Wer suchet, der findet

27 Okt

Ein überfüllter Zug ruckelt durch Polen. Draußen ist es dunkel. Ich kauere auf dem Boden vor der automatischen Wagendurchgangstür. Immer, wenn sie sich öffnet, weht weiße Asche hinein und bedeckt meinen schwarzen Kapuzenpulli. Stunden vergehen, bevor wir in Warschau ankommen. Klingt schlimm? Es mag so wirken. Aber diese Stunden waren einige der schönsten meines Lebens. Wir hatten ein beeindruckendes Wochenende in Krakau hinter uns, damals, vor 12 Jahren. Auf dem Heimweg fielen fast alle Züge aus, es war voll, es war spät. Und ich war entrückt. Währen dich dort saß und Belle and Sebastian auf meinem Diskman (ja!) hörte und die Asche hineinblies, da hüpfte mein Herz. Ich wusste, wer ich war: eine Reisende, eine Abenteurerin. Und so sollte es bleiben.

Seither habe ich, was das Reisen angeht, so meine Theorie. Die Menschen, die ich kenne, kann ich zwei klaren Kategorien zuordnen: den Suchenden und den Nicht-Suchenden. Wobei mir gerade auffällt, dass ich als bekennende Suchende der Gegenfaktion direkt einen negativ anmutenden Namen zuteile. Das geht auch andersherum. Nennen wir sie die Fertiggesuchten. Die Mehrzahl der Fertiggesuchten in meinem Bekanntenkreis wohnt in meiner Heimat und hat Kinder und Häuser. Aber auch bevor sie Kinder und Häuser hatten, zog es sie nicht in die Ferne. Urlaub ist für sie eher eine Zeit der Entspannung als des Entdeckens. Komfort steht an oberster Stelle. Und den findet kann in der Nähe natürlich leichter und bezahlbarer als in der Ferne. Centerparks, ein Wellness Hotel auf Sylt. Gern jedes Jahr an denselben Ort, da weiß man, dass es einem gefällt. Und gern immer zur gleichen Zeit – da weiß man, wie das Wetter wird.

Ich hingegen kann nicht genau steuern, wann ich verreise. Als Suchende ist für mich das Reisen ins Unbekannte ein Grundbedürfnis. Es muss nicht jeden Tag sein, dafür habe ich weder Zeit noch Geld, und außerdem bin ich zu alt für die Strapazen. Aber ab und an – und wann, das sagt mir mein Bauch, nicht mein Kontostand – muss es sein, und dann möglichst sofort. Gebe ich dem nicht nach, werde ich erst launisch, dann melancholisch, irgendwann unerträglich.

Leider befinde ich mich wie viele andere in einem recht unflexiblen Arbeitsverhältnis und kann nicht einfach für geraume Zeit verschwinden. Dieses grausame Dilemma „Geld aber keine Zeit /Zeit aber kein Geld“ kennen viele. Zum Glück gibt es als kleine Übergangsdroge den Wochenendtrip. Und zum Glück funktioniert das Suchen und das Finden – zumindest bei mir – schon auf kleinster Ebene – wie ich neulich in Brandenburg feststellen durfte.


Es sind drei Faktoren, die mich Ende August für ein Wochenende nach Chorin im Biosphärenreservat Schorfheide führen:

  1. Wegen des Choriner Musiksommers (Empfehlung!) war ich einige Zeit vorher dort gewesen, hatte aber wenig Zeit gehabt, mich außerhalb des Klosters in der Gegend umzusehen.
  2. Ich habe vor Kurzem mein Fahrrad reparieren lassen und bin noch ganz verliebt in diesen Kick des Radfahrens. Also war ein kleiner Fahrradausflug am Wochenende genau das Richtige.
  3. Mein Freund ist verreist und ich weiß bereits seit langem, dass ich aller Abenteuersuche zum Trotz ein echter Angsthase bin, wenn es darum geht, nachts allein in der Wohnung zu sein. Die Lösung: ein relativ spontaner Trip nach Chorin. Denn das Wichtigste für Suchende: Nicht wissen, was einen erwartet.

