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What the Fräulein?!

24 Mrz

Wir haben eine neue Trage für den Brummbären, an der mir alles gefällt außer dem Namen. Das gute Stück heißt Fräulein Hübsch und beide Teile des Namens stören mich. Sowieso wähne ich mich inmitten eines beklagenswerten Revivals der Frolleinkultur.

Fräulein bezeichnete bis vor gut 35 Jahren eine unverheiratete Frau. Logisch, denn ohne Ehemann ist eine Frau nur halb komplett. Also weniger, also kleiner, also braucht es den Diminutiv. Der Familienstand meiner Trage hatte mich aber gar nicht interessiert. Er geht mich auch nichts an. Vielleicht lebt sie in einer festen Partnerschaft, vielleicht ist sie aber auch lieber alleine. Viel wichtiger als ihr Familienstand ist ja wohl, was sie mag, was sie tut, was sie kann. Meinetwegen auch, wie sie aussieht – hübsch, offenbar. Die Trage kann einem leid tun, nicht nur wird sie auf ihr Unverheiratetsein reduziert, sondern auch auf ihr Äußeres. Warum nicht Frau Stabil. Besser, Frau Dr. Stabil. Hehe, oder Stabil, M.A. Robust, langlebig, nachhaltig (ist sie alles, ich kaufe ja keinen Schrott). Die Schönheit hat mich bei der Kaufauswahl aber an allerwenigsten interessiert, wir haben uns bei all der bunten Biobaumwollauswahl für Anthrazit entschieden.

Auch außerhalb des Babyuniversums greift der Fräuleinwahn wieder um sich. In der Bergmannstraße laufe ich an einer Boutique namens „Fräulein Sonntag“ vorbei. Das Online-Magazin „Fräulein Magazin“ titelt absurderweise „Heirate dich selbst!“ Wie, und kein Fräulein mehr sein? Auch ein Gewinner: „Fräuleins Tipp am Sonntag: Einfach mal alleine sein!“ Kannste dir nicht ausdenken.

Die Trendsetterinnen unter den Frolleins sind allerdings Bloggerinnen diverser Couleurs, von Fräulein Klein über Fräulein Draußen, Fräulein Garten und Fräulein Selbstgemacht bis zu Fräulein Zuckerbäckerin. Was steckt dahinter? Haben diese Menschen keine (Vor-)Namen oder wollen diese schlicht nicht verraten? Vielleicht will Fräulein Klein sich nicht Frau Klein nennen, weil so heißt ja ihre Mutter und die benutzt schnöde Niveacreme fürs Gesicht und wählt CDU – geht also gar nicht. Ich befürchte allerdings, der Grund liegt in dem frech-unverbrauchten, kecken, unabhängigen verspielten vibe, den ein Fräulein vermeintlich abgibt. „Ich schreib, was ich denke, ich mache mir beim Gärtnern oder Zuckerbäckern auch mal einen Erd- oder Zuckerkleks auf die Nasenspitze und dann gibt es ein total selbstbewusstes Selfie für Instagram, weil es ist mir doch total egal, wie ich aussehe.“ Dabei ist das Gegenteil der Fall: Fräulein ist so ziemlich der antifeministischste Titel, den eine Frau sich geben kann. Nicht nur, weil er eine Verniedlichung ist und auch nicht nur, weil er sie über die Existenz oder Abwesenheit eines Ehemannes definiert. Es gibt außerdem keine Entsprechung für Männer. Gibt man „Männlein Blog“ bei Google ein, findet man die Anwaltskanzlei Dr. Männlein. 

