Archiv | September, 2012

Eine Reise ins Münsterland

18 Sep

Wie lange ich schon auf der Einfahrt liege, weiß ich nicht. Nur, dass es zu lang ist, unvernünftig lang. Und dass ich dennoch nicht aufstehen will.

Die Einfahrt meiner Eltern, in einem ausgestorbenen Wohngebiet Marke Schrittgeschwindigkeit. Es ist vier Uhr nachts, die Steine sind nass, mein Atem macht fast schon Wölkchen. Ich liege auf dem Rücken und betrachte den vollkommenen Sternenhimmel. Kälte und Feuchtigkeit kriechen durch meine Sommer- naja, aber immerhin Berlin-Klamotten, aber ich kann mich nicht dazu bringen, aufzustehen. Was ich hier sehe ist Wahnsinn, zu erhaben für Nackenstarre. Es verdient das große Gesamtbild. So etwas sieht man in Berlin nicht. Zehn Minuten war ich schon auf meinem schwerfälligen Hollandrad unterwegs, bemüht, um nicht in Schlangenlinien zu fahren (andererseits ­– wer soll das hier schon sehe?) als mein Blick nach oben schweift, in die Baumkronen – eigentlich. Atemberaubend. Ich fühle mich auf einmal stocknüchtern. Sofort in die Pedalen treten, das muss ich mir ansehen, und zwar gescheit, wie der Münsterländer sagt. Ich komme von der Geburtstagsfeier meiner ältesten Freundin. Aber die Feier ist nicht der eigentliche Grund für meine Reise in die Heimat. Eigentlich bin ich hier, um alte Wunden zu heilen. Zwei schlecht verheilte Brüche an Stellen, die akut schmerzen, die aber dennoch erneut gebrochen werden müssen. Damit ich toben und springen und in die Zukunft rennen kann. Ich bin optimistisch. Einen Zwangsbruch habe ich schon hinter mir. Kurz wehgetan hat es, ja, aber danach stellte sich direkt Erleichterung ein. Deshalb liege ich jetzt glücklich auf nassen Pflastersteinen und schaue in den Himmel. Einatmen, ausatmen. Alles wird gut. Aber ich greife vor.

Wie so oft begann alles mit einem Film. Damit es noch klischeehafter wird, war es ein Film, der bereits öfter als mir lieb ist Inspiration für meine Blogposts war – Eat Pray Love. Aber was soll man machen, wenn man Dinge erlebt und dann später, bevor man selber sein eigenes Drehbuch auch nur annähernd fertiggestellt hat (weil man faul ist), jemand anderes einen Film darüber macht. Sei’s drum, ich sah den Film vor ein paar Wochen mal wieder, und blieb dieses Mal in einem ganz anderen Gefühl hängen als sonst. Während mich sonst der Aufbruch, das Leben in einem anderen Land, der Mut inspiriert, bekamen mich dieses Mal die Hollywood-Schnulzenmomente in ihre Krallen. Die Hauptfigur muss begreifen, dass sie sich von alten Lasten lösen, sich selbst vergeben muss für Dinge, die sie getan hat. Für Menschen, denen sie weh getan hat. Der Nachhall des Filmes war lang und irritierend. Da war er wieder, dieser Blind Spot. Der Stress, die Arbeit, die Wut auf die anderen, im Bus, im Supermarkt. Das böse Vorahnen. Das Aufrechnen – endlose Listen mit allen Verletzungen, die mir jemals angetan wurde. Jede Ungerechtigkeit, jeder Kommentar, jede Beleidigung, alles aufgelistet und abgelegt. Vieles bin ich bereits angegangen, mit Hilfe von Motivatoren wie Louise Hay, Lodro Rinzler und unzähligen Spaniern. Aber eines scheint weiter unerreichbar: der Paarstatus. Teil eines Paares zu sein kann ich mir nicht mal in meinen im Kopf selbst gedrehten Filmen glaubwürdig vorgaukeln. An diesem Abend kann ich es plötzlich nicht mehr verdrängen: Anderen zu vergeben ist eine Sache, sich selbst zu vergeben eine ganz andere.

