Archiv | Oktober, 2011

Von oben

31 Okt

Ich gehe durch mein Leben mit vielen Kontakten und wenig Kontakt. Ich lebe in meiner eigenen Welt, in meinem eigenen Kopf, wo das Leben einfacher ist. Ich spreche aber fließend “Alltag”, deswegen merken die wenigsten etwas. Ich weiß, wie man es macht. Ich weiß, was die Leute hören wollen. Man mag mich. Aber man mag mich vor allem auf meinem Podest. “Aus der wird mal was”, sagt man. Ich freue mich, ich winke ab. Am Anfang. Aber dann glaube ich es irgendwann: Ja klaro. Ich bin etwas Besonderes, wie es scheint. Na gut dann.

Ich sehe die Leute von oben, eine Schar Köpfe. Sie machen und sagen Dinge, die mir unverständlich sind. Ich verstehe nicht, wie sie denken. Sie sind so langsam, sie stellen sich im Bus direkt vor die Ausgangstür und gehen nie, nie, nie nach hinten durch. Sie führen dümmliche Gespräche in der U-Bahn, weswegen ich große Kopfhörer trage. Sie haben Freundschafts- und Eifersuchtsdramen, die sich mir nicht erschließen. Ich sehe ihre Schar Köpfe von oben und ziehe die Mundwinkel herunter – ich urteile. Bitter schmeckt das auf der Zunge. Nicht gut, nicht erhaben. Manche schauen hoch zu mir, auch sie ziehen die Mundwinkel herunter. Aber anders. Beeindruckt, wohlwollend. Immer glauben sie, was ich sage. Aus irgendeinem Grund. Manchmal sage ich extra etwas Provokantes, manchmal Grenzwertiges. Sie fragen warum. Ich denke mir aus dem Stehgreif Argumente aus. Sie sagen: “Ja, das stimmt eigentlich. So habe ich das noch nie gesehen.” Ich freue mich nicht.

Irgendwann kommt ein Neuer, uneingeladen, in mein Leben. Alles an ihm ist falsch. Er stemmt die Hände in die Seite, schaut mit zugekniffenen Augen zu mir auf und spricht mich an. Er fragt und fragt, und wenn ich antworte sagt er: “Ah geh, das ist doch totaler Quatsch.” Ich sehe ihn sprachlos an. Er streckt die Hand aus und sagt: “Komm mal runter, ich hör dich so schlecht.” Er nimmt meine Hand und zieht, ich lasse es geschehen. Unten ist es voll und laut, und ich bin viel kleiner als die meisten um mich herum. Ich lehne mich an ihn an, er auch größer, als es von oben schien. Er lacht mich aus, und ich lache mit. Es ist unendlich schön, nicht perfekt zu sein.

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Verdammte Gegenwartsangst

19 Okt
Lebenszweifel sind am gemeinsten, wenn man eigentlich noch schlafen sollte und es draußen so schrecklich dunkel ist.

Dieses Gefühl, es ist das Schlimmste überhaupt: Aufzuwachen mit so einem Erschrecken, einem Schreckmoment, der das Herz aussetzen läßt, und der sich dann in ein ganz ungutes Bauchgefühl ausdehnt. Ich habe schlecht geträumt und draußen ist es stockdunkel. Ich schaue auf den Wecker, noch nicht einmal sechs. Ich drehe und wende mich, will wieder einschlafen, aber es geht nicht, Zweifel pieken mich von allen Seiten. Zukunftsangst? Auch, aber vor allem Gegenwartsangst: Was mache ich eigentlich mit meinem Leben? Muss ich nicht die Notbremse ziehen? Läuft vielleicht grad alles in die falsche Richtung und ich merke es nicht, aber jetzt, in diesem einem Moment, sehe ich plötzlich – und auch nur kurz – alles ganz klar, und wenn ich jetzt nicht handle dann bin ich selber schuld? Es erscheint mir plausibel, in diesen dunklen, müden Minuten.

Nur, was genau eigentlich schief läuft kann ich nicht benennen, vielleicht bin ich einfach nur zu verpennt… Eigentlich ist doch alles OK. Also wieso schrecke ich aus dem Schlaf auf wie in einem schlechten Film?? Vielleicht nur ein schlechtes Gewissen, weil ich gestern zuviel Wein getrunken habe? Vielleicht ist es die Angst vor meinem Kontostand? Ich wünschte, es wäre so einfach, aber am wahrscheinlichsten ist: Ich glaube nicht an mein Recht, glücklich zu sein. Ich komme besser mit mir zurecht, wenn ich es nicht bin. Dann macht irgendwie alles mehr Sinn. Wie sonst kann man es erklären, dass ich immer noch, nach zwei Jahren, von der Agentur alpträume?? Heute, im Ernst, wache ich vor sechs Uhr auf und denke: Ich habe vergessen, etwas zu erledigen. Es war nur ein Traum, will ich schreien, du bist armselig. Bald dreißig und immer noch eine Opferhaltung wie ein Kind. Werd endlich erwachsen, übernehme endlich Verantwortung für dein Leben.