In Berlin und auch sonstwo, wo alte und/oder unzufriedene Menschen leben (Dortmund fällt mir ein), existiert das Wort „Fräulein“ auch auf der Tonspur noch öfter als man meinen würde. Das liegt daran, dass es neben „junger Mann“ und „junger Frau“ die einzige Phrase ist, mit der man einen Fremden ansprechen kann. Im Supermarkt beispielsweise hört man selten:
“Entschuldigen Sie, Mann, Sie haben etwas verloren.”

oder

“Hey, Herr, Sie stehen mir im Blickfeld”

Weil das eben nicht geht (dasselbe gilt für Frau), werden auch Männer mit grauen Schläfen gern von gräsigen Supermarktangestellten als junger Mann bezeichnet. Es ist alles, was sie haben.

Kinder sind hzumindest im Rudel übrigens ebenso unansprechbar wie Männer und Frauen. Einmal, ich war noch jung und wusste noch nicht viel von der Welt, fanden eine Freundin und ich auf dem Lärmschutzwall neben meinem Elternaus ein entlaufenes Meerschwein. In einem angrenzenden Garten spielten ein paar Kinder. Wir versuchten, durch Hey-Rufe und Winken ihre Aufmerksamkeit zu erregen, ohne Erfolg. Irgendwann rief ich verzweifelt, weil mir der Unzulänglichkeit meiner Wortwahl durchaus bewusst: “Hallo …äh … Kinder…?!“ Sie schauten, aber nicht amüsiert. Was man ja auch verstehen kann, Erwachsene werden ja auch nicht mit „Sie da, Erwachsene!“ gerufen.

Ich überlege mir nun jedenfalls einen neuen Namen für meine Trage, denn – Babyhabende werden das wissen – eine Babytrage wird nie einfach Babytrage genannt. „Schatz, gib mir mal die Manduca,“ heißt es da oder auch „Mein Rücken ist total verspannt von der ergobaby.“ Meine Fräulein Hübsch heißt bald entweder Professorin Schlau oder Dorothy Parker. Weitere Vorschläge willkommen!

 

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Wer ficken kann, kann auch arbeiten

27 Jan

Es ist – das ist nichts Neues – ein Problem unserer alternden Gesellschaft, dass das Großziehen von Kindern nicht als wertvolle und Respekt verdienende Arbeit gesehen wird. So generell. Jeder einzelne findet das schon toll, wobei man das Kind auch nicht verhätscheln oder – mein Favorit – sich vom Kind nicht manipulieren lassen soll. Man kann ja schließlich Schnuller geben. Abpumpen. Ab in die Kita. Will eine Mutter lieber zu Hause bleiben und das Kind selbst versorgen, bis sie glaubt, dass es bereit ist für die große Gruppenwelt, ist sie leider eine Antifeministin, die nur am Herd Erbsensuppe kochen will, Fenster putzen oder gar heimlich bei zugezogenen Vorhängen die Bettwäsche bügeln.

Nein, das ist natürlich gemein, die Nervosität, die eine zu Hause bleibende Frau auslöst, liegt größtenteils gar nicht in der gebügelten Bettwäsche begründet, sondern on der berechtigen Sorge, dass sie sich mit einer derartigen laissez-faire-Haltung langfristig große finanzielle Nachteile einhandelt. Statt daran etwas zu ändern, soll die Frau einfach wieder sofort voll arbeiten gehen und ihr Kind dann halt am Wochenende sehen. Für Papa gilt selbstverständlich dasselbe. Und da wir hier in Berlin wundervolle Kitas haben mit dem für Kleinkinder von der „Liga für das Kind“ empfohlenen Betreuungsschlüssel 1:3, in denen kein Fachpersonalmangel herrscht und die alle über feine Gärten zum Draußenspielen verfügen, ist das ja irgendwie die beste Lösung für alle. Not.

