt in der Luft, ich lege das Handy aufs Fensterbrett. Etwas ist passiert.

Beim Mittagessen erfahre ich, dass das Kalb mit dem Tode ringt. Opa B. hat es zu einem anderen, bereits gut gedeihenden Flaschenkalb in den Stall gebracht, zum Entsetzen der Mutter. Sie hatte, so wird mir gesagt, keine Milch oder wollte das Kalb nicht füttern, es ist nicht ganz klar. Ich verdränge Erinnerungen. Rebekka, sage ich mir, du wirst jetzt nicht weinen und dein eigenes Leid der ersten Babytage und -wochen auf diese Kuh projezieren. Das hier ist Natur, das ist das einfache Leben. Heiße Milch in einer angeschlagenen Tasse. Feuer im Ofen. Eine Kuhherde frei und stolz auf der Weide, die so groß ist, dass man sie erst rufen muss zum Füttern. Nach dem Essen mischt Opa B. Kälbchenmilch in zwei großen Pepsi-Flaschen und geht damit rüber zum Stall. Und am nächsten Morgen. Und am Morgen darauf. Am dritten Morgen trägt er nur noch eine Flasche in die Küche, schüttelt sie verbissen und verlässt das Haus. Ich nehme eine Tasse, fülle Milch hinein und erhitze sie. Dann setze ich mich aufs Fensterbrett, sehe ihm nach und lasse den Dampf die Scheibe beschlagen. Und freue mich nun doch ein bisschen auf zu Hause.

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Ich wollt ich wär’ wie Wolle

22 Dez

Mein Ding aktuell: Wollsocken verschenken. Im Bioladen um die Ecke gibt es ganz wunderbare dicke Strümpfe aus Freiland-Öko-Bio-Schaf-Spa-Wolle. Sie haben genau die Art von Ringel- oder Norwegermuster, die warme Winterwollstrümpfe zu haben haben. Und sie sind herrlich altmodisch weil dick, klumpig fast, ohne Gummizug oder Rutschfest-Noppen. Die Socken erinnern gar ein wenig an das, was der Trotzkopf strickt und dann dafür von der strengen Mädcheninternatshausmutter zurecht gewiesen wird. Genau kriege ich das nicht mehr auf die Reihe. Vielleicht verwechsle ich es auch mit Immenhof.

Wolle, das habe ich mittlerweile gelernt, soll man nicht so oft waschen. Und wenn, dann soll man einhundertundrei Dinge dabei beachten. Meine wunderschönen eisvogelgrünen Wolle-Seide-Babybodies mit all dem anderen Babyzeug bei 30 Grad zu waschen war der zweite Baby-Faux-pas, den ich mir geleistet habe. Der erste war, dass ich dem Brummbär direkt nach der Heimkehr die Fingernägel geschnitten habe. Meine Freundin L ist entsetzt.
„Das soll man nicht,“ ruft sie aus. „Da wachsen so Häutchen über den Nägeln, und das Schneiden tut den Babies weh!“
Also mein Baby hat sich nichts anmerken lassen aber vielleicht ist er auch wie ich und gibt sich gern tougher als er ist.

Ich bin nämlich nicht wie Wolle, die unter den Naturfasern ganz weit vorne liegt, was Resilienz angeht. Sie ist schmutz- und geruchsabweisend. Was auch immer Negatives um sie herum passiert, die Wolle lässt sich da nicht mit reinziehen. Sie hat quasi ein dickes Fell. Ich nicht so, ich bin eher wie Seide, der mimosenhaft-überempfindliche Partner der Wolle. Denn während an Wolle alles abprallt – sie kann sich sogar selbst reinigen – frisst Seide alles in sich hinein. Ich pflege seit jungen Jahren eine innere Excel-Tabelle, in die ich jede Beleidigung, jedes noch so kleine Vor-den-Karren-fahren säuberlich eintrage. Nachtragend ist gar kein Ausdruck. Nach außen aber tue ich häufig so, als wäre ich total tough und blöde Sprüche könnten mir nichts anhaben.

„Soll man nicht“, das ist sowieso mein liebstgehasster Satz aus Schwangerschaft und Babyzeit. Gern wird er begleitet von einem Luft-durch-die-Zähne-ziehen, im Folgenden durch „ssfffff’ kenntlich gemacht.

„Ich trinke ja grad total gerne Kräutertee.“
„Sssfff – soll man nicht. In Kräutertee können Schadstoffe enthalten sein.“
Einer Realität, in der der Verzehr von Kräutertee ein irgendwie geartetes Problem darstellt, verweigere ich mich aus Prinzip. Soweit kommt’s noch. Ich trinke aber auch viel Kaffee in der Schwangerschaft, weil ich es nur fair finde, dass das Baby direkt weiß, mit wem es da zu tun hat.

Zum Beispiel: Durch diverse Nervenzusammenbrüche angesichts des Formular-Hindernisparcours, den man bewältigen muss, wenn man sich erdreistet, ein uneheliches Kind in die Welt zu setzen, weiß der Brummbär bereits bei der Geburt über mich, dass ich nicht die Nervenstärkste bin. Obwohl das auch nicht ganz stimmt. Genau genommen stelle ich immer wieder folgenden interessanten Sachverhalt fest: Bei großen Dingen bin ich erstaunlich widerstandsfähig. Das gehörte quasi zu meiner Kinderstube. Kranke Mutter und immer schön in der Schule performen, Klassensprecherin sein, und – man halte sich fest – sogar noch nebenbei ein Mediatoren-Kinderfortbildung gerockt. Schülertalk hieß das Projekt, an dem ich teilgenommen habe. Ich kann mich nicht erinnern, dass je jemand zur Mediationssprechstunde gekommen ist, aber ich nutze meine Skills heute noch, um Mitmenschen zu manipulieren.

Als ich 2010 die Diagnose MS erhielt in einem Lissabonner Krankenhaus mit erstaunlich schwellenländlichem Flair und entschied, trotzdem den regnerischen grauen Winter in der Fremde zu bleiben, bekam ich von vielen Seiten die Rückmeldung: Du bist so stark. Eine Freundin schrieb mir: „You are the toughest girl I know.“ Eine andere: „Ich könnte das nicht, ich müsste sofort nach Hause zu meiner Familie.“ Der Gedanke war mir nicht einmal gekommen. Also: Big picture-mäßig bin ich durchaus stark. Und Stärke ist offenbar auch die Kernkompetenz überhaupt, wenn es um große Schicksalsschläge geht. Das fiel mir auf, nachdem meine Mutter gestorben war, wobei der Tod eines Elternteils wohl aus offensichtlichen Gründen nicht als Schicksalsschlag gilt. In so gut wie jeder der lieben Nachrichten und Karten, die wir als Familie oder ich als Individuum erhielt(en), wurde eines gewünscht: Kraft. Kraft, so meinen Menschen, brauchen Hinterbliebene am meisten. Ich kann mir darunter wenig vorstellen. Die Kraft weiterzumachen? Morgens aufzustehen? Nicht kraftlos im Bett zu liegen? (falls letzteres, oh wie wünschte ich mir dann, ich hätte keine Kraft – nur so für kurze Zeit). Die Kraft, zum anderen Ende des Tunnels zu gelangen, wo das Licht ist?

