Archiv | Februar, 2012

Die Kunst des Schulterzuckens

1 Feb

Seit neuestem wohne ich mit einem Brasilianer zusammen. Der gute Mann ist 24, Musiker, und sieht das Leben durch eine rosarote Brille, die an den Seiten getönt ist, so dass man nur ein wenig den Kopf zu drehen braucht, wenn man etwas Unangenehmes im Blickfeld in einen vagen Nebel verwandeln will. Ach so, und Bier rinnt an den Gläsern hinab.

Ich hatte schon einmal einen brasilianischen Mitbewohner, in Lissabon nämlich. Der ebenfalls junge Mann hatte damals, in einem zu heißen Sommer mit zu vielen Hügeln, mein vermeintliches Deutschsein zu einem Extrem herausgekitzelt, das ich so noch nicht erlebt hatte. Am Ende stritten wir uns über ein Stück 25 Cent Seife, und ich wusch Wäsche mit einem halben Liter Flüssigwaschmittel, nur damit er es nicht mehr benutzen konnte. Meine passive Aggression war natürlich das Resultat der lächerlichen Tatsache, dass ich mit fast dreißig immer noch Probleme hatte, das Wörtchen NEIN über die Lippen zu bringen. „Eigentlich eher nicht“ war meine Spezialität, und auch das schuldbewusste „Nein… na ja, gut, ausnahmsweise“ sprach ich fließend. OK, mein Nein war schon besser als früher. In der Agentur hatte ich meinen Wortschatz bereits um sehr praktische Klassiker wie „Das ist nicht mein Problem“ erweitert, die ich benutze, wenn ich mich angegriffen, in die Ecke gedrängt oder einfach nur komplett ausgenutzt fühlte. Also quasi jeden Tag.

Das Problem mit dem Brasilianer war: Nein zu sagen zu jemandem, der einem fröhlich lächelnd gegenüber steht, so als sei das Leben nicht nur ein Ponyhof, sondern ein Ponyhof aus Zuckerwatte mit Flüssen aus eiskaltem Weißwein und Weiden mit der anderen Art von Gras. Zu jemandem, der die Frage so formuliert, dass man, sollte man ablehnen, nichts anderes als ein missgünstiger, irrationaler, selbstsüchtiger, spießiger Faschist ist, der Babyponies in Weißweinbächen ertränkt. Also sagte ich lieber „No problem“ und rächte mich dann mit einer leeren Waschmittelflasche. Die er natürlich gar nicht bemerkte. Und selbst wenn, sähe das Szenario eher so aus: Ein kurzes Wundern (wie, schon leer?), ein kurzer gedanklicher Exkurs (wo kauft man eigentlich so was? Oder wächst das von selber nach?), dann ein Lächeln und Schulterzucken (ach, darum kümmere ich mich später), und pfeifend wird sich entfernt. Super Plan, Rebekka!

Aber das waren andere Zeiten. Heute, in kühleren Gefilden und mit genügend Schlaf, bringt mich der neue Brasilianer eher dazu, über meine neu erlernte Gelassenheit zu reflektieren. Eigentlich bin ich ziemlich cool geworden, merke ich dann, in den letzten Jahren, und ich habe große Hoffnungen, dass ich in meinen 30ern weiterhin stetig cooler werde. Bis ich irgendwann selber auf den Zuckerwatte-Weißwein-Ponyhof darf. Das Gras lasse ich mal auf der Weide. Na gut, ich schiebe es trotzdem vor mir her, den neuen Brasilianer damit zu konfrontieren, warum er immer noch nicht die Küche geputzt hat. Aber das kann man ja auch einfach mal anderen überlassen.

