Archiv | Januar, 2015

Auf der Suche nach dem nachhaltigen Glück

20 Jan

Nachhaltig leben und reisen – das ist das Motto der Online-Community Tribewanted. An einem ganz besonderen Ort in der Mitte Italiens, Tribewanted Monestevole, sucht die Autorin nach Inspiration für das, was ein glückliches Leben ausmacht.

Die Lichter gehen früh aus in Monestevole. Das Abendessen ist beendet, die leeren Platten mit den Resten von Salat und Gemüse aus dem Garten, handgemachter Pasta und selbst geschlachtetem Fleisch wurden abgeräumt und eingeweicht. Die Spülmaschine säubert unzählige Gläser und Tassen vom Hauswein und stark gezuckertem Espresso. Der massive, grob gezimmerte Holztisch, der 20 Leuten Platz bietet und an dem nach dem Essen noch ein paar Runden Briscola gezockt wurden, ist leer. Vor dem Küchenfenster freuen sich sich wilde Katzen über ein paar Fleischreste. Der Koch ist noch wach. Es ist Zeit für die letzte Zigarette seines Tages. Für ihn ist dies der Feierabend, die Stunde, nachdem sich die meisten Gäste auf ihre Zimmer zurückgezogen haben, die Geschirrspülmaschine läuft und die Töpfe und Pfannen einweichen. Mit dem Seufzen eines Mannes, der den ganzen Tag auf den Beinen ist, setzt er sich auf die Bank vor der Küchentür. Dollie, die zierliche Jagdhündin mit den Bernsteinaugen, kommt sofort und bettet ihren Kopf in seinen Schoss. Die Katzen hingegen strafen ihren Versorger mit Nichtachtung, ignorieren ihn mit der Arroganz derer, die wissen, dass sie sich Gutmütigkeit gegenüber wähnen dürfen. Der Koch ist glücklich hier, mit der Küche, seinem Reich, im Rücken und den Hügeln Umbriens im Blick.

MEDION Digital Camera

Glücklich durch Arbeiten – arbeiten fürs Glück?

Das Gut Monestevole liegt tief im grünen hügeligen Umbrien, in der Mitte Italiens – und, wenn man den Anwohnern glaubt – der Welt. Hoch oben auf der Hügelkuppe, durch eine ca. zehn Kilometer lange Straßen mit Haarnadelkurven und bedrohlichen Abhängen entfernt vom nächsten Örtchen, leben Bewohner und Gäste hier in einem Mikrokosmos, dessen Tagesablauf von den Tieren, Feldern, Gärten und natürlich den Mahlzeiten strukturiert wird. Betrieben wird der Hof als eine Art Hotel von der Onlinecommunity Tribewanted. Deren Mitglieder weltweit finanzieren mit moderaten Monatsbeiträgen den Aufbau nachhaltiger Lebensgemeinschaften mit dem Anspruch, selbstversorgend zu leben. Das schließt neben Nahrungsmitteln auch die Strom- und Wasserversorgung ein. Angefangen in Fidschi ist Tribewanted mittlerweile auch in Sierra Leone und eben in Umbrien zu finden. Die Idee: Sowohl Mitglieder als auch Nichtmitglieder machen Urlaub in einer wunderschönen Umgebung und mit Vollverpflegung – erstere zu einem günstigeren Preis – und packen bei Interesse mit an, um das jeweilige Tribewanted Projekt mit eigener Kraft einen Schritt voranzubringen. Ob der Bau einer neuen Scheune für die Pferde, Rinder, Ziegen oder Schweine, die hier in Umbrien so idyllisch leben, wie es in Europa wohl möglich ist, beim Pflanzen von Knoblauch, beim Herstellen von organischen Seifen und Cremes oder bei der alljährlichen Wein- und Olivenernte – die Möglichkeiten, sich zu beteiligen sind zahllos. Und wenn nach dem im Sommer draußen eingenommenen Essen die Teller leer aber die Weingläser noch voll sind, die Grillen beginnen, mit der leisen Musik aus dem Grammofon zu konkurrieren, dann ist kaum ein Gast davor gefeit, seine bisherige Vorstellung vom Glücklichsein zu hinterfragen, dann kann sich kaum einer des Gefühls zu verwehren, dass dies hier ein ganz besonderer Ort und das Leben hier ein ganz besonderes Leben sein muss.

