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Das Wir entscheidet

1 Okt

Ist es für mich bereits zu spät, ein Wir zu sein? Nein, ist es nicht. Und ich muss jetzt mal aufhören, mir das immer einzureden. Das ist nämlich eine ganz doofe Angewohnheit, die nicht – wie man annehmen könnte – mit einem niedrigen Selbstwertgefühl zu tun hat, sondern vielmehr mit meiner fehlgeleiteten Theorie des prophylaktischen Trauerns. Meine Therapeutin nennt es auch gern kindliche Allmachtsfantasien. Das kennt ja eigentlich jeder. Wenn ich mit der Befürchtung ins Flugzeug steige, dass es abstürzt, dann stürzt es nicht ab. Das wäre ja langweilig für das Leben, die Strippenzieher (den Rat der alten grauen Männer). Das macht dann ja keinen Spaß, wenn die da unten sich gar nicht erschrecken. Nach dieser Logik stelle ich mir oft vor, dass schlimme Dinge passieren, in der Hoffnung (manchmal Überzeugung), dass ich sie damit quasi entschärft habe. Ich denke oft daran, dass meine Eltern sterben, und wie schlecht ich mich dann fühlen werde wegen all der Dinge , die ich gesagt, getan und nicht gesagt und getan habe. Manchmal bekomme ich abends, wenn ich im Bett liege, plötzlich eine unglaubliche Panik, dass meiner Schwester sterben könnte. Dann zwinge ich mich, das Ganze zu durchleben. Ich muss dann immer ganz arg weinen, aber das Kind in mir glaub dennoch: naja, das war jetzt schlimm, aber immerhin kann es jetzt nicht kehr in Wirklichkeit passieren.  Die Erwachsene, die ich langsam werde, weiß: Die Stunden der Trauer um den Tod meiner Eltern, der wohlgemerkt noch in der Zukunft liegt, werden den Schmerz, den ich empfinden werde, wenn es wirklich soweit ist, nicht schmälern. Alles, was ich erreicht habe, ist mir Stunden der Trauer über rein gar nichts aufzuzwingen. Lebenszeit verschwenden, indem man damit hadert, wie kurz das Leben ist. Das ist so typisch ich, Wahnsinn.

Ebenso die Sache mit dem Alleinsein. Die Wahrscheinlichkeit, dass ich mich mit 40 nicht in trauter Mehrsamkeit auf einem Bauernhof irgendwo wiederfinde, mit knubbeligen Kleinkindern und einem kuscheligen Hund vor dem Kamin – sie ist groß. Das mag allerdings auch an Hof, Kamin und Hund liegen. Bis sich das alles entscheidet, müssen aber noch mindestens fünf Jahre ins Land gehen. Und die Kollegin meiner Schwester ist gerade schwanger geworden – mit 43. Was nützt es also, dass ich heute schon weinend im Bett liege, weil ich aus Versehen einen romantischen Film gesehen habe. Oder einen Ex mit Partnerin. Oder einfach irgendein Paar. Klagen, kämpfen und in Kaninchen-vor-der-Schlange-Starre-verfallen helfen hier nichts. Das einzige, was scheinbar hilft, ist es nicht zu wollen, nicht daran zu denken, und nicht damit zu rechnen. Lustig, wie manche Sachen sich nicht geändert haben, seit ich 12 war. Nicht, dass ich mich in den 20 Jahren einmal daran gehalten hätte.