Offenbar habe ich genug Kraft, denn bislang stehe ich verlässlich jeden Morgen auf, und ich kann mich sogar für andere freuen und ihnen Geburtstagskuchen backen und mein Baby herzen und so richtig richtig glücklich sein. Bei kleinen Dingen fehlt mir allerdings oft die Stärke, mich im Zaum zu halten. Zum Beispiel, wenn die Dinge nicht so laufen, wie ich es will. Einer meiner Hauptkontrahenten dabei: die Schwerkraft. Ständig fallen mir Dinge herunter. Handschuhe, gern draußen. Teekartons aus dem Regal. Oder Dinge, die ich irgendwo abgestellt habe, kippen, sobald ich ihnen den Rücken zuwende, um. Mein Rucksack. Ein an die Wand gelehntes Fahrrad. Ich empfinde das generell als respektlos, als Provokation und bin dann gern beleidigt. Aber seit es den Brummbär gibt, nervt es auch ganz in echt. Erst mit Baby im Bauch, jetzt mit Baby im Tragetuch, ist es einfach mühsam und manchmal schier unmöglich, die Sachen aufzuheben. Und ich denke dann auch oft: „Man, seht ihr nicht, dass ich grad eh kämpfe? Müsst ihr jetzt echt auch noch runterfallen, ihr doofen Teebeutel?“ Ich nehme das Ganze sehr persönlich, genau wie die Seide es in meiner Fantasie auch tun würde.

Mit dem Baby ergeht es mir manchmal auch so. Wenn alles perfekt passt, sodass wir beide ein wenig schlafen könnten. Und damit meine ich: Wir sind zuhause, da ist ein Bett, und das Baby und ich, wir sind – Zufall, Zufall – ganz offensichtlich todmüde. What could go wrong? Alles, denn selbstverständlich weigert sich das Baby, einzuschlafen. Ich habe – und jetzt bin ich ganz offen, und nervös deshalb – in diesen Situationen schonmal in ein Kissen geschlagen. Im anderen Zimmer. Und bin dann erst zurück zum Brummbär. Wie kindisch. Es ist ja nicht auf ewig, dass ich zurückstecken muss. Aber das kann ich nicht sehen. Da bin ich aufbrausend, jähzornig. Da bin ich nicht stark. Da bin ich eine echte Mimose. Nicht Wolle, sondern Seide.

Zur Belohnung für seine Geduld mit mir habe ich dem Brummbär einen nagelneuen Wolle-Seide-Body gekauft. Ihn werde ich wenn irgend möglich mit Geduld und Feingefühl pflegen, damit die besten Qualitäten der Wolle und der Seide erhalten bleiben. Denn gerade ihr Zusammenspiel macht den Body warm – aber auch weich und anschmiegsam. Praktisch – aber auch schön. Und während ich das Teil stundenlang in handwarmen Wasser mit Lanolin einseife oder was auch immer (noch nicht gelesen), kann ich ja gleich dran arbeiten, mich selbst mehr so zu akzeptieren wie ich bin. Nervenstark und aufbrausend, stark und schwächlich, liebevoll und impulsiv. Halt ein anspruchsvolles Kombiprodukt. Aber beste Qualität.

 

 

 

Gefühle im Eisfach oder: Trauern mit Kind

15 Dez

Aktuell wird viel gestritten über das sogenannte Attachment Parenting, einer auf Dr. William Sears beruhenden Erziehungsphilosophie, die auf Nähe, Respekt, Bindung setzt. Attachment Parenting sei antifeministisch, weil es die Mutter zur Selbstaufgabe nötigen würde, heißt es. Ich habe die Debatte verfolgt und denke, hier gilt wie bei so vielem: Das Ganze ist, was man draus macht. So glaube ich zum Beispiel, dass vieles von dem, was ich und andere Mütter, die ich kenne, als notwendig ansehen, nicht wirklich nötig ist. Dass wir mehr an uns denken könnten – mal abpumpen und Papa füttern lassen, Babysitter suchen, darauf bestehen, uns die Zähne zu putzen, bevor wir das Haus verlassen – ohne unsere Babies zu traumatisieren.

Aber man muss auch nicht so tun, als wäre Selbstaufgabe nur ein selbst geschaffenes Problem. Denn es ist schon so: Das Baby kommt zuerst, weil es sich eben nicht selbst helfen kann. Es gibt keinen Plan B. Und kollidieren meine Bedürfnisse mit denen des Babies, stecke ich zurück. Wie hart das ist, merke ich in einer Extremsituation – dem Tod meiner Mutter.

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In dem Moment, als ich schwanger werde, wird meine Mutter krank. Es ist ihre dritte schwere Erkrankung, seit fast 30 Jahren kämpft sie gegen ihren Körper. Und ich habe über ein Jahr versucht, schwanger zu werden. Jetzt treffen diese beiden Ereignisse aufeinander, kurz vor Weihnachten. Wie ernst die Lage ist, ist in diesem Moment aber noch nicht abzusehen. Zunächst sind die Besuche daheim mehr oder weniger normal und wir telefonieren noch ab und an. Sie hat viele klare Momente, in denen sie sich über die Nachricht, dass ihr fünftes Enkelkind auf dem Weg ist, freut.
„Das wird endlich eins wie wir,“ sage ich und wir grinsen uns verschwörerisch an.
Denn in meiner Familie sind meine Mutter und ich die einzigen kleinen Dunklen unter großen robusten blonden Menschen. Und sämtliche Enkel schlagen sich bisher schamlos auf die Seite der nordischen Giganten.

In den folgenden Monaten verschlechtert sich der Zustand meiner Mutter stetig.
Am Telefon bemerke ich häufig, dass sie Standardantworten gibt, dem Gespräch gar nicht richtig folgt. Ich versuche, so oft wie möglich in die Heimat zu reisen, mich zu kümmern – trotz Schwangerschaft. Zeige ihr stolz die erste Bauchrundung, aber der erhoffte Enthusiasmus bleibt aus. Ich lese Berichte, spreche mit Ärzten. Recherchiere im Internet, befrage Experten an der Charité. Und sorge mich, ob das Kind im Bauch den ganzen Stress mitbekommt. Ob es weiß, dass ich viel weine.

Am Ende ist alles umsonst. Monate vor ihrem Tod hat sich meine Mutter bereits verabschiedet. Ich fahre noch einmal hin, hochschwanger. Sie spricht nicht, schaut nur. Ich stelle uns ein Hörbuch an, setze mich neben sie, die Füße hochgelegt, und nehme ihre Hand. Und dann weine ich, weil ich jetzt weiß, dass meine Mutter mein Kind nicht mehr kennenlernen wird. Und als eine Art verzweifelter letzter Test, denn so wie ich instinktiv mein Baby vor allem Schlechten bewahren und beschützen möchte, will meine Mama für mich, ihr Baby, ebenfalls nur das Beste. Dass es nicht leidet. Und jetzt steht ihr Kind vor einem lebensverändernden Ereignis und leidet sehr. Als Mutter wird – muss – sie da reagieren. Die Hand drücken, vielleicht den Kopf drehen. Irgendetwas. Aber meine Mutter regt sich nicht. Ich fahre zurück nach Berlin.

Emilio kommt zweieinhalb Wochen vor dem errechneten Termin zur Welt. Ein Zeichen vielleicht, denke ich. Dem Lauf der Zeit ein Schnäppchen geschlagen. Aber das Baby ist zart und braucht eine Weile, in der Welt anzukommen. Bis ich mich traue, die Reise mit ihm zu bestreiten, vergehen zwei Monate. Als ich meiner Mutter das Kind vors Gesicht halte, es auf ihre Brust lege, regt sich nichts hinter ihren braunen Augen. Dabei schauen sie nun zwei große brauen Augen zurück an.
„Hier ist er,“ sage ich. „Endlich ein Dunkler, Mama.“
Am Ende hat sie sich durchgesetzt. Aber wir sind zu spät.

