Eine Frage der Organisation

24 Mai

Am langen Wochenende war Karneval der Kulturen, Hunderttausende zogen wenige Meter Luftlinie an meiner Wohnung vorbei. Ich habe es geschafft, mich wie ein Gollum zwei Tage lang in meiner schattigen grünen Hinterhofhöhle zu verschanzen und bin glücklich deshalb. Allein die Geräuschkulisse lässt mich um 30 Jahre altern.

„Wieso tut man sich das an?“
frage ich den Brummbären mit knarzender Stimme, aber er hört mir gar nicht zu, denn es gibt Erdbeeren und mit Bällen spielende Kinder.

Menschenaufläufe sind tatsächlich die einzigen Aufläufe, die ich nicht mag. Ich bin zu sehr Alphatier: Jedem, der mir vor die Füße läuft, unterstelle ich böse Absicht. Von langer Hand geplant war das, der Mensch wurde womöglich nur gezeugt, um mir an diesem sonnigen Tag den Mojito vor den Latz zu knallen. Mein inneres Kind steigt sofort auf einen Sessel und streichelt eine weiße Katze oder was größenwahnsinnige  Bösewichte halt so machen. Nicht auszuschließen ist, dass ich mit dem Fuß aufstampfe und „Menno“ sage.

Ich bin keinesfalls Eremit oder so, bin sehr sozial eigentlich. So beneide ich oft Menschen, die sich in großen Gruppen im Park treffen, Stoffwimpel in die Bäume hängen und spritzige Getränke mit Grünzeug drin aus Einmachgläsern trinken. In der Realität genieße ich derlei Gruppenaktivitäten leider nicht so sehr: Ich habe einfach keine Geduld und einen Hang zur Egozentrik und außerdem bin ich hochsensibel. Das ist ganz praktisch, denn wenn man das sagt, kann einem keiner mehr etwas. Hochsensibel ist ja quasi das „Wupp“ der Erwachsenenwelt.

In der Schule war ich sogar Schülersprecherin. Davor oft Klassensprecherin – klar, man wird ebenso wenig aus dem Stand Schülersprecherin wie man ohne vorherige Erfahrung Parteivorsitzende wird. Es sei denn man heißt Jonas D., hat griechische Eltern und sieht aus wie der Mädchenschwarm aus Degrassy Junior High. Allzu viel erreicht hat Jonas D. allerdings nicht während seiner Amtszeit. Ich vertrat immerhin die Schülerschaft auf zwei Beerdigungen. Lag womöglich ein dunkler Schatten über meiner Amtszeit? Auf jeden Fall ging es danach steil bergab mit meiner Karriere. Ich bin so ein Mensch, auf den der Satz „She peaked in high school“ zutreffen könnte .

Wenn ich ganz ehrlich bin, muss ich gestehen: Ich mag eine Menschenansammlung expontentiell mehr oder weniger zu dem Faktor der Macht, die ich in dieser Gruppe habe. In der Schule fühlte ich mich deshalb pudelwohl, ich genoss meine Macht – ging aber verantwortungsbewusst damit um. Als Schülersprecherin stand meine Tür immer offen. Das Schülervertretungsbüro ist bis heute das einzige Büro, das ich je hatte. Seither habe ich fragwürdige Karriereentscheidungen getroffen und deshalb gibt es keine Türen mehr für mich. Vielleicht ist das aber auch besser so – wahrscheinlich würde ich sie heute einfach immer schließen.

Neben der Macht fehlt mir aus diesen Tagen vor allem die Organisation. Meine Kindheit und Jugend waren so wunderbar durchorganisiert. Und nein, nicht von Helikoptereltern – ich bin ja Kind der „komm heim wenn die Straßenlaternen angehen“-Generation – sondern von Organisationen.

Mein gesamtes Jahr war strukturiert von Schule und Jugendheim. In letzterem hingen alle Kinder, die Messdiener waren, rum, wenn sie nicht in der Schule rumhingen oder im Sportverein. Mein Vater arbeitete dort, meine Freunde waren dort. Wir bastelten, machten Ausflüge, zelteten bei jeder Gelegenheit. Es gab klare Strukturen: Erst war man Kote (Kind), dann Kadett (als Teenager lernt man, eine Kindergruppe zu betreuen), schließlich, wenn man wollte, Gruppenleiter. Man wusste immer genau, wo man stand und was als nächstes anstand. Verlässliche good times, ein Abo auf Kindheitserinnerungen.

Als ich nach dem Abi nach Berlin zog, fiel ich regelrecht in ein soziales Loch. Obwohl ich Menschen kannte, fühlte ich mich allein. Nie wusste ich, was anstand. Freute ich mich auf einen Abend, änderte sich plötzlich der Plan. Ich durchschaute die Gruppendynamiken der Kommilitonen und WG-Mitbewohner nicht. Ich vermisste die Zeltlager, die Lagerfeuer, die festen Treffen, die Regeln. Ich hatte zum ersten Mal in meinem Leben Heimweh.

Bald machte ich mich auf die Suche nach einem neuen Stamm. Ich suchte in linken Kreisen, aber Scheuklappen waren schon damals nicht mein Ding. Menschen, die „scheiß Bullen“ rufen und dann drei Tage später online Anzeige erstatten, weil ihr Fahrrad geklaut wurde, kann ich leider nicht ernst nehmen. Und ich hatte (und habe) nicht genug gelesen, um zu wissen, ob ich wirklich gegen den Kapitaismus bin. In der Uni fand ich schließlich nach zwei Jahren die studentische Selbstverwaltung. Ab da ging es bergauf, denn hier ging es weniger um Marx und Engels und mehr darum, wer Brötchen schmiert für das selbstbetriebene Café und ob das Sommerfest eine Karaokemaschine braucht (ja!). Mit dem Ende meines Studiums war natürlich auch dieses Intermezzo beendet.

Jetzt bin ich 36 und endlich konservativ genug, um die Fäden da wieder aufzunehmen, wo sie gefallen sind. Ich habe mein Kind taufen lassen und besuche mit ihm die Gemeinde-Krabbelgruppe „Fischschwarm“. Was fürs Baby nett ist, wird mir aber wohl nicht viel nützen: Ich möchte ja nicht nur meine Nostalgie befriedigen, sondern schon gern meine Stärken wie einbringen, um etwas zu bewegen – wie damals in der Schule. Und da ist die katholische Kirche wohl nicht der richtige Ort.

Deshalb spiele ich mit dem Gedanken, in eine politische Partei einzutreten. Nur welche? Ich bin ja Pragmatin, eher „zack zack“, also definitiv „Realo“. Wichtig ist auch zu wissen, dass ich kaum politische Allgemeinbildung besitze, da ich generell kaum Allgemeinbildung besitze. Allerdings habe ich einen schnellen Verstand und kann auch schnell und gut lesen. Ich könnte mich also defintiv vorbereiten. Vielleicht trete ich in die SPD ein  – da sollte es doch aktuell einiges zu bewegen geben.

Vorschläge willkommen (nicht auf Parteien beschränkt)!!

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Kritik an #MeToo: „neue Weiblichkeit“ auf Kommando?

6 Mai

Jetzt passiert es wirklich: weiserwerden äußert sich gesellschaftspolitisch. Das auf einem Blog, der eigentlich nur um mich kreist. Was war geschehen?

Ich kann es mir nur dadurch erklären, dass ich erkältet war und in dieser Woche des Dahinsiechens keinerlei Ambitionen verspürte. Zu schreiben, was aus mir zu machen. Und so kam ich endlich mal dazu, ausgiebig Online-Zeitungen zu lesen. In mehreren gab es Interviews mit der Philosophin Dr. Svenja Flaßpöhler*, die auch Chefredakteurin des „Philosophie Magazin“ ist sowie Autorin mehrerer Bücher. Am 2. Mai erschien ihre Streitschrift „Die potente Frau. Für eine neue Weiblichkeit“. Darin geht sie die #MeToo-Bewegung scharf an. Als ich das Interview mit Frau Flaßpöhler auf ZEIT Online las, war ich sofort so: „Yeah! Genau!“ Aber dann habe ich darüber nachgedacht und auf einmal fiel mir auf: Nein! Da stimmt ein ganz entscheidender Punkt nicht. Welcher das ist und was das bedeutet, möchte ich hier darlegen.