Was natürlich gemeint ist, ist dass man „seins“ machen sollte, aktiv sein, erfüllt sein, voller Pläne sein, die nicht nur Plan B sind. Sein Leben füllen mit Freunden, Freuden und gern auch Fehden – solange sie ablenken. Ziele haben, die eben nicht nur die Bezeugung unserer täglichen Existenz durch einen Partner sowie die Sicherstellung eines gewissen Nachwuchses beinhalten. Das stimmt alles sicherlich. Dennoch glaube ich auch, dass der Langzeitsingle eine Verantwortung dafür trägt, sich nicht zu sehr verschroben zu lassen. Ich benutze diesen Ausdruck bewusst als ausgedachtes Verb. In meinem Kopf lautet der Infinitiv „verschrauben“. Der Begriff verschroben ist laut Duden nämlich „eigentlich mundartlich stark gebeugtes 2. Partizip von veraltet verschrauben = verkehrt schrauben“. Um in eine Windung zu passen, braucht eine Schraube eine gewisse Form – daran erinnert mich dieser Begriff. Wie Steine in einem Fluss schleift das Leben uns langsam ab. Immer mehr gleichen wir uns unserer spezifischen Umgebung, unseren spezifischen Lebensumständen, Gewohnheiten, Präferenzen an – unserem Gewinde. Früher waren wir vielleicht flexibel auch in andere Leben einsetzbar, jetzt reiben wir uns oder kommen erst gar nicht rein, wenn uns jemand doch einmal die Tür zu seiner oder ihrer Existenz öffnet. Es passt nicht. Es kneift und drückt. Lieber wieder nach Hause.

Ich bin schon sehr lang allein, es kommt mir vor, als wäre die Zeit, in der ich es nicht war, die Ausnahme nicht der Normalzustand. Ich war schon als Kind gern allein, und früh autark. Nach dem Feriencamp wollte ich nicht nach Hause, Heimweg kannte ich nicht. Angst auch selten. Mit 12 fuhr ich lieber quer durch London mit der U-Bahn zum Hotel, als mit der Reisegruppe irgendetwas langweiliges zu besichtigen. Die emotionalsten Momente, die schönsten Aus- und Augenblicke, die Gänsehaut-erzeugenden Erkenntnisse habe ich immer allein erlebt. Die größten Entscheidungen allein getroffen. Und je mehr Zeit vergeht, desto mehr ziehe ich mich in mich zurück.

Letztens mit Freunden in einer Kneipe. Es ist Wahlabend, und Bier und Mexikaner-Shots sollen über die Gefühle von – um mit der Titanic zu sprechen – „Angst und Schrecken“ hinweghelfen, welche die Ergebnisse zumindest in meinem Deutschland verbreiten. Nach ein paar Bier will ich nach Hause, schließlich ist am nächsten Tag mein erster Arbeitstag nach drei Wochen Ferien. Der Freund meiner Freundin, der auch in der Runde sitzt, ist irritiert: „Wir gehen doch auch gleich, warte doch noch fünf Minuten, bis wir ausgetrunken haben.“ Ich bin ebenfalls völlig irritiert. Nicht, weil ich mich angegriffen fühle – er ist nett und meint es nett – sondern, weil ich niemals auf diese Idee gekommen wäre. Es macht ja auch keinen Sinn, denn niemand muss dem anderen beim Bezahlen helfen, alle schaffen es allein, ihre Mäntel anzuziehen und die schwere Holztür aufzustemmen, keiner hat den selben Heimweg wie ich, niemand braucht meinen Hausschlüssel. „Warum?“ frage ich ihn – ich will einfach nur verstehen. „Naja, das macht man doch so.“ Ich setzte mich wieder, ein wenig wie ein geprügelter Hund in Jacke und Schal. Stimmt etwa etwas nicht mit mir? Bin ich zu wenig wir-sinnig und zu viel ich-sinnig? Ist es zu spät für mich – nicht im temporären Sinne, sondern im persönlichen? Habe ich meine von Beginn an individualistische Persönlichkeit zu weit getrieben, um überhaupt noch paarfähig zu sein?

Noch schlimmer ist folgender Gedanke: Wenn ich ehrlich bin, steht der Verschrobenheitsvorwurf schon seit geraumer Zeit im Raum. Eine Affäre aus meiner Uni-Zeit fragte mich vor bereits gut acht Jahren: „Kann es sein, dass du irgendwie total verschroben bist?“ Ihn hatte ich mehrmals in meine Wohnung und mein Bett gelassen – gekannt habe ich ihn nicht und er mich noch weniger. Vielleicht verstärkt sich meine Verschrobenheit gar nicht mit jedem Jahr, das ich alleine bestreite. Vielleicht bleibt sie einfach gleich hoch. Aber was heißt das dann? Oh man, ich brauche dringend irgendein Ziel.