Man könnte natürlich auch „einfach“ dafür sorgen, dass Eltern, die sich entscheiden, das Kleinkind eine etwas längere Weile selbst zu betreuen, dafür adäquat entlohnt und mit Rentenpunkten versorgt werden. Das wäre dann eher die Strategie „Wertschätzung“ – aber das, lerne ich, ist zu teuer. Dann lese ich morgens, dass die Air Berlin-Insolvenz den Bund 200 Millionen Euro kostet und hole das Nusspli-Glas lieber doch noch mal aus dem Regal. Die Entscheider bei Air Berlin haben super Arbeit geleistet, wie ja sowieso alle, die sich Vollzeit dem Arbeitsmarkt zur Verfügung stellen, super Arbeit leisten. Die sollte man würdigen, am besten gibt es einfach einen dicken fetten Bonus. Guten Appetit!
„Noch jemand? Sie dahinten, der Herr im besten Alter mit grauem Haar, Anzug und randloser Brille – Sie sehen aus, als hätten Sie einen Bonus verdient. Na los, nicht so zögerlich. Und Sie da mit dem identischen Anzug und dem identischen Haar, nur eher grau meliert als grau – Sie passen perfelt ins Schema. Sie haben sicher auch Ihr bestes getan, in irgendeinem Bereich, irgendwann mal. Greifen Sie zu!“

Mütter*, die Babies zu Hause betreuen, tragen nicht dieselbe Verantwortung wie Menschen, die Fluggesellschaften managen. Erstere erwirtschaften Profit (also im Idealfall). Bei zweiteren geht es lediglich um das Leben eines Menschen. Deshalb gibt es für Mütter, die zu Hause bleiben, keine Krankheitstage, keinen Urlaub und kein vergleichbares Geld. Und Verständnis auch nur begrenzt. Neulich recherchierte ich das mit den Krankheitstagen, nachdem ich eine Nacht allein mit Brummbär und Magendarm-Virus verbracht hatte und am nächsten Tag schlicht nicht wusste, wie ich es schaffen sollte, das Baby nicht auf den Boden fallen zu lassen. In einem Internetforum (ja, ich weiß) schrieb entrüstet eine Mutter: „Geht’s noch?!! Als Mama kannst du nicht krank sein, da heißt es Zähne zusammenbeißen.“ Ich finde das Ganze ekelhaft, diese merkwürdige Ansicht, dass Mütter, die Kinder betreuen, irgendwie über Nacht andere Menschen werden, so Titan-Supermenschen, an denen alles abzuprallen hat. Die Bürokauffrau, die sich sonst bei einer Erkältung mal eine Woche hat krankschreiben lassen, soll jetzt gefälligst mit 40 Grad Fieber und Durchfall das selig durch die Wohnng krabbelnde Gör beaufsichtigen. Und wenn sie umkippt und es greift in die Steckdose? Ist sie galt ’ne Rabenmutter. Wer ficken kann, der kann auch arbeiten.

In der Tat ist es so, dass die Krankenkasse eine Haushaltshilfe stellt, wenn die Mutter zu krank ist, um das Kind zu versorgen. Ob das auch der Papa übernehmen darf, muss dessen Arbeitgeber entscheiden. Generell gilt: Ob Eltern oder Kind, Kranksein ist nicht gern gesehen und wird einem oft unterschwellig vorgeworfen nach dem Motto „Nimm doch fünf Ibuprofen und dann muss das gehen.“ Ich kann Arbeitgeber schon verstehen und auch Teamkollegen, ich war ja selber lange in der Situation. Um etwas an den Gegebenheiten zu ändern – meines Erachtens wäre das angebracht – müsste schon die Politk ran, das wird die Wirtschaft nicht freiwillig machen. Leider werden weder Wirtschaft noch Politik von Leuten dominiert, die selber schonmal krank mit Baby zu Hause waren. Was die aktuellen Regelungen im allgemeinen angeht, kommt es mir eher so vor, als hätte da ein Kind in der Trotzphase das Zepter in der Hand gehabt, so absolut bockig-realitätsverweigernd mutet das Ganze an.

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Ein Politiker und ein Kind auf der Sandkastenkante. Hat der Politiker graues Haar? Trägt er Anzug und randlose Brille? Womöglich …

Politiker:
Also. Wir wollen, besser gesagt brauchen es, dass die Leute mehr Kinder bekommen, so mittelfristig. Deshalb müssen wir wohl oder übel den Leuten so ein bisschen entgegen kommen, sodass die nicht als die Verlierer aus dem Ganzen rausgehen.