Jetzt ist es sieben und immer noch dunkel draußen. Mein Gesicht fühlt sich taub an vor Erwachsenseinangst. Oh der Druck des endlichen Lebens, und vor allem des priviligerten. Seit ich weiß, dass ich theoretisch fast alles erreichen und machen kann was ich will, bewege ich mich so gut wie gar nicht mehr, wie das Kaninchen vor der Schlange der unendlichen Möglichkeiten. Und nun? Kaffee und Verdrängung. Vielleicht kommt das Gefühl ja nicht zurück. Erst einmal.

Der Beziehungskorrespondent

10 Okt

Eine Woche zu spät. Aber ich habe eine gute Ausrede. Mein Freund Gary aus Australien war zu Besuch. Gary, dessen echter Name viel weniger idiotisch klingt, ist eine sehr private Person. Wenn er mir von seinen Frauenbekanntschaften – aktuell und vergangen – erzählt, dann ändert er stets die Namen. So weiß ich bis heute nicht, wie eine seiner Exfreundinnen, die ich unbekannterweise unglaublich unsympathisch finde, eigentlich heißt. Wir nennen sie Cindy. Aber ich greife vor.

Die Zeit mit Gary war, wie zu erwarten, bombastisch. Er hätte von mir aus ewig bleiben können. Kennengelernt haben wir uns in Lissabon vor noch nicht einmal einem Jahr. Gary und ich sind uns ähnlich in genau zwei Dingen. Das eine ist unser Humor, offenkundig im Alltag v.a. durch unsere Vorliebe bzw. meist einfach nur besessene Liebe für gewisse englischsprachige TV Serien. Wir haben über Szenen oder auch nur Dialoge aus Arrested Development, Community oder Seinfeld bereits länger und intensiver gesprochen als über unsere Eltern. Wir können uns mit einem Satz und manchmal sogar nur einer hochgezogenen Augenbraue aus dem Konzept, aus dem Takt oder zum Lachen bringen. Wir können ganze Konversationen führen, ohne dass anwesende Dritte ein Wort verstehen. Wir haben zu jeder erdenklichen Lebenssituation ein Serienquerverweis (“This is just like in the second season episode of XY where…” – “Of course, where xy does that and that to xy.” – “Exactly.”).

Gary ist einer der wenigen Menschen, mit denen ich mich acht Stunden lang unterhalten kann, ohne mich eine Minute lang gelangweilt, unterfordert oder schlecht unterhalten zu fühlen (= unser erstes Date). Date? Ja, die Frage drängt sich auf: Wieso sind wir kein Paar? So ganz genau erklären kann ich das auch nicht. Nach einem amorösen Beziehungsstart (zu viel Wein, zu viel Bier, und dann wieder zuviel Wein) beschlossen wir beide scheinbar zeitgleich, dass wir uns als Freunde besser gefallen würden. Thematisiert wurde das nie zwischen uns. Meine Theorie: Wir haben beide gemerkt, wie wertvoll unsere hier beschriebene Beziehung ist, und keiner von uns war gewillt, sie durch Sex zu gefährden.

Unsere Gespräche sind keinesfalls nur albern und drehen sich keinesfalls nur ums Fernsehen. Im Gegenteil, oft sind sie sehr ernsthaft, vor allem, wenn es um unsere zweite Gemeinsamkeit geht: Die Entscheidungen, die wir kürzlich für unser Leben getroffen haben. Kennengelernt haben wir uns, wie gesagt, in Lissabon. Wie ich sollte auch Gary eigentlich gar nicht dort sein. Er hatte nicht nur Australien, sondern auch einen vielversprechenden Job als Unternehmensberater hinter sich gelassen, mitsamt Computer, peer pressure, Anzug, und anderen Statussymbolen. In Lissabon kannte er niemanden, sprach die Sprache nicht und bestritt seinen Lebensunterhalt mehr schlecht als recht als Englischlehrer. Er war 33, als er ankam. Zum ersten Mal sahen wir uns über die Glastheke “meines” Cafés hinweg, er groß und schüchtern, ich mit Kopftuch, dreckiger Schütze und Schokokuchenteig im Haar. Die vermeintliche Elite von morgen hatte sich anders entschieden. Hier waren wir also.