Die Kunst des Schulterzuckens

1 Feb

Seit neuestem wohne ich mit einem Brasilianer zusammen. Der gute Mann ist 24, Musiker, und sieht das Leben durch eine rosarote Brille, die an den Seiten getönt ist, so dass man nur ein wenig den Kopf zu drehen braucht, wenn man etwas Unangenehmes im Blickfeld in einen vagen Nebel verwandeln will. Ach so, und Bier rinnt an den Gläsern hinab.

Ich hatte schon einmal einen brasilianischen Mitbewohner, in Lissabon nämlich. Der ebenfalls junge Mann hatte damals, in einem zu heißen Sommer mit zu vielen Hügeln, mein vermeintliches Deutschsein zu einem Extrem herausgekitzelt, das ich so noch nicht erlebt hatte. Am Ende stritten wir uns über ein Stück 25 Cent Seife, und ich wusch Wäsche mit einem halben Liter Flüssigwaschmittel, nur damit er es nicht mehr benutzen konnte. Meine passive Aggression war natürlich das Resultat der lächerlichen Tatsache, dass ich mit fast dreißig immer noch Probleme hatte, das Wörtchen NEIN über die Lippen zu bringen. „Eigentlich eher nicht“ war meine Spezialität, und auch das schuldbewusste „Nein… na ja, gut, ausnahmsweise“ sprach ich fließend. OK, mein Nein war schon besser als früher. In der Agentur hatte ich meinen Wortschatz bereits um sehr praktische Klassiker wie „Das ist nicht mein Problem“ erweitert, die ich benutze, wenn ich mich angegriffen, in die Ecke gedrängt oder einfach nur komplett ausgenutzt fühlte. Also quasi jeden Tag.

Das Problem mit dem Brasilianer war: Nein zu sagen zu jemandem, der einem fröhlich lächelnd gegenüber steht, so als sei das Leben nicht nur ein Ponyhof, sondern ein Ponyhof aus Zuckerwatte mit Flüssen aus eiskaltem Weißwein und Weiden mit der anderen Art von Gras. Zu jemandem, der die Frage so formuliert, dass man, sollte man ablehnen, nichts anderes als ein missgünstiger, irrationaler, selbstsüchtiger, spießiger Faschist ist, der Babyponies in Weißweinbächen ertränkt. Also sagte ich lieber „No problem“ und rächte mich dann mit einer leeren Waschmittelflasche. Die er natürlich gar nicht bemerkte. Und selbst wenn, sähe das Szenario eher so aus: Ein kurzes Wundern (wie, schon leer?), ein kurzer gedanklicher Exkurs (wo kauft man eigentlich so was? Oder wächst das von selber nach?), dann ein Lächeln und Schulterzucken (ach, darum kümmere ich mich später), und pfeifend wird sich entfernt. Super Plan, Rebekka!

Aber das waren andere Zeiten. Heute, in kühleren Gefilden und mit genügend Schlaf, bringt mich der neue Brasilianer eher dazu, über meine neu erlernte Gelassenheit zu reflektieren. Eigentlich bin ich ziemlich cool geworden, merke ich dann, in den letzten Jahren, und ich habe große Hoffnungen, dass ich in meinen 30ern weiterhin stetig cooler werde. Bis ich irgendwann selber auf den Zuckerwatte-Weißwein-Ponyhof darf. Das Gras lasse ich mal auf der Weide. Na gut, ich schiebe es trotzdem vor mir her, den neuen Brasilianer damit zu konfrontieren, warum er immer noch nicht die Küche geputzt hat. Aber das kann man ja auch einfach mal anderen überlassen.