Kind:
Wie? Was? Nein!

Politiker:
Naja, also finanzielle Anreize schaffen und dafür sorgen, dass da kein Rentenloch entsteht, wenn Leute sich um ihre kleinen Kinder kümmern.

Kind:
Kita.

Politiker:
Aber manche Leute wollen das nicht, also wenn die Kinder noch so klein sind. Da könnten wir ja mit einer ordentlichen Finanzierung…

Kind:
Ich will, dass alle immer arbeiten.

Politiker:
Das tun sie dann ja später auch wieder, nur für eine gewisse Zeit…

Kind:
NEIN. ALLE SOLLEN ARBEITEN.

Politiker (selbstverständlich pädagogisch geschult):
Okay okay, du bist wütend (Stimmlage und Gesichtsausdrück = mitfühlend). Das ist ja sicher ein doofes Gefühl.

Kind:
Arbeiten, immer, und NIE krank sein.

Politiker:
Aber schau mal, Kinder sind nun mal häufig krank, und die Eltern schlafen nicht viel. Und wenn dann Winter ist …

Kind:
KEIN WINTER. KEIN KRANK.

Politiker (kommt ins Schwitzen):
Okay, okay. Die Leute gucken schon. Ich hab eine Idee: Wir können ja vielleicht die Kindertagesbetreuung verbessern, damit alle die Kleinen auch ohne schlechtes Gefühl da hingeben können.

Kind:
NEIN , ICH WILL NICHTS ÄNDERN !! ALLES SOLL SO BLEIBEN UND ALLE SOLLEN TROTZDEM MEHR KINDER KRIEGEN.

Politiker:
Das wird wohl nicht passieren…

Kind wirft sich auf den Boden und schlägt um sich. Sand, Hundekot und Einwegspritzen fliegen in alle Richtungen.

Kind:
DOCH, ICH WILL ES! UND ICH WILL EIN EIS!

Politiker (kleinlaut):
Vielleicht wenigstens unbezahlten Urlaub für die Sommerferien? Schau wie schön der unbezahlte Urlaub ist, der kostet uns nichts…

Kind:
EIS, EIS, EIS, EIS, EIS, EIS, EIS, EIS

Politiker:
Okay, komm, wir holen dir eine Kugel Weißwurst-Trüffelsenf mit Cassis.

Kind:
Zwei Kugeln!

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So sehr mir derartige Fantasien Spaß bereiten und lange Spaziergänge bei grauem Wetter mit dem Brummbär versüßen, so bitter ist oft noch die Elternrealität. Und ja: Mir ist bewusst, dass es in anderen Ländern nur 12 Wochen Mutterschutz gibt und das war’s. Ich orientiere mich aber lieber nach oben und sage: Da geht noch mehr. Zum Beispiel kenne ich mehrere Paare, die ihr Kind wirklich nicht vor drei Jahren in die Kita geben wollten, es sich aber nicht leisten konnten – ohne Elterngeld – dass ein Elternteil zu Hause bleibt oder beide in Teilzeit arbeiten. Ein kleines Kind mit einem schlechten Gefühl in eine unterbesetzte Kindertagesstätte bringen zu müssen – ich finde, das geht gar nicht!