Gary war der erste, dem ich von meiner “Berlin/Lissabon = Ehemann/Liebhaber”- Analogie berichtete. Er war so fasziniert von meiner Erklärung, dass er sofort ankündigte, diese von jetzt an zu klauen, um zweifelnde Mails von Eltern und Freunden abzuwehren – was ich natürlich sofort untersagte. Aber verstehen kann ich ihn: Es ist enorm schwer, irrationale Entscheidungen wie unsere anderen verständlich zu machen. Vor allem, wenn man in Berlin wohnt, der Stadt, die wirklich jedem ein “Wow, lucky you, Berlin is such a cool city” entlockt. Ja, ja, kann ich dann immer nur sagen, das stimmt. Aber wieso war ich dann nicht zufrieden dort? Wieso war ich hier? Berlin ist nett, erklärte ich also, und wir kennen uns schon eine ganze Weile. Wir haben viel miteinander durchgemacht, auch viel Spaß gehabt, und Berlin könnte mich sicher mein Leben lang irgendwie glücklich machen. Es ist einfach mit Berlin, vertraut, sicher. Alles hätte für immer so bleiben können, wäre Lissabon mir nicht über den Weg gelaufen. Lissabon wird mich nicht immer glücklich machen, es bietet mir z.B. null Stabilität und kann nicht für mich aufkommen. Ich hatte nicht darum gebeten, es zu treffen. Aber sobald so etwas geschehen ist, kann man es nicht ungeschehen machen. Was man weiß, das kann man nie wieder nichtwissen. Also war ich hier, auch nicht ohne Zweifel, und manchmal voller Sehnsucht an früher, als alles so einfach war, und sich viele Fragen nicht gestellt haben. Aber es war, wie es war. Hier war ich, und hier war auch er.

Wir haben aber bei weitem nicht nur Gemeinsamkeiten. Im Gegenteil, wir fungieren als Korrespondenten für den jeweils anderen, erklären uns unsere unterschiedlichen Welten. Das ist erst einmal nicht überraschend, immerhin kommt er aus Australien und ich aus Europa. Er erzählt Alltagsanekdoten aus einem Land, in dem Geld, Autos, Statussymbole und Rasenmäher eine viel wichtigere Rolle spielen als in meinem (bzw. in dem Teil, den ich kenne). Einmal habe ich ihn gefragt, ob er ein Sparkonto besitzt, und er antwortete: “You wanna know how much I am worth?” Erst nach einer zwanzigminütigen, entrüsteten Grundsatzdiskussion wurde mir klar, dass man soetwas tatsächlich sagt, wenn man in Australien über Geld redet. Ich wiederum bringe ihm zum Staunen, wenn ich berichte, dass in Deutschland eher selten wegen geklemmten Fingern in Bustüren oder zu heißem Kaffee auf Millionenbeträge geklagt wird.

Vor allem aber ist Gary mein Beziehungskorrespondent. Er hatte schon diverse ernsthafte, und er nimmt mich mit in eine Welt von Kompromissen, Diskussionen über vermeintliche Nichtigkeiten, Prinzipienentscheidungen und Sexentzug, die ich mit quasi anthropologischem Interesse studiere. Und nicht selten auch mit Irritation oder Angst. Teilweise sind es kulturelle Unterschiede – in Berlin streitet sich hoffentlich kein Paar darüber, wann wer von beiden einen gemeinsamen Kneipenabend mit Freunden verlassen will, denn wir fahren nicht mit dem selben Auto eine Stunde durch die Landschaft. Obwohl, wer weiß. Man hört ja Dinge. Aus dem Ich wird halt ein Wir. Jeder kennt ja das “Wir mochten den Film nicht”-Klischee. Nur ich kenne es eben nur aus Erzählungen bzw. – seien wir ehrlich – aus dem Fernsehen. Ich verschlucke mich oft an meinem Wasser bzw.– seien wir ehrlich – Wein, und Gary reißt oft ungläubig die Augen auf ob meiner Ignoranz/Unschuld.

Aber auch hier ist unsere Beziehung nicht einseitig, ich bin nämlich Garys Frauenkorrespondentin. Und das wünscht sich ja wohl ein jeder Mann. Wir reden schonungslos offen, und stellen uns endlich die Fragen, die man immer über “die anderen” stellen wollte, aber sich nie getraut hat. Ich fasziniere ihn mit meinem Gebrauch des Wortes “Affäre” und stelle auch den einen oder anderen Mythos klar, aber das möchte ich an dieser Stelle nicht weiter ausführen.

Gary und ich kennen uns noch nicht lange, aber sehr gut. Ich würde sagen: wir haben uns erkannt. Ich würde ihm alles erzählen. Ich weiß fast immer, was er über ein Thema denkt, und es ist eigentlich immer genau das, was ich denke. Und dennoch überrascht er mich manchmal, und ich ihn auch. Nachdem Gary abgereist war räumte ich nicht – wie er es sich gedacht hatte – mein Zimmer gründlich auf. Deshalb fand ich die Zettel erst Tage später. Ich wollte meine Bodylotion benutzen, griff nach der Flasche und fand einen Zettel auf der Rückseite, mit Tesa angebracht. Darauf ein handgeschriebener Seinfeld-Dialog. Später fand ich noch fünf weitere. Wer weiß, wie viele sich noch in meinem Chaos versteckt halten. Mein Favorit ist unser gemeinsames Lieblingszitat (ja, das ist eine Anspielung auf das “Wir mochten den Film nicht” Klischee), aufgefaltet in meinem Schuh: “People are the worst.” aus der Serie Seinfeld. Eigentlich sagt Elaine “I hate people” und Seinfeld sagt “Yeah, they are the worst.” Ich habe bisher niemanden getroffen, der mich so aus meiner kleinen eigenen skurrilen Welt herausgelockt hat, indem er sich für genauso einen Spruch genauso fanatisch begeistern kann wie ich – bis jetzt.