Letztens wurde mir ein Zahn gezogen. Ich hatte seit Tagen pochende Schmerzen im Kiefer, die dann natürlich am Wochenende unerträglich wurden. Also auf zum Notfallzahnarzt hier in Neukölln, und raus damit. Als ich mit geschwollener Backe und dem Geschmack geronnenen Blutes im Mund nach Hause komme, treffe ich den Brasilianer. „How is your tooth?“ fragt er. „Im Müll,“ weiß ich zu berichten. Ich bin schon ein wenig weinerlich, immerhin habe ich gerade einen traumatisierenden Eingriff hinter mir, und überhaupt. Wieso passiert immer mir so was? „So they took it out?“ fragt er. Ich nicke und freue mich schon ein wenig auf ein mitleidiges Schulterklopfen oder zumindestens ein respektvolles zischendes Einatmen. Statt dessen höre ich: „Ah OK. That’s good!“ Sprichts, und trollt sich fröhlich pfeifend auf sein Zimmer. „That’s good“ ?? Habe ich richtig gehört??! Eine Sekunde lang blitzt Wut in mir auf, immerhin wird hier überhaupt nicht gewürdig, wie schlecht ich es habe. Aber dann muss ich nur lachen. Typisch. Und dann, noch etwas später, denke ich: Na ja gut, stimmt ja irgendwie auch. Zahn raus, Schmerz weg, kann jetzt heilen, vielleicht doch keine Leberschäden dank 4000 mg Schmerzmittel pro Tag. Also irgendwie ist es ja wirklich nicht so schlecht. Wenn man es mal so betrachtet. Wenn ich pfeifen könnte, hätte ich vielleicht sogar gepfiffen.

Ich sage mal so: Früher war ich Glas halb leer. Jetzt bin ich Glas halb leer, aber immerhin ist Wein drin. Ich mache vielleicht nicht gerade aus Zitronen Limonade, aber ich beiße auch nicht rein, sondern werfe sie schlicht und ergreifend in den Müll. Und weiter geht es. Meine neue Mittelgelassenheit habe ich aber nicht nur von Brasilianern abgeschaut. Auch die Portugiesen und Spanier, die ich in Lissabon getroffen habe, haben das ihre getan. Ein spanischer Freund kam zu mir ins Krankenhaus und berichtete, er wäre auch einmal krank gewesen, als Teenager. Die Ärzte hätten gesagt, er würde vielleicht nicht mehr lange leben. Seine Reaktion: Ein verächtliches Pffff. Die spinnen doch! Positive Visualisierung nennt man so etwas, oder auch schlicht Verdrängung. Bei vielen meiner Mitbewohner stellte ich dieses Phänomen fest: „Das, was ich gerne hätte, mache ich zur Norm. Das, was davon abweicht, betrachte ich als Unverschämtheit.“ Soweit kann ich selber nicht gehen, dafür bin ich dann doch zu reflektiert. Ich will auch nicht trotzig wie ein Kind aufstampfen. Aber ein bisschen davon habe ich mitgenommen. Man muss ja auch tatsächlich nicht jeden Scheiß akzeptieren.

Mein portugiesischer Freund Joao brachte mir außerdem einen Trick bei, der sich seither als wahre Wunderewaffe gegen Stress erwiesen hat. Als ich ihn einmal fragte, ob er nie Angst/Sorge hat, dass etwas nicht klappt, sagte er: „Na klar.“ Und ich so: „Du wirkst aber nie besonders gestresst. Was denkt du denn dann, in diesen Momenten?“ Und Joao demonstrierte brav seinen Trick: Ein Schulterzucken, gepaart mit einem Geräusch, das am besten mit einem hohen „Mhhh“ beschrieben wird. Die Mundwinkel gehen runter, und die Handflächen hoch. So, jetzt alle zusammen, eins, zwei, drei…Das ganze Ensemble sagt quasi: „Was kann ich dran machen? Nichts. Also, was soll ich mich aufregen? Whatever. Wird schon. Passt schon.“ Ich imitierte ihn, und merkte sofort, wie sich ein Antistresshormon oder so in meinem Hirn ausschüttet. Woran erinnert mich das? Ach ja, es gibt doch diese Theorie, dass, wenn man 10 Sekunden lächelt, also das Gesicht dementsprechend verzieht, das Gehirn denkt, man sei tatsächlich glücklich, und Endorphine ausstreut. Das funktioniert vielleicht bei Joaos Schulterzucken auch? Ich probiere es aus. Mache die Kombi aus Bewegung und Geräusch ein paar mal hintereinander, Fühle mich direkt entspannter. Die Rückenmusukulatr wird weich, die Sorgen erscheinen ein wenig weiter weg. Passt schon, wird schon alles. Das sollte ich patentieren lassen!