Bevor ich gehe, will ich meine Mutter küssen, aber es geht nicht, denn das Kind schläft im Tragetuch. Es reicht nur für einen Kuss auf die Hand. Im Nachhinein: eine unmögliche Situation. Denn es ist das letzte Mal, dass ich sie sehe.

Unser Abschied, über das Kind hinweg. Eine Distanz, die mir deutlicher macht als alles andere, dass ich die Seiten gewechselt habe. Vom Kind zur Mutter. So grausam der Unterschied zu vorher, als ich in meiner Trauer noch der Mittelpunkt des Universums war. Als ich mich zu ihr ins Bett hätte kuscheln können. Mich auf der Toilette einschließen und weinen. Rausgehen und eine rauchen. All das geht nicht mehr. Ich gehöre jetzt einem anderen.

Aber der andere, mein Sohn, gehört auch mir. Und er hindert mich nicht nur, er hilft mir auch durch das, was jetzt folgt. Drei Wochen später kommt der Anruf meiner Schwester. Bei der Beerdigung will ich mein Kind nicht abgeben, nicht mal an den Papa. Ich will ihn ganz nah bei mir spüren. Seine Wärme, seinen Geruch, seine Geräusche. In der Kirche stehe ich, wiege mich mit ihm zur Musik, vergrabe mein Gesicht an seinem Hals beim Weinen. Das anschließende Essen im Gasthaus bekomme ich nicht mit, ich stille im Auto, auf der Toilette, verstecke mich vor den Trauergästen, die nicht wissen, ob sie „herzliches Beileid“ oder „herzlichen Glückwunsch“ sagen sollen. Die meisten sagen beides. Mein Baby ist mein Schutz, er sorgt dafür, dass ich das Ganze emotional gar nicht an mich heranlassen kann – und bietet mir eine Fluchtmöglichkeit vor Small Talk: „Tut mir leid, ich glaube er braucht eine frische Windel.“

Leider kann dieser warme, wohlriechende Schutzwall seine Wirkung nicht lange aufrechterhalten. Zurück in Berlin werde ich langsam mürbe. Ich frage mich: Wie soll ich trauern, wenn ich nicht eine Minute Zeit habe, mir die Wahrheit vor Augen zu führen: dass meine Mutter nicht mehr da ist? Wenn ich 24 Stunden am Tag selbst Mama bin und meine eigenen Bedürfnisse viel zu wenig Raum haben?

Und ich merke, wie ich die Geduld verliere. Wie es meine Nerven strapaziert, dass es nie darum geht, was ich will. Emilio ist quengelig, denn er merkt, dass etwas nicht stimmt. Ich breche oft in Tränen aus vor Frustration, um im nächsten Moment vor Liebe zu meinem Kind schier überzulaufen. Abends, wenn das Baby schläft, schäme ich mich: wieder ein Tag, an dem ich es nicht geschafft habe, ausgeglichen und geduldig zu sein. Wieder ein Tag, an dem ich geweint habe vor ihm. Ich weiß, man soll authentisch sein und so weiter, aber die Theorie ist das eine. Das andere ist mein Baby, das mich unsicher anschaut mit seinen großen brauen Augen, weil es nicht versteht, was für Geräusche Mama da macht, warum sie angespannt ist. Das sich fragt: Bin ich in Sicherheit?

Eine Lösung finde ich nicht. Deshalb nehme ich meine Trauer und lege sie ins Eisfach. Friere sie ein, damit sie warten kann auf mich. Nicht weniger wird, nicht fad oder bitter. Damit der Schmerz frisch bleibt, bis ich ihn hervorholen kann. Wenn das Kind etwas größer ist. Wenn ich einen Babysitter habe. Wenn der Papa die Flasche geben kann.

Jetzt, sechs Wochen nach der Beerdigung, schläft mein Kind im Tragetuch bei einer Freundin, damit ich diesen Text schreiben kann. Sobald sie die Wohnung verlassen hat, bin ich in Tränen ausgebrochen. Es ist soweit, ich kann meine Trauer auftauen. Portionsweise, in kleinen Dosen. Und zu den vielen Erinnerungen, die dabei hochkommen, gesellt sich ein unendlicher Respekt dazu: für eine Frau, die drei Kinder großgezogen hat, zwei davon mit nur einem Jahr Abstand. Wieviel hat sie wohl beiseite geräumt, eingefroren, nach und nach hervorgeholt – oder vielleicht nie aufgetaut?

Meine Mutter war meine Mutter. Nie war mir so klar, was das bedeutet.

„Prost Mahlzeit“ – über Ernüchterung

4 Dez

Die Schwangerschaft hat eine sehr ernüchternde Wirkung auf mich. Zunächst im wahrsten Sinne des Wortes. Es ist Anfang Dezember, als ich den Test mache. Drei Weihnachtsfeiern pro Woche. Und man kennt mich: Sobald ich das erste Glas Wein ablehne, ernte ich hochgezogene Augenbrauen. Zum Glück geht es mir elend. Blass, übel, kalt. Die Erkältung nimmt man mir ab.

Weihnachten zu Hause. Meine Mutter schwer krank. Ich stehe in der Küche und denke: Wie soll ich das alles ohne Wein durchstehen? Und ahne nicht im Ansatz, was noch kommt, was ich noch alles ohne Wein durchstehen werde. An Silvester gehe ich um 19 Uhr ins Bett.

Januar, Februar, März. Es bleibt kalt, Mir geht es weiter elend. Im Büro schlafe ich heimlich auf der zugigen Toilette. Und eine andere Art der Ernüchterung tritt in mein Leben. Die der Rollenbilder, mit denen ich mich angesichts der baldigen Existenz eines Babies konfrontiert sehe.

Ich war immer schon ganz vernarrt in Babies. Als Teenager war ich dafür bekannt, alles „niedlich“ und „süß“ zu finden. Meine vier Neffen kann ich gar nicht genug halten, herzen und knuddeln. Warum ich trotzdem frustriert bin, als sich herauskristallisiert, dass ich die klassischen zwölf Monate Elternzeit nehmen werde? Also in der echten Babyzeit mein Kind kennenlernen, betreuen und begleiten darf? Bevor es riesige Schneidezähne kriegt – später dann Pickel – und Widerworte gibt?

Weil ich zwar Babies liebe, aber dieses Arrangement sich übel nach 1950er anfühlt. Weil der Spiegel, die ZEIT und das Bundesfamilienministerium mir sagen, dass dieses Arrangement die Einstiegsdroge zur Teilzeit ist und damit zur sicheren Altersarmut führt. Weil es mich ärgert, dass der Mann und ich da nicht weiter sind. Dasselbe Betreuungsmodell zu wählen wie die konservativsten Menschen, die ich kenne – das passt einfach nicht in mein Selbstbild. Folglich bin ich maulig und aggressiv, immer wenn es um die Elternzeitformulare geht. Dann schlägt der Mann vor, dass ich weniger Monate nehme und er mehr. Daraufhin werde ich panisch: Mein Baby einfach verlassen und zur Arbeit gehen? Das kann ich nicht. Der Mann ist genervt – zu Recht.

Ist ja nur ein Jahr. Aber stimmt das?