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Svenja Flaßpöhler kritisiert also #MeToo, das digitale Durchzählen auf Twitter, an dem ich mich übrigens beteiligt habe. Und zwar, weil #MeToo für mich in seiner ursprünglichen Intention kein selbstmitleidiger Opferhaufen ist, wie Flaßpöhler meint, sondern eine Zuwortmeldung. Der Gedankengang dahinter erscheint logisch: Sobald die Weinstein-Vorwürfe publik wurden, startete Schauspielerin Alyssa Milano diesen Aufruf: “If all the women who have been sexually harassed or assaulted wrote ‘Me too’ as a status, we might give people a sense of the magnitude of the problem”  Sie muss wohl genau das vor ihrem inneren Augen gesehen haben, was auch ich erwartet habe: eine schnell aufgebaute „Das sind Einzelfälle“-Argumentation. Einzelfälle, Einzelphänomene, vereinzelte Ausfälle vereinzelter Männer in Machtpositionen. Lapses of judgement. Das kann ja mal passieren.

Als nächstes wäre der Charakter der betroffenen Frauen unter die Lupe genommen worden: Waren sie zu devot, zu passiv – gar karrieregeil? Was hatten sie getragen, gesagt, getan, nicht getan? Übersetzung: Welche falschen Signale hatten sie dem Mann gegeben? Und damit wäre das Ganze auch schnell begraben worden.

Ein einfacher Hashtag, der – und das weiß ich besonders zu schätzen –  nicht einmal ein peinlich-gewolltes Wortspiel enthält (und nicht im Orignal von Milano stammt, sondern bereits seit 2006 von Tarana Burke eingeführt wurde) konnte innerhalb kürzester Zeit beiden Dynamiken Einhalt gebieten. Nein, sexuelle Belästigung und sexuelle Gewalt sind keine Randphänomene. Und nein, es trifft nicht nur devote Schauspielerinnen auf der Karriereleiter.

Jetzt muss man sich fragen: Was kann daran verkehrt sein?

Flaßpöhlers Kritik: Die Bewegung macht Frauen zum Opfer, die Frauen machen sich klein: „Zielführender wäre, sich zu fragen: Was tragen wir auch selber zu unserer unterlegenen Position bei, zum Beispiel durch Gefälligkeit und fehlenden Mut zur Autonomie?“  Und es stimmt, sie bennent den Kern des Problems: Frauen haben zu oft verinnerlicht, dass sie gefallen müssen. Und Männer, dass sie bestimmen dürfen. Aber zu glauben, dass man das ganze Problem lösen kann, in dem man Frauen heute sagt: „Seid doch mal autonomer!“ ist weltfremd und arrogant. Keine Frau, die Opfer von Gewalt geworden ist, wird sich nach der Lektüre der Streitschrift mit der flachen Hand an die Stirn schlage und sagen: „Ach Mensch, so ein Mist, hätte ich das doch nur früher gewusst. Autonomie, klar! Beim nächsten Mal dann halt.“

Die Kritik geht weiter: „Was nützt ein nachträgliches Anprangern von Überschreitungen, die man hätte verhindern können?“ fragt Flaßpöhler in der Leipziger Volkszeitung. „Halte still und beklage dich hinterher – ist dieses hilflose Nachtreten wirklich das Verständnis von Emanzipation, das wir unseren Töchtern mit auf den Weg geben wollen?“

Oh, wie finde ich mich darin wieder. Ich bin ganz genauso. Reflexartig rolle ich die Augen im Angesicht von Schwäche. Mal ein Beispiel: Meine Mutter war Sozialarbeiterin und ich habe eine Zeit lang überlegt, in ihre Fußstapfen zu treten. Habe mich dann aber dagegen entschieden, weil mir klar wurde: Wenn ein Drogensüchtiger zu mir in eine Beratung käme, würde ich ihn im schlimmsten Falle einfach anschreien: „Nimm – keine – Drogen! Trage – die Konsequenzen – deiner – Handlungen!“ Als ich die Azari-Geschichte las, kaute ich mir fast auf dem Unterarm: „Dann geh doch einfach nach Hause!“ schrie meine innere souveräne Rebekka. „Selbst schuld!“ Und dann: „Huch! Hab ich das gerade wirklich gedacht?“

 

Flaßpöhler argumentiert mit Sozialisation – lässt diese aber gleichzeitig nicht gelten.

Aber: Wie ich begeht Svenja Flaßpöhler einen Denkfehler, einen, der aus der Arroganz der Besserkönnenden entsteht. Sie verwechselt Meinung mit Tatsachen. Will sagen: Dass die Frauen, um die es bei #MeToo oft geht, anders sein könnten, anders agieren müssten, sich anders hätten verhalten sollen – das ist eine Meinung (auch meine). Aber: Dass sie es nicht getan haben, ist ein Fakt. Und Tatsachen übertrumpfen Meinungen. Ich unterstelle, dass eine Frau in einer Notlage, so albern sie anderen, souveräneren Frauen erscheint, gehen würde, wenn sie es könnte. Daraus schließe ich, dass die Frauen, deren stories ich lese und las, es schlicht nicht besser lösen konnten. Dass sie die erlebten Überschreitungen eben nicht hätten verhindern können.

Flaßpöhler will, dass wir Frauen uns fragen, wie wir selbst beitragen „zur Festigung der männlichen Macht, die immerhin keineswegs mehr rechtlich legitimiert ist.“ Ja, das kann man machen und sollte man auch. Aber nach dem „Was?“ sollte man schleunigst hinterher fragen: „Warum?“ Warum verhalten sich so viele Frauen angesichts sexueller Übergriffe passiv? Weil sie von Mädchenbeinen an beigebracht bekommen haben, dass sie gefallen sollen. Konflikte vermeiden, Harmonie wahren. Lieb und freundlich sein. Die Sozialisation zu ignorieren und Frauen diese Muster als „Fehlverhalten“, das mit ein wenig gutem Zuspruch und den richtige Gedanken selbst zu ändern ist, vorzuwefen, ist falsch. Zumal Flaßpöhler wenige Sätze später selbst mit Sozialisation argumentiert, wenn sie sich der „Was leben wir unseren Töchtern vor?“-Logik bedient.

 

Die große Mehrheit der Frauen ist auf Harmonie gebürstet – ich gehöre dazu.

Ich habe schon so viele unangemessene Sprüche von Vorgesetzten weggelacht oder „buddy-mäßig“ zurückgeschossen und hinterher gedacht: Nein, das war nicht in Ordnung. Da hätte ich nicht lachen, feixen dürfen. Da hätte ich sagen müssen: „Das akzeptiere ich nicht.“ Ich habe es nicht gemacht. Um des lieben Friedens willen? Für meine Karriere? Ich weiß es nicht.

Also, entweder es ist die Sozialisierung oder da war was im Wasser in den Achtzigern – denn selbst mehr oder minder selbstbewusste Frauen wie ich haben es verinnerlicht, verlegen zu lachen, statt zu kotzen. Im besten Falle wegzugehen. Stiller Rückzug statt Wände wackeln lassen. „Tschuldigung, blöde Frage, klopf klopf, wäre es möglich … blabla.“ Ich kenne in meinem Leben vielleicht zwölf Frauen, die ich davon ausnehmen würde. Sind diese anders gebaut? Anders aufgewachsen? Einfach klüger als wir alle? Ich weiß es nicht.

Aber was ist nun die Konsequenz, wenn wir in einer Gesellschaft leben wollen, in denen Männern Frauen nicht gegen ihren Willen anfassen, in denen Männer nicht zu Frauen sagen, sie könnten ja die Nacht mit einem potenziellen Kunden verbringen und der Firma so den Etat sichern (mir so passiert)? Alle, Frauen wie Männer, platt machen und nochmal ganz neu? Eher nicht. Unseren Töchtern etwas Neues, Besseres beibringen  – ja, definitiv. Das heißt aber nicht, dass in der Gegenwart nicht auch von bestehenden Strukturen verlangt werden kann, sich zu ändern – es besser zu machen!

