Archiv | Oktober, 2015

Wer suchet, der findet

27 Okt

Ein überfüllter Zug ruckelt durch Polen. Draußen ist es dunkel. Ich kauere auf dem Boden vor der automatischen Wagendurchgangstür. Immer, wenn sie sich öffnet, weht weiße Asche hinein und bedeckt meinen schwarzen Kapuzenpulli. Stunden vergehen, bevor wir in Warschau ankommen. Klingt schlimm? Es mag so wirken. Aber diese Stunden waren einige der schönsten meines Lebens. Wir hatten ein beeindruckendes Wochenende in Krakau hinter uns, damals, vor 12 Jahren. Auf dem Heimweg fielen fast alle Züge aus, es war voll, es war spät. Und ich war entrückt. Währen dich dort saß und Belle and Sebastian auf meinem Diskman (ja!) hörte und die Asche hineinblies, da hüpfte mein Herz. Ich wusste, wer ich war: eine Reisende, eine Abenteurerin. Und so sollte es bleiben.

Seither habe ich, was das Reisen angeht, so meine Theorie. Die Menschen, die ich kenne, kann ich zwei klaren Kategorien zuordnen: den Suchenden und den Nicht-Suchenden. Wobei mir gerade auffällt, dass ich als bekennende Suchende der Gegenfaktion direkt einen negativ anmutenden Namen zuteile. Das geht auch andersherum. Nennen wir sie die Fertiggesuchten. Die Mehrzahl der Fertiggesuchten in meinem Bekanntenkreis wohnt in meiner Heimat und hat Kinder und Häuser. Aber auch bevor sie Kinder und Häuser hatten, zog es sie nicht in die Ferne. Urlaub ist für sie eher eine Zeit der Entspannung als des Entdeckens. Komfort steht an oberster Stelle. Und den findet kann in der Nähe natürlich leichter und bezahlbarer als in der Ferne. Centerparks, ein Wellness Hotel auf Sylt. Gern jedes Jahr an denselben Ort, da weiß man, dass es einem gefällt. Und gern immer zur gleichen Zeit – da weiß man, wie das Wetter wird.

Ich hingegen kann nicht genau steuern, wann ich verreise. Als Suchende ist für mich das Reisen ins Unbekannte ein Grundbedürfnis. Es muss nicht jeden Tag sein, dafür habe ich weder Zeit noch Geld, und außerdem bin ich zu alt für die Strapazen. Aber ab und an – und wann, das sagt mir mein Bauch, nicht mein Kontostand – muss es sein, und dann möglichst sofort. Gebe ich dem nicht nach, werde ich erst launisch, dann melancholisch, irgendwann unerträglich.

Leider befinde ich mich wie viele andere in einem recht unflexiblen Arbeitsverhältnis und kann nicht einfach für geraume Zeit verschwinden. Dieses grausame Dilemma „Geld aber keine Zeit /Zeit aber kein Geld“ kennen viele. Zum Glück gibt es als kleine Übergangsdroge den Wochenendtrip. Und zum Glück funktioniert das Suchen und das Finden – zumindest bei mir – schon auf kleinster Ebene – wie ich neulich in Brandenburg feststellen durfte.


Es sind drei Faktoren, die mich Ende August für ein Wochenende nach Chorin im Biosphärenreservat Schorfheide führen:

  1. Wegen des Choriner Musiksommers (Empfehlung!) war ich einige Zeit vorher dort gewesen, hatte aber wenig Zeit gehabt, mich außerhalb des Klosters in der Gegend umzusehen.
  2. Ich habe vor Kurzem mein Fahrrad reparieren lassen und bin noch ganz verliebt in diesen Kick des Radfahrens. Also war ein kleiner Fahrradausflug am Wochenende genau das Richtige.
  3. Mein Freund ist verreist und ich weiß bereits seit langem, dass ich aller Abenteuersuche zum Trotz ein echter Angsthase bin, wenn es darum geht, nachts allein in der Wohnung zu sein. Die Lösung: ein relativ spontaner Trip nach Chorin. Denn das Wichtigste für Suchende: Nicht wissen, was einen erwartet.