Und es geht ja nicht nur um das politische Regelwerk und es geht auch nicht nur um Geld. Es geht, wie eingangs erwähnt, um die fehlende Wertschätzung. Ich finde es erschreckend, für wie wenig verantwortungsvoll und wichtig das, was ich aktuell den ganzen Tag mache, von vielen angesehen wird. Denn ich habe schon viele Jobs gehabt, aber keiner war so beängstigend. Beispiel: Müdigkeit. Es ist in meinen Augen schlichtweg absurd, wie die ganze Gesellschaft meint, es wäre wichtiger, dass der Erwebrstätige ausgeschlafen ist als die Kindsbetreuerin. Und das habe ich bereits vor meiner eigenen Schwangerschaft nicht verstanden. Wie meine Freundin F. beispielsweise mit Augenringen bis zu den Nasenflügeln apathisch den Kinderwagen vor- und zurückruckelte und von ewig langen nächtlichen Tragemarathons im dunklen Flur erzählte. Und auf meine Frage, ob nicht der werte Ehemann das Kleine auch mal ein paar Stündchen herumschleppen könne, die Antwort kam:
„Nein, der muss schlafen, der muss ja morgens arbeiten.“
Klar, als Grafikdesigner, Finanzbeamter oder Gärtner darf man natürlich nicht bei der Arbeit einnicken – die Mama, die beim Überqueren der Straße vor Erschöpfing nicht mehr weiß, was ein Auto ist, wird nicht als so problematisch gesehen. Zähne zusammenbeißen, Ibuprofen, Kaffee (aber nicht zu viel weil sonst Rabenmutter, erneut). Das ist wirklich der größte Bullshit, den ich überhaupt jemals gehört habe. Wir halten Menschenleben in unseren Händen. Ich fordere: Mamas und Herzchirurgen sollen schlafen dürfen. Und am allermeisten Herzchirurginnen, die auch Mamas sind. Aber zu der Problematik schreibe ich demnächst mehr, die verdient ihren eigenen Blog-Post.

*Im Text schreibe ich von Müttern, weil die große Mehrheit der Eltern, die im ersten Babyhalbjahr zu Hause bleiben, Mütter sind. Die Situationen und Schlussfolgerungen sind jedoch größtenteils auch auf Väter anwendbar. In der Theorie.

Maske ab, Maske auf?

5 Jun

Jetzt ist es zum fünften Mal passiert: ein bindungswilliger Mensch in meinem Alter meldet sich – nicht weiter wissend oder aus Neugierde – bei einer Online-Dating-Plattform an. Er möchte jetzt auch mal jemanden kennenlernen für etwas festes. Alle lassen sich nieder, man selbst möchte nicht allein zurückbleiben, mit dem Die Ärzte T-Shirt und dem WG Zimmer mit der Bierkiste als Nachttisch. Soweit, so gut. Passiert wohl häufiger als vier Mal, denkt der geneigte Leser, eher 5.000 Mal am Tag. Worauf will sie hinaus? Zum fünften Mal, antwortet sie mit einem entrüsteten Unterton, bin ich über das Dating-Profil eines Menschen gestolpert, der mich kennt. Mehr noch: Der mich kennt und mag. Der mich kennt mag, schätzt, lustig und charmant und klug findet. Der gegebenenfalls sogar mit mir schlafen möchte oder dies bereits getan hat (keine Zahlen). Und: Der mich kennt und weiß, dass ich Single und auf der Such bin. So etwas nennen junge Menschen in amerikanischen TV-Serien gerne eine no brainer. Ich nenne es einen Dolch ins Herz. Denn in genau Null Komma Null Prozent dieser Fälle ergab sich aus der parallelen Suche der Gedanke: Ach, vielleicht ja die…?

Ich befürchte ja schon lange, dass es nicht nur „an mir liegt“ (egal, was die Leute sagen), sondern noch spezifischer an meinem Charakter. Meine Empörung generiert sich aus der Kombination der oben geschilderten Online-Dating-Erfahrungen mit einem konstanten Aufs -Äußere-Reduziert-Werden draußen im echten Dating-Jungle. Und wenn ich Äußeres sage, meine ich Brüste. Letztens auf dem Hermannplatz springt mir tatsächlich ein Mann mit ausgestreckten Händen in den Weg und schreit: „Man, hast du große Brüste. Sind die echt oder hast du dir die machen lassen?“ In der U-Bahn fragte mich mal jemand; „Kann ich die mal anfassen?“