22. AUGUST, 7:30 UHR

Ich habe schlecht geschlafen und fühle mich etwas matt, als ich mich aufs Fahrrad schwinge, um zum Hauptbahnhof zu radeln. Ich muss mich aber beeilen, denn wenn ich den Zug nicht erwische, komme ich zu spät zur Hofführung auf dem demeter Hof Brodowin – meinem ersten Ziel in und um Chorin. Das Ökodorf Brodowin ist ein ganz wunderschöner Ort mit einem grasbewachsenen Kirchplatz, umgeben von meist liebevoll restaurierten Häusern. Von Chorin hierher sind es ca. 8 Kilometer. Die Zugfahrt entpuppt sich als eher stressig, da eine riesige Meute an meist älteren Wochenendradlern in die Schorfheide streben und nach uns nach ihre Räder vor meines stellen. Leider muss ich als erstes raus.

ZugBahnhof_Chorin

Irgendwie schaffe ich es und stehe mitten im nirgendwo – aka der Bahnhof Chorin. Sehr charmant ist es hier, mit einem kleinen Café und einer Touristeninformation. Ich kaufe eine Radkarte und mache mich auf den Weg. Schon nach 200 Metern stocke ich. Das kann nicht stimmen, vor mir liegt eine unscheinbare kiesbedeckte Straße mit ganz normalen Wohnhäusern. Irgendwie bin ich hier falsch. Ich fahre zurück, umrunde die Kirche – nein, es muss hier sein. Bei meinem klapprigen Stadtrad ohne Stoßdämpfer – und übrigens auch ohne Gangschaltung – hilft nur eins: Absteigen. So schiebe ich erst einmal ein ganzes Stück. an wunderschönen Häusern (Neid!!) vorbei und dann durch einen Wald. Fast ein bisschen unheimlich hier. Habe ich eigentlich jemandem erzählt, dass ich hierher fahre? Immerhin habe ich mein Pfefferspray in der Bauchtasche – zum Schutz gegen tollwütige Hunde und Wildschweine natürlich.

Als sich der Wad lichtet und ich auf die Hauptstraße stoße, auf der ich jetzt die verbleibenden 7 Kilometer weiterfahren soll, bin ich nicht weniger verunsichert: Auf der kurvigen Straße rasen die Autos an mir vorbei, einen Fahrradweg gibt es nicht. Kann das stimmen? Darf man hier überhaupt Rad fahren? Ich warte unentschlossen, bis eine ganze Gruppe in Neonfarben gekleideter Rennradfahrer an mir vorbeischießt. Nur Mut, Rebekka, wird schon schiefgehen. Die mittlerweile knallende Sonne ist nicht der einzige Grund, warum mir bei meiner Ankunft in Brodowin der Schweiß nur so runterrinnt: So manch ein überholendes Autos waren mir für meinen Geschmack ein wenig zu nah gekommen. Aber ich habe es geschafft und bin in  Brodowin.

Die Hofführung in Brodowin

Der Hofladen bietet neben dem hier hergestellten Käse auch diverse andere Biolebensmittel – und serviert frisch gekochtes Essen vom Hof. Dafür ist jetzt leider keine Zeit, denn draußen versammeln sich an die 20 Interessierten, die eigens für die Hofführung hergekommen sind, meist aus Berlin. An ihren frischen Gesichtern erkenne ich, dass die Mehrzahl mit dem PKW angereist ist. Während der Führung erfahre ich viel über die Aufzucht von Milchkühen. Vieles ist sehr positiv, zum Beispiel der ständige Zugang der Milchkühe zur Wiese und die Haltung in Herden. Negativ überrascht mich, wie wenig Bewegungsfreiheit die Kälbchen haben. Ich bin kein Profi, aber ich habe in der Heimat NRW mehr Kälber mit Müttern auf grünen Wiesen gesehen, als es hier der Fall zu sein scheint.

KalbBrodowin_Hofladen

Besonders beeindruckt mich das Bruderhahnprojekt und das mobile Hühnermobil, mit dem alle Hühner jede Nacht auf einem großen Feld von Parzelle zu Parzelle transportiert werden, damit sie immer frisches grünes Grad zum Picken haben. Das Mobil funktioniert komplett ferngesteuert. Eine tolle Idee. Gegen Ende der Führung wird mir etwas schummrig, ich habe noch nicht richtig gegessen. Ich spare mir also den Teil zur Käseherstellung in der hofeigenen Meierei und mache statt dessen den Praxistest: eine Brodowiner Käseplatte, begleitet von einem ganz wunderbaren Dinkelbier. Ich strecke die Beine von mir und denke: So dürfte das Leben jeden Samstag sein.