22. AUGUST, 7:30 UHR

Ich habe schlecht geschlafen und fühle mich etwas matt, als ich mich aufs Fahrrad schwinge, um zum Hauptbahnhof zu radeln. Ich muss mich aber beeilen, denn wenn ich den Zug nicht erwische, komme ich zu spät zur Hofführung auf dem demeter Hof Brodowin – meinem ersten Ziel in und um Chorin. Das Ökodorf Brodowin ist ein ganz wunderschöner Ort mit einem grasbewachsenen Kirchplatz, umgeben von meist liebevoll restaurierten Häusern. Von Chorin hierher sind es ca. 8 Kilometer. Die Zugfahrt entpuppt sich als eher stressig, da eine riesige Meute an meist älteren Wochenendradlern in die Schorfheide streben und nach uns nach ihre Räder vor meines stellen. Leider muss ich als erstes raus.

ZugBahnhof_Chorin

Irgendwie schaffe ich es und stehe mitten im nirgendwo – aka der Bahnhof Chorin. Sehr charmant ist es hier, mit einem kleinen Café und einer Touristeninformation. Ich kaufe eine Radkarte und mache mich auf den Weg. Schon nach 200 Metern stocke ich. Das kann nicht stimmen, vor mir liegt eine unscheinbare kiesbedeckte Straße mit ganz normalen Wohnhäusern. Irgendwie bin ich hier falsch. Ich fahre zurück, umrunde die Kirche – nein, es muss hier sein. Bei meinem klapprigen Stadtrad ohne Stoßdämpfer – und übrigens auch ohne Gangschaltung – hilft nur eins: Absteigen. So schiebe ich erst einmal ein ganzes Stück. an wunderschönen Häusern (Neid!!) vorbei und dann durch einen Wald. Fast ein bisschen unheimlich hier. Habe ich eigentlich jemandem erzählt, dass ich hierher fahre? Immerhin habe ich mein Pfefferspray in der Bauchtasche – zum Schutz gegen tollwütige Hunde und Wildschweine natürlich.

Als sich der Wad lichtet und ich auf die Hauptstraße stoße, auf der ich jetzt die verbleibenden 7 Kilometer weiterfahren soll, bin ich nicht weniger verunsichert: Auf der kurvigen Straße rasen die Autos an mir vorbei, einen Fahrradweg gibt es nicht. Kann das stimmen? Darf man hier überhaupt Rad fahren? Ich warte unentschlossen, bis eine ganze Gruppe in Neonfarben gekleideter Rennradfahrer an mir vorbeischießt. Nur Mut, Rebekka, wird schon schiefgehen. Die mittlerweile knallende Sonne ist nicht der einzige Grund, warum mir bei meiner Ankunft in Brodowin der Schweiß nur so runterrinnt: So manch ein überholendes Autos waren mir für meinen Geschmack ein wenig zu nah gekommen. Aber ich habe es geschafft und bin in  Brodowin.

Die Hofführung in Brodowin

Der Hofladen bietet neben dem hier hergestellten Käse auch diverse andere Biolebensmittel – und serviert frisch gekochtes Essen vom Hof. Dafür ist jetzt leider keine Zeit, denn draußen versammeln sich an die 20 Interessierten, die eigens für die Hofführung hergekommen sind, meist aus Berlin. An ihren frischen Gesichtern erkenne ich, dass die Mehrzahl mit dem PKW angereist ist. Während der Führung erfahre ich viel über die Aufzucht von Milchkühen. Vieles ist sehr positiv, zum Beispiel der ständige Zugang der Milchkühe zur Wiese und die Haltung in Herden. Negativ überrascht mich, wie wenig Bewegungsfreiheit die Kälbchen haben. Ich bin kein Profi, aber ich habe in der Heimat NRW mehr Kälber mit Müttern auf grünen Wiesen gesehen, als es hier der Fall zu sein scheint.