Ich ernüchtere mich quasi selbst, und das nicht nur in puncto Betreuungsplan. All die hehren Vorstellungen, die ich von mir hatte – die coole Mutter, die nebenbei alles Mögliche macht, abends einen Babysitter beim Kind lässt und mit Freunden beim Italiener sitzt, die niemals dem armen Papa sagt, wie er etwas zu tun hat oder ihm das weinende Kind wie eine Furie aus den Armen reißt. Zwei Wochen nach Entbindung ist klar: Eher nicht …

Am Ende füllen wir das Formular konservativ aus und einigen uns auf einen finanziellen Ausgleich, damit ich weiterhin meinen monatlichen Fixbetrag aufs Sparbuch einzahlen kann. Dennoch – ich sehe mich schon als Flaschen sammelnde Oma und bin ratlos: Wenn ich als meines Erachtens autarke und aufgeklärte Person nicht in der Lage (oder willens) bin, dieses Muster zu durchbrechen, wie soll sich dann je etwas ändern? Oder muss es das vielleicht gar nicht? Kämpfe ich gegen meine Natur, wenn ich von mir verlange, mein Baby bereits im ersten Jahr „zu verlassen“?

Der Mann bleibt gelassen. Er sagt: „Du siehst immer nur das Baby. Aber wir werden jahrelang Teilzeit arbeiten müssen, denn das Kind braucht uns auch noch nach dem einen Jahr.“ Recht hat er. Und ich hoffe sehr, ich schaffe den Absprung. Beziehungsweise mein Sohn schafft ihn. Denn meine große Sorge: Durch mein Beharren auf dem „Mamajahr“ schaffe ich eine Abhängigkeit nach mir, die der Mann nicht durchbrechen in der Lage ist – zumindest nicht ohne eine Extraportion Engagement.

Erst zu dm, dann in den Bioladen

Und so geht der Mann ins Büro und ich reihe mich ein in die Riege der Daheim-auf-Zeit-Mamas, die alle dieselben Blogs lesen, dieselben bunten Tragen tragen, bei dm durch biobaumwollenen Bodies wühlen und im Kindercafé Rhabarbersaftschorle kippen. Jeden Morgen die Frage: Wie kriege ich den Tag heute rum? Irgendwie findet sich plötzlich ständig ein Grund, zum Supermarkt, zur Drogerie oder zum Baby-Secondhandladen zu schlendern. Als ich eines Tages dem Mann folgende Telegram-Nachricht schreibe, erschrecke ich mich vor mir selbst: „Tag soweit gut. Waren grad bei dm. Gleich gehen wir noch zur Bio Company. :))“ Wer ist diese Frau und was hat sie mit Rebekka gemacht?

Und weil mir so langweilig ist, ergibt es sich wie von selbst, dass ich mich um alle Babybelange kümmere – sei es die Recherche nach Babykursen und Mittelchen gegen Bauchweh, das Organisieren der Garderobe (Kleidung leihen, Kleidungsbestandsaufnahme machen, Kleidung zurückgeben) oder das Lesen von Ratgebern. Und mich dann erneut erschrecke: Ist es soweit gekommen, dass ich einen Alltag lebe, in dem manches „Frauensache“ (oder „Muttersache“) ist?

Gerade haben wieder einige Studien gezeigt: Die organisatorische Mehrarbeit rund ums Kind klebt an Frauen wie Fliegen an einem Fliegenfänger. Sogar, wenn der Mann arbeitslos ist und die Frau voll arbeitet, kommt es zu derartigen Konstellationen. Wie kann das sein? Und wie können wir das stoppen? In meiner Situation ist es so, dass der Mann Ausländer und der hiesigen Sprache nur begrenzt mächtig ist. Aber erklärt das wirklich, warum ich mich in der Apotheke über Globuli informiere und den Unterschied zwischen FABEL, FenKid und PEKiP recherchiere? Nein, tut es nicht. Vielmehr hat es auch damit zu tun, dass der Mann vieles von dem, womit ich mir so den eigentlich wohlverdienten Feierabend fülle, überflüssig findet. Und sich dementsprechend auch nicht darum kümmern will. Trotzdem, Bekleidung, Poposalbe und Kitaplatz gehen uns ganz eindeutig beide etwas an. Und es geht ja nicht nur ums Prinzip. Die Tatsache, dass ich den Löwenanteil der Baby-Aufgaben erledige, begünstigt mindestens zwei problematische Zustände:

1. Vorbildfunktion

Ich habe den Plan. Gleichzeitig habe ich wenig Zeit und noch weniger Nerven. Heißt: Weil ich weiß, was läuft und wie ich es will, mache ich es am sinnvollsten (schnellsten) selber. Und plötzlich sind wir bei Loriot und der Mann weiß nicht, wo was liegt in der Wickelkommode.

Nicht nur ist diese Arbeitsteilung nervig, weil ich quasi keinen Feierabend habe. Sie drängt mich auch in eine Rolle, die ich gar nicht spielen will. Schließlich möchte ich meinen Sohn zum Feministen erziehen. Die „Mommy knows best“-Nummer, bei der die Mutter genervt aber versiert sämtliche Tätigkeiten ausübt, während der Vater ahnungslos/störrisch auf sein Smartphone starrt, ist dabei nicht zielführend, Stichwort Vorbildfunktion. Zum Glück habe ich einen Partner, der auch schon vor dem Baby jegliche Art von Hausarbeit erledigt (ich putze sowieso nicht korrekt).

2. Wissensvorsprung

Der Mann hat nur begrenzte Zeit mit dem Baby und will gern bonden – absolut zu unterstützen. Gleichzeitig habe ich nicht nur alles genauestens recherchiert, sondern außerdem jeden Tag ca. 11 Stunden Erfahrungsvorsprung. Will sagen: Ich habe erst zehn Dinge probiert, die nicht funktioniert haben, bis ich die eine Sache gefunden habe, die funktioniert. Ist es da nicht sinnvoll, dass der Mann meiner Ansage und Anleitung folgt, anstatt selbst herauszufinden, wie es am besten geht? In Gesprächen stelle ich fest: Genau das scheint der Streitpunkt zwischen vielen frisch gebackenen Elternteilen zu sein. Ich frage mich: Müssen unsere Babies als Versuchskaninchen herhalten, um die Egos der Väter zu beschützen? Oder wollen Mütter wie ich alles viel zu sehr kontrollieren und sollten sich entspannen?

Wahrscheinlich liegt die Wahrheit wie so oft in der Mitte, aber ich bin schon sehr ernüchtert darüber, wie oft wir streiten. In der Schwangerschaft, und dann auch mit dem winzigen Baby im Haus. Sollten wir uns nicht eigentlich ungläubig-entrückt über den samtweichen Babykopf hinweg anlächeln und dabei pudrig-pastellfarbige Kleidung tragen? Offenbar nicht, denn wir holen lieber ganz andere Klassiker aus der Klischeekiste und bewerfen uns fleißig mit „Immer“-Granaten und „Nie“-Bomben –  als hätte es die Brigitte Psychologie-Artikel nie gegeben.

In einem gereizten Moment bricht es aus mir heraus:
„Wir kämpfen viel zu sehr gegeneinander. Als wären wir Kontrahenten. Dabei sollte es doch eher wir gegen das Baby sein.“
„Wir gegen das Baby?“
„Du weißt, was ich meine …“

Gemeinsames Lachen schweißt zusammen, die Spannung ist gebannt. Aber das Taktieren auf dem Schlachtgeld der Erziehung ist ein anstrengender Dauerzustand. Von Schlafroutinen über Fremdbetreuung ja/nein und „Was machen, wenn er weint?“ bis zur Frage, wer oder was an Weihnachten die Geschenke bringt, ist vieles so viel weniger klar, als ich es angenommen hatte. Ob das wohl so bleibt?