Letztens wurde mir ein Zahn gezogen. Ich hatte seit Tagen pochende Schmerzen im Kiefer, die dann natürlich am Wochenende unerträglich wurden. Also auf zum Notfallzahnarzt hier in Neukölln, und raus damit. Als ich mit geschwollener Backe und dem Geschmack geronnenen Blutes im Mund nach Hause komme, treffe ich den Brasilianer. „How is your tooth?“ fragt er. „Im Müll,“ weiß ich zu berichten. Ich bin schon ein wenig weinerlich, immerhin habe ich gerade einen traumatisierenden Eingriff hinter mir, und überhaupt. Wieso passiert immer mir so was? „So they took it out?“ fragt er. Ich nicke und freue mich schon ein wenig auf ein mitleidiges Schulterklopfen oder zumindestens ein respektvolles zischendes Einatmen. Statt dessen höre ich: „Ah OK. That’s good!“ Sprichts, und trollt sich fröhlich pfeifend auf sein Zimmer. „That’s good“ ?? Habe ich richtig gehört??! Eine Sekunde lang blitzt Wut in mir auf, immerhin wird hier überhaupt nicht gewürdig, wie schlecht ich es habe. Aber dann muss ich nur lachen. Typisch. Und dann, noch etwas später, denke ich: Na ja gut, stimmt ja irgendwie auch. Zahn raus, Schmerz weg, kann jetzt heilen, vielleicht doch keine Leberschäden dank 4000 mg Schmerzmittel pro Tag. Also irgendwie ist es ja wirklich nicht so schlecht. Wenn man es mal so betrachtet. Wenn ich pfeifen könnte, hätte ich vielleicht sogar gepfiffen.

Ich sage mal so: Früher war ich Glas halb leer. Jetzt bin ich Glas halb leer, aber immerhin ist Wein drin. Ich mache vielleicht nicht gerade aus Zitronen Limonade, aber ich beiße auch nicht rein, sondern werfe sie schlicht und ergreifend in den Müll. Und weiter geht es. Meine neue Mittelgelassenheit habe ich aber nicht nur von Brasilianern abgeschaut. Auch die Portugiesen und Spanier, die ich in Lissabon getroffen habe, haben das ihre getan. Ein spanischer Freund kam zu mir ins Krankenhaus und berichtete, er wäre auch einmal krank gewesen, als Teenager. Die Ärzte hätten gesagt, er würde vielleicht nicht mehr lange leben. Seine Reaktion: Ein verächtliches Pffff. Die spinnen doch! Positive Visualisierung nennt man so etwas, oder auch schlicht Verdrängung. Bei vielen meiner Mitbewohner stellte ich dieses Phänomen fest: „Das, was ich gerne hätte, mache ich zur Norm. Das, was davon abweicht, betrachte ich als Unverschämtheit.“ Soweit kann ich selber nicht gehen, dafür bin ich dann doch zu reflektiert. Ich will auch nicht trotzig wie ein Kind aufstampfen. Aber ein bisschen davon habe ich mitgenommen. Man muss ja auch tatsächlich nicht jeden Scheiß akzeptieren.

Mein portugiesischer Freund Joao brachte mir außerdem einen Trick bei, der sich seither als wahre Wunderewaffe gegen Stress erwiesen hat. Als ich ihn einmal fragte, ob er nie Angst/Sorge hat, dass etwas nicht klappt, sagte er: „Na klar.“ Und ich so: „Du wirkst aber nie besonders gestresst. Was denkt du denn dann, in diesen Momenten?“ Und Joao demonstrierte brav seinen Trick: Ein Schulterzucken, gepaart mit einem Geräusch, das am besten mit einem hohen „Mhhh“ beschrieben wird. Die Mundwinkel gehen runter, und die Handflächen hoch. So, jetzt alle zusammen, eins, zwei, drei…Das ganze Ensemble sagt quasi: „Was kann ich dran machen? Nichts. Also, was soll ich mich aufregen? Whatever. Wird schon. Passt schon.“ Ich imitierte ihn, und merkte sofort, wie sich ein Antistresshormon oder so in meinem Hirn ausschüttet. Woran erinnert mich das? Ach ja, es gibt doch diese Theorie, dass, wenn man 10 Sekunden lächelt, also das Gesicht dementsprechend verzieht, das Gehirn denkt, man sei tatsächlich glücklich, und Endorphine ausstreut. Das funktioniert vielleicht bei Joaos Schulterzucken auch? Ich probiere es aus. Mache die Kombi aus Bewegung und Geräusch ein paar mal hintereinander, Fühle mich direkt entspannter. Die Rückenmusukulatr wird weich, die Sorgen erscheinen ein wenig weiter weg. Passt schon, wird schon alles. Das sollte ich patentieren lassen!

Die Nachhinein-Frau

24 Sep

 Jetzt ist es echt einmal zu oft passiert. Jetzt hab ich die Schnauze voll.