Neun Jahre ist es her, dass ich mein bislang schwerstes Verbrechen begang. Eine traurige, hinausgezögerte, schmerzhafte Trennung. Sich von jemanden zu trennen, den man liebt, nur aus dem Grund, dass man sich selber mehr liebt – das ist schwerer zu verzeihen als man glaubt. Als es ihm mit der Zeit besser ging und ich die Entscheidung durch lebensverändernde Auslandsaufenthalte bestätigt sah, dachte ich, es sei vorbei. Aber es war – ist – eben nicht vorbei. Die Sicherheit, dass ich hier noch Arbeitsbedarf habe, habe ich, als meine Freundin fragt, ob ich darüber jemals in der Therapie gesprochen habe. Die Antwort ist nein. Nicht einmal in vier Jahren. Ihre hochgezogene Augenbraue sagt mehr als tausend Worte. Ein paar Tage lang verfalle ich in eine emtionale Starre. Zu beängstigend ist die Erkenntnis, dass die Dinge, die mich umtreiben und mich nachts nicht schlafen lassen, vielleicht nur die Spitze des Eisbergs sind. Dann beschließe ich zu handeln. Das Zeug muss weg, es muss sich etwas bewegen. Ich will mein Leben, und zwar ganz!

Ich gehe in mich und überlege, was da noch ist, unentdeckt. Worüber habe ich mich bisher noch selbst angeschwiegen? Leider dauert es nicht allzu lange, bis ich es weiß: Mia. Eine Freundin aus der Schulzeit. Unsere Freundschaft war kurz, intensiv, oberflächlich. Vierzehn bis Sechzehn, eben genau diese Zeit, in der man herauszufinden versucht, wer man ist – und dabei oft ganz falsch abbiegt. Dass ich falsch abgebogen bin, dafür konnte Mia nichts. Als ich es herausfinde, trennen wir uns stillschweigend. Bis zum Abitur bleiben wir entfernte Bekannte. Dann, am Tag nach meinem Geburtstag, dem zweiten in Berlin, klopft meine Mitbewohnerin an die Tür, als ich noch im Bett liege. Mia hat sich umgebracht. „Wir wollten dir nicht den Geburtstag verderben“, sagt sie. Einen Tag lang bleibe ich im Bett und meine Hände zittern. Dann ist es vorbei. Zur Beerdigung werde ich nicht eingeladen. Aber ich sehe sie von Zeit zu Zeit – bis heute. Ein Schreck, der durch Muskeln, Nerven und Knochen fährt. Wenn das Auge etwas eine Millisekunde eher sieht als das Gehirn etwas weiß. Niemand hat es bisher besser gesagt als Florence and the Maschine: „I am always dragging that horse around – tonight I am gonna bury that horse in the ground.“ Ich möchte das Pferd begraben. Besser gesagt, zwei Pferde. Nicht alle, aber zwei weniger. Deshalb fahre ich ins Münsterland.