Lonely Planet Elternzeit oder: Meine ersten drei Monate auf der Insel

23 Nov

Schadenfreude ist die Droge der Entrechteten und Erschöpften. Deshalb kann man Eltern nerviger Kleinkinder keinen größeren Gefallen tun, als zum ersten Mal schwanger zu sein und im Verlauf dieser Schwangerschaft mit ihnen zu sprechen.

Jedes Wehwehchen, jede Beschwerde wird mit einem genüsslichen Schnaufen und einem wissenden Blick (falls andere Mütter zugegen) pariert: „Das ist ja noch gar nichts… du wirst dich noch umgucken.“ Versucht man allerdings, den erfahrenen WegbereiterInnen devot zu kommen und ihren Wissensschatz anzuzapfen, stößt man auf Granit. „Das musst du selber erleben,“ heißt es dann. „Man kann sich nicht vorstellen, wie es ist, ein Baby zu haben, bis es soweit ist.“

Und was soll ich sagen? Die müden Eltern haben alle recht und ich schlage mich nun schamlos auf ihre Seite. Umgeben von Freunden, die größtenteils noch kinderlos sind, schäme ich mich manchmal dafür, wie viel ich mein Handy herumreiche, Fotoreihen zeige, die für den Außenstehenden alle wie ein und dasselbe Bild des Babies aussehen („Aber guck, der Mundwinkel …“) und über Stuhlgang spreche. Soweit, so erwartet.

Ebensowenig überraschend, wie wohltuend die vielen (auch immer wieder gleichen) Gespräche mit anderen Müttern sind. Die auch über Stuhlgang sprechen wollen. Und darüber, wie oft man sich in den ersten Wochen mit dem Partner gestritten hat. Aber anders als meine Schwangerschaftswegbegleiter mache ich nun einen Versuch, die Mauer des Schweigens zu durchbrechen und meine Erfahrungen zu teilen. Ich habe mir dafür sogar ein Gleichnis überlegt:

Ein Kind zu haben, ist wie auf einer Reise ein Land gefunden haben – oder sagen wir, weil malerischer, eine Insel. Man wusste nichts von ihrer Existenz und alles auf dieser Insel ist schön oder unheimlich, extrem, wunderbar, unglaublich. Versucht man, wieder zu Hause angekommen, seinen Freunden von der Insel zu erzählen, merkt man schnell: Der Funke springt nicht über, trotz unzähliger Fotos. Trotz detaillierter Anekdoten. Nach 15 Minuten werden die Blicke leer.

Und dann trifft man plötzlich eine Fremde, die auch schon auf dieser Insel war. Man kann es nicht glauben – endlich jemand, der dieselbe Sprache spricht. Die all die Orte kennt, die Panoramen, die Strände, die Aromen. Man könnte ewig quatschen.

Auf Mami-Gesprächskreis, Schlafentzug und Babyverliebtheit war ich also vorbereitet. Vieles andere hat mich in diesen drei Monaten wirklich aus dem Konzept gebracht.

Eine erste Zwischenbilanz.

 

Anstrengende Ahnungslosigkeit

Die ersten Monate mit Baby sind sehr anstrengend – soweit keine Überraschung. Aber sie sind ganz anders anstrengend, als ich es gedacht hätte. Nicht der Schlafmangel zehrt an mir, sondern die absolute Ahnungslosigkeit. In dem Moment, als mir im Krankenhaus das gerade angezogene, winzige Baby hingehalten wird mit der Ansage „ab jetzt alle zwei Stunden anlegen“ merke ich: Ich weiß nicht, wie ich dieses zerbrechliche Vögelchen halten soll. Umdrehen. Hinlegen und wieder aufheben. Geschweige denn anlegen. Ich habe so viel gelesen, aber jetzt wird mir klar: Es ging dabei immer um Schwangerschaft und Geburt, und dann um Erziehung, um Grundsätzliches zur Entwicklung von Kindern. Den Gebrauchsanleitungsteil fürs Baby habe ich schlicht übersprungen.

Das Gefühl, nicht so recht zu wissen, was ich tue, hält quasi bis zum dritten Monat an. Ich bin enttäuscht von den anfänglichen Stillproblemen, sie nagen an meiner Selbstsicherheit. Die ganze Schwangerschaft über reden alle vom Mutterinstinkt und unser aller Mutter Natur, die seit Jahrtausenden alles regelt, durchdenkt und optimiert. Den Mist hab ich schon bei der Geburt nicht mehr geglaubt, beim Stillen wird es dann richtig absurd: Wie können weder ich noch das Baby wissen, wie das geht? Schweine schauen doch auch keine Youtube Tutorials.

Das Krankenhaus entlässt uns mit einem winzigen Baby und einer Milchpumpe nach Hause, wo ich keine passenden Strampler habe, keinen Stillerfolg und weiterhin keine Ahnung. Das Baby weint und ich weiß nicht wieso. So kann man das zusammenfassen. Zum Glück habe ich kein Schreibaby, sondern eines, das viel schläft. Und sobald es mit dem Stillen klappt, biete ich ihm bei jedem Murks die Brust an und stehle mich so aus der Verantwortung, mein Baby zu verstehen. Erst mit dem dritten Monat habe ich endlich keine Angst mehr vor meinem Baby. Es kann jetzt auf verschiedene Arten weinen: verzweifelt/hungrig, müde, zornig. Und ich weiß für jedes Schreien mindestens eine Sache, die ich tun kann.

 

Irrationale Glucke

Der Mutterinstinkt, den ich beim kompetenten Versorgen des Babies vermisse, lässt mich ansonsten zur Karikatur mutieren – wie wohl sämtliche Mütter vor mir auch. Sobald in der Dusche das Wasser rauscht, höre ich mein Baby weinen. Weint es tatsächlich, muss ich sofort hin und es an mich nehmen. Emilio schläft mit acht Wochen zum ersten Mal in seinem Beistellbettchen – ich brauche eine Woche, um das Zimmer zu verlassen und drei, um zum Abendessen bis in die Küche zu gehen.

Diese überschäumenden Emotionen führen dazu, dass ich andere Lebensbereiche, drücken wir es mal diplomatisch aus, etwas vernachlässige. Die Nachtleggins gehen nahtlos in die Tagleggins über. Ich bestelle jeden Scheiß bei amazon und checke oft erst, wenn der Paketbote die Treppe hochkommt, ob ich nach dem Stillen alles wieder einigermaßen eingepackt habe. Ich esse wie ein Tier – beim Stillen kippe ich Smarties wie Shots direkt aus der Röhre, Burger stopfe ich mir über einem mit einer Serviette bedeckten Babykopf in den Mund. „Leg ihn doch einfach hin,“ sagt mein Freund. „Er weint doch nicht.“ „Ja, jetzt nicht“, erwidere ich. „Weil ich ihn trage.“ Tatsächlich weint mein Sohn in den ersten Monaten vergleichsweise wenig. Der Preis: Zeit für mich und eventuell eine gute Portion meines Verstands.

