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Maske ab, Maske auf?

5 Jun

Jetzt ist es zum fünften Mal passiert: ein bindungswilliger Mensch in meinem Alter meldet sich – nicht weiter wissend oder aus Neugierde – bei einer Online-Dating-Plattform an. Er möchte jetzt auch mal jemanden kennenlernen für etwas festes. Alle lassen sich nieder, man selbst möchte nicht allein zurückbleiben, mit dem Die Ärzte T-Shirt und dem WG Zimmer mit der Bierkiste als Nachttisch. Soweit, so gut. Passiert wohl häufiger als vier Mal, denkt der geneigte Leser, eher 5.000 Mal am Tag. Worauf will sie hinaus? Zum fünften Mal, antwortet sie mit einem entrüsteten Unterton, bin ich über das Dating-Profil eines Menschen gestolpert, der mich kennt. Mehr noch: Der mich kennt und mag. Der mich kennt mag, schätzt, lustig und charmant und klug findet. Der gegebenenfalls sogar mit mir schlafen möchte oder dies bereits getan hat (keine Zahlen). Und: Der mich kennt und weiß, dass ich Single und auf der Such bin. So etwas nennen junge Menschen in amerikanischen TV-Serien gerne eine no brainer. Ich nenne es einen Dolch ins Herz. Denn in genau Null Komma Null Prozent dieser Fälle ergab sich aus der parallelen Suche der Gedanke: Ach, vielleicht ja die…?

Ich befürchte ja schon lange, dass es nicht nur „an mir liegt“ (egal, was die Leute sagen), sondern noch spezifischer an meinem Charakter. Meine Empörung generiert sich aus der Kombination der oben geschilderten Online-Dating-Erfahrungen mit einem konstanten Aufs -Äußere-Reduziert-Werden draußen im echten Dating-Jungle. Und wenn ich Äußeres sage, meine ich Brüste. Letztens auf dem Hermannplatz springt mir tatsächlich ein Mann mit ausgestreckten Händen in den Weg und schreit: „Man, hast du große Brüste. Sind die echt oder hast du dir die machen lassen?“ In der U-Bahn fragte mich mal jemand; „Kann ich die mal anfassen?“

Was hat das jetzt mit irgendwas zu tun? Ach ja: Generelle Attraktivität gepaart mit Beliebtheit und – sagen wir es doch wie es ist – Verfügbarkeit = ja , nichts. Es fehlt etwas in der Gleichung und das ist die Date-würdige Persönlichkeit. Interessant? Ja. Unterhaltsam? Auch das. Ein echt guter Kumpel halt. Eine Kumpeline mit wallendem Haar, einem netten Lächeln und großen Brüsten, die ich mir aber nicht ins Bett oder mein Leben holen will, weil all diese Qualitäten überschattet werden von einer un-datebaren Persönlichkeit. Wie kann man so in die „was ne Frau“ Ecke gedrängt werden und gleichzeitig ein Dauergast in der friend zone bleiben??

Dann ein Bekannter: „Du bist eine attraktive Frau, aber ich würde dich auch nicht daten. Ich glaub du wärst mir zu klug.“ Ein anderer: „Männer mögen keine Frauen, die allzu selbstständig sind.“ Okay, da haben wir doch mal die zwei Bösewichte: Selbstständigkeit/Souveränität auf der einen, Intelligenz auf der anderen Seite. Da muss doch was dran zu schrauben sein. Wein scheint auf letzteres einen begrenzenden Einfluss zu haben, wenn man dem Volksmund glauben darf – ersteres unterstreicht er aber leider eher, zumindest bis man nicht mehr laufen kann. Fällt also weg. Bleibt: Faken.

Ich finde ja: Wenn man jemanden kennenlernt, in der ersten Datingphase, verstellt man sich doch sowieso. Das nennt man dann gern „sich von der besten Seite zeigen“, aber seien wir doch ehrlich: Man faked. Demnach müsste es doch für mich auch okay sein, ein wenig zu faken. Nur wie stelle ich das an? Idee 1: ich denke mir fake Probleme aus dem Alltag aus und trage diese nach außen. Ich bin mir unsicher deshalb, ich kann das und das nicht alleine. Von traurigen Themen wird ja eher abgeraten, was leider heißt, dass ich das bunte Potpourri meiner echten Probleme nicht zum Einsatz bringen kann. Schade eigentlich. Lieber Organisatorisches. Wohnungssuche? Irgendwas steht zu hoch im Regal? Fahrradreifen platt? Ich bin vollkommen überfordert (wie passend). Vielleicht reicht es aber auch, mir ein bestimmtes Lächeln und einen etwas suchenden, hilflosen Blick anzutrainieren. Beziehungsweise, mir abzutrainieren, in unsicheren Situationen mein souveränes Gesicht (was halt leider mein konzentriertes Gesicht ist) aufzusetzen und stattdessen meine innere Gefühlswelt („Aarggh, wo bin ich hier, warum reden diese Menschen mit mir und was mache ich jetzt?“) eins zu eins nach außen zu kehren. Die paar Falten, die das verursacht, muss ich dann wohl tolerieren. Eine Maske ab, die andere auf? Einen Versuch ist es vielleicht wert…??

