Von oben

31 Okt

Ich gehe durch mein Leben mit vielen Kontakten und wenig Kontakt. Ich lebe in meiner eigenen Welt, in meinem eigenen Kopf, wo das Leben einfacher ist. Ich spreche aber fließend “Alltag”, deswegen merken die wenigsten etwas. Ich weiß, wie man es macht. Ich weiß, was die Leute hören wollen. Man mag mich. Aber man mag mich vor allem auf meinem Podest. “Aus der wird mal was”, sagt man. Ich freue mich, ich winke ab. Am Anfang. Aber dann glaube ich es irgendwann: Ja klaro. Ich bin etwas Besonderes, wie es scheint. Na gut dann.

Ich sehe die Leute von oben, eine Schar Köpfe. Sie machen und sagen Dinge, die mir unverständlich sind. Ich verstehe nicht, wie sie denken. Sie sind so langsam, sie stellen sich im Bus direkt vor die Ausgangstür und gehen nie, nie, nie nach hinten durch. Sie führen dümmliche Gespräche in der U-Bahn, weswegen ich große Kopfhörer trage. Sie haben Freundschafts- und Eifersuchtsdramen, die sich mir nicht erschließen. Ich sehe ihre Schar Köpfe von oben und ziehe die Mundwinkel herunter – ich urteile. Bitter schmeckt das auf der Zunge. Nicht gut, nicht erhaben. Manche schauen hoch zu mir, auch sie ziehen die Mundwinkel herunter. Aber anders. Beeindruckt, wohlwollend. Immer glauben sie, was ich sage. Aus irgendeinem Grund. Manchmal sage ich extra etwas Provokantes, manchmal Grenzwertiges. Sie fragen warum. Ich denke mir aus dem Stehgreif Argumente aus. Sie sagen: “Ja, das stimmt eigentlich. So habe ich das noch nie gesehen.” Ich freue mich nicht.

Irgendwann kommt ein Neuer, uneingeladen, in mein Leben. Alles an ihm ist falsch. Er stemmt die Hände in die Seite, schaut mit zugekniffenen Augen zu mir auf und spricht mich an. Er fragt und fragt, und wenn ich antworte sagt er: “Ah geh, das ist doch totaler Quatsch.” Ich sehe ihn sprachlos an. Er streckt die Hand aus und sagt: “Komm mal runter, ich hör dich so schlecht.” Er nimmt meine Hand und zieht, ich lasse es geschehen. Unten ist es voll und laut, und ich bin viel kleiner als die meisten um mich herum. Ich lehne mich an ihn an, er auch größer, als es von oben schien. Er lacht mich aus, und ich lache mit. Es ist unendlich schön, nicht perfekt zu sein.

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