 

Eine neue Sprache

Eltern kleiner Babies sprechen ihre ganz eigene Sprache. Ich erinnere mich, wie ich vor der eigenen Schwangerschaft nie verstanden habe, was die Schwangeren immer von Wochen labern. „Wie weit bist du denn?“ „23. Woche.“ Peinliches Schweigen. „Ich weiß nicht, was das bedeutet …“

Seit der Schwangerschaft denke ich nun auch nur noch in Wochen und ernte selbst ratlose Blicke. Außerdem habe ich entdeckt, dass es ein ganzes Vokabular gibt, das alle in meinem Mama-Universum fließend draufhaben. Da gibt es natürlich U1, U2, U3, U4 … und für den Gruppenzwang PEKiP, Fabel, FenKid. Aus der Welt des Tragetuchs: Wickelkreuz, Känguru, Anhock-Spreiz. Aus der Kategorie „Apotheke“: Carum carvi, Beinwell, Engelwurz, Chamomilla, Vier-Winde-Öl. Ich bin integrationswillig und spreche dementsprechend fließend die Muttersprache der Insel „Elternsein“. Und hab selbstverständlich sämtliche Techniken drauf und Mittelchen parat!

 

Total verkopft

Ich bin sicher, dass es Eltern gibt, die komplett darin aufgehen, mit ihren Kleinen daheim zu bleiben. Die sich nichts Schöneres vorstellen können, als sie Tag um Tag zu betrachten und in ihrer Entwicklung zu begleiten. Ich weiß das deshalb so genau, weil diese Eltern es mir erzählen. Unaufgefordert, versteht sich.

Ich bin ebenso offen wenn ich sage: Ich langweile mich bereits nach drei Monaten ganz gewaltig in meinem Daheimbleibertum. Nicht, weil ich mein Baby nicht bezaubernd finde. Und auch nicht, weil es nicht genug zu tun gäbe. Mir fehlt schlicht die intellektuelle Komponente. Das, was ich gewohnt bin zu tun: einen neuen Sachverhalt, ein neues Themengebiet umkreisen, erforschen, durchdringen und dann gären lassen, bis ich soweit bin, Schlüsse zu ziehen, Konzentrate zu produzieren, etwas Neues aus dem Gelernten zu schaffen. Mit Baby ist bei mir alles Emotion, alles Instinkt bzw. das Fehlen des Instinkts. Ich reagiere eigentlich nur, immer einen Schritt hinterher. Mein Herz läuft mir über, aber der Kopf wird irgendwie immer schwermütiger.

Bereits in Woche 2 beginne ich alles zu lesen, was es gibt. Zum Leben mit neuem Baby. Zu Stillproblemen. Zum Tragetuch. Zum plötzlichen Kindstod. Ich durchforste beim stundenlangen nächtlichen Stillen Expertenforen und Informationsbroschüren auf Deutsch und Englisch, überfliege Studien, lese Interviews. Ich kaufe und verschlinge etliche Bücher über Schreikinder (meines schreit nicht viel), Beikoststart (steht noch längst nicht an) und allgemeinen Bewegungen wie dem Attachment Parenting. Im Ernst – man frage mich irgendetwas zu den Themen zu viel Milch, zu wenig Milch, Wickelkreuztrage ja oder nein oder den idealen Betreuungsschlüsseln für Kleinkinder in der Tagesstätte. Ich kann referieren.

Ich verkopfe, weil mein Kopf mir eben so fehlt. Weil wissen so viel beruhigender ist als lernen. Sicherer im Umgang mit meinem eigenen Baby macht mich das Ganze nur bedingt. Manchmal hilft es, zum Beispiel beim Tragen. Manchmal macht es mich als überzeugten Hypochonder nur noch pessimistischer – beim Stillen etwa. Und einmal so belesen und besorgt, ist es unglaublich schwer, zum intuitiven Umgang mit dem Baby und all den Herausforderungen, die mit ihm einhergehen, zurückzufinden. Ich habe es noch nicht geschafft.

Und mir kommt der Verdacht, dass mein Verhalten auch einen Erklärungsansatz für das aktuell so viel gebashte Helikopter-Elterntum bergen könnte. Vielleicht bekommen eben hier und jetzt vermehrt Frauen Kinder, die lange Zeit Sinn und Spaß in der geistigen Arbeit gefunden haben – weil sie oft Akademikerinnen sind und weil sie länger arbeiten, bevor sie ein Kind bekommen. Vielleicht stürzen sich viele von ihnen in der ersten Zeit zu Hause auf das Sachgebiet „Kinder – die Chancen und Risiken“. Und vielleicht werden sie um so ängstlicher und deshalb überfürsorglicher, je mehr sie lesen und wissen.

Damit muss ich mich unbedingt sofort im Detail auseinandersetzen …

Wer suchet, der findet

27 Okt

Ein überfüllter Zug ruckelt durch Polen. Draußen ist es dunkel. Ich kauere auf dem Boden vor der automatischen Wagendurchgangstür. Immer, wenn sie sich öffnet, weht weiße Asche hinein und bedeckt meinen schwarzen Kapuzenpulli. Stunden vergehen, bevor wir in Warschau ankommen. Klingt schlimm? Es mag so wirken. Aber diese Stunden waren einige der schönsten meines Lebens. Wir hatten ein beeindruckendes Wochenende in Krakau hinter uns, damals, vor 12 Jahren. Auf dem Heimweg fielen fast alle Züge aus, es war voll, es war spät. Und ich war entrückt. Währen dich dort saß und Belle and Sebastian auf meinem Diskman (ja!) hörte und die Asche hineinblies, da hüpfte mein Herz. Ich wusste, wer ich war: eine Reisende, eine Abenteurerin. Und so sollte es bleiben.

Seither habe ich, was das Reisen angeht, so meine Theorie. Die Menschen, die ich kenne, kann ich zwei klaren Kategorien zuordnen: den Suchenden und den Nicht-Suchenden. Wobei mir gerade auffällt, dass ich als bekennende Suchende der Gegenfaktion direkt einen negativ anmutenden Namen zuteile. Das geht auch andersherum. Nennen wir sie die Fertiggesuchten. Die Mehrzahl der Fertiggesuchten in meinem Bekanntenkreis wohnt in meiner Heimat und hat Kinder und Häuser. Aber auch bevor sie Kinder und Häuser hatten, zog es sie nicht in die Ferne. Urlaub ist für sie eher eine Zeit der Entspannung als des Entdeckens. Komfort steht an oberster Stelle. Und den findet kann in der Nähe natürlich leichter und bezahlbarer als in der Ferne. Centerparks, ein Wellness Hotel auf Sylt. Gern jedes Jahr an denselben Ort, da weiß man, dass es einem gefällt. Und gern immer zur gleichen Zeit – da weiß man, wie das Wetter wird.

Ich hingegen kann nicht genau steuern, wann ich verreise. Als Suchende ist für mich das Reisen ins Unbekannte ein Grundbedürfnis. Es muss nicht jeden Tag sein, dafür habe ich weder Zeit noch Geld, und außerdem bin ich zu alt für die Strapazen. Aber ab und an – und wann, das sagt mir mein Bauch, nicht mein Kontostand – muss es sein, und dann möglichst sofort. Gebe ich dem nicht nach, werde ich erst launisch, dann melancholisch, irgendwann unerträglich.

Leider befinde ich mich wie viele andere in einem recht unflexiblen Arbeitsverhältnis und kann nicht einfach für geraume Zeit verschwinden. Dieses grausame Dilemma „Geld aber keine Zeit /Zeit aber kein Geld“ kennen viele. Zum Glück gibt es als kleine Übergangsdroge den Wochenendtrip. Und zum Glück funktioniert das Suchen und das Finden – zumindest bei mir – schon auf kleinster Ebene – wie ich neulich in Brandenburg feststellen durfte.