 

Wir müssen zweigleisig fahren, wenn sich jetzt etwas ändern soll

Svenja Flaßpöhler bemängelt, die „Initiative“ #MeToo verlange „alles von den Männern beziehungsweise vom Staat, aber nichts von den Frauen selbst.“ Ich verstehe die Kritik, aber ich verstehe auch, warum im Hier und Jetzt, mit den Rahmenbedingungen, die wir haben, der Staat (der ja nicht nur aus Männern besteht) und gesellschaftliche Institutionen ins Boot geholt werden müssen. Nennen wir das Ganze Phase 1.

Weil: Wenn es ein Fakt ist, dass HEUTE viele Frauen nicht in der Lage sind, so potent und selbstsicher durchs Leben und sexuelle Begegnungen zu schlendern wie Svenja Flaßpöhler es gut gemeint vorschlägt, dann kann die Konsequenz nur sein: Wir müssen zweigleisig fahren, wenn sich etwas ändern soll für Frauen und Männer  – denn nicht vergessen sollten wir, wie auch Flaßpöhler schreibt, dass Männer ebenfalls Opfer ihrer Sozialisation sind.

  • Phase 1:
    Für die schon kaputt sozialisierten Damen („ich muss Harmonie wahren“) und Herren („alle interessiert es, was ich denke“) müssen wir im HIER UND JETZT andere Rahmenbedingungen schaffen, damit die Machtgefälle flacher werden. Das heißt für mich: Quoten. Gleichstellungsbeauftragte (die keine Frau sein müssen). Eine Gesetzgebung, die die Gleichstellung von Frauen und Männern realisierbar macht. Und, weil jetzt viele schreien werden „Gibt es schon!“ – immer wieder unangenehme gesellschaftliche Diskussionen über diese Themen, damit sich Frauen heute vielleicht doch noch ein bisschen verändern, zum Beispiel, in dem sie sich doch trauen, etwas zu sagen. Denn ganz offensichtlich reicht ein Artikel 3 nicht aus, um die unter #MeToo geschilderten Vorfälle zu verhindern.
  • Phase 2:
    Ab jetzt wird der Nachwuchs so sozialisiert, dass aus Mädchen keine Frauen werden, die nicht nach Hause gehen, wenn ein mittelberühmter TV-Star unbedingt Sex haben will, sie aber nicht. Und keine Männer, die nicht checken, wenn ihr Gegenüber sie abstoßend findet oder dass man nicht alles sagen muss, was man denkt. Das bedeutet, dass Adjektive wie „lieb“ und „stark“ nicht mehr wie Bonbons an Mädchen und Jungs verteilt werden. Dass wir eine Sprache haben, in der Frauen nicht nur mitgemeint sind. Und dass kluge, souveräne Frauen wie Svenja Flaßpöhler und die zwölf Frauen, die ich kenne, echte Vorbilder sind. Sie können mit ihren Gedanken einen echten Unterschied machen.

Denn natürlich will niemand das Verhalten (männlich wie weiblich), das unter  #MeToo beschrieben wird, seinen Töchtern vorleben. Natürlich kann das Ziel unserer Gesellschaft nur sein, dass alle Mädchen und Frauen völlig selbstverständlich für sich einstehen, Übergriffigkeiten jeglicher Art konsequent und souverän abwehren, angstfrei durchs Leben gehen und keinen Konflikt scheuen, in dem es um ihre physische oder psychische Unversehrheit geht. Oder noch besser: Dass es keine derartigen Übergriffe mehr gibt.

 

Jetzt ist der Moment, dafür zu sorgen, dass „unsere Töchter“ einem Weinstein in die Eier treten – und ihn dann anzeigen.

Aber das bedeutet nicht nur, Frauen zu mehr Autonomie zu animieren, sie zu ermutigen, wie Flaßpöhler es in einem Gastbeitrag schreibt. Es bedeutet auch, dass auf der Polizeitwache dann ein sensibilisierter Beamter oder eine sensibilisierte Beamtin sitzt, die das Ganze aufnimmt. Dass es eine Rechtslage gibt, in der das Ganze vernünftig geahndet wird. Ein gesellschaftliches Klima, in dem die Macht und das Geld eines Weinstein nicht schwerer wiegen als die Aussage einer eventuell unterpriviligierten Frau. In dem fair entschieden wird.

Nur: Das kann Hashtag-Feminismus, wie Flaßpöhler ihn nennt, nicht leisten und das war nach meinem Verständnis auch nicht der Sinn hinter #MeToo. Deutlich zu machen, wie weit verbreitet sexuelle Belästigung ist, kann nicht verkehrt sein. Jetzt müssen wir  schauen, was wir mit diesem Bewusstsein machen. Ich hoffe, da kommt noch mehr als eine „neue Weiblichkeit“.

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Quellen:

https://www.zeit.de/2018/19/metoo-bewegung-svenja-flasspoehler-kritik

http://www.lvz.de/Nachrichten/Politik/Neue-Frauen-braucht-das-Land

 

*Ich schreibe im Folgenden Svenja Flaßpöhler oder Flaßpöhler, weil ich nicht so abgehe auf Doktortitel und es kürzer ist.

 

Herr P. glaubt nicht an Mülltrennung

26 Apr

Herr P. ist mein Nachbar und vielleicht auch mein Projekt. Letzteres versuche ich aktuell kritisch zu überprüfen, denn Herr P. ist zwar alt und allein aber deshalb nicht notwendigerweise einsam oder willens, das Verzweiflungsprojekt einer von Überforderung unterforderter Mutter zu werden.

Bis der Brummbär kam, war Herr P. für mich der alte Mann, der im Müll wühlt. Die einzigen Gelegenheiten, bei denen ich ihn sah, war beim Müllrausbringen. Herr P. sammelt Briefmarken und durchsucht zu diesem Zweck täglich die Müllcontainer im Hof. Und zwar alle. Vielleicht hat er das Prinzip hinter der Mülltrennung nicht verstanden. Vielleicht ist er ganz einfach Realist. Am wahrscheinlichsten ist jedoch, dass Herr P.  einfach zu viel Zeit zu füllen hat. Für die Zeitfenster in seinem Leben reichen die blauen Müllcontainer schlicht nicht aus.

Jedenfalls gab es pre-Baby, in meinen WG-Jahren, wenig Schnittmenge zwischen Herrn P.s Jagdzeiten und meinen Müllrunterbringmomenten. Manchmal sahen wie ihn, wenn wir trinkend im Hof saßen, im Sommer, unverschämt strotzend vor Zukunft, Zuversicht und Weltläufigkeit. Eiskalter Sancerre, die Weingläser von oben im Korb mitgebracht. Melone, klar. Oder abends Pizza mit Rucola und Parmesansplittern, dazu Tempranillo. Man grüßte, aber war auch peinlich berührt ob der Grauheit des alten Manns. Grau ist er immer noch, er trägt dunkle, staubig wirkende Hosen und Jacken und dazu eine blaue Schirmmütze. Alles an ihm schreit „Stasi“ in meinem Westler-Gehirn. Aber jetzt kenne ich seinen Namen und den Schalk, der in den Augen blitzt. Herr P. ist Mitte 80 und allein. Möglicherweise ist er auch einsam, ich vermag es nicht zu sagen. Das Projekt wäre, es herauszufinden. Und mich, falls ja, als heroischer Engel hinabzustürzen, ihn zu erretten. Aber wahrscheinlich hat Herr P. schon genug mitgemacht.

Es ist wohl kein Zufall, dass wir im Westen immer älter und gleichzeitig immer einsamer werden. Was nicht heißt, das nur alte Menschen einsam sind. Sehr wohl heißt es, dass viele alte Menschen einsam sind. In England soll es bald ein Einsamkeitsministerium geben. In Berlin gibt es eine Anti-Einsamkeits-Hotline für Senioren. Ein Tagesspiegel-Artikel weiß zu berichten, dass in Berlin circa eine Viertelmillion alte Menschen einsam sind – eine auf Studien basierende Schätzung. Ob jemand einsam ist oder lediglich allein, kann nur die betroffene Person sagen. Ich selbst bin gern allein, aber einsam habe ich mich nur in meinen ersten Jahren in Berlin gefühlt. Das Problem ist, dass man schlecht fragen kann: „Entschuldigung, sind Sie noch allein oder sind Sie schon einsam?“

Sein Bruder sei gestorben, erzählt Herr P. mir neulich. Jetzt kenne er nur noch dessen Frau. Die ist offenbar okay. Gesehen habe ich sie nie. Den Haushalt schmeißt Herr P. allein. Man sieht es – seine Kleidung ist fleckig, sein Körper Spielwiese des Verfalls. Aber wie wichtig sind diese Dinge? Gern würde ich mal einen Blick in seine Wohnung werfen. Aber ich weiß nicht, wie.