Dass ich auf dem richtigen Weg bin, sehe ich schon im Zug bestätigt. Ich bin unruhig, kann nicht still sitzen. Auf dem Weg durch den Speisewagen horche ich auf. Etwas merkwürdig Fremdes und gleichzeitig Vertrautes durchbricht den inneren Dialog, der mich umtreibt. Portugiesisch. Die Sprache des Landes, das mir die finale Sicherheit gegeben hat, dass ich auf dem richtigen Weg bin. Wo ich glücklich war. Eine Gruppe junger Portugiesen besetzt einen Tisch. Ich setzte mich daneben und wir kommen ins Gespräch. Die Gruppe bestellt deutschen Wein, und ich bin eingeladen. Als der Zug in den Kleinstadtbahnhof einfährt, bin ich beschwipst. Zum Glück ist mein Vater ein lockerer Mann. Er lacht und fragt: „Steht der Plan noch?“ „Ja,“ antworte ich, „erster Halt: Friedhof.“ Auf dem Weg tanken wir. Während mein Vater sich eine Zeitung aussucht, betrachte ich nachdenklich das Regal mit den Miniatur-Spirituosenflaschen. Neben Münsterländer Korn und Kleiner Feigling steht da auch Dirty Harry. Das „schwarze Wunder“ war damals mit verantwortlich dafür, dass in an Karneval den Mut hatte, ihn zu küssen. Das war der Anfang. Mia und ich waren damals schon nicht mehr befreundet. Aber Jahre zuvor hatten wir ihn und seine Bandkollegen bei diversen Schulkonzerten angehimmelt, uns abends auf dem Spielplatz hinter ihrem Haus ausgemalt, wie „die Jungs“ wohl zu Hause sind, wie es wäre, ihre Freundinnen zu sein. Beachtet hat mich damals keiner von ihnen. Kathi, die dritte und dominierende in unser Truppe, war meist das Ziel, und auch Mia manchmal, dank Kathis Vermittlung. Warum Kathi alles bestimmen konnte, ist mir unklar. Wir beide, Mia und ich, waren klüger. Hübsch waren wir alle, auf unsere Art. Aber nicht laut, nicht selbstbewusst, nicht lustig. Jedenfalls nicht auf eine so extrovertierte Art. Schuld ist Kathi aber auch nicht. Wir haben sie ebenfalls benutzt, Mia und ich, wofür auch immer. Eine von den Coolen war ich, zwei Jahre lang. Meine ersten drei Freunde verdanke ich dieser Verbindung. Gut behandelt wurde ich nicht, und Spaß hatte ich nur bedingt. Viele Punkte auf meiner Nachtragen-Liste stammen aus dieser Zeit. – „Hast du alles?“ fragt mein Vater. Ich nehme eine Dirty Harry-Flasche und wir gehen zur Kasse.

Der Friedhof ist klein und gepflegt. Mit knöchelhohen Mäuerchen abgegrenzte Grabstellen drängen sich dicht an dicht. Ein altes Ehepaar hakt die Sandwegen zwischen den Reihen. Ich frage sie nach Mias Grab und ernte misstrauische Blicke. Eigentlich nicht wirklich verwunderlich in diesem 6000-Seelen-Dorf, denn ich bin ziemlich zerknittert von der Zugfahrt, mit einer leichten Fahne, Cowboystiefeln an den Füßen, einer Zigarette hinter dem Ohr und einer Schnapsflasche in der Hand. Immerhin wissen sie, wo das Grab ist und verraten es mir, nachdem sie kritisch gefragt haben, ob ich denn wirklich eine Freundin von früher sei, sogar. Ich sehe es schon von weitem, ein moderner Granitpfeiler inmitten alter Grabsteine in Engels- und Kreuzform. Das Merkwürdige ist: Sobald ich vor dem Grab stehe, muss ich weinen. Wie automatisiert. Kloß im Hals, Stich im Brustkorb. Ist das jetzt sozial internalisiert? Das Ehepaar hakt ungerührt und ziemlich dreist um mich herum, während ich mir eine Zigarette anzünde. „Die werfen Sie hier aber nicht auf den Boden.“ Mehr eine Feststellung als eine Frage, weshalb ich einen bösen Blick als Antwort auch für völlig ausreichend befinde. Man verdrückt sich, um anderswo weiterzuhaken.

So, dann kann mein Dialog ja beginnen. Soll ich das jetzt laut sagen oder nur im Kopf? Ich bin verunsichert. Einatmen, ausatmen. Ich räuspere mich und beginne, leise zu dem Granitpfeiler zu sprechen. „Lange ist’s her.“ Lahm, okay. Im Ernst jetzt. Ich stelle den Dirty Harry auf die Grabsteinkante und beginne. Ich erzähle von Berlin, und von dem Tag, als ich von ihrem Tod erfuhr. Ein kurzer Exkurs über Portugal. Ich sage ihr, dass wir niemals Freunde wären, hätten wir uns im Studium kennengelernt. Und erzähle, wie mir durch sie klar geworden ist, dass Dinge nichts bedeuten. Zumindestens habe ich durch sie zum ersten Mal darüber nachgedacht. Mia hatte immer Dinge. Wenn wir bei ihr geschlafen haben, früher, verbrachte ich Ewigkeiten vor ihrem kleinen Spiegelschrank in ihrem kleinen Bad und bewunderte all ihre neuen Dinge. Parfüm, Cremes, Make-Up, Schmuck. Ein paar Monate nach ihrem Tod besuchten Kathi und ich ihre Eltern. Es war ein Besuch aus Pflichtgefühl – wir hatten sie nie wirklich gekannt. Nach dem Kaffee forderte uns ihre Mutter auf, rauf in Mias Zimmer zu gehen. „Wir haben alles so gelassen, wie es war,“ sagte sie, unbeteiligt. „Schaut euch doch um, ob ihr etwas seht, das ihr mitnehmen wollt.“ Also liefen wir durch das Zimmer voller Dinge wie durch ein Museum. Steif, peinlich berührt, zu nervös, um etwas zu fühlen. Ich nahm eine kleine Parfümflasche mit, die noch heute nach Mia riecht, und ein kleines Buch mit den Titel „How to become a highly efficient person“.

Ich muss daran denken, wie sehr sie mich an dem Karneval verletzt hat, als sie mir nach dem Festumzug bei mir geschlafen hat. Ich hatte mit dem offiziellen „Schwarm“ von Kathi geknutscht, weil ich ihn eben auch mochte. Was aber nie eine Rolle gespielt hatte, nachdem er einmal als Kathis zukünftiger Freund ins Freundschaftsbuch eingetragen worden war. Wir aßen Tiefkühlpizza, Margherita aus dem Dreierpack, von einem runden Holzbrett, und als wir im Bett lagen, streichelte Mia meine Unterarme und sagte: „Wow, hast du tolle weiche Haut. Und gar keine Haare. Darum beneide ich dich.“ Der körperliche Kontakt und unsere fast verschwörerische Nähe ganz ohne Kathi gaben mir Ruhe und Sicherheit. Alles würde okay sein. Am nächsten Tag in der Schule redete Kathi kein Wort mit mir. Mia ging neben ihr, als wir uns auf dem Flur begegneten. Sie tat so, als würde sie mich nicht sehen. Danach war unsere Freundschaft vorbei. Ich werde wütend. Eigentlich hatte ich an sie denken wollen, irgendwie einen Sinn finden, ihr sagen, wie leid es mir tut, dass es ihr so schlecht ging, dass sie nicht mehr leben wollte. Mein Mitgefühl ausdrücken dafür, wie schrecklich beängstigend es gewesen sein muss, über das Brückengeländer zu klettern, die Sekunden des Falls. „Du Arme“, habe ich immer gedacht. „Vergib mir,“ wollte ich sagen, „dafür, dass ich lebe. Dafür, dass ich an meinem ersten Arbeitstag, meinem ersten Tag als Ausgewanderte in einem fremden Land, bei meiner Zeugnisübergabe an der Uni, an meinem 30. Geburtstag gelebt habe. Und du nicht.“ Statt dessen höre ich mich sagen: „Okay, das war’s. Ich verzeihe dir.“ Dann drehe ich mich um und gehe zum Auto zurück. Mein Vater liest Zeitung. Ich steige ein und sage „Fahr los.“ Wir fahren durch grüne buschige Landschaften. Ich trinken meinen Dirty Harry.