Es sind drei Faktoren, die mich Ende August für ein Wochenende nach Chorin im Biosphärenreservat Schorfheide führen:

  1. Wegen des Choriner Musiksommers (Empfehlung!) war ich einige Zeit vorher dort gewesen, hatte aber wenig Zeit gehabt, mich außerhalb des Klosters in der Gegend umzusehen.
  2. Ich habe vor Kurzem mein Fahrrad reparieren lassen und bin noch ganz verliebt in diesen Kick des Radfahrens. Also war ein kleiner Fahrradausflug am Wochenende genau das Richtige.
  3. Mein Freund ist verreist und ich weiß bereits seit langem, dass ich aller Abenteuersuche zum Trotz ein echter Angsthase bin, wenn es darum geht, nachts allein in der Wohnung zu sein. Die Lösung: ein relativ spontaner Trip nach Chorin. Denn das Wichtigste für Suchende: Nicht wissen, was einen erwartet.

22. AUGUST, 7:30 UHR

Ich habe schlecht geschlafen und fühle mich etwas matt, als ich mich aufs Fahrrad schwinge, um zum Hauptbahnhof zu radeln. Ich muss mich aber beeilen, denn wenn ich den Zug nicht erwische, komme ich zu spät zur Hofführung auf dem demeter Hof Brodowin – meinem ersten Ziel in und um Chorin. Das Ökodorf Brodowin ist ein ganz wunderschöner Ort mit einem grasbewachsenen Kirchplatz, umgeben von meist liebevoll restaurierten Häusern. Von Chorin hierher sind es ca. 8 Kilometer. Die Zugfahrt entpuppt sich als eher stressig, da eine riesige Meute an meist älteren Wochenendradlern in die Schorfheide streben und nach uns nach ihre Räder vor meines stellen. Leider muss ich als erstes raus.

ZugBahnhof_Chorin

Irgendwie schaffe ich es und stehe mitten im nirgendwo – aka der Bahnhof Chorin. Sehr charmant ist es hier, mit einem kleinen Café und einer Touristeninformation. Ich kaufe eine Radkarte und mache mich auf den Weg. Schon nach 200 Metern stocke ich. Das kann nicht stimmen, vor mir liegt eine unscheinbare kiesbedeckte Straße mit ganz normalen Wohnhäusern. Irgendwie bin ich hier falsch. Ich fahre zurück, umrunde die Kirche – nein, es muss hier sein. Bei meinem klapprigen Stadtrad ohne Stoßdämpfer – und übrigens auch ohne Gangschaltung – hilft nur eins: Absteigen. So schiebe ich erst einmal ein ganzes Stück. an wunderschönen Häusern (Neid!!) vorbei und dann durch einen Wald. Fast ein bisschen unheimlich hier. Habe ich eigentlich jemandem erzählt, dass ich hierher fahre? Immerhin habe ich mein Pfefferspray in der Bauchtasche – zum Schutz gegen tollwütige Hunde und Wildschweine natürlich.

Als sich der Wad lichtet und ich auf die Hauptstraße stoße, auf der ich jetzt die verbleibenden 7 Kilometer weiterfahren soll, bin ich nicht weniger verunsichert: Auf der kurvigen Straße rasen die Autos an mir vorbei, einen Fahrradweg gibt es nicht. Kann das stimmen? Darf man hier überhaupt Rad fahren? Ich warte unentschlossen, bis eine ganze Gruppe in Neonfarben gekleideter Rennradfahrer an mir vorbeischießt. Nur Mut, Rebekka, wird schon schiefgehen. Die mittlerweile knallende Sonne ist nicht der einzige Grund, warum mir bei meiner Ankunft in Brodowin der Schweiß nur so runterrinnt: So manch ein überholendes Autos waren mir für meinen Geschmack ein wenig zu nah gekommen. Aber ich habe es geschafft und bin in  Brodowin.

Die Hofführung in Brodowin

Der Hofladen bietet neben dem hier hergestellten Käse auch diverse andere Biolebensmittel – und serviert frisch gekochtes Essen vom Hof. Dafür ist jetzt leider keine Zeit, denn draußen versammeln sich an die 20 Interessierten, die eigens für die Hofführung hergekommen sind, meist aus Berlin. An ihren frischen Gesichtern erkenne ich, dass die Mehrzahl mit dem PKW angereist ist. Während der Führung erfahre ich viel über die Aufzucht von Milchkühen. Vieles ist sehr positiv, zum Beispiel der ständige Zugang der Milchkühe zur Wiese und die Haltung in Herden. Negativ überrascht mich, wie wenig Bewegungsfreiheit die Kälbchen haben. Ich bin kein Profi, aber ich habe in der Heimat NRW mehr Kälber mit Müttern auf grünen Wiesen gesehen, als es hier der Fall zu sein scheint.

KalbBrodowin_Hofladen

Besonders beeindruckt mich das Bruderhahnprojekt und das mobile Hühnermobil, mit dem alle Hühner jede Nacht auf einem großen Feld von Parzelle zu Parzelle transportiert werden, damit sie immer frisches grünes Grad zum Picken haben. Das Mobil funktioniert komplett ferngesteuert. Eine tolle Idee. Gegen Ende der Führung wird mir etwas schummrig, ich habe noch nicht richtig gegessen. Ich spare mir also den Teil zur Käseherstellung in der hofeigenen Meierei und mache statt dessen den Praxistest: eine Brodowiner Käseplatte, begleitet von einem ganz wunderbaren Dinkelbier. Ich strecke die Beine von mir und denke: So dürfte das Leben jeden Samstag sein.

Brodowiner_Kaeseplatte

Auf ins Hotel am See

Als der Käse vertilgt und das Bier leer ist, habe ich wieder genug Kraft, um mich auf die nächste Etappe meiner Radtour zu machen. Aufs ins Seehotel Mühlenhaus, wo ich für die Nacht ein Zimmer gebucht habe. Vielleicht kann ich sogar eine Runde schwimmen. Nach etwa 10 Kilometern, die mich erneut durch Chorin führen, find ich etwas abseits der Straße das Hotel, wo ich trotz meiner Aufmachung freundlich begrüßt werde. Erst einmal eine Dusche und kurz den Fernseher angeschaltet – diese Beschallung bekomme ich zuhause ja nicht. Das Informationsblatt verrät, dass die Küche im Hotelrestaurant um 21:30 Uhr schließt. Ich bin wirklich nicht mehr in Berlin.

Dann zieht es mich nach draußen, an den See hinter dem Hotel. Er heißt wunderbarerweise Großer Heiliger See. Meine Schwimmsachen habe ich leider vergessen, aber auf einer der Liegen am Ufer kann ich vielleicht etwas schreiben. An meinen Computer habe ich nämlich gedacht. Gesagt, getan: Ich verbringe zwei Stunden in kompletter Stille, nur ein paar Gesprächsfetzen einheimischer Gäste sind von der Restaurantterrasse zu hören. Als es dämmert, kommt ein Paar aus dem Hotel und schwimmt. Ich bin neidisch, allerdings ist es mittlerweile auch ein wenig kühl. Ich bin zufrieden mit dem Geschriebenen, zufrieden mit dem Ausflug. Irgendwie ganz ruhig. Und gleichzeitig ganz energiegeladen. Und ich freue mich, morgen wieder aufs Rad zu steigen. Jetzt merke ich aber erst einmal, wie hungrig ich bin.

SeeblickSeehotel_Muehlenhof

Seeblick, schlemmen, schlafen

Für das Abendessen in dem Restaurant, von dem ich viel Gutes gelesen habe, ziehe ich mich sogar um. Und zu Recht, das Essen und der Service sind exzellent. Ich esse cremig gebackenen Ziegenkäse mit Salat, bekomme sogar eine Weinempfehlung. Dazu der unschlagbare Ausblick auf den See. Wie ein Scherenschnitt zieht in der Dämmerung ein Ruderboot über die spiegelglatte Oberfläche. Zwei Männer sitzen darin und angeln. Alles ist still, sogar in meinem Kopf, in dem sonst gern die Gedanken rasen. Um 22 Uhr gehe ich ins Bett. Meine Augen fallen sofort zu.

Grosser_Heiliger_See

23. AUGUST, 9 UHR

Ich bin kein Typ für Hotelfrühstück, ich bin generell keine Frühstückerin. Also begnüge ich mich mit Kaffee – erneut mit Seeblick – und mache mich schnell auf den Weg. Ich möchte mir das Kloster erneut anschauen und ein wenig in Chorin herumirren, bevor mein Zug fährt. Der Rückweg beginnt mit einem steilen Hang – gestern bin ich ihn beseelt hinabgesegelt, heute muss ich rauf. Links der Amtssee. Ich muss wirklich kämpfen (wie gesagt, keine Gangschaltung), aber ich bin auch sturr: Absteigen ist für Feiglinge. Zur Belohnung erblicke ich nach Ende der Quälerei links das Kloster. Anstatt reinzugehen – da war ich ja schon einmal – laufe ich liebe einmal um das Gebäude herum. Und stoße auf einen wunderschönen Friedhof, umrandet von einem zierlichen Lattenzaun und überdacht von einem großen alten Laubbaum. Unter ihm stehend, blicke ich direkt auf den See. Auch hier: keine Menschenseele. Dieser Ort gefällt mir sehr. Mir kommt der Gedanke: Sollte ich einmal heiraten, würde ich es gern hier tun. Leider bezweifle ich, dass die Verwalter des Klosters, in dem häufig Trauungen gehalten werden, den Friedhof als angebrachten Ort betrachten würden. Ich hingegen finde es einen sehr angebrachten Ort. Heiraten gewinnt doch seine Bedeutung doch gerade daraus, dass wir nur eine begrenzte Zeit zu leben haben. Finde ich jedenfalls.

Hunger, Historie, ab nach Hause

Ohne Frühstück losfahren heißt, dass mittags schnell der Magen knurrt. Zum Glück gibt es in Chorin eine Menge Hotels und Gasthöfe. Einer weiteren Empfehlung folgend, kämpfe ich mich mit dem Rad einen weiteren Hügel hinauf – zum Waldseehotel Frenz. Hier ergattere ich, da es noch früh ist, einen Tisch mit Seeblick. Unten schwimmen Kindern jauchzend auf Luftmatratzen im Amtssee, oben sitze ich und freue mich auf das vegetarische Hauptgericht. Das Essen ist solide, aber nicht so überragend wie im Mühlenhaus. Als ich aufblicke, sehe ich, dass sich inzwischen die gesamte Terrasse mit Hotelgästen und anderen Besuchern gefüllt hat. Sämtliche Tische mit Seeblick sind belegt. Und ich sitze gedankenverloren ganz allein an einem Vierertisch. Ich winke ein älteres Paar heran, das gerade reingehen will und fordere sie auf, sich doch an meinen Tisch zu setzen. Sie nehmen gern an und ich freue mich über ihre Gesellschaft, denn die beiden kennen sich bestens in der Gegend aus und erzählen mir so einiges zu Geschichte des Klosters und seiner Rolle währen der DDR-Zeit.

Seehotel_FrenzFahrradJPG

Leider muss ich aufbrechen, mein Zug geht in einer halben Stunde. Vom Hotel ist der Weg zum Bahnhof ausgeschildert. Erneut halte ich nach wenigen hundert Metern skeptisch an: Ich befinde mich ganz allein in einem Wald, folge einem S-förmigen, sehr unbefestigten Waldweg, auf dem ich lieber schieben würde. Leider ist dafür keine Zeit. Ich denke: Ich muss hier falsch sein, das kann doch nicht der offizielle Weg zum Bahnhof sein. Doch, er ist es, stelle ich fest, als ich endlich auf eine befahrbare Straße stoße. So endet mein kleiner Trip genau, wie er angefangen hat.

Ein Zug in Polen, ein Zug in Brandenburg, ein Zug in … ?

Im Zug nach Berlin bin ich selig. Diese dermaßen kurze Zeit hat mich vollkommen herausgeholt aus meinem mühsamen Stadt-Dasein. Schlechtgelaunte Menschen im Supermarkt. Umsteigen am Alexanderplatz. Schlimmer: Umsteigen am Hermannpatz. Neonlicht. Autolärm. Jetzt und hier bin ich wieder im Zug in Polen. Im Taxi in New York. Oder am Strand in Portugal. Ich bin aufgebrochen und wusste nicht, was kommt. Mehr Zutaten scheint mein Glück nicht zu benötigen.

Zurück am Berliner Hauptbahnhof: Der Kopf voller Träume, die Beine voller Lust, weiter zu strampeln. Eine Erkenntnis, vor allen anderen: Wie schön es ist zu wissen, dass mir auch der kleinste Trip – ohne ferne Länder, ohne Wildzelten, ohne Abenteuer – dieses Gefühl zurückbringen kann.

Und eine Frage: Wo fahre ich als nächstes hin?


Das merkwürdige Verhalten männlicher Werber in der Agentur

22 Mai

Vor einiger Zeit habe ich bereits meinen Unmut über männliche Kommunikation kundgetan und ein kleines Experiment gestartet (btw: weiterhin ohne Konsequenzen). Die Konsequenzlosigkeit scheint ein Phänomen der männlich dominierten Werbebranche zu sein. Des Öfteren durfte ich schon beobachten, wie Fehler, Fehlverhalten oder einfaches Fehlen folgenlos blieben. Für mich selbst scheint sich allerdings immer eine Konsequenz zu finden.

Sei’s drum. Die Männermasse an meinem Arbeitsplatz wächst und mit ihr auch die fragwütdigen Verhaltensweisen, die ich – ganz Dian Fossey – beobachten darf. Thema heute: Backdoor bragging. Diese Kunst, Eigenlob oder vermeintlich beeindruckende Fakten über sich in alltägliche Gespräche zu schmuggeln, beherrschen diverse Mitarbeiter. Beispiel: „Als Freiberufler habe ich anfangs oft den Fehler gemacht, immer viel zu früh richtig geile Ideen zu haben. Dann verdient man nämlich weniger, weil man weniger Tage abrechnen kann.“ Der Bericht über einen vermeintlichen Fehler dient eigentlich nur der Betonung, wie geil man(n) ist. Hach, wäre es doch nur nicht so durchschaubar. Ein ganz besonders „souveränes“ Exemplar schaffte es neulich, mich innerhalb eines Tages von zwei gewonnen Preise (Preise spielen für den männlichen Werber eine große Rolle), drei gelungenen (Selbsteinschätzung) Kampagnen sowie der Tatsache, dass man ja schon beim TV und (!) beim Radio gearbeitet hat, zu unterrichten. Und das, ohne dass ich eine einzige Frage gestellt habe. Dafür würde ich dem Exemplar gern eine ernstgemeinte Respektbekundung zuteil werden lassen. Nur dass ironischerweise dieses echte Lob gerade nicht zur weiteren Festigung des bereits gut etablierten Bilder der eigenen Fähigkeiten und Leistungen beitragen würde. Also hilft weiterhin nur eins: Close your ears and think of England. Mit Kopfhörern und Danzig. Oh, mother …