Die Nachhinein-Frau

24 Sep

 Jetzt ist es echt einmal zu oft passiert. Jetzt hab ich die Schnauze voll.

Dass niemand mich liebt, ist eine Sache. Aber dass mir seit neuestem ständig Menschen im Nachhinein (und dazu noch ungefragt) zu berichten meinen, dass sie mich ja früher toll fanden – aber jetzt nicht mehr, und dass sie ja jetzt in einer Beziehung sind, das ist wirklich zu viel. Die gefestigte Lebenssituation scheint ihnen das Gefühl eines sicheren Hafens zu bieten, aus dem man sich dann doch mal traut, sich mir zu nähern. Jetzt kann ja nichts mehr passieren.

Angefangen hat alles in der Schule, mit einer dieser Geschichten angesichts derer man sich noch 20 Jahre später fragt, wie das Leben anders verlaufen wäre, hätte man sich damals anders entschieden. Gefühlte drei Jahre hatte er mich auf dem Schulflur und dem Schulhof eiskalt ignoriert. Seinetwegen machte ich mich des Vandalismus schuldig, als ich mit rotem Edding in unterarmlangen Buchstaben eine Respektbekundung an die Mädchenklowand zauberte. Irgendwann wurde diese entfernt, und kurz vor dem Abitur, als gewählte Schülersprecherin, schlich ich mich mit vor Nervosität zitternden Händen erneut in die Kabine, um das geschändete Denkmal zu reinstallieren.

Schließlich, ich war endlich darüber hinweg und seit zwei Wochen in meiner ersten richtigen Beziehung (sie sollte die einzige bleiben), kam es am Abiball meiner Schwester zu meiner Initiation. Betrunken hörte ich zum ersten Mal den verhassten Satz: “Ich fand dich früher voll toll.” Er fand mich sogar immer noch toll, und mehr. Aber jetzt hatte ich ja einen Freund. Wir redeten bis morgens um sechs, liefen dann barfuß und in Abendgarderobe durch geradezu lächerlich grüne Felder unter einem geradezu lächerlich blauen Himmel. Wir malten uns ein gemeinsames Leben mit Pferden in Montana aus, und ich schlief mit meiner Hand in seiner auf einer Kuhwiese ein, weinend. Geweckt wurde ich, als ein großer dunkler Schatten über mich fiel – der feuchte Aufwachkuss der Kuh blieb mir erspart. Wir trampten nach Hause und ich verabschiedete mich mit einem “Hab ein schönes Leben.”

Natürlich habe ich ihn danach noch oft getroffen. Jedes Jahr fragte er: “Bist du noch mit deinem Freund zusammen?” und ich sagte jedes Jahr “Ja”. Als ich nicht mehr “Ja” sagte, hatte er eine blonde hübsche Freundin. Aber immer noch sprachen wir, und immer noch ging es um eins – ein gegenseitiges “Ich fand dich ja schon früher toll”. Der Fairness halber muss man sagen, dass an dieser Geschichte ja eigentlich ich Schuld bin. Ich hätte mich ja an diesem Morgen auf der Kuhwiese für ihn entscheiden können. Dennoch.

Ich zähle jetzt nicht jeden einzelnen Fall auf. Zu den Highlights gehören defintiv ein ehemaliger Mitpraktikant, der mir quasi vom Krankenhausbett seiner Freundin (erstes Kind) den Satz um die Ohren knallte inklusive einem eindeutig zweideutigen Angebot für seine letzte Nacht in Freiheit, und ein Bekannter aus der Heimat, der trotz Familie und Hausbau meinte, seine Gefühle für mich von damals thematisieren zu müssen. Ersteres war absurd, zweiteres nett und mutig.

Aber die Frage bleibt: Warum haben Menschen Angst vor mir? Offenbar ist ein tatsächlicher Kontakt mit mir, meinem Leben, meinen Macken etc. weniger attraktiv als die Vorstellung von mir, aus sicherer Entfernung. Daher sitze ich hier immer noch alleine und so gut wie ohne Beziehungserfahrung, während andere Menschen all diese netten Kleinigkeiten des Lebens (Beziehung, Familie) genießen und mir dann netterweise noch mitteilen: “Also, früher hättest du das irgendwie vielleicht mit mir auch haben können, aber aus Gründen, die ich nicht näher benenne, hat es dann dafür auch nicht gereicht – aber dennoch wollte ich dir auf jeden Fall noch mal sagen: ‚Das wäre Ihr Preis gewesen.’”

Darauf kann ich verzichten. Jedem, der das hier liest und auch nur im entferntesten an Ähnliches (bei mir oder – lieber – anderen) denkt, dem sei gesagt: Nichts gibt’s! Seid mutig, seid nicht feige. Ich tue überhaupt nichts. Ich bin doch total nett. Und außerdem ist das auch gemein. So!