Was hat das jetzt mit irgendwas zu tun? Ach ja: Generelle Attraktivität gepaart mit Beliebtheit und – sagen wir es doch wie es ist – Verfügbarkeit = ja , nichts. Es fehlt etwas in der Gleichung und das ist die Date-würdige Persönlichkeit. Interessant? Ja. Unterhaltsam? Auch das. Ein echt guter Kumpel halt. Eine Kumpeline mit wallendem Haar, einem netten Lächeln und großen Brüsten, die ich mir aber nicht ins Bett oder mein Leben holen will, weil all diese Qualitäten überschattet werden von einer un-datebaren Persönlichkeit. Wie kann man so in die „was ne Frau“ Ecke gedrängt werden und gleichzeitig ein Dauergast in der friend zone bleiben??

Dann ein Bekannter: „Du bist eine attraktive Frau, aber ich würde dich auch nicht daten. Ich glaub du wärst mir zu klug.“ Ein anderer: „Männer mögen keine Frauen, die allzu selbstständig sind.“ Okay, da haben wir doch mal die zwei Bösewichte: Selbstständigkeit/Souveränität auf der einen, Intelligenz auf der anderen Seite. Da muss doch was dran zu schrauben sein. Wein scheint auf letzteres einen begrenzenden Einfluss zu haben, wenn man dem Volksmund glauben darf – ersteres unterstreicht er aber leider eher, zumindest bis man nicht mehr laufen kann. Fällt also weg. Bleibt: Faken.

Ich finde ja: Wenn man jemanden kennenlernt, in der ersten Datingphase, verstellt man sich doch sowieso. Das nennt man dann gern „sich von der besten Seite zeigen“, aber seien wir doch ehrlich: Man faked. Demnach müsste es doch für mich auch okay sein, ein wenig zu faken. Nur wie stelle ich das an? Idee 1: ich denke mir fake Probleme aus dem Alltag aus und trage diese nach außen. Ich bin mir unsicher deshalb, ich kann das und das nicht alleine. Von traurigen Themen wird ja eher abgeraten, was leider heißt, dass ich das bunte Potpourri meiner echten Probleme nicht zum Einsatz bringen kann. Schade eigentlich. Lieber Organisatorisches. Wohnungssuche? Irgendwas steht zu hoch im Regal? Fahrradreifen platt? Ich bin vollkommen überfordert (wie passend). Vielleicht reicht es aber auch, mir ein bestimmtes Lächeln und einen etwas suchenden, hilflosen Blick anzutrainieren. Beziehungsweise, mir abzutrainieren, in unsicheren Situationen mein souveränes Gesicht (was halt leider mein konzentriertes Gesicht ist) aufzusetzen und stattdessen meine innere Gefühlswelt („Aarggh, wo bin ich hier, warum reden diese Menschen mit mir und was mache ich jetzt?“) eins zu eins nach außen zu kehren. Die paar Falten, die das verursacht, muss ich dann wohl tolerieren. Eine Maske ab, die andere auf? Einen Versuch ist es vielleicht wert…??

Die Nachhinein-Frau

24 Sep

 Jetzt ist es echt einmal zu oft passiert. Jetzt hab ich die Schnauze voll.

Dass niemand mich liebt, ist eine Sache. Aber dass mir seit neuestem ständig Menschen im Nachhinein (und dazu noch ungefragt) zu berichten meinen, dass sie mich ja früher toll fanden – aber jetzt nicht mehr, und dass sie ja jetzt in einer Beziehung sind, das ist wirklich zu viel. Die gefestigte Lebenssituation scheint ihnen das Gefühl eines sicheren Hafens zu bieten, aus dem man sich dann doch mal traut, sich mir zu nähern. Jetzt kann ja nichts mehr passieren.