Herr P. ist großer Briefmarkensammler. Ich könnte ihn bitten, mir seine Sammlung zu zeigen. Der Gedanke rettet mir den Tag. Ob Herr P., dessen Vornamen ich nicht kenne (Hermann? Heinrich?), in seinen jungen Jahren fesche Mädels mit seiner Sammlung beeindruckt hat? Hat er womöglich deshalb mit dem Sammeln angefangen?

Nach der Beerdigung meiner Mutter fuhr ich mit einer zum Bersten gefüllten Mappe voller leerer Briefumschläge zurück nach Berlin. Beim Durchsehen der Kondolenzpost hatte ich automatisch an Herrn P. gedacht. „An das Trauerhaus“ steht ganz altmodisch auf vielen der Kuverts. Ich quetsche den dicken Packen in seinen Briefkasten. Mit einer kleinen Notiz. Ich will kein großes Aufhebens daraus machen. Wie nobel von mir – außer, dass es gelogen ist. Als Herr P. das Ganze nie erwähnt, bin ich enttäuscht. Was habe ich erwartet? Dass wir bonden, weil meine Mutter tot ist und er ja bald auch?

Neulich biete ich an, ihm etwas vom Supermarkt mitzubringen. Herr P., rauchend in einer Sitzecke aus ausrangierten Stühlen hinter den Müllcontainern, lehnt dankend ab. Einkaufen geht er selbst, so wie er alles selbst macht. Unendlich langsam, wie auf tauben Füßen, tapst er zum NP um die Ecke. Mit Lebensmitteln kennt er sich aus, schließlich kommt er aus der Branche. 50 Jahre war er Angestellter des KDW, Feinkostabteilung. „Kaufhaus der Werktätigen“ nennt er es mit blitzenden Augen. Ob er noch ab und zu hingeht, jetzt, frage ich. Nein. Nur zu NP. Die Delikatessen, die ich in seinem Korb erspitzele, sagen eher Altersarmut als Savoir-vivre: eingeschweißter Mamorkuchen, Corned beef, Bohnensuppe in der Konserve. Gern würde ich Herrn P. Räucherlachs kaufen, Flugmangos, Roquefort und Pralinen. Aber ich weiß nicht wie.

Der Mann findet mich komisch, die ich händeringend hinterm Küchenfenster lauere wie die alte Frau, die Herr P. nie hatte. Gleichzeitig findet er es auch merkwürdig, dass sich niemand aus der Hausgemeinschaft dem alten Mann aufdrängt. In Spanien gäbe es sowas nicht. In Spanien entscheiden die Frauen, was jemand braucht und dann lassen sie es diesem Jemanden verdammt noch mal zu Teil werden. Ob er oder sie will oder nicht. Wie furchtbar, denke ich. Und dann: Wie schön.

Mir fehlt die angeborene Zweifelsfreiheit spanischer Mamas, also gehe ich eher peu à peu vor. Ich mache Herrn P. mürbe. Mit meinem Gegrüße und meinen Briefmarken und meinen unverschämten Fragen. Der Brummbär tut das seinige, indem er niedlich guckt. Auch mal lächelt, die Zähne zeigt. Das kommt durchaus an. Ob er Kinder habe, frage ich Herrn P. einmal geraderaus. Ich darf das, ich hab ein Baby.
„Nein,“ sagt er. Er habe nur seinen Bruder.
Aber der ist doch tot, denke ich, und schaffe es gerade noch, den Einwand herunterzuschlucken. Bald wird auch Herr P. sterben, da bin ich mir sicher. Wer so isst und so raucht, wird nicht 100, Helmut Schmidt hin oder her. Er weiß es auch. Jeden Tag frage ich „Wie geht es Ihnen?“ Und jeden Tag antwortet Herr P.: „Na, man lebt noch.“ Früher habe er getrunken, erzählt er einmal. Jetzt nur noch Mineralwasser, seit 30 Jahren. Und Kaffee. Dazu Mamorkuchen. Und Zigaretten. Manchmal, wenn ich Herrn P. einige Tage nicht sehe, bekomme ich Angst. Wird es jemand, werde ich es bemerken, wenn er gestorben ist? Was soll ich tun? Klingeln? Und dann erleichtert sagen: „Sie leben noch!“ Warum eigentlich nicht? Wer würde sich darüber nicht freuen, wenn ein anderer erleichtert sagt: Du lebst, zum Glück!

Herr P. gehört zum Hinterhof wie die Fahrräder und die sich kabbelnden Katzen. Er macht den Eindruck, als wäre er schon immer hier gewesen. Und fast ist das die Wahrheit. Geboren wurde er woanders – in einem Krankenhaus, nehme ich an. Aber gelebt hat Herr P. immer in unserer Straße. Erst im Nachbarhaus, dann kurz gegenüber, als nach dem Krieg alles zerbombt war. Dann in unserem Haus. Seit mehr als 60 Jahren in unserem Haus. Einmal frage ich ihn nach alten Fotos, eine Chance witternd, in seine 2-Zimmer-Wohnung im vierten OG eindringen zu dürfen. Er schnappt nicht nach dem Köder.

Keinesfalls soll hier der Eindruck entstehen, dass Herr P. irgendwie provinziell oder weltfremd ist. Neulich erzählt er mir beispielsweise von seinen zahlreichen Rundreisen durch Spanien. „Die Spanier wissen, wie man lebt.“ Ich denke an seinen Einkaufskorb und werde ganz traurig. Ob er wisse, dass mein Mann Spanier sei, der Brummbär quasi Halbspanier,  frage ich. „Mmmh,“ erwidert er unverbindlich. Mein Leben interessiert ihn nicht sonderlich. Er will lieber weiter erzählen. Soll er! Herr P. darf bei mir erzählen, ich habe ja Zeit. Noch. Bis die Arbeit wieder beginnt, sollte ich entschieden haben, ob ich weitere Annäherungsversuche wage. Ob ich mich einmische bei Herrn P. . Vielleicht bringe ich ihm eine spanische Wurst, handgemacht von der Mutter des Manns. Oder einen halben Schinken. Derlei Dinge treffen bei uns ja regelmäßig ein, auf dem Postweg oder im Koffer der angereisten Verwandtschaft. Ich kann es ihm ja vor die Tür legen mit einem Zettel und dann reden wir nie darüber.

Oft denke ich daran, was Herr P. alles gesehen haben muss in seinen 60 Jahren in diesem Haus – nach Feierabend im Kaufhaus der Werktätigen und am Wochenende. Wie viele zuversichtliche Studierende, die im Hof saufen und sich dabei so originell fühlen? Wie viele kabbelnde Katzen? Wie viele Babies? Kein Wunder, dass Herr P. sich bei seiner Briefmarkenschatzsuche nicht auf die blauen Tonnen beschränkt  – er kennt die menschliche Natur. Was er wohl gedacht hat, als die vielen verschiedenfarbigen Container plötzlich im Hof standen? In meiner Fantasie war es: „Das setzt sich nicht durch.“

Neulich der Gedanke: Was wohl mit Herrn P.s Briefmarkensammlung passiert, wenn er stirbt? Schlimm, die Vorstellung, dass ein gedankenloser Wohnungsauflöser sie einfach in den Müll wirft, unten im Hof. Und niemand sie herausholt. Ich nehme mir vor, wachsam zu sein und sie herauszuholen. Egal, aus welchem Container.