Brodowiner_Kaeseplatte

Auf ins Hotel am See

Als der Käse vertilgt und das Bier leer ist, habe ich wieder genug Kraft, um mich auf die nächste Etappe meiner Radtour zu machen. Aufs ins Seehotel Mühlenhaus, wo ich für die Nacht ein Zimmer gebucht habe. Vielleicht kann ich sogar eine Runde schwimmen. Nach etwa 10 Kilometern, die mich erneut durch Chorin führen, find ich etwas abseits der Straße das Hotel, wo ich trotz meiner Aufmachung freundlich begrüßt werde. Erst einmal eine Dusche und kurz den Fernseher angeschaltet – diese Beschallung bekomme ich zuhause ja nicht. Das Informationsblatt verrät, dass die Küche im Hotelrestaurant um 21:30 Uhr schließt. Ich bin wirklich nicht mehr in Berlin.

Dann zieht es mich nach draußen, an den See hinter dem Hotel. Er heißt wunderbarerweise Großer Heiliger See. Meine Schwimmsachen habe ich leider vergessen, aber auf einer der Liegen am Ufer kann ich vielleicht etwas schreiben. An meinen Computer habe ich nämlich gedacht. Gesagt, getan: Ich verbringe zwei Stunden in kompletter Stille, nur ein paar Gesprächsfetzen einheimischer Gäste sind von der Restaurantterrasse zu hören. Als es dämmert, kommt ein Paar aus dem Hotel und schwimmt. Ich bin neidisch, allerdings ist es mittlerweile auch ein wenig kühl. Ich bin zufrieden mit dem Geschriebenen, zufrieden mit dem Ausflug. Irgendwie ganz ruhig. Und gleichzeitig ganz energiegeladen. Und ich freue mich, morgen wieder aufs Rad zu steigen. Jetzt merke ich aber erst einmal, wie hungrig ich bin.

SeeblickSeehotel_Muehlenhof

Seeblick, schlemmen, schlafen

Für das Abendessen in dem Restaurant, von dem ich viel Gutes gelesen habe, ziehe ich mich sogar um. Und zu Recht, das Essen und der Service sind exzellent. Ich esse cremig gebackenen Ziegenkäse mit Salat, bekomme sogar eine Weinempfehlung. Dazu der unschlagbare Ausblick auf den See. Wie ein Scherenschnitt zieht in der Dämmerung ein Ruderboot über die spiegelglatte Oberfläche. Zwei Männer sitzen darin und angeln. Alles ist still, sogar in meinem Kopf, in dem sonst gern die Gedanken rasen. Um 22 Uhr gehe ich ins Bett. Meine Augen fallen sofort zu.

Grosser_Heiliger_See

23. AUGUST, 9 UHR

Ich bin kein Typ für Hotelfrühstück, ich bin generell keine Frühstückerin. Also begnüge ich mich mit Kaffee – erneut mit Seeblick – und mache mich schnell auf den Weg. Ich möchte mir das Kloster erneut anschauen und ein wenig in Chorin herumirren, bevor mein Zug fährt. Der Rückweg beginnt mit einem steilen Hang – gestern bin ich ihn beseelt hinabgesegelt, heute muss ich rauf. Links der Amtssee. Ich muss wirklich kämpfen (wie gesagt, keine Gangschaltung), aber ich bin auch sturr: Absteigen ist für Feiglinge. Zur Belohnung erblicke ich nach Ende der Quälerei links das Kloster. Anstatt reinzugehen – da war ich ja schon einmal – laufe ich liebe einmal um das Gebäude herum. Und stoße auf einen wunderschönen Friedhof, umrandet von einem zierlichen Lattenzaun und überdacht von einem großen alten Laubbaum. Unter ihm stehend, blicke ich direkt auf den See. Auch hier: keine Menschenseele. Dieser Ort gefällt mir sehr. Mir kommt der Gedanke: Sollte ich einmal heiraten, würde ich es gern hier tun. Leider bezweifle ich, dass die Verwalter des Klosters, in dem häufig Trauungen gehalten werden, den Friedhof als angebrachten Ort betrachten würden. Ich hingegen finde es einen sehr angebrachten Ort. Heiraten gewinnt doch seine Bedeutung doch gerade daraus, dass wir nur eine begrenzte Zeit zu leben haben. Finde ich jedenfalls.