Ehrgeiz jetzt, Zufriedenheit später?

Umgeben von seinen Gästen aus Deutschland, England, den Niederlanden und Australien sitzt Filippo am großen Tisch und denkt voller Sorge an den morgigen Tag. Der Tribewanted Mitbegründer und Manager von Monestevole hat selbst ein Jahr lang am Strand von Sierra Leone gelebt. Davor wirkt seine Biografie wie von einem Karriereplaner erdacht: lange Auslandsaufenthalte schon als Kind und Jugendliche in Frankreich und den USA, eine Ivy League Collegeausbildung in Boston, dann Finanzberater in New York. Trotz seines politischen Engagements und Erfolgen als Dokumentarfilmer, der einst Rapstars nach Sierra Leone brachte, um über Blutdiamanten aufzuklären, und trotz seines Outfits – legeres Leinenhemd, Jeans und offene Lederboots – wirkt Filippo immer noch ein bisschen wie ein Banker. Der 32-Jährige ist ehrgeizig, und es ist ihm wichtig, dass Tribewanted Monestevole, hier in seiner Heimat, einen rundum guten Eindruck macht. Deshalb denkt Filippo, während er eine Mandarine schält und scheinbar interessiert den Diskussionen seiner Gäste über Ökotourismus lauscht, an den morgigen Tag: an Einkäufe, Ankünfte, Abreisen und an die Kosten für das undichte Scheunendach, von dem ihm die ortsansässigen Farmarbeiter berichtet haben. Nichts davon sollen seine Gäste mitbekommen – Filippo ist ein PR-Profi. Fragen Journalisten nach einem Interview, so ist es er, der antwortet – in fließendem Englisch natürlich. Für Filippo liegt Zufriedenheit im Erfolg: seinem, dem von Monestevole, und dem der Idee von Tribewanted. Ob er glücklich ist, fragt er sich nicht. Dafür ist später Zeit.

It takes a village …

Filippo war es, der 2010 das Landgut Monestevole entdeckt und an die Tür der Besitzer geklopft hat. Geöffnet wurde ihm von Alessio und Valeria, seit mehr als 15 Jahren verheiratet und Eltern von vier Kindern. Ohne sie gäbe es Monestevole nicht, denn in über zehn Jahren harter Arbeit haben sie aus einer Ruine ein Juwel gemacht. Das Ergebnis: Ein ausladendes Feldsteingebäude aus dem 15. Jahrhundert mit mehreren Flügeln und Nebengebäuden, unzähligen Nischen, Winkeln, rustikal gezimmerten Türen, bunten Kacheln an den Wänden, kleinen Sprossenfenstern mit Fensterläden, Eingängen auf verschiedenen Ebenen, über schiefe Treppchen erreichbar, eindrucksvollen Türbögen und freigelegten Dachbalken, unter denen dank Tribewanted nun Gäste aus aller Welt vom Heuschreckenkonzert in den Schlaf begleitet werden. Alessio ist eine beeindruckende Person, eine Mischung aus exzentrischem Künstler und bodenständigem Farmer. Ein untersetzter Mann mit blondem Rauschebart, wettergegerbtem Gesicht und eisblauen Augen. Ein Mann, dessen Nähe Pferde genießen, ein Mann, dem Hunde folgen, dem Bäume sich – so scheint es – entgegenlehnen. Alessio bemerkt nichts von dem und bedenkt Hund, Pferd und Baum mit einem beiläufigen Tätscheln – sie sind Teil von ihm und er von ihnen. Alessio stammt aus Umbertide, dem kleinen Ort unten im Tal. Er hat sein ganzes Leben hier verbracht. Ein Mann, der weiß wer er ist und was er will. Deshalb wusste Alessio auch bereits mit 20 Jahren, dass er Valeria heiraten wollte. Und die beiden wussten wenig später genau, dass sie die heruntergekommene Gutshofruine oben auf dem Hügel kaufen und renovieren würden – ohne viel Geld aber mit viel Geduld und dem Einsatz eines ganzen Dorfes. Das war lange, bevor Tribewanted an die Tür klopfte – der Hof bis dahin ein Projekt ohne bestimmten Ausgang, ein Projekt um seiner selbst willen, und für die vier Kinder, die er von hier ins Leben entlässt. Seit Tribewanted da ist, ist Alessio mit seiner Familie in ein Nebengebäude gezogen. Dass nun Fremde in seinem Haus wohnen, stört ihn nicht. Er weiß: Dinge verändern sich, aber das Gut wird bleiben. Nur eines ist ihm heilig, die Bank auf der Anhöhe hinter seinem Haus. Er ist glücklich, wenn er Musik macht, und wenn er abends mit seiner Zigarette auf dieser Bank am höchsten Punkt des Hügels sitzt und herunterblickt auf das, was er geschaffen hat. Der gesamte Hof gehört dann wieder ihm, für einen Moment.