Es gibt keine blöden Fragen, nur blöde Fragende

12 Apr

Als Erziehungsberechtigte muss ich mein Suchtverhalten deutlich ändern bzw. ablegen. Ein Glas Wein trinke ich, früher wäre das nichts gewesen für mich. Dann lieber kein Glas Wein als ein Glas Wein. Nun denn, man wird älter und weiser und neuerdings des Nachts stündlich vermöbelt und/oder geweckt und/oder be-trunken. Kein Wunder, dass ich mir neue Süchte suche. Seit einigen Wochen bin ich süchtig danach, in einer geschlossenen Facebook-Gruppe zum Thema Kindererziehung – bzw. dem Gegenteil davon – jeden Beitrag und sämtliche Kommentare zu lesen und die Menschen dahinter zu verurteilen. Als Futter dienen mir da nicht primär die Fragen – ich selbst bin ja alles andere als frei von Zweifeln, Ängsten und Unwissenheit (Sonnencreme ja/nein? Wieso schläft mein Baby nicht im Bett?). Ich suhle mich eher in der dreist-autoritären, dogmatischen Art, wie viele Mütter dort Ungläubige attackieren und zu missionieren versuchen. Egal, worum die gepostete Frage sich dreht, ich muss nicht lange scrollen, um die erste völlig das Thema verfehlende Antwort zu finden.

„Ich möchte bald abstillen und die Flasche geben, weil ich unabhängiger sein möchte. Welche Pre-Milch könnt ihr empfehlen?“

  • Antwort 1: Keine, die sind alle Gift. Ich habe zwar noch nie eine benutzt, weil ich seit 5 Jahren stille, aber einfach nicht zu antworten kam jetzt irgendwie auch nicht in Frage.
  • Antwort 2: Was hast du denn bitte für Termine, zu denen das Baby nicht mitkann? Ich habe meine immer mitgenommen und sogar beim Zahnarzt gestillt. Jetzt bitte nicht falsch verstehen, aber ich finde du bist ein egoistisches Monster :))
  • Antwort 3: Warum pumpst du nicht ab?

Die Stimmung in der Gruppe ist entsprechend angstdurchtränkt. Oft lese ich „Ich traue mich jetzt einfach mal und schreibe was“, „Hoffentlich werde ich jetzt nicht gesteinigt“ und – allen Ernstes – „Bitte seid lieb! :)“.

Die Bitte-nicht-steinigen-Frau wurde übrigens digital gesteinigt, weil sie den problematischen Ausdruck des Steinigens verwendet hat und außerdem – warum stillt sie nicht einfach und hält ansonsten die Fresse??!

Das am meisten verbreitete kommunikative Phänomen in der Gruppe ist der Klassiker „blöde Frage“. Denn es ist mein Eindruck, dass nur Frauen sich ständig selber blöde Fragen zuschreiben. Muss also nicht stimmen. Eindruck halt. Ich habe aber wirklich gegrübelt und Erinnerungen durchforstet: Habe ich schon einmal einen Mann in einem Meeting, einer Diskussion, einem Seminar, einer Kneipe „das ist jetzt vielleicht eine blöde Frage“ sagen gehört? Und ich bin mir recht sicher: Nein. Das Ganze ähnelt dem weiblichen Entschuldigungswahn, nur dass es dazu Studien gibt und zum „Blöde Frage“-Wahn nicht (soweit ich beim Im-Park-rumlaufen-und-googlen feststellen konnte).

Frauen entschuldigen sich übrigens tatsächlich viel häufiger als Männer, aber das heißt laut einer Studie der University of Waterloo in Ontario, Kanada (2010) nicht, dass Männer es ablehnen, sich zu entschuldigen, sich darüber erhaben wähnen oder ähnlich Böses. Es ist eher so, dass für Männer die Messlatte dessen, für was sie sich zu entschuldigen bereit sind, viel höher liegt. Nicht für jeden Scheiß eben. Nicht dafür, etwas zu sagen. Einen Raum zu betreten. Oder gar zu existieren. Frauen entschuldigen sich, um sich beliebt zu machen, Harmonie zu wahren, sich abzusichern. Ob und wieviel sie es tun, hat mich dem (subjektiven oder objektiven) Machtgefüge zu tun. Eine Aktivistin vergleicht es in einem CNN-Bericht mit dem Küssen eines Ringes oder mit einem Knicks. Mir fällt der Hund an, der einem anderen die Kehle präsentiert. Schuld am ständigen Entschuldigen bzw. vermeintlich auch am „Blöde Frage“-Syndrom sind also nicht die Männer, jedenfalls nicht direkt. In meiner Facebook-Gruppe beispielsweise sind die anderen, potentiell verurteilenden und anklagenden Frauen der mächtige Gegenpart, dem sich bereis prophylaktisch unterworfen wird.

Ich würde zwar nie dort „blöde Frage“ schreiben, aber ich entschuldige mich auch viel zu oft. Es ist ja wirklich wie ein Reflex. Ich möchte diesen gern loswerden. Und ich überlege ernsthaft, die Frauen in der Aggromama-Gruppe dazu aufzurufen, es mir gleich zu tun. Außerdem mache ich seit einiger Zeit jedes Mal, wenn eine Frau dort „blöde Frage“ schreibt, mit dem Handy einen Screenshot. Eines Tages, so der Plan, werde ich eine Kollage aus all den Bildern machen und dort veröffentlichen. Das ist mein neuer gesellschaftspolitischer Auftrag. Schließlich tummeln sich dort erwachsene Frauen, die nicht nur Menschen am Leben halten und dabei noch ihre Heilpraktiker/Hunde-Feldenkrais/FenKid-Leiter-Fortbildung (man bin ich fies unterwegs heute) stemmen. Sie sozialisieren gerade die Bürger von morgen! Vielleicht erinnere ich sie einmal daran. Solltert ihr also nichts mehr von mir hören  – ich wurde gesteinigt.

Armes Stiefkind Gegenwart

11 Apr

Neulich laufe ich mit dem Brummbären durch den Park. Er ist grad in der Trage aufgewacht, schaut sich neugierig um. Ich spreche laut mit ihm, wie ich es immer tue: “So, wir gehen jetzt gleich in den Supermarkt. Da gibt es bestimmt Süßkartoffeln. Die schälen wir, wenn wir zu Hause sind, und dann kochen wir sie. Und dann können wir ja noch ein wenig spielen. Und dann ziehen wir deinen Schlafanzug an. Und dann kuscheln wir uns ins Bett. Und dann …”  Irgendwann wird mir bewusst, was ich da rede und ich erschrecke: Seit ich denken kann, folge ich dem nächsten “Dann” wie Alice dem weißen Kaninchen. Aber jetzt ziehe ich auch mein armes Kind in meine Zukunftssucht mit hinein. Dabei fühlt sich der Brummbär in der Gegenwart überaus wohl. Mir hingegen geht der Gedankengaul durch, sobald ich einen Moment zur Ruhe komme.

Mit dem Brummbären im Bett beispielsweise. Kaum liege ich neben meinem schlafenden Baby, beginne ich mich zu sorgen. Dabei ist alles gut. Aber wenn ich etwas kann, dann mir unnötige Sorgen machen. Ich betrachte seinen Kopf – wunderschön, rund, mit zartem Haar gleichmäßig bedeckt. Der Wirbel am Hinterkopf ist der Nabel meiner ganzen Welt. Und doch macht der Kopf mir Angst: Was verbirgt sich darin? Mein Gehirn ist nicht mein Freund, das Gehirn meiner Mutter war ihr größter Feind. Ist mein Baby in Gefahr?

Ich liege mit meinem schlafenden Baby im Bett und doch bin ich nicht da – die Gegenwart hat mich wie so oft schon wieder verloren. Sie muss mich ziehen lassen, in die Vergangenheit und in die Zukunft. Erinnerungen, Ängste, längst verhallte Schmerzen. So war das. Hoffnungen, Wünsche, Fragen. Was wird sein? Was hat mir die Gegenwart nur getan, dass ich sie bei der erstbesten Gelegenheit fallenlasse wie eine heiße Kartoffel? Die Antwort liegt auf der Hand: alles!

Die Zukunft lügt, die Vergangenheit verzeiht, die Gegenwart tut uns alles an

Fakt ist: Alles, aber wirklich alles Schmerzhafte, Furchtbare, Unerträgliche passiert uns in der Gegenwart. Das kann aber nicht erklären, warum so viele von uns ihr die kalte Schulter zeigen, denn ebenso wahr ist, dass alles Gute, Schöne, Erhabene und Lustige uns ausschließlich im Hier & Jetzt passiert.

Ein Bekannter sagte mir einmal, er ärgere sich immer so sehr, wenn sich ein Paar trennt und alle sagen: “Sie haben sich nach sieben Jahren getrennt, wie furchtbar.”