Dass niemand mich liebt, ist eine Sache. Aber dass mir seit neuestem ständig Menschen im Nachhinein (und dazu noch ungefragt) zu berichten meinen, dass sie mich ja früher toll fanden – aber jetzt nicht mehr, und dass sie ja jetzt in einer Beziehung sind, das ist wirklich zu viel. Die gefestigte Lebenssituation scheint ihnen das Gefühl eines sicheren Hafens zu bieten, aus dem man sich dann doch mal traut, sich mir zu nähern. Jetzt kann ja nichts mehr passieren.

Angefangen hat alles in der Schule, mit einer dieser Geschichten angesichts derer man sich noch 20 Jahre später fragt, wie das Leben anders verlaufen wäre, hätte man sich damals anders entschieden. Gefühlte drei Jahre hatte er mich auf dem Schulflur und dem Schulhof eiskalt ignoriert. Seinetwegen machte ich mich des Vandalismus schuldig, als ich mit rotem Edding in unterarmlangen Buchstaben eine Respektbekundung an die Mädchenklowand zauberte. Irgendwann wurde diese entfernt, und kurz vor dem Abitur, als gewählte Schülersprecherin, schlich ich mich mit vor Nervosität zitternden Händen erneut in die Kabine, um das geschändete Denkmal zu reinstallieren.

Schließlich, ich war endlich darüber hinweg und seit zwei Wochen in meiner ersten richtigen Beziehung (sie sollte die einzige bleiben), kam es am Abiball meiner Schwester zu meiner Initiation. Betrunken hörte ich zum ersten Mal den verhassten Satz: “Ich fand dich früher voll toll.” Er fand mich sogar immer noch toll, und mehr. Aber jetzt hatte ich ja einen Freund. Wir redeten bis morgens um sechs, liefen dann barfuß und in Abendgarderobe durch geradezu lächerlich grüne Felder unter einem geradezu lächerlich blauen Himmel. Wir malten uns ein gemeinsames Leben mit Pferden in Montana aus, und ich schlief mit meiner Hand in seiner auf einer Kuhwiese ein, weinend. Geweckt wurde ich, als ein großer dunkler Schatten über mich fiel – der feuchte Aufwachkuss der Kuh blieb mir erspart. Wir trampten nach Hause und ich verabschiedete mich mit einem “Hab ein schönes Leben.”

Natürlich habe ich ihn danach noch oft getroffen. Jedes Jahr fragte er: “Bist du noch mit deinem Freund zusammen?” und ich sagte jedes Jahr “Ja”. Als ich nicht mehr “Ja” sagte, hatte er eine blonde hübsche Freundin. Aber immer noch sprachen wir, und immer noch ging es um eins – ein gegenseitiges “Ich fand dich ja schon früher toll”. Der Fairness halber muss man sagen, dass an dieser Geschichte ja eigentlich ich Schuld bin. Ich hätte mich ja an diesem Morgen auf der Kuhwiese für ihn entscheiden können. Dennoch.

Ich zähle jetzt nicht jeden einzelnen Fall auf. Zu den Highlights gehören defintiv ein ehemaliger Mitpraktikant, der mir quasi vom Krankenhausbett seiner Freundin (erstes Kind) den Satz um die Ohren knallte inklusive einem eindeutig zweideutigen Angebot für seine letzte Nacht in Freiheit, und ein Bekannter aus der Heimat, der trotz Familie und Hausbau meinte, seine Gefühle für mich von damals thematisieren zu müssen. Ersteres war absurd, zweiteres nett und mutig.

Aber die Frage bleibt: Warum haben Menschen Angst vor mir? Offenbar ist ein tatsächlicher Kontakt mit mir, meinem Leben, meinen Macken etc. weniger attraktiv als die Vorstellung von mir, aus sicherer Entfernung. Daher sitze ich hier immer noch alleine und so gut wie ohne Beziehungserfahrung, während andere Menschen all diese netten Kleinigkeiten des Lebens (Beziehung, Familie) genießen und mir dann netterweise noch mitteilen: “Also, früher hättest du das irgendwie vielleicht mit mir auch haben können, aber aus Gründen, die ich nicht näher benenne, hat es dann dafür auch nicht gereicht – aber dennoch wollte ich dir auