Archiv | August, 2013

Der Kuss und der Rat der alten grauen Männer

4 Aug

Die Tatsache, dass ich seit gut einem Jahr nichts geschrieben habe, mag als Faulheit gedeutet werden. Ich sage mir gern laut vor, dass dieser Umstand der Tatsache geschuldet ist, dass ich jetzt beruflich schreibe und abends nicht mehr vor einem weißen Screen mit unverschämt blinkenden schwarzen Strich sitzen will. Die bittere Wahrheit ist aber, dass ich mit dem Blog an sich hadere, weil weiserwerden ein Ding der Unmöglichkeit zu sein scheint. Vielleicht sollte ich ihn umbenennen in Die Unmöglichkeit, weiser zu werden. Oder löschen. Aber Schreiben ist eben auch Verstehen, und weil ich momentan einmal wieder fassungs- und verständnislos vor dem chaotischen Gemälde stehe, das scheinbar meine Berliner Existenz darstellt, tue ich es erneut. 

Ich habe also jemanden kennen gelernt. The curse has been lifted, kann man so sagen. Ich bin sehr stolz auf meine emotionale Reife und großzügige Einstellung zum Leben, mit der ich eingestehe, dass die ganze Nummer eine positive Entwicklung darstellt, obwohl sie – natürlich – böse enden musste. Getroffen habe ich den Mann online, bei einer Plattform namens okcupid, das Lost & Found für Berlins Beste Expat Hipster und Media Warriors. Der Kontrast zur echten Welt könnte nicht krasser sein: Hier ist jeder offen (open), entspannt (easy-going), kreativ (creative) und ein Künstler (I work in media/love photography/write a blog/play in a band). Der perfekte Ort für mich also. Normale Leute gibt es dort auch, wie O., der mir auf eine angenehm unspektakuläre Weise schreibt, dass er mich gern kennen lernen würde. Warum nicht, immerhin ist er aus Israel und macht was mit Film. Für eine zwei-Bier-lange Konversation wird es reichen. Es reicht für vier, und einen Kuss als Belohnung dafür, dass ich ein Mensch bin, der keine Mücken töten kann.

Es folgen vier Wochen, von denen ich die ersten zwei nur halb genieße, weil ich mir nicht vorstellen kann, dass mir so etwas wirklich passiert. Nach acht Jahren Rumgeheule stehe ich wirklich in der Bahn und ziehe hasserfüllte Blicke auf mich, weil ich so unverblümt glücklich bin und deshalb so unverschämt erotisch einen Mann küsse, mit dem ich doch sowieso bald in den eigenen vier Wänden sein werde. Why? Because I can.

Aber: Ich bin auf der Hut. Nicht zu oft melden. Cool sein. Den Ball flach, den Fuss ruhig, die Finger beschäftigt halten. Oder wie das heißt. Idle hands are the devil’s playthings … Und dann der Kuss. Am Sowjetischen Ehrenmahl. Brütende Hitze. Der Mann hat mir seine Wohnung gezeigt. Der Mann hat mich seinem Mitbewohner vorgestellt. Der Mann hat mir eine Zahnbürste gegeben und auf der Straße meine Hand genommen. Jetzt zeigt mir der Mann das Mahnmal, von dem ich 12 Jahre lang dachte, es sei dieser merkwürdige Torbogen im Treptower Park. Das nordkoreanische Horrorareal daneben hab ich irgendwie immer übersehen. Der Mann findet es nicht doof, dass ich beim Abstieg Höhenangst habe. Ich finde es nicht problematisch, mit dem Mann auf einem Massengrab rumzumachen. Dann laufe ich auf einem Mäuerchen, er auf dem Weg, wir halten an und wir küssen uns. Und es passiert etwas, das nicht passieren darf – weil, wenn das wahr ist, dann sind vielleicht auch die anderen Hollywoodliebesfilmklischees gar nicht ausgedacht, und dann, meine Lieben, sind wir wirklich am Arsch. Meine Knie sacken mir weg. Einfach so. Weil der Kuss sich nicht damit begnügt, an meinem Herzen ein Flattern zu verursachen, er wandet weiter in meinen Bauch, wo sich alles irgendwie einmal umdreht, und als sei das nicht ausreichend, sagt er sich: Warum ist dieser Kuss anders als all die anderen Küsse? Weil er ein Meilenstein ist. Ab diesem Kuss wird Rebekka loslassen und zulassen und reinlassen und all das. Deshalb zieht der Kuss weiter zu meinen Knien und sagt: Macht euch mal locker. Ich erschrecke so arg, dass ich den Kuss beende. Ich sage nichts zu dem Mann, aber als ich in der U-Bahn sitze, muss ich weinen. Und zwar zum ersten Mal seit ich in dieser unbarmherzigen Stadt leben aus Glück, nicht aus Trauer oder Wut.

Die nächsten zwei Wochen genieße ich sehr. Tse, sage ich zum Leben, siehste mal. Ich darf auch mal so sein wie die anderen. Die da, im Supermarkt und im Cafe. Ha, ich gehe sogar ins Kino mit dem Mann und einkaufen bei Rewe, und der Mann fasst mir vor dem Weichkäse-Kühlregal heimlich an den Hintern und trägt die Tasche und macht mir einen israelischen Salat. Leider ist das Leben jemand, den man nicht so offensichtlich reizen sollte. Denn das Leben verliert nicht gern das Gesicht. Gut, das kann man irgendwie auch verstehen. Immerhin muss das Leben relativ viele schwierige Entscheidungen treffen und diese tagtäglich vor sehr vielen Menschen glaubhaft vertreten. Hätte ich den Ball flach gehalten, möchte ich glauben – muss ich glauben, um schlafen zu können – hätte das Leben mich damit davon kommen lassen. Aber ich musste es natürlich übertreiben. Ich weiß nicht, ob es der Kuss war oder die Tatsache, dass ich es nach Woche 3 und einem 48 h Entrückt-anschauen-zurück-ins-Bett-gehen-Wochenende in meiner Wohnung meinen Eltern erzählt habe. Eines dieser beiden Ereignisse jedenfalls hat den Rat der alten grauen Männer erreicht. Vergleiche 2011, same story, different language: http://thelisbonstory.wordpress.com/2011/05/21/the-berlin-rant/

Der Rat hatte seit Portugal eigentlich wenig mit mir zu tun und konnte sich getrost anderen Menschen widmen, an denen er seine uns Sterblichen unverständlichen Exempel statuiert. Damals, in Portugal, ging das erste Fax über mich beim Rat ein: „Es gibt einen Fall. Diese Frau, Rebekka, hat einfach den Plan geändert. Der Fluch, der auf ihr liegt, hat bisher alles in Schach gehalten, ihr sind irgendwie immer schlimme Sachen passiert, aber nie schlimm genug für. Sie wissen schon. Aber jetzt ist sie einfach nach Portugal gezogen und ist… glücklich. Wir müssen handeln.“ Lange Konferenzen: Aber wie? Was tun? Das Land im Meer versenken? Schwer zu erklären. Wir nehmen all ihr Geld und zwingen sie zur Rückkehr? Sie hat ja gar keins, Mist. Ich hab es, Kollegen, wir geben ihr eine Krankheit. Abstimmung? Alle dafür? Done.

Ich hatte meine Lektion gelernt, und meine in Schach gehaltene Freude über meinen unverhofften Karrierewechsel zeigt: Man kann mit so einem Fluch schon einigermaßen angenehm leben. Man darf eben nur nicht übermütig werden. Denn dann tagt der Rat der alten grauen Männern. Auch dieses Mal haben sie sich selbst übertroffen. Weil die knospende Beziehung eigentlich wenig Angriffsfläche bot, wurde ein Familiendrama beim Mann auf den Plan gerufen, kombiniert mit einer noch nicht vergessenen Exfreundin. Und so sitze ich in meinem Zimmer, das Handy nach dem gerade beendeten zweiminütigen Gespräch noch in der Hand, starre auf mein kunterbuntes lebensfrohes Regal und denke: Ach ja, da war ja was. Dann muss ich lachen. I had it coming. Regeln geben dem Leben Struktur und der Handlung Sicherheit. Ich habe sie gebrochen. Von weiserwerden keine Spur. Um mit meiner Lieblingsgewinnerversagerin Marin Frist zu sprechen: „Nobody should be listening to me.“

Aber: Weil ich sonst nichts kann und jetzt wieder eine Menge Zeit habe, werde ich wieder mehr schreiben. Und dazu nicht unbedingt auf lebensverändernde Einsichten oder Erlebnisse warten. Vielleicht schreibe ich über mein Onlinedating – ja, nach einer Woche bin ich back in the sattle again – oder darüber, wo ich 2014 hinziehe, wenn ich hoffentlich diese gottverdammte Stadt hinter mir lasse (ob ich sie abbrenne überlege ich noch, ich werde aber natürlich rechtzeitig Bescheid geben). Stay tuned.

P.S.: Bevor ich es vergesse. Der geneigte Leser mag sich in seiner frischen Ehe oder sonstiger glücklichen Beziehung jetzt einen Moment lang pflichtschlechtfühlen. Das ist gewollt. Jetzt ist Handeln angesagt, ihr seid dran. Verkuppelt mich. Kriterien (zwingend): Mann, über 25, tolerant und weltoffen, nicht drogenabhängig, keine Katze. Kriterien (ideal): ruhig, gelassen, gern lustig, nicht gestylt/Künstler/Hipster, eher Jeans-und-T-Shirt-Typ, unprätentiös, lebengenießend, mag Hunde.