“Warum”, fragte er, “kann man nicht einfach denken: Sie waren sieben Jahre zusammen, tolle Sache. Warum bekommen die sieben Jahre einen bitteren Beigeschmack, nur weil aus ihnen jetzt keine acht mehr werden?”
“Weil sie”, erkläre ich ihm, “durch die Trennung in die Vergangenheit gerutscht sind und dort kann man sie wunderbar idealisieren. Als das Paar zusammen war, war das Gegenwart, und die Gegenwart spielt eine undankbare Nebenrolle in unser aller Lebensstück.“

Egal, wieviel Mühe sie sich gibt, die Gegenwart ist das ewige Stiefkind unserer Zeit. Oder schlicht der Menschheit? Vielleicht war in dem Moment, in dem wir ein Konzept unsere Endlichkeit bekamen, Schluss mit ihrer Hochphase. Für immer abgemeldet, dritte Geige nach Zukunft und Vergangenheit. Und irgendwie ja auch kein Wunder. Vorgeführt von den rosigen Versprechungen der Zukunft, kann die Gegenwart meist nicht delivern und enttäuscht.

Außerdem: Im Gegensatz zur Zukunft (Fantasie) und Vergangenheit (Nostalgie) können wir die Geschehnisse der Gegenwart nicht beschönigen oder kontrollieren. Sie passieren uns einfach, stürmen und stürzen auf uns ein, wir können bestenfalls reagieren. Und nie wissen, was als nächstes kommt und wie lange das, was da ist, bleibt.

Ich erschrecke manchmal, wie wenig Zeit ich in meinen 36 Jahren tatsächlich in der Gegenwart verbracht habe.

Bevor ich den Mann traf, der jetzt auch der Vater des Brummbären ist, war ich zehn Jahre (in Zahlen: 10) Single. Das ist eine lange Zeit. Es hat mich eigentlich nicht gestört, also in der Gegenwart. Nur leider verbrachte ich damals genauso wenig Zeit im Hier & Jetzt wie heute. Träumte mein Leben, ohne Werbeagentur, ohne M41 Bus, ohne BAföG-Schulden. Und sorgte mich gleichzeitig ganz fleißig, was nur werden sollte.

Einmal fragte mich eine Freundin, warum ich das Singledasein nicht mehr genoss. “Eigentlich ist alles an dieser Art zu leben dir doch wie auf den Leib geschneidert.”

Recht hatte sie: Ich bin gern allein. Ich reise am liebsten allein, denn meiner Erfahrung nach schlittert man nur so in absurde, unverhoffte, wahnsinnig interessante Situationen. Ich lese gern in Restaurants und mag es nicht, wenn Pläne sich ändern. Kompromisse finde ich scheiße. Ins Kino gehe ich auch am liebsten allein, damit man mich beim Weinen nicht beobachten kann. Einmal war ich mit einem Mann, in den ich ein wenig verknallt war, im Kino, wir sahen “Extremely loud and incredibly close”. Tom Hanks, der auf den Anrufbeantworter spricht: “Are you there? Are you there?” Ich weinte so heftig, dass ich richtige Schluchzkrämpfe bekam. Der Mann meldete sich danach nicht mehr.

“Stimmt”, sagte ich deshalb. “Aber ich will ja nicht für immer alleine sein. Irgendwann will ich Kinder. Womöglich sogar einen Partner.”

“Und? Was hat das mit jetzt zu tun?”

“Naja”, erklärte ich mich, “solange ich nicht sicher weiß, dass sich der Zustand, den ich eigentlich aktuell toll finde, irgendwann verändert, kann ich ihn jetzt auch nicht genießen.”

“Das ist absurd.”

“Das ist es wohl.”

Was ich damals wollte, war ein Stück Papier. Ein notariell beglaubigtes Dokument mit Unterschrift und Siegel: “Hiermit bestätigen wir, der Rat der alten grauen Männer, Frau Rebekka Korthues, dass sie vor Ablauf der angemessenen Zeit Partner und Kind haben wird. Sie soll sich jetzt einmal entspannen.” Und oh, wie hätte ich mich dann entspannt und meine Zwanziger genossen. Aber niemand war gewillt, mir dieses Papier auszustellen.

Wäre es nicht besser, sich wirklich auf die Gegenwart einzulassen? Es gibt so viel davon …

Der Punkt ist der: Es fällt mir und vielen Menschen schwer, die Gegenwart zu genießen, weil wir nicht wissen, was die Zukunft bringt. Zwei Zustände, die eigentlich unabhängig voneinander sein sollten, kommen sich in die Quere. In Situationen, in denen eigentlich alles schick ist, fürchten wir uns davor, dass sich diese verändern. Oder dass sie es nicht tun.

In meinem Heimatort steht ein Kreuz an der Ampel bei der großen Tankstelle. Der Name eines Kindes steht darauf. Das Kreuz steht da seit vielen Jahren und lange lange Zeit brannte eine Kerze davor, vielleicht auch heute noch. Auch ich habe die Kerze zu meinen Rauchertagen mehr als einmal wieder angezündet, wenn der Wind oder der Regen sie ausgelöscht hatten.

Das Kind, dessen Namen auf dem Kreuz steht, wurde von einem abbiegenden Lastwagen überfahren. Ich war noch längst keine Mutter damals, aber den unerträglichen, unüberwindbaren Schmerz der Eltern konnte ich mir vorstellen. Schmerz ist mein Gemüse, meine Sprache, ich verstehe ihn und spreche ihn fließend und kann so mit anderen kommunizieren, selbst wenn sie eigentlich meinen, niemand würde sie verstehen. Dass das so ist, würde mir erst vor einigen Jahren klar, als ich eine Gruppe ganz unterschiedlicher Menschen zum Tod ihrer Angehörigen befragt habe. Mit verwaisten Vätern, Müttern, Freundinnen, Geliebten gesprochen habe. Ich habe viel nachgedacht in dieser Zeit über die Gegenwart.

Hoffentlich passiert nichts. Und wenn doch?

Ich liege mit dem Brummbären im Bett und die Sonne scheint und keine Uhr tickt und wir sind selig. Und doch zerrt der Gedankengaul am Zügel: Hoffentlich passiert ihm nie etwas. Hoffentlich geht alles gut. Ich zwinge mich, den Gedanken einmal wirklich zu Ende zu denken, die Frage zu erlauben: Was, wenn doch etwas passiert? Ändert das etwas an diesem Moment? Daran, dass der Kopf meines Sohnes der schönste der Welt ist? Ist ein Moment nur etwas wert, wenn wir wissen, dass auf ihn eine unendliche Anzahl ähnlich schöner Momente folgen wird? Dass er nur eine von vielen schimmernden Perlen an einer Kette ist? Oder ist nicht genau das Gegenteil wahr? Jeder schöne Moment ist so wertvoll, weil wir nicht wissen, was nach ihm kommt. Wenn wir akzeptieren, dass wir es nicht wissen, nicht wissen können, nicht kontrollieren, dann darf der Moment stehen bleiben. Dann kann die Zukunft der Gegenwart nichts anhaben. Kein Gehirntumor, kein Streit, kein Terroranschlag kann eindringen in mein Schlafzimmer, wo ich mit meinem Baby im Bett liege und alles um uns ist nur Geruch und Wärme und Haut und Liebe und wohliges Brummen. So wie er ist, ist der Augenblick perfekt. Ganz ohne Zukunft. Ganz ohne Vergangenheit. Ich hatte ihn nicht geplant. Und er muss auch nicht erst zur Erinnerung werden. Danke, liebe Gegenwart.

What the Fräulein?!

24 Mrz

Wir haben eine neue Trage für den Brummbären, an der mir alles gefällt außer dem Namen. Das gute Stück heißt Fräulein Hübsch und beide Teile des Namens stören mich. Sowieso wähne ich mich inmitten eines beklagenswerten Revivals der Frolleinkultur.

Fräulein bezeichnete bis vor gut 35 Jahren eine unverheiratete Frau. Logisch, denn ohne Ehemann ist eine Frau nur halb komplett. Also weniger, also kleiner, also braucht es den Diminutiv. Der Familienstand meiner Trage hatte mich aber gar nicht interessiert. Er geht mich auch nichts an. Vielleicht lebt sie in einer festen Partnerschaft, vielleicht ist sie aber auch lieber alleine. Viel wichtiger als ihr Familienstand ist ja wohl, was sie mag, was sie tut, was sie kann. Meinetwegen auch, wie sie aussieht – hübsch, offenbar. Die Trage kann einem leid tun, nicht nur wird sie auf ihr Unverheiratetsein reduziert, sondern auch auf ihr Äußeres. Warum nicht Frau Stabil. Besser, Frau Dr. Stabil. Hehe, oder Stabil, M.A. Robust, langlebig, nachhaltig (ist sie alles, ich kaufe ja keinen Schrott). Die Schönheit hat mich bei der Kaufauswahl aber an allerwenigsten interessiert, wir haben uns bei all der bunten Biobaumwollauswahl für Anthrazit entschieden.

Auch außerhalb des Babyuniversums greift der Fräuleinwahn wieder um sich. In der Bergmannstraße laufe ich an einer Boutique namens „Fräulein Sonntag“ vorbei. Das Online-Magazin „Fräulein Magazin“ titelt absurderweise „Heirate dich selbst!“ Wie, und kein Fräulein mehr sein? Auch ein Gewinner: „Fräuleins Tipp am Sonntag: Einfach mal alleine sein!“ Kannste dir nicht ausdenken.

Die Trendsetterinnen unter den Frolleins sind allerdings Bloggerinnen diverser Couleurs, von Fräulein Klein über Fräulein Draußen, Fräulein Garten und Fräulein Selbstgemacht bis zu Fräulein Zuckerbäckerin. Was steckt dahinter? Haben diese Menschen keine (Vor-)Namen oder wollen diese schlicht nicht verraten? Vielleicht will Fräulein Klein sich nicht Frau Klein nennen, weil so heißt ja ihre Mutter und die benutzt schnöde Niveacreme fürs Gesicht und wählt CDU – geht also gar nicht. Ich befürchte allerdings, der Grund liegt in dem frech-unverbrauchten, kecken, unabhängigen verspielten vibe, den ein Fräulein vermeintlich abgibt. „Ich schreib, was ich denke, ich mache mir beim Gärtnern oder Zuckerbäckern auch mal einen Erd- oder Zuckerkleks auf die Nasenspitze und dann gibt es ein total selbstbewusstes Selfie für Instagram, weil es ist mir doch total egal, wie ich aussehe.“ Dabei ist das Gegenteil der Fall: Fräulein ist so ziemlich der antifeministischste Titel, den eine Frau sich geben kann. Nicht nur, weil er eine Verniedlichung ist und auch nicht nur, weil er sie über die Existenz oder Abwesenheit eines Ehemannes definiert. Es gibt außerdem keine Entsprechung für Männer. Gibt man „Männlein Blog“ bei Google ein, findet man die Anwaltskanzlei Dr. Männlein. 

In Berlin und auch sonstwo, wo alte und/oder unzufriedene Menschen leben (Dortmund fällt mir ein), existiert das Wort „Fräulein“ auch auf der Tonspur noch öfter als man meinen würde. Das liegt daran, dass es neben „junger Mann“ und „junger Frau“ die einzige Phrase ist, mit der man einen Fremden ansprechen kann. Im Supermarkt beispielsweise hört man selten:
“Entschuldigen Sie, Mann, Sie haben etwas verloren.”

oder

“Hey, Herr, Sie stehen mir im Blickfeld”

Weil das eben nicht geht (dasselbe gilt für Frau), werden auch Männer mit grauen Schläfen gern von gräsigen Supermarktangestellten als junger Mann bezeichnet. Es ist alles, was sie haben.

Kinder sind hzumindest im Rudel übrigens ebenso unansprechbar wie Männer und Frauen. Einmal, ich war noch jung und wusste noch nicht viel von der Welt, fanden eine Freundin und ich auf dem Lärmschutzwall neben meinem Elternaus ein entlaufenes Meerschwein. In einem angrenzenden Garten spielten ein paar Kinder. Wir versuchten, durch Hey-Rufe und Winken ihre Aufmerksamkeit zu erregen, ohne Erfolg. Irgendwann rief ich verzweifelt, weil mir der Unzulänglichkeit meiner Wortwahl durchaus bewusst: “Hallo …äh … Kinder…?!“ Sie schauten, aber nicht amüsiert. Was man ja auch verstehen kann, Erwachsene werden ja auch nicht mit „Sie da, Erwachsene!“ gerufen.

Ich überlege mir nun jedenfalls einen neuen Namen für meine Trage, denn – Babyhabende werden das wissen – eine Babytrage wird nie einfach Babytrage genannt. „Schatz, gib mir mal die Manduca,“ heißt es da oder auch „Mein Rücken ist total verspannt von der ergobaby.“ Meine Fräulein Hübsch heißt bald entweder Professorin Schlau oder Dorothy Parker. Weitere Vorschläge willkommen!

 

Wer ficken kann, kann auch arbeiten

27 Jan

Es ist – das ist nichts Neues – ein Problem unserer alternden Gesellschaft, dass das Großziehen von Kindern nicht als wertvolle und Respekt verdienende Arbeit gesehen wird. So generell. Jeder einzelne findet das schon toll, wobei man das Kind auch nicht verhätscheln oder – mein Favorit – sich vom Kind nicht manipulieren lassen soll. Man kann ja schließlich Schnuller geben. Abpumpen. Ab in die Kita. Will eine Mutter lieber zu Hause bleiben und das Kind selbst versorgen, bis sie glaubt, dass es bereit ist für die große Gruppenwelt, ist sie leider eine Antifeministin, die nur am Herd Erbsensuppe kochen will, Fenster putzen oder gar heimlich bei zugezogenen Vorhängen die Bettwäsche bügeln.

Nein, das ist natürlich gemein, die Nervosität, die eine zu Hause bleibende Frau auslöst, liegt größtenteils gar nicht in der gebügelten Bettwäsche begründet, sondern on der berechtigen Sorge, dass sie sich mit einer derartigen laissez-faire-Haltung langfristig große finanzielle Nachteile einhandelt. Statt daran etwas zu ändern, soll die Frau einfach wieder sofort voll arbeiten gehen und ihr Kind dann halt am Wochenende sehen. Für Papa gilt selbstverständlich dasselbe. Und da wir hier in Berlin wundervolle Kitas haben mit dem für Kleinkinder von der „Liga für das Kind“ empfohlenen Betreuungsschlüssel 1:3, in denen kein Fachpersonalmangel herrscht und die alle über feine Gärten zum Draußenspielen verfügen, ist das ja irgendwie die beste Lösung für alle. Not.

Man könnte natürlich auch „einfach“ dafür sorgen, dass Eltern, die sich entscheiden, das Kleinkind eine etwas längere Weile selbst zu betreuen, dafür adäquat entlohnt und mit Rentenpunkten versorgt werden. Das wäre dann eher die Strategie „Wertschätzung“ – aber das, lerne ich, ist zu teuer. Dann lese ich morgens, dass die Air Berlin-Insolvenz den Bund 200 Millionen Euro kostet und hole das Nusspli-Glas lieber doch noch mal aus dem Regal. Die Entscheider bei Air Berlin haben super Arbeit geleistet, wie ja sowieso alle, die sich Vollzeit dem Arbeitsmarkt zur Verfügung stellen, super Arbeit leisten. Die sollte man würdigen, am besten gibt es einfach einen dicken fetten Bonus. Guten Appetit!
„Noch jemand? Sie dahinten, der Herr im besten Alter mit grauem Haar, Anzug und randloser Brille – Sie sehen aus, als hätten Sie einen Bonus verdient. Na los, nicht so zögerlich. Und Sie da mit dem identischen Anzug und dem identischen Haar, nur eher grau meliert als grau – Sie passen perfelt ins Schema. Sie haben sicher auch Ihr bestes getan, in irgendeinem Bereich, irgendwann mal. Greifen Sie zu!“

Mütter*, die Babies zu Hause betreuen, tragen nicht dieselbe Verantwortung wie Menschen, die Fluggesellschaften managen. Erstere erwirtschaften Profit (also im Idealfall). Bei zweiteren geht es lediglich um das Leben eines Menschen. Deshalb gibt es für Mütter, die zu Hause bleiben, keine Krankheitstage, keinen Urlaub und kein vergleichbares Geld. Und Verständnis auch nur begrenzt. Neulich recherchierte ich das mit den Krankheitstagen, nachdem ich eine Nacht allein mit Brummbär und Magendarm-Virus verbracht hatte und am nächsten Tag schlicht nicht wusste, wie ich es schaffen sollte, das Baby nicht auf den Boden fallen zu lassen. In einem Internetforum (ja, ich weiß) schrieb entrüstet eine Mutter: „Geht’s noch?!! Als Mama kannst du nicht krank sein, da heißt es Zähne zusammenbeißen.“ Ich finde das Ganze ekelhaft, diese merkwürdige Ansicht, dass Mütter, die Kinder betreuen, irgendwie über Nacht andere Menschen werden, so Titan-Supermenschen, an denen alles abzuprallen hat. Die Bürokauffrau, die sich sonst bei einer Erkältung mal eine Woche hat krankschreiben lassen, soll jetzt gefälligst mit 40 Grad Fieber und Durchfall das selig durch die Wohnng krabbelnde Gör beaufsichtigen. Und wenn sie umkippt und es greift in die Steckdose? Ist sie galt ’ne Rabenmutter. Wer ficken kann, der kann auch arbeiten.

In der Tat ist es so, dass die Krankenkasse eine Haushaltshilfe stellt, wenn die Mutter zu krank ist, um das Kind zu versorgen. Ob das auch der Papa übernehmen darf, muss dessen Arbeitgeber entscheiden. Generell gilt: Ob Eltern oder Kind, Kranksein ist nicht gern gesehen und wird einem oft unterschwellig vorgeworfen nach dem Motto „Nimm doch fünf Ibuprofen und dann muss das gehen.“ Ich kann Arbeitgeber schon verstehen und auch Teamkollegen, ich war ja selber lange in der Situation. Um etwas an den Gegebenheiten zu ändern – meines Erachtens wäre das angebracht – müsste schon die Politk ran, das wird die Wirtschaft nicht freiwillig machen. Leider werden weder Wirtschaft noch Politik von Leuten dominiert, die selber schonmal krank mit Baby zu Hause waren. Was die aktuellen Regelungen im allgemeinen angeht, kommt es mir eher so vor, als hätte da ein Kind in der Trotzphase das Zepter in der Hand gehabt, so absolut bockig-realitätsverweigernd mutet das Ganze an.

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Ein Politiker und ein Kind auf der Sandkastenkante. Hat der Politiker graues Haar? Trägt er Anzug und randlose Brille? Womöglich …

Politiker:
Also. Wir wollen, besser gesagt brauchen es, dass die Leute mehr Kinder bekommen, so mittelfristig. Deshalb müssen wir wohl oder übel den Leuten so ein bisschen entgegen kommen, sodass die nicht als die Verlierer aus dem Ganzen rausgehen.

Kind:
Wie? Was? Nein!

Politiker:
Naja, also finanzielle Anreize schaffen und dafür sorgen, dass da kein Rentenloch entsteht, wenn Leute sich um ihre kleinen Kinder kümmern.

Kind:
Kita.

Politiker:
Aber manche Leute wollen das nicht, also wenn die Kinder noch so klein sind. Da könnten wir ja mit einer ordentlichen Finanzierung…

Kind:
Ich will, dass alle immer arbeiten.

Politiker:
Das tun sie dann ja später auch wieder, nur für eine gewisse Zeit…

Kind:
NEIN. ALLE SOLLEN ARBEITEN.

Politiker (selbstverständlich pädagogisch geschult):
Okay okay, du bist wütend (Stimmlage und Gesichtsausdrück = mitfühlend). Das ist ja sicher ein doofes Gefühl.

Kind:
Arbeiten, immer, und NIE krank sein.

Politiker:
Aber schau mal, Kinder sind nun mal häufig krank, und die Eltern schlafen nicht viel. Und wenn dann Winter ist …

Kind:
KEIN WINTER. KEIN KRANK.

Politiker (kommt ins Schwitzen):
Okay, okay. Die Leute gucken schon. Ich hab eine Idee: Wir können ja vielleicht die Kindertagesbetreuung verbessern, damit alle die Kleinen auch ohne schlechtes Gefühl da hingeben können.

Kind:
NEIN , ICH WILL NICHTS ÄNDERN !! ALLES SOLL SO BLEIBEN UND ALLE SOLLEN TROTZDEM MEHR KINDER KRIEGEN.

Politiker:
Das wird wohl nicht passieren…

Kind wirft sich auf den Boden und schlägt um sich. Sand, Hundekot und Einwegspritzen fliegen in alle Richtungen.

Kind:
DOCH, ICH WILL ES! UND ICH WILL EIN EIS!

Politiker (kleinlaut):
Vielleicht wenigstens unbezahlten Urlaub für die Sommerferien? Schau wie schön der unbezahlte Urlaub ist, der kostet uns nichts…

Kind:
EIS, EIS, EIS, EIS, EIS, EIS, EIS, EIS

Politiker:
Okay, komm, wir holen dir eine Kugel Weißwurst-Trüffelsenf mit Cassis.

Kind:
Zwei Kugeln!

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So sehr mir derartige Fantasien Spaß bereiten und lange Spaziergänge bei grauem Wetter mit dem Brummbär versüßen, so bitter ist oft noch die Elternrealität. Und ja: Mir ist bewusst, dass es in anderen Ländern nur 12 Wochen Mutterschutz gibt und das war’s. Ich orientiere mich aber lieber nach oben und sage: Da geht noch mehr. Zum Beispiel kenne ich mehrere Paare, die ihr Kind wirklich nicht vor drei Jahren in die Kita geben wollten, es sich aber nicht leisten konnten – ohne Elterngeld – dass ein Elternteil zu Hause bleibt oder beide in Teilzeit arbeiten. Ein kleines Kind mit einem schlechten Gefühl in eine unterbesetzte Kindertagesstätte bringen zu müssen – ich finde, das geht gar nicht!

Und es geht ja nicht nur um das politische Regelwerk und es geht auch nicht nur um Geld. Es geht, wie eingangs erwähnt, um die fehlende Wertschätzung. Ich finde es erschreckend, für wie wenig verantwortungsvoll und wichtig das, was ich aktuell den ganzen Tag mache, von vielen angesehen wird. Denn ich habe schon viele Jobs gehabt, aber keiner war so beängstigend. Beispiel: Müdigkeit. Es ist in meinen Augen schlichtweg absurd, wie die ganze Gesellschaft meint, es wäre wichtiger, dass der Erwebrstätige ausgeschlafen ist als die Kindsbetreuerin. Und das habe ich bereits vor meiner eigenen Schwangerschaft nicht verstanden. Wie meine Freundin F. beispielsweise mit Augenringen bis zu den Nasenflügeln apathisch den Kinderwagen vor- und zurückruckelte und von ewig langen nächtlichen Tragemarathons im dunklen Flur erzählte. Und auf meine Frage, ob nicht der werte Ehemann das Kleine auch mal ein paar Stündchen herumschleppen könne, die Antwort kam:
„Nein, der muss schlafen, der muss ja morgens arbeiten.“
Klar, als Grafikdesigner, Finanzbeamter oder Gärtner darf man natürlich nicht bei der Arbeit einnicken – die Mama, die beim Überqueren der Straße vor Erschöpfing nicht mehr weiß, was ein Auto ist, wird nicht als so problematisch gesehen. Zähne zusammenbeißen, Ibuprofen, Kaffee (aber nicht zu viel weil sonst Rabenmutter, erneut). Das ist wirklich der größte Bullshit, den ich überhaupt jemals gehört habe. Wir halten Menschenleben in unseren Händen. Ich fordere: Mamas und Herzchirurgen sollen schlafen dürfen. Und am allermeisten Herzchirurginnen, die auch Mamas sind. Aber zu der Problematik schreibe ich demnächst mehr, die verdient ihren eigenen Blog-Post.

*Im Text schreibe ich von Müttern, weil die große Mehrheit der Eltern, die im ersten Babyhalbjahr zu Hause bleiben, Mütter sind. Die Situationen und Schlussfolgerungen sind jedoch größtenteils auch auf Väter anwendbar. In der Theorie.