Hunger, Historie, ab nach Hause

Ohne Frühstück losfahren heißt, dass mittags schnell der Magen knurrt. Zum Glück gibt es in Chorin eine Menge Hotels und Gasthöfe. Einer weiteren Empfehlung folgend, kämpfe ich mich mit dem Rad einen weiteren Hügel hinauf – zum Waldseehotel Frenz. Hier ergattere ich, da es noch früh ist, einen Tisch mit Seeblick. Unten schwimmen Kindern jauchzend auf Luftmatratzen im Amtssee, oben sitze ich und freue mich auf das vegetarische Hauptgericht. Das Essen ist solide, aber nicht so überragend wie im Mühlenhaus. Als ich aufblicke, sehe ich, dass sich inzwischen die gesamte Terrasse mit Hotelgästen und anderen Besuchern gefüllt hat. Sämtliche Tische mit Seeblick sind belegt. Und ich sitze gedankenverloren ganz allein an einem Vierertisch. Ich winke ein älteres Paar heran, das gerade reingehen will und fordere sie auf, sich doch an meinen Tisch zu setzen. Sie nehmen gern an und ich freue mich über ihre Gesellschaft, denn die beiden kennen sich bestens in der Gegend aus und erzählen mir so einiges zu Geschichte des Klosters und seiner Rolle währen der DDR-Zeit.

Seehotel_FrenzFahrradJPG

Leider muss ich aufbrechen, mein Zug geht in einer halben Stunde. Vom Hotel ist der Weg zum Bahnhof ausgeschildert. Erneut halte ich nach wenigen hundert Metern skeptisch an: Ich befinde mich ganz allein in einem Wald, folge einem S-förmigen, sehr unbefestigten Waldweg, auf dem ich lieber schieben würde. Leider ist dafür keine Zeit. Ich denke: Ich muss hier falsch sein, das kann doch nicht der offizielle Weg zum Bahnhof sein. Doch, er ist es, stelle ich fest, als ich endlich auf eine befahrbare Straße stoße. So endet mein kleiner Trip genau, wie er angefangen hat.

Ein Zug in Polen, ein Zug in Brandenburg, ein Zug in … ?

Im Zug nach Berlin bin ich selig. Diese dermaßen kurze Zeit hat mich vollkommen herausgeholt aus meinem mühsamen Stadt-Dasein. Schlechtgelaunte Menschen im Supermarkt. Umsteigen am Alexanderplatz. Schlimmer: Umsteigen am Hermannpatz. Neonlicht. Autolärm. Jetzt und hier bin ich wieder im Zug in Polen. Im Taxi in New York. Oder am Strand in Portugal. Ich bin aufgebrochen und wusste nicht, was kommt. Mehr Zutaten scheint mein Glück nicht zu benötigen.

Zurück am Berliner Hauptbahnhof: Der Kopf voller Träume, die Beine voller Lust, weiter zu strampeln. Eine Erkenntnis, vor allen anderen: Wie schön es ist zu wissen, dass mir auch der kleinste Trip – ohne ferne Länder, ohne Wildzelten, ohne Abenteuer – dieses Gefühl zurückbringen kann.

Und eine Frage: Wo fahre ich als nächstes hin?


Offener Brief an Berliner Krawall-Radfahrer

19 Aug

Lieber Krawallfahrer, liebe Krawallfahrerin

ich weiß, es muss hart sein, jeden Tag so vielen Einschränkungen zu begegnen, die du ignorieren und an denen du vorbeifahren musst. So oft im zähen Strom des Mittelmaßes steckenzubleiben. So oft behindert zu werden, so oft auf Unverständnis zu stoßen. Ich sehe die Verzweiflung darüber, dass so viele dein teures Fahrrad nicht als den Freifahrtschein erkennen, der es sein sollte. Ich weiß.

Und auch du, liebes Chiffronmädchen, hast es nicht leicht. Alles, was du willst, ist mit deinem stylischen Retro-Hollandrad langsam und bezaubernd durch Mitte zu schweben. Logisch, dass du an der Ampel an dem verschwitzten Mob mit den klebrigen Haaren unter den hässlichen Helmen vorbeigleitest wie Galadriel im Nebel. Wie sollst du die Blicke deuten, die dir entgegengefeuert werden, wenn du danach in einem deinem Sofa-Fahrrad angemessenen Tempo losgleitest – ganz vorne, vor all den verschwitzten Schnellfahrern, die dich dann überholen müssen. Du bist hochgezogene Augenbrauen, spöttische Blicke und Kopfschütteln nicht gewohnt – es muss hart sein. Ich weiß.

Nun bin ich natürlich sehr persönlich geworden. Streichen wir das und seien wir politisch und auch sonst korrekt. Jeder kann Krawallfahrer sein ­– alt oder jung, homo oder hetero, schön, hässlich, reich, arm. Sprecher wir also im Folgenden „das (geschlechtsneutral) Krawallfahrerlein an.

Auskotzen vorbei oder: Im Folgenden weniger persönlich,
mehr zur Sache

Es ist ja so: Die Autos haben es leichter, im Stadtverkehr passiert ihnen nicht so viel. Stimmt. Du traust den Autos nicht, und weil die Verkehrsregeln, auf die du spuckst, deines Erachtens für Autos gemacht wurden, akzeptierst du sie nicht. Rechts vor links: Ja klar muss der Benz warten, bis ich vorbei bin. Aber wenn ein Auto von rechts kommt, fahr ich schon noch schnell – denkt sich das Krawallfahrerlein. Mich können die damit nicht meinen, ich muss ja schließlich sonst anhalten und – Gott bewahre, mit dem Fuß die Erde berühren. Das Gleiche gilt für „dunkelgelbe Ampeln“. Ja, theoretisch haben die Fußgänger schon grün. Aber ich möchte doch so gern weiterfahren, ich war grad so schön schnell. Wird schon passen – meint das Krawallfahrerlein. Rote Ampeln sind für Spießer.

Die Sache mit der Konsequenz oder: Nervig, Sachen zu Ende
denken zu müssen

Versteh mich nicht falsch: Ich fahre auch gern schnell. Leider haben meine Eltern – oder irgendeine charakterschaffende Macht im Universum – ein gewisses Gerechtigkeitsempfinden und damit eine gewisse nervige Konsequenz in mein Herz gepflanzt. Wie kann ich noch mit dem gutem Gewissen Autofahrern, die mich schneiden, vom Rad aus gegen den Kotflügel treten, wenn ich am Morgen bereits drei Fußgängern einen Herzinfarkt beschert habe? Gar nicht.

Und jetzt ganz provokant: Ich glaube sogar, dass man nicht jedes Recht, das man hat, auch einfordern muss. Ich glaube an Mitdenken und daran, auch mal im Sinne des größeren Guten zu handeln. Beispielsweise kann man mich des Öfteren dabei beobachten, auf der engen zweispurigen Baustellenstrecke Unter den Linden einen vollgepackten Bus vorbeifahren zu lassen. Klar, es ist mein Recht, dort zu fahren, genau wie dieser Bus. Aber was sollen 120 Berufstätige hinter mir im Tempo 18 hertuckern, wenn ich auch einfach für 20 Sekunden rechts anhalten und mich dann wieder einreihen kann?

Wir sind keine Raubtiere oder: Aufgescheuchte Hennen statt Bewusstseinsschärfung

Ein weiteres, ernsthafteres Problem an der Freiheit, die du dir nimmst: Durch dieses Verhalten zwingst du, liebes Krawallfahrerlein, alle anderen Verkehrsteilnehmer zur absoluten Aufmerksamkeit. 360 Grad. 60 Sekunden pro Minute. Es kann keine Gespräche mehr geben auf Berliner Straßen, niemand kann seinem Kind mehr den bunten Luftballon am Himmel zeigen. Eine grüne Ampel bedeutet nie wieder eine grüne Ampel. Natürlich ist jeder Verkehrsteilnehmer sowieso verpflichtet, zu schauen, zu hören, zu prüfen – egal wie viel „Recht“ ihm durch Lichtsignale zugesprochen wird. Aber: Dich, liebes Krawallfahrerlein auf dem Rennrad, hört man nicht, und man sieht dich meist erst um die Ecke biegen, wenn es zu spät ist. Das Heikle daran ­– neben den Verlusten wertvoller Momente der Unbeschwertheit an grünen Ampeln und Zebrastreifen – ist, dass wir Menschen, jedenfalls die meisten von uns, unsere Raubtierherkunft nur noch sehr abgeschwächt in uns tragen. Und das bedeutet: Umgeben von konstanter, nicht sichtbarer, nicht hörbarer, nicht antizipierbarer aber dennoch omnipräsenter Gefahr laufen wir nicht – wie Raubtiere, SEKler und Superhelden wie du – zu Höchstformen auf. Im Gegenteil: Wir werden flattrig. Nervös. Wir handeln unbedacht, bewegen uns schreckhaft und unkoordiniert. Und vergrößern so die Gefahr für uns und andere.

Ein Apell oder: Endlich konkrete Handlungsanweisungen

Deshalb meine Bitte, liebes Krawallfahrerlein: Sei nachsichtig, sei großzügig. Komm uns Normalsterblichen, die – ganz old school – an roten Ampeln halten, nicht von rechts überholen und vor dem Abbiegen den Arm ausstrecken, ein wenig entgegen. Fahre fünf Minuten früher los, dann musst du keine Touristenkinder umnieten, die bei grün über die Ampel laufen. Ich weiß: Du kannst auch alles achten, du hast sie gesehen, du hast die Kontrolle, und du bist schnell wie der Wind. Du bist ein Superheld. Aber denke daran: Mit großer Macht kommt große Verantwortung.

PS: Dieser Text entstand, als ich heute morgen an einer roten Ampel gewartet habe und dich von hinten einer Straßenbahn ausweichen sah. Ich hoffe, du bist sicher ans Ziel gekommen.

Das merkwürdige Verhalten männlicher Werber in der Agentur

22 Mai

Vor einiger Zeit habe ich bereits meinen Unmut über männliche Kommunikation kundgetan und ein kleines Experiment gestartet (btw: weiterhin ohne Konsequenzen). Die Konsequenzlosigkeit scheint ein Phänomen der männlich dominierten Werbebranche zu sein. Des Öfteren durfte ich schon beobachten, wie Fehler, Fehlverhalten oder einfaches Fehlen folgenlos blieben. Für mich selbst scheint sich allerdings immer eine Konsequenz zu finden.

Sei’s drum. Die Männermasse an meinem Arbeitsplatz wächst und mit ihr auch die fragwütdigen Verhaltensweisen, die ich – ganz Dian Fossey – beobachten darf. Thema heute: Backdoor bragging. Diese Kunst, Eigenlob oder vermeintlich beeindruckende Fakten über sich in alltägliche Gespräche zu schmuggeln, beherrschen diverse Mitarbeiter. Beispiel: „Als Freiberufler habe ich anfangs oft den Fehler gemacht, immer viel zu früh richtig geile Ideen zu haben. Dann verdient man nämlich weniger, weil man weniger Tage abrechnen kann.“ Der Bericht über einen vermeintlichen Fehler dient eigentlich nur der Betonung, wie geil man(n) ist. Hach, wäre es doch nur nicht so durchschaubar. Ein ganz besonders „souveränes“ Exemplar schaffte es neulich, mich innerhalb eines Tages von zwei gewonnen Preise (Preise spielen für den männlichen Werber eine große Rolle), drei gelungenen (Selbsteinschätzung) Kampagnen sowie der Tatsache, dass man ja schon beim TV und (!) beim Radio gearbeitet hat, zu unterrichten. Und das, ohne dass ich eine einzige Frage gestellt habe. Dafür würde ich dem Exemplar gern eine ernstgemeinte Respektbekundung zuteil werden lassen. Nur dass ironischerweise dieses echte Lob gerade nicht zur weiteren Festigung des bereits gut etablierten Bilder der eigenen Fähigkeiten und Leistungen beitragen würde. Also hilft weiterhin nur eins: Close your ears and think of England. Mit Kopfhörern und Danzig. Oh, mother …

Das Wort zum Sonntag

19 Apr

Das Leben ist kurz.

Ist der Tag vorbei, kommt er nicht wieder. Und alles, was wir an diesem Tag nicht begonnen, beendet, verändert oder gepflegt haben, ist einen Tag weniger wahr geworden.

Das wahre Leben, das bewusste Wagnis, die gelebte Dankbarkeit – das ist kein Kinderspiel. Und man kann es nicht imitieren. Wer Tomaten einkocht, um die Gläser zu fotografieren und nicht, um sich im Winter mit ihnen, einer Flasche Rotwein und guten Freunden den Sommer in die Küche zu holen, hat es nicht verstanden.

Die Wahrheit ist doch: Die, die ins Ausland zieht, nur um davon erzählen zu können, ist keine Abenteuerin. Die, die daheim bleibt, um das Leben aufzubauen, das sie wirklich will – inkl. Hund, Haus und Baby – ist es.

Aber so sind wir eben: Wir begreifen es nicht. Ein Drittel unserer Freizeit verbringen wir damit, in Büchern, Filmen und Serien nach Weisheit und Gänsehaut zu jagen. Um dann im Leben daran vorbeizugehen. Wir lassen uns gern inspirieren, aber nur, solange es nicht unser Leben betrifft. Die wenigen, für die das nicht gilt, wissen: Es lohnt sich zu springen. Wenn Springen das ist, was man will.

Wagen wir es, zu leben. Ob Motorrad in der Sahara oder Pastaglas im IKEA-Regal. Machen wir es für uns. Und feiern wir es jeden Tag. Denn eines ist sicher: Wir werden sterben, wahrscheinlich zu früh. Und dafür, dass wir das wissen und dafür, wie viele schlaue Bücher und Filme wir kennen, machen wir  immer noch eine ganze Menge Scheiße (mit)!

Was interessiert mich mein Geschwätz von gestern?

13 Mrz

Huch, hoffentlich habe ich da keinen echten Schaden angerichtet. Tja, zu spät. Der Kollege hat das Büro bereits verlassen. Was passiert ist, ist passiert.
Ja, aber was ist denn nun passiert? Ich habe männlich kommuniziert. Was in diesem konkreten Fall heißt: Ich habe eine Frage im Brustton der Überzeugung verneint, ohne auch nur den entferntesten Schimmer zu haben, ob meine Antwort den Fakten entspricht. Frei nach dem Motto: Hauptsache, man hat was gesagt. Und Hauptsache, man wirkte dabei souverän. Mit der neuen Info begibt sich der Kollege jetzt in ein Meeting. Und ich warte einfach mal ab, was passiert.

Ich arbeite schon seit Jahren mit männlichen Kollegen zusammen. Warum mir erst vor kurzen die Formel ihres (vermeintlichen) Erfolgs klar wurde, weiß ich nicht. Fakt ist (sag ich jetzt einfach mal so): Männer sagen viel seltener „Ich glaube“ oder „Ich check’ das nochmal.“ Männer sagen: „Das ist so“, oder „Das stimmt nicht.“ Und meistens kommen sie damit durch. Überprüft doch mal eine den Sachverhalt und stellt sie zur Rede, werden die Schultern gezuckt. „Was, das ist gar nicht so? Sollte es aber.“ Der vermeintliche Fakt wird zur unverschämten Gehorsamsverweigerung der Welt gegen den Sprecher. Reue gibt es keine.

Dagegen anzukämpfen scheint zum Scheitern verurteilt. Also mache ich es wie schon Dian Fossey (ja, den Namen schreibt man so) und passe mich meinem Umfeld an. Dian Fossey wurde ermordet, allerdings nicht von den Gorillas. Mein soziales Experiment hat bisher zum Glück keinerlei negative Konsequenzen für mich nach sich gezogen. Und wenn, dann wären die eben unfair. Und die anderen hysterisch? Na, ganz so weit wollen wir mal nicht gehen. Verallgemeinere ich hier nicht vielleicht ein bisschen, ist das, was ich hier schreibe, nicht stark vereinfacht und unfair? Nein, ist es nicht. Sag ich jetzt einfach mal so …

Ach wäre mein Leben doch nur ein OTTO-Katalog

6 Mrz

Früher habe ich immer Häuser gemalt. Anwesen, mit Innenhof, Pferdeställen und kleinen Türmchen, umgeben von dunklen Tannen. Später habe ich in Schulheften Grundrisse meiner Traumhäuser gezeichnet, mir überlegt, wo das Kinderzimmer und wo der begehbare Kleiderschrank ist, wo welche Möbel stehen. Offene Küche, Esszimmer. Ich wollte einen grossen Esstisch besitzen und eine schwere Whiskey-Karaffe mit Glasdeckeln und Kristallgläsern.

Wenn ich mal 30 bin, so habe ich gedacht, dann ist mein Leben ganz anders. Dann bin ich erwachsen und führe, wie durch ein Wunder, ein Erwachsenenleben als Erwachsenenrebekka. Kinder scheinen zu denken, dass man später ein anderer Mensch ist. Als würde man eines morgens aufwachen und anders sein. Anders aussehen, anders reden, anders denken. Meine Schwester und ich haben als Kinder gern im OTTO-Katalog geblättert. Wir haben die weiblichen Models begutachtet und uns „ausgesucht“, wie wir aussehen/sein wollen, wenn wir groß sind. Leider habe ich heute weder Korkenzieherlocken, noch einen olivfarbenen Teint. Ich bin keine 1,80 Meter und auch nicht gertenschlank. Die bittere Wahrheit ist: Wir bleiben genauso, wie wir immer waren – nur ein bisschen älter, ein bisschen verschwommener und, wenn wir Glück haben, ein bisschen weiser und bescheidener.

Wer ich bin und wie ich aussehe – damit muss ich wohl meinen Frieden machen. Andere Räume meines Luftschlosses allerdings wären durchaus im Rahmen der Erreichbaren gewesen. Trotzdem habe ich bis heute keine Wohnküche mit Tür in den Garten und einer Kochinsel in der Mitte. Kein offenes Fenster, durch das ein freches Pony seinen Kopf steckt. Keinen Hund vorm Ofen. Keine Kristallgläser. Ich besitze auch keine richtigen Pumps (kann ich nicht drin laufen), kein dunkles Kostüm (bin zu dick) und keine Auto (bin zu arm). Stattdessen wohne ich übergangsweise in einer WG, teile mein Zimmer mit Umzugskartons, die Spinnenweben ansetzen und warte. Warte und suche. Immerhin so viel. Suche nach etwas, das mich endlich wieder erfüllen wird. So wie früher in der Schule, als ich Schülersprecherin war, von jedem geschätzt und respektiert. Heute bin ich ein Niemand, ein kleines Rädchen in einer lauten Maschine namens Berlin. Mein Fehlen würde wohl nicht auffallen – welch ein Glück. Denn ich habe beschlossen: Vierzig ist die neue Dreißig. Und ich bekomme es noch, das verdammte Haus. Den verdammten Job, der mich mit Leidenschaft erfüllt. Wenn andere das schaffen, dann kriege ich das auch. Ich wünschte nur, ich wüsste, wie …

Lamy, Liebe, Loslassen

9 Feb

stift

Seit Neustem schreibe ich bei der Arbeit wieder mit Füller Mit einem roten Lamy-Füller, genauer gesagt. Zur Zeit bin ich sogar noch einen Nostalgie-Schritt weitergegangen und habe türkise Tintenpatronen gekauft. In Türkis habe ich damals in der Oberstufe geschrieben – wenn ich mich recht erinnere sogar die Abiturklausuren. Ein kleines aber feines Individualitätsdetail im genormten Hochschulreife-Apparat.

Leider kann man die türkise Tinte nicht killern – zumindest war die Killer-Technologie damals noch nicht so weit. Werde mal in Erfahrung bringen, ob es heute geht. Ein Tintenkiller, das war schon etwas Interessantes. Es hab zwei verschiedene Mienenarten, je nach Marke. Die eine hat immer geschmiert, die andere nicht, dafür hatte der Stift nie die gleiche Farbe wie die Tinte. Ich habe sowieso immer lieber durchgestrichen und dann mit kleinen Sternchen auf der Blattrückseite ergänzt. Bis zu sechs ****** gab es da schon einmal, wenn Die Leiden des jungen Werther unter die Lupe genommen werden mussten.

Den Füller hat mir mein Freund Luis geschenkt, eigentlich sogar zwei. Den silbernen benutze ich zu Hause, den roten in der Agentur. Ich finde das ein ausgesprochen romantisches Geschenk, vergleichbar mit dem Blumenstrauß aus Bleistiften, den Tom Hanks Meg Ryan in „You’ve got mail“ überreichen möchte. Besonders schön finde ich, dass mich Menschen auf den Füller ansprechen. Kollegen, Vorgesetzte, sogar Kunden finden meinen Lamy-Füller bemerkenswert. Es scheint, als würde speziell dieses Modell in seiner demokratisch-erschwingbaren Plastikoptik durch die Bank angenehmen Erinnerungen und Nostalgie hervorrufen. Mein Füller bringt Menschen zum Lächeln – wer hätte gedacht, dass es so einfach sein kann.

Es ist ja kein Geheimnis, dass die Nostalgie mir in meinem Wassermalkasten der Emotionen (ja, ich hab es getan) die liebste Farbe ist. Das mag nicht gesund sein, aber ich versuche dieser Tage, Gutes wie Schlechtes los- und laufen zu lassen. Und das gilt auch für meine Nostalgie. So hört man mich zu Hause vermehrt Lieder aus alten Disneyfilmen trällern. Dass aber auch andere Zeitgenossen sich von der Nostalgie anstecken lassen, macht mich froh. Nostalgie heißt schöne Erinnerungen, und die Tatsache, dass Menschen schöne Erinnerungen haben, kann sie sympathischer machen, als sie (vielleicht) sind.

Als das Nachbarskind vor kurzem in meiner Küche malte, hinterließ es mir ein weiteres Geschenk: einen dicken blauen Buntstift. Ihn habe ich zu meinem zweiten Lieblingsstift erkoren, für kurze Notizen und wirklich wichtige Geistesblitze wird er im Büro zur Hand genommen. Der Buntstift amüsiert mein Umfeld eher, als dass er Nostalgie hervorruft. Aber das ist mir egal. Im grauen Berliner Winter tut es gut, an Zeiten zurückzudenken, in denen die größte Entscheidung die Farbe des Buntstiftes war.