Archiv | Oktober, 2013

Das Wir entscheidet

1 Okt

Ist es für mich bereits zu spät, ein Wir zu sein? Nein, ist es nicht. Und ich muss jetzt mal aufhören, mir das immer einzureden. Das ist nämlich eine ganz doofe Angewohnheit, die nicht – wie man annehmen könnte – mit einem niedrigen Selbstwertgefühl zu tun hat, sondern vielmehr mit meiner fehlgeleiteten Theorie des prophylaktischen Trauerns. Meine Therapeutin nennt es auch gern kindliche Allmachtsfantasien. Das kennt ja eigentlich jeder. Wenn ich mit der Befürchtung ins Flugzeug steige, dass es abstürzt, dann stürzt es nicht ab. Das wäre ja langweilig für das Leben, die Strippenzieher (den Rat der alten grauen Männer). Das macht dann ja keinen Spaß, wenn die da unten sich gar nicht erschrecken. Nach dieser Logik stelle ich mir oft vor, dass schlimme Dinge passieren, in der Hoffnung (manchmal Überzeugung), dass ich sie damit quasi entschärft habe. Ich denke oft daran, dass meine Eltern sterben, und wie schlecht ich mich dann fühlen werde wegen all der Dinge , die ich gesagt, getan und nicht gesagt und getan habe. Manchmal bekomme ich abends, wenn ich im Bett liege, plötzlich eine unglaubliche Panik, dass meiner Schwester sterben könnte. Dann zwinge ich mich, das Ganze zu durchleben. Ich muss dann immer ganz arg weinen, aber das Kind in mir glaub dennoch: naja, das war jetzt schlimm, aber immerhin kann es jetzt nicht kehr in Wirklichkeit passieren.  Die Erwachsene, die ich langsam werde, weiß: Die Stunden der Trauer um den Tod meiner Eltern, der wohlgemerkt noch in der Zukunft liegt, werden den Schmerz, den ich empfinden werde, wenn es wirklich soweit ist, nicht schmälern. Alles, was ich erreicht habe, ist mir Stunden der Trauer über rein gar nichts aufzuzwingen. Lebenszeit verschwenden, indem man damit hadert, wie kurz das Leben ist. Das ist so typisch ich, Wahnsinn.

Ebenso die Sache mit dem Alleinsein. Die Wahrscheinlichkeit, dass ich mich mit 40 nicht in trauter Mehrsamkeit auf einem Bauernhof irgendwo wiederfinde, mit knubbeligen Kleinkindern und einem kuscheligen Hund vor dem Kamin – sie ist groß. Das mag allerdings auch an Hof, Kamin und Hund liegen. Bis sich das alles entscheidet, müssen aber noch mindestens fünf Jahre ins Land gehen. Und die Kollegin meiner Schwester ist gerade schwanger geworden – mit 43. Was nützt es also, dass ich heute schon weinend im Bett liege, weil ich aus Versehen einen romantischen Film gesehen habe. Oder einen Ex mit Partnerin. Oder einfach irgendein Paar. Klagen, kämpfen und in Kaninchen-vor-der-Schlange-Starre-verfallen helfen hier nichts. Das einzige, was scheinbar hilft, ist es nicht zu wollen, nicht daran zu denken, und nicht damit zu rechnen. Lustig, wie manche Sachen sich nicht geändert haben, seit ich 12 war. Nicht, dass ich mich in den 20 Jahren einmal daran gehalten hätte.

Was natürlich gemeint ist, ist dass man „seins“ machen sollte, aktiv sein, erfüllt sein, voller Pläne sein, die nicht nur Plan B sind. Sein Leben füllen mit Freunden, Freuden und gern auch Fehden – solange sie ablenken. Ziele haben, die eben nicht nur die Bezeugung unserer täglichen Existenz durch einen Partner sowie die Sicherstellung eines gewissen Nachwuchses beinhalten. Das stimmt alles sicherlich. Dennoch glaube ich auch, dass der Langzeitsingle eine Verantwortung dafür trägt, sich nicht zu sehr verschroben zu lassen. Ich benutze diesen Ausdruck bewusst als ausgedachtes Verb. In meinem Kopf lautet der Infinitiv „verschrauben“. Der Begriff verschroben ist laut Duden nämlich „eigentlich mundartlich stark gebeugtes 2. Partizip von veraltet verschrauben = verkehrt schrauben“. Um in eine Windung zu passen, braucht eine Schraube eine gewisse Form – daran erinnert mich dieser Begriff. Wie Steine in einem Fluss schleift das Leben uns langsam ab. Immer mehr gleichen wir uns unserer spezifischen Umgebung, unseren spezifischen Lebensumständen, Gewohnheiten, Präferenzen an – unserem Gewinde. Früher waren wir vielleicht flexibel auch in andere Leben einsetzbar, jetzt reiben wir uns oder kommen erst gar nicht rein, wenn uns jemand doch einmal die Tür zu seiner oder ihrer Existenz öffnet. Es passt nicht. Es kneift und drückt. Lieber wieder nach Hause.

Ich bin schon sehr lang allein, es kommt mir vor, als wäre die Zeit, in der ich es nicht war, die Ausnahme nicht der Normalzustand. Ich war schon als Kind gern allein, und früh autark. Nach dem Feriencamp wollte ich nicht nach Hause, Heimweg kannte ich nicht. Angst auch selten. Mit 12 fuhr ich lieber quer durch London mit der U-Bahn zum Hotel, als mit der Reisegruppe irgendetwas langweiliges zu besichtigen. Die emotionalsten Momente, die schönsten Aus- und Augenblicke, die Gänsehaut-erzeugenden Erkenntnisse habe ich immer allein erlebt. Die größten Entscheidungen allein getroffen. Und je mehr Zeit vergeht, desto mehr ziehe ich mich in mich zurück.

Letztens mit Freunden in einer Kneipe. Es ist Wahlabend, und Bier und Mexikaner-Shots sollen über die Gefühle von – um mit der Titanic zu sprechen – „Angst und Schrecken“ hinweghelfen, welche die Ergebnisse zumindest in meinem Deutschland verbreiten. Nach ein paar Bier will ich nach Hause, schließlich ist am nächsten Tag mein erster Arbeitstag nach drei Wochen Ferien. Der Freund meiner Freundin, der auch in der Runde sitzt, ist irritiert: „Wir gehen doch auch gleich, warte doch noch fünf Minuten, bis wir ausgetrunken haben.“ Ich bin ebenfalls völlig irritiert. Nicht, weil ich mich angegriffen fühle – er ist nett und meint es nett – sondern, weil ich niemals auf diese Idee gekommen wäre. Es macht ja auch keinen Sinn, denn niemand muss dem anderen beim Bezahlen helfen, alle schaffen es allein, ihre Mäntel anzuziehen und die schwere Holztür aufzustemmen, keiner hat den selben Heimweg wie ich, niemand braucht meinen Hausschlüssel. „Warum?“ frage ich ihn – ich will einfach nur verstehen. „Naja, das macht man doch so.“ Ich setzte mich wieder, ein wenig wie ein geprügelter Hund in Jacke und Schal. Stimmt etwa etwas nicht mit mir? Bin ich zu wenig wir-sinnig und zu viel ich-sinnig? Ist es zu spät für mich – nicht im temporären Sinne, sondern im persönlichen? Habe ich meine von Beginn an individualistische Persönlichkeit zu weit getrieben, um überhaupt noch paarfähig zu sein?

Noch schlimmer ist folgender Gedanke: Wenn ich ehrlich bin, steht der Verschrobenheitsvorwurf schon seit geraumer Zeit im Raum. Eine Affäre aus meiner Uni-Zeit fragte mich vor bereits gut acht Jahren: „Kann es sein, dass du irgendwie total verschroben bist?“ Ihn hatte ich mehrmals in meine Wohnung und mein Bett gelassen – gekannt habe ich ihn nicht und er mich noch weniger. Vielleicht verstärkt sich meine Verschrobenheit gar nicht mit jedem Jahr, das ich alleine bestreite. Vielleicht bleibt sie einfach gleich hoch. Aber was heißt das dann? Oh man, ich brauche dringend irgendein Ziel.