Ist geborgtes Glück die Lösung?

Rebekka, die Schreiberin, sitzt im leeren Wohnzimmer von Monestevole und denkt über geborgtes Glück nach. Sie möchte sich konzentrieren und etwas von Wert produzieren, über Glück, aber sie ist rastlos, denn sie ist verliebt. In diesen Ort, dieses Haus, für das Tribewanted nur eine Phase in einem langen Leben ist. Und in die Hündin Dollie mit den Bernsteinaugen, die draußen an einem Knochen nagt. Nach dem Abendessen, wenn sich die übrigen Gäste zurückziehen, der Koch in der Küche pfeift, Alessio zu seiner Bank auf den Hügel steigt und Filippo sich in seinem Büro den Zahlen widmet, sitzt Rebekka für gewöhnlich hier, an dem ausladenden grob gezimmerten Holztisch, und verliert sich in ihren Gedanken. Der Aufenthalt in Monestevole sollte Abstand bringen zum stressigen Alltag in Berlin, einem Stress, der neben den langen U-Bahnfahrten und späten Abenden in der Werbeagentur vor allem darin liegt, dass sie sich an einem Ort und einem Leben wähnt, die sie nicht komplett glücklich machen. Rebekka ist ratlos: Wie soll sie ihr Leben gestalten, wenn dieser Ort ihr das untrügliche Gefühl gibt, dass das Glück nicht in Geld oder Sicherheit liegt, sondern in einem Projekt, in einem mit Wert erfüllten Tun, in einem Hund?

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Hier bleiben kann sie nicht, das weiß sie. Dieses Projekt kopieren, das Glück der Menschen hier borgen, wird keine Erfüllung bringen, denn Alessio ist Alessio, Filippo ist Filippo, der Koch ist der Koch – und Rebekka ist Rebekka. Ihre Küche ist das Schreiben. Ihre Ruine ist ein umstrittener Markt und die Angst vor finanzieller Unsicherheit. Ihr Hund ist das Bedürfnis nach Konstanz. All das weiß Rebekka, und abends vor ihrem Computer versucht sie, die Weisheit von Monestevole zu kondensieren, für sich selbst zu durchsuchen nach Hinweisen und die Magie dieses Ortes auf weiße Seiten zu bannen. Die Dunkelheit, die sie umgibt, die Geräusche von Füchsen und Wildschweinen, das Knarren des Holzes, all das macht ihr keine Angst. Sie sind kein Vergleich zum Knarren der Treppenstufen, zum Pfeifen der Männer in Berlin, wo sie sich fremd und bedroht fühlt. Hier in Monestevole steigt sie abends – den Computer unter dem Arm – die Außentreppe zu ihrem Wohnbereich hoch, in kompletter Dunkelheit, und stolpert fast über Dollie, die jede Nacht auf ihrer Fußmatte schläft und sich jeden Morgen mit ihr erhebt, wenn die ersten Tiere sich rühren und der Kaffeeduft das Haus umarmt. Rebekka vermisst die Stadt nicht, nicht ihre Lichter, nicht ihre Geräusche, ihre Hektik, ihre Möglichkeiten. Sie ist glücklich hier, und weiß gleichzeitig, dass in diesem Glück eine Frage liegt, auf die sie keine Antwort weiß.

 

 

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