Angefangen hat alles in der Schule, mit einer dieser Geschichten angesichts derer man sich noch 20 Jahre später fragt, wie das Leben anders verlaufen wäre, hätte man sich damals anders entschieden. Gefühlte drei Jahre hatte er mich auf dem Schulflur und dem Schulhof eiskalt ignoriert. Seinetwegen machte ich mich des Vandalismus schuldig, als ich mit rotem Edding in unterarmlangen Buchstaben eine Respektbekundung an die Mädchenklowand zauberte. Irgendwann wurde diese entfernt, und kurz vor dem Abitur, als gewählte Schülersprecherin, schlich ich mich mit vor Nervosität zitternden Händen erneut in die Kabine, um das geschändete Denkmal zu reinstallieren.

Schließlich, ich war endlich darüber hinweg und seit zwei Wochen in meiner ersten richtigen Beziehung (sie sollte die einzige bleiben), kam es am Abiball meiner Schwester zu meiner Initiation. Betrunken hörte ich zum ersten Mal den verhassten Satz: “Ich fand dich früher voll toll.” Er fand mich sogar immer noch toll, und mehr. Aber jetzt hatte ich ja einen Freund. Wir redeten bis morgens um sechs, liefen dann barfuß und in Abendgarderobe durch geradezu lächerlich grüne Felder unter einem geradezu lächerlich blauen Himmel. Wir malten uns ein gemeinsames Leben mit Pferden in Montana aus, und ich schlief mit meiner Hand in seiner auf einer Kuhwiese ein, weinend. Geweckt wurde ich, als ein großer dunkler Schatten über mich fiel – der feuchte Aufwachkuss der Kuh blieb mir erspart. Wir trampten nach Hause und ich verabschiedete mich mit einem “Hab ein schönes Leben.”

Natürlich habe ich ihn danach noch oft getroffen. Jedes Jahr fragte er: “Bist du noch mit deinem Freund zusammen?” und ich sagte jedes Jahr “Ja”. Als ich nicht mehr “Ja” sagte, hatte er eine blonde hübsche Freundin. Aber immer noch sprachen wir, und immer noch ging es um eins – ein gegenseitiges “Ich fand dich ja schon früher toll”. Der Fairness halber muss man sagen, dass an dieser Geschichte ja eigentlich ich Schuld bin. Ich hätte mich ja an diesem Morgen auf der Kuhwiese für ihn entscheiden können. Dennoch.

Ich zähle jetzt nicht jeden einzelnen Fall auf. Zu den Highlights gehören defintiv ein ehemaliger Mitpraktikant, der mir quasi vom Krankenhausbett seiner Freundin (erstes Kind) den Satz um die Ohren knallte inklusive einem eindeutig zweideutigen Angebot für seine letzte Nacht in Freiheit, und ein Bekannter aus der Heimat, der trotz Familie und Hausbau meinte, seine Gefühle für mich von damals thematisieren zu müssen. Ersteres war absurd, zweiteres nett und mutig.

Aber die Frage bleibt: Warum haben Menschen Angst vor mir? Offenbar ist ein tatsächlicher Kontakt mit mir, meinem Leben, meinen Macken etc. weniger attraktiv als die Vorstellung von mir, aus sicherer Entfernung. Daher sitze ich hier immer noch alleine und so gut wie ohne Beziehungserfahrung, während andere Menschen all diese netten Kleinigkeiten des Lebens (Beziehung, Familie) genießen und mir dann netterweise noch mitteilen: “Also, früher hättest du das irgendwie vielleicht mit mir auch haben können, aber aus Gründen, die ich nicht näher benenne, hat es dann dafür auch nicht gereicht – aber dennoch wollte ich dir auf jeden Fall noch mal sagen: ‚Das wäre Ihr Preis gewesen.’”

Darauf kann ich verzichten. Jedem, der das hier liest und auch nur im entferntesten an Ähnliches (bei mir oder – lieber – anderen) denkt, dem sei gesagt: Nichts gibt’s! Seid mutig, seid nicht feige. Ich tue überhaupt nichts. Ich bin doch total nett. Und außerdem ist das auch gemein. So!