Am Abend gehe ich auf genau die richtige Party, um mir noch einmal Gedanken zu machen darüber, ob ich das ganze Pärchending wirklich fokussieren will. Eine Geburtstagsparty im Münsterland wurde früher meist 10-Mark-Party genannt und kostet heute 20 € pro Person. Sie braucht nicht mehr als eine Partyhütte oder, wie in diesem Fall, ein Sportvereinsheim, unzählige Fässer Bier und eine Menge Schnaps. Klarer für die Männer, Roter für die Frauen. Man kommt mittlerweile in Paarform, aber dank der berühmten westfälischen Reihe fühle ich mich nicht als Außenseiter. Gegen Ende des Abends aber, als man alle Pflichttänze hinter sich hat – von „Tausend und eine Nacht“ über „Verdamp‘ Lang Her“ bis „Killing in the Name of“ – richte ich mich an einem Tisch in der Ecke mit einem 0,2 Radler und einem hausgemachten Maracujaschnaps häuslich ein. Auf der Tanzfläche ist noch viel los, und mir fällt ein Paar auf, dass ich aus den Augenwinkeln bereits den gesamten Abend lang registriert habe – der Berliner Supermarkt/U-Bahn-Paar-Reflex. Sie tanzen zu zweit, entweder eng oder sich locker an den Händen haltend oder, wie jetzt, zu R’n B, einfach lose voreinander positioniert. Sie reden mit kaum jemanden, schließen sich keiner Gruppe an, nicht mal dem Kreis bei „Was wollen wir trinken, sieben Tage lang“. Sie trinkt Wasser, er Bier. Ich merke einmal wieder, dass solche Menschen ein Gefühl der Verachtung in mir hervorrufen. Schwach, peinlich, blöd. Vielleicht sollte ich doch alles so lassen, wie es ist. So möchte ich jedenfalls nicht sein. Ich zwinge mich, den Blick abzuwenden und konzentriere mich statt dessen auf den fröhlich-ausgelassenen, nicht-kodependenten Rest der noch tanzenden Partygesellschaft. Diese Menschen haben etwas sehr Schönes an sich. Sie sind so – präsent. Ihre Füße kleben am Boden, auch wenn sie tanzen und springen. Sie sind gelassen. Manche von ihnen sind weggegangen und haben studiert. Viele haben die Stadt nie verlassen. Manche sind älter als ich, die meisten jünger. Viele von ihnen waren bereits mit vielen von ihnen liiert, man hat sich ausprobiert, weiterempfohlen, es gab kleinere Dramen. Aber dann hat man sich niedergelassen, alles auf ein Pferd gesetzt, die Suche abgeblasen. Ist angekommen. Ich sehe, während ich mein Radler trinke, Menschen, die vielleicht auch nicht so ganz genau wissen, wer sie sind, aber die die Ruhe ausstrahlen von Menschen, die ganz genau wissen, wo sie sind. Nämlich da. wo sie sein wollen, sein sollen. Sie wecken in mir keine bösen Gefühle, auch keinen Neid. Ich betrachte sie einfach nur gern. Man soll gehen wenn es am Schönsten ist. Ich verabschiede mich und schwinge mich auf mein Rad.

Ausgeschlafen bin ich nicht am nächsten Tag. Müde und ein wenig zittrig mache ich mich mit der Regionabahn auf nach Münster. Im grauen Nieselregen ist die Landschaft weniger einladend als bei meiner Ankunft. Die Stadt wirkt ebenfalls, als wolle sie mir am liebsten den Rücken zukehren. Münster, es tut mir leid. Die verlorene Tochter kehrt zurück. Und wieder nur für einen Tag. Wir treffen uns in einer Kneipe am Bahnhof. „Da, wo wir schon einmal waren“ hat er in der E-Mail geschrieben. Ich bin zu früh und setze mich an einen Tisch am Fenster. So sehe ich ihn in dem Moment, als er um die Ecke biegt, eine Sekunde bevor er mich sieht. Als er endlich vor mir sitzt, weiß mein Körper nicht, was passiert. Meine Augen denken – vertraut, mein Gehirn weiß – Fremder, meine Hände zucken, sie wollen vorschnellen, um ein geliebtes Gesicht zu berühren. Body memory. Ich verschränke sie in meinem Schoß. Das Gehirn gewinnt. Er ist ein Fremder. Acht Jahre ist es her, dass er mich das letzte Mal vom Bahnhof abgeholt hat. Unsere letzte Autofahrt durch das grüne buschige Land. Am nächsten Tag stand ich wieder am selben Gleis. Vor acht Jahren. Als ich noch Friends-Folgen auf DVD ansah. Vor Handys, vor Facebook. Als man noch sagte „Ich hab gehört…“, und nicht „Ich hab gesehen…“.