KalbBrodowin_Hofladen

Besonders beeindruckt mich das Bruderhahnprojekt und das mobile Hühnermobil, mit dem alle Hühner jede Nacht auf einem großen Feld von Parzelle zu Parzelle transportiert werden, damit sie immer frisches grünes Grad zum Picken haben. Das Mobil funktioniert komplett ferngesteuert. Eine tolle Idee. Gegen Ende der Führung wird mir etwas schummrig, ich habe noch nicht richtig gegessen. Ich spare mir also den Teil zur Käseherstellung in der hofeigenen Meierei und mache statt dessen den Praxistest: eine Brodowiner Käseplatte, begleitet von einem ganz wunderbaren Dinkelbier. Ich strecke die Beine von mir und denke: So dürfte das Leben jeden Samstag sein.

Brodowiner_Kaeseplatte

Auf ins Hotel am See

Als der Käse vertilgt und das Bier leer ist, habe ich wieder genug Kraft, um mich auf die nächste Etappe meiner Radtour zu machen. Aufs ins Seehotel Mühlenhaus, wo ich für die Nacht ein Zimmer gebucht habe. Vielleicht kann ich sogar eine Runde schwimmen. Nach etwa 10 Kilometern, die mich erneut durch Chorin führen, find ich etwas abseits der Straße das Hotel, wo ich trotz meiner Aufmachung freundlich begrüßt werde. Erst einmal eine Dusche und kurz den Fernseher angeschaltet – diese Beschallung bekomme ich zuhause ja nicht. Das Informationsblatt verrät, dass die Küche im Hotelrestaurant um 21:30 Uhr schließt. Ich bin wirklich nicht mehr in Berlin.

Dann zieht es mich nach draußen, an den See hinter dem Hotel. Er heißt wunderbarerweise Großer Heiliger See. Meine Schwimmsachen habe ich leider vergessen, aber auf einer der Liegen am Ufer kann ich vielleicht etwas schreiben. An meinen Computer habe ich nämlich gedacht. Gesagt, getan: Ich verbringe zwei Stunden in kompletter Stille, nur ein paar Gesprächsfetzen einheimischer Gäste sind von der Restaurantterrasse zu hören. Als es dämmert, kommt ein Paar aus dem Hotel und schwimmt. Ich bin neidisch, allerdings ist es mittlerweile auch ein wenig kühl. Ich bin zufrieden mit dem Geschriebenen, zufrieden mit dem Ausflug. Irgendwie ganz ruhig. Und gleichzeitig ganz energiegeladen. Und ich freue mich, morgen wieder aufs Rad zu steigen. Jetzt merke ich aber erst einmal, wie hungrig ich bin.

SeeblickSeehotel_Muehlenhof

Seeblick, schlemmen, schlafen

Für das Abendessen in dem Restaurant, von dem ich viel Gutes gelesen habe, ziehe ich mich sogar um. Und zu Recht, das Essen und der Service sind exzellent. Ich esse cremig gebackenen Ziegenkäse mit Salat, bekomme sogar eine Weinempfehlung. Dazu der unschlagbare Ausblick auf den See. Wie ein Scherenschnitt zieht in der Dämmerung ein Ruderboot über die spiegelglatte Oberfläche. Zwei Männer sitzen darin und angeln. Alles ist still, sogar in meinem Kopf, in dem sonst gern die Gedanken rasen. Um 22 Uhr gehe ich ins Bett. Meine Augen fallen sofort zu.

Grosser_Heiliger_See

23. AUGUST, 9 UHR

Ich bin kein Typ für Hotelfrühstück, ich bin generell keine Frühstückerin. Also begnüge ich mich mit Kaffee – erneut mit Seeblick – und mache mich schnell auf den Weg. Ich möchte mir das Kloster erneut anschauen und ein wenig in Chorin herumirren, bevor mein Zug fährt. Der Rückweg beginnt mit einem steilen Hang – gestern bin ich ihn beseelt hinabgesegelt, heute muss ich rauf. Links der Amtssee. Ich muss wirklich kämpfen (wie gesagt, keine Gangschaltung), aber ich bin auch sturr: Absteigen ist für Feiglinge. Zur Belohnung erblicke ich nach Ende der Quälerei links das Kloster. Anstatt reinzugehen – da war ich ja schon einmal – laufe ich liebe einmal um das Gebäude herum. Und stoße auf einen wunderschönen Friedhof, umrandet von einem zierlichen Lattenzaun und überdacht von einem großen alten Laubbaum. Unter ihm stehend, blicke ich direkt auf den See. Auch hier: keine Menschenseele. Dieser Ort gefällt mir sehr. Mir kommt der Gedanke: Sollte ich einmal heiraten, würde ich es gern hier tun. Leider bezweifle ich, dass die Verwalter des Klosters, in dem häufig Trauungen gehalten werden, den Friedhof als angebrachten Ort betrachten würden. Ich hingegen finde es einen sehr angebrachten Ort. Heiraten gewinnt doch seine Bedeutung doch gerade daraus, dass wir nur eine begrenzte Zeit zu leben haben. Finde ich jedenfalls.

Hunger, Historie, ab nach Hause

Ohne Frühstück losfahren heißt, dass mittags schnell der Magen knurrt. Zum Glück gibt es in Chorin eine Menge Hotels und Gasthöfe. Einer weiteren Empfehlung folgend, kämpfe ich mich mit dem Rad einen weiteren Hügel hinauf – zum Waldseehotel Frenz. Hier ergattere ich, da es noch früh ist, einen Tisch mit Seeblick. Unten schwimmen Kindern jauchzend auf Luftmatratzen im Amtssee, oben sitze ich und freue mich auf das vegetarische Hauptgericht. Das Essen ist solide, aber nicht so überragend wie im Mühlenhaus. Als ich aufblicke, sehe ich, dass sich inzwischen die gesamte Terrasse mit Hotelgästen und anderen Besuchern gefüllt hat. Sämtliche Tische mit Seeblick sind belegt. Und ich sitze gedankenverloren ganz allein an einem Vierertisch. Ich winke ein älteres Paar heran, das gerade reingehen will und fordere sie auf, sich doch an meinen Tisch zu setzen. Sie nehmen gern an und ich freue mich über ihre Gesellschaft, denn die beiden kennen sich bestens in der Gegend aus und erzählen mir so einiges zu Geschichte des Klosters und seiner Rolle währen der DDR-Zeit.

Seehotel_FrenzFahrradJPG

Leider muss ich aufbrechen, mein Zug geht in einer halben Stunde. Vom Hotel ist der Weg zum Bahnhof ausgeschildert. Erneut halte ich nach wenigen hundert Metern skeptisch an: Ich befinde mich ganz allein in einem Wald, folge einem S-förmigen, sehr unbefestigten Waldweg, auf dem ich lieber schieben würde. Leider ist dafür keine Zeit. Ich denke: Ich muss hier falsch sein, das kann doch nicht der offizielle Weg zum Bahnhof sein. Doch, er ist es, stelle ich fest, als ich endlich auf eine befahrbare Straße stoße. So endet mein kleiner Trip genau, wie er angefangen hat.

Ein Zug in Polen, ein Zug in Brandenburg, ein Zug in … ?

Im Zug nach Berlin bin ich selig. Diese dermaßen kurze Zeit hat mich vollkommen herausgeholt aus meinem mühsamen Stadt-Dasein. Schlechtgelaunte Menschen im Supermarkt. Umsteigen am Alexanderplatz. Schlimmer: Umsteigen am Hermannpatz. Neonlicht. Autolärm. Jetzt und hier bin ich wieder im Zug in Polen. Im Taxi in New York. Oder am Strand in Portugal. Ich bin aufgebrochen und wusste nicht, was kommt. Mehr Zutaten scheint mein Glück nicht zu benötigen.

Zurück am Berliner Hauptbahnhof: Der Kopf voller Träume, die Beine voller Lust, weiter zu strampeln. Eine Erkenntnis, vor allen anderen: Wie schön es ist zu wissen, dass mir auch der kleinste Trip – ohne ferne Länder, ohne Wildzelten, ohne Abenteuer – dieses Gefühl zurückbringen kann.

Und eine Frage: Wo fahre ich als nächstes hin?