Gefühle im Eisfach oder: Trauern mit Kind

15 Dez

Aktuell wird viel gestritten über das sogenannte Attachment Parenting, einer auf Dr. William Sears beruhenden Erziehungsphilosophie, die auf Nähe, Respekt, Bindung setzt. Attachment Parenting sei antifeministisch, weil es die Mutter zur Selbstaufgabe nötigen würde, heißt es. Ich habe die Debatte verfolgt und denke, hier gilt wie bei so vielem: Das Ganze ist, was man draus macht. So glaube ich zum Beispiel, dass vieles von dem, was ich und andere Mütter, die ich kenne, als notwendig ansehen, nicht wirklich nötig ist. Dass wir mehr an uns denken könnten – mal abpumpen und Papa füttern lassen, Babysitter suchen, darauf bestehen, uns die Zähne zu putzen, bevor wir das Haus verlassen – ohne unsere Babies zu traumatisieren.

Aber man muss auch nicht so tun, als wäre Selbstaufgabe nur ein selbst geschaffenes Problem. Denn es ist schon so: Das Baby kommt zuerst, weil es sich eben nicht selbst helfen kann. Es gibt keinen Plan B. Und kollidieren meine Bedürfnisse mit denen des Babies, stecke ich zurück. Wie hart das ist, merke ich in einer Extremsituation – dem Tod meiner Mutter.

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In dem Moment, als ich schwanger werde, wird meine Mutter krank. Es ist ihre dritte schwere Erkrankung, seit fast 30 Jahren kämpft sie gegen ihren Körper. Und ich habe über ein Jahr versucht, schwanger zu werden. Jetzt treffen diese beiden Ereignisse aufeinander, kurz vor Weihnachten. Wie ernst die Lage ist, ist in diesem Moment aber noch nicht abzusehen. Zunächst sind die Besuche daheim mehr oder weniger normal und wir telefonieren noch ab und an. Sie hat viele klare Momente, in denen sie sich über die Nachricht, dass ihr fünftes Enkelkind auf dem Weg ist, freut.
„Das wird endlich eins wie wir,“ sage ich und wir grinsen uns verschwörerisch an.
Denn in meiner Familie sind meine Mutter und ich die einzigen kleinen Dunklen unter großen robusten blonden Menschen. Und sämtliche Enkel schlagen sich bisher schamlos auf die Seite der nordischen Giganten.

In den folgenden Monaten verschlechtert sich der Zustand meiner Mutter stetig.
Am Telefon bemerke ich häufig, dass sie Standardantworten gibt, dem Gespräch gar nicht richtig folgt. Ich versuche, so oft wie möglich in die Heimat zu reisen, mich zu kümmern – trotz Schwangerschaft. Zeige ihr stolz die erste Bauchrundung, aber der erhoffte Enthusiasmus bleibt aus. Ich lese Berichte, spreche mit Ärzten. Recherchiere im Internet, befrage Experten an der Charité. Und sorge mich, ob das Kind im Bauch den ganzen Stress mitbekommt. Ob es weiß, dass ich viel weine.

Am Ende ist alles umsonst. Monate vor ihrem Tod hat sich meine Mutter bereits verabschiedet. Ich fahre noch einmal hin, hochschwanger. Sie spricht nicht, schaut nur. Ich stelle uns ein Hörbuch an, setze mich neben sie, die Füße hochgelegt, und nehme ihre Hand. Und dann weine ich, weil ich jetzt weiß, dass meine Mutter mein Kind nicht mehr kennenlernen wird. Und als eine Art verzweifelter letzter Test, denn so wie ich instinktiv mein Baby vor allem Schlechten bewahren und beschützen möchte, will meine Mama für mich, ihr Baby, ebenfalls nur das Beste. Dass es nicht leidet. Und jetzt steht ihr Kind vor einem lebensverändernden Ereignis und leidet sehr. Als Mutter wird – muss – sie da reagieren. Die Hand drücken, vielleicht den Kopf drehen. Irgendetwas. Aber meine Mutter regt sich nicht. Ich fahre zurück nach Berlin.

Emilio kommt zweieinhalb Wochen vor dem errechneten Termin zur Welt. Ein Zeichen vielleicht, denke ich. Dem Lauf der Zeit ein Schnäppchen geschlagen. Aber das Baby ist zart und braucht eine Weile, in der Welt anzukommen. Bis ich mich traue, die Reise mit ihm zu bestreiten, vergehen zwei Monate. Als ich meiner Mutter das Kind vors Gesicht halte, es auf ihre Brust lege, regt sich nichts hinter ihren braunen Augen. Dabei schauen sie nun zwei große brauen Augen zurück an.
„Hier ist er,“ sage ich. „Endlich ein Dunkler, Mama.“
Am Ende hat sie sich durchgesetzt. Aber wir sind zu spät.