Er ist nervös. Ich merke es, weil ich ihn kenne. Er spricht in höflichen Phrasen. Ich sitze es aus. Er erzählt, dass er verheiratet ist, ein Kind hat. Das weiß ich schon. Als ich es vor ein paar Jahren hörte, habe ich mich gefreut. Auf das Drama gewartet. Es kam nicht. Die Kellnerin kommt auch nicht. Irgendwann steht er auf und geht hinter die Bar. „Ich nehme mir mal ein Bier, ist das okay?“ Ich muss lachen. Er ist noch der, den ich kenne. Jetzt ist alles gut. Wir verlieren uns im Gespräch. Mein Leben, so chaotisch und unvorhersehbar. Sein Leben, so konstant und zufrieden. Er ist einer der Angekommenen, derjenigen mit den Füßen fest auf dem Boden, auf den sie gehören. Genau deswegen sind wir nicht mehr zusammen. Es ist richtig so. Ich sehe ihn gerne an. Höre die alten Namen, die alten Witze, die alten Worte. Ich möchte mich darin einwickeln wie in eine Decke. Dann klingelt sein Handy und er muss los. Panik. Ich hatte mir doch etwas vorgenommen. Fast atme ich auf – das ist ein Zeichen. Ich sollte es einfach dabei belassen. Es wäre so schön – es einfach nicht tun. Einfach ein normales Gespräch, ohne Drama, ohne Schmerz. Es nett und unbelastet in Erinnerung behalten. Aber ich weiß auch: Sie ist trügerisch, diese Leichtigkeit. Sie ist noch da, die Schuld. Es ist am Ende doch genau das, was es ist: Jetzt oder nie. Denn irgendwie ist mir klar: Ich werde ihn nie wiedersehen. Nicht so. Das hier ist kein Anfang, es ist ein Abschluss. Ich räuspere mich.

Überrrascht wirkt er nur an einer Stelle während meines langen Monologs mit Kloß im Hals. Als ich sage, dass ich seit ihm keine Beziehung mehr hatte, nicht einmal annähernd. Dass ich mich fühle wie eine Zeitbombe, die tickt und darauf wartet, den nächsten guten Menschen, der sich von mir täuschen lässt, in die Luft zu sprengen. Dass ich das Gefühl habe, mich selbst entschärfen zu müssen. Dass ich es als meine Bürgerpflicht sehe, mich fernzuhalten. Die Guten gehen zu lassen. „Bitte gehen Sie weiter. Hier gibt es nichts zu sehen.“ Er schüttelt den Kopf. „Niemand?“ – „Niemand.“ Ich erzähle nicht von dem einen, der auch nett war. Dem ich erlaubt habe, stehen zu bleiben. Und dann, als er dann auch noch eintreten wollte, im Regen stehen ließ. Warum weiß ich bis heute nicht. Oder eben doch. Das führt zu weit. „Natürlich habe ich dir verziehen. Vor Jahren schon.“, sagt er. Dann steht er auf. „Ich muss jetzt wirklich los. Es war schön, dich zu sehen.“ Wir umarmen uns. An der Tür dreht er sich um: „Leb dein Leben! Es ist vielleicht schmerzhaft. Aber es ist echt nicht schlecht.“ Er lächelt mich noch einmal an, dann geht er. Ich will zahlen und bitte die Kellnerin um die Rechnung. „Längst beglichen.“, sagt sie und grinst.

Es endet genau so ,wie ich es mir gedacht habe – wie es irgendwie immer endet in meinem Leben: mit mir weinend auf der Toilette. Aber das ist in Ordnung. Meine Schwester holt mich ab, und vor ihr darf ich immer weinen. Ich schaue mit ihr und ihrem Mann Tatort und schlafe dann auf dem Sofa einen traumlosen Schlaf. Im Zug zurück nach Berlin kreisen die selben Worte in meinem Kopf, die mich überhaupt zu dieser Reise in die Heimat inspiriert haben. Das Konzept „The Physics of the Quest“ der weisen Elizabeth Gilbert, die auch nichts dafür kann, dass Julia Roberts das Cover ihres Buches ziert: „If you are brave enough to leave behind everything familiar and comforting (which can be anything from your house to your bitter old resentments) and set out on a truth-seeking journey (either externally or internally), and if you are truly willing to regard everything that happens to you on that journey as a clue, and if you accept everyone you meet along the way as a teacher, and if you are prepared – most of all – to face, and forgive, some very difficult realities about yourself – then truth will not be withheld from you.’ Unangenehme Realitäten, ich habe euch einmal mehr ins Gesicht geblickt. Wahrheit, ich warte.

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