Bevor ich gehe, will ich meine Mutter küssen, aber es geht nicht, denn das Kind schläft im Tragetuch. Es reicht nur für einen Kuss auf die Hand. Im Nachhinein: eine unmögliche Situation. Denn es ist das letzte Mal, dass ich sie sehe.

Unser Abschied, über das Kind hinweg. Eine Distanz, die mir deutlicher macht als alles andere, dass ich die Seiten gewechselt habe. Vom Kind zur Mutter. So grausam der Unterschied zu vorher, als ich in meiner Trauer noch der Mittelpunkt des Universums war. Als ich mich zu ihr ins Bett hätte kuscheln können. Mich auf der Toilette einschließen und weinen. Rausgehen und eine rauchen. All das geht nicht mehr. Ich gehöre jetzt einem anderen.

Aber der andere, mein Sohn, gehört auch mir. Und er hindert mich nicht nur, er hilft mir auch durch das, was jetzt folgt. Drei Wochen später kommt der Anruf meiner Schwester. Bei der Beerdigung will ich mein Kind nicht abgeben, nicht mal an den Papa. Ich will ihn ganz nah bei mir spüren. Seine Wärme, seinen Geruch, seine Geräusche. In der Kirche stehe ich, wiege mich mit ihm zur Musik, vergrabe mein Gesicht an seinem Hals beim Weinen. Das anschließende Essen im Gasthaus bekomme ich nicht mit, ich stille im Auto, auf der Toilette, verstecke mich vor den Trauergästen, die nicht wissen, ob sie „herzliches Beileid“ oder „herzlichen Glückwunsch“ sagen sollen. Die meisten sagen beides. Mein Baby ist mein Schutz, er sorgt dafür, dass ich das Ganze emotional gar nicht an mich heranlassen kann – und bietet mir eine Fluchtmöglichkeit vor Small Talk: „Tut mir leid, ich glaube er braucht eine frische Windel.“

Leider kann dieser warme, wohlriechende Schutzwall seine Wirkung nicht lange aufrechterhalten. Zurück in Berlin werde ich langsam mürbe. Ich frage mich: Wie soll ich trauern, wenn ich nicht eine Minute Zeit habe, mir die Wahrheit vor Augen zu führen: dass meine Mutter nicht mehr da ist? Wenn ich 24 Stunden am Tag selbst Mama bin und meine eigenen Bedürfnisse viel zu wenig Raum haben?

Und ich merke, wie ich die Geduld verliere. Wie es meine Nerven strapaziert, dass es nie darum geht, was ich will. Emilio ist quengelig, denn er merkt, dass etwas nicht stimmt. Ich breche oft in Tränen aus vor Frustration, um im nächsten Moment vor Liebe zu meinem Kind schier überzulaufen. Abends, wenn das Baby schläft, schäme ich mich: wieder ein Tag, an dem ich es nicht geschafft habe, ausgeglichen und geduldig zu sein. Wieder ein Tag, an dem ich geweint habe vor ihm. Ich weiß, man soll authentisch sein und so weiter, aber die Theorie ist das eine. Das andere ist mein Baby, das mich unsicher anschaut mit seinen großen brauen Augen, weil es nicht versteht, was für Geräusche Mama da macht, warum sie angespannt ist. Das sich fragt: Bin ich in Sicherheit?

Eine Lösung finde ich nicht. Deshalb nehme ich meine Trauer und lege sie ins Eisfach. Friere sie ein, damit sie warten kann auf mich. Nicht weniger wird, nicht fad oder bitter. Damit der Schmerz frisch bleibt, bis ich ihn hervorholen kann. Wenn das Kind etwas größer ist. Wenn ich einen Babysitter habe. Wenn der Papa die Flasche geben kann.

Jetzt, sechs Wochen nach der Beerdigung, schläft mein Kind im Tragetuch bei einer Freundin, damit ich diesen Text schreiben kann. Sobald sie die Wohnung verlassen hat, bin ich in Tränen ausgebrochen. Es ist soweit, ich kann meine Trauer auftauen. Portionsweise, in kleinen Dosen. Und zu den vielen Erinnerungen, die dabei hochkommen, gesellt sich ein unendlicher Respekt dazu: für eine Frau, die drei Kinder großgezogen hat, zwei davon mit nur einem Jahr Abstand. Wieviel hat sie wohl beiseite geräumt, eingefroren, nach und nach hervorgeholt – oder vielleicht nie aufgetaut?

Meine Mutter war meine Mutter. Nie war mir so klar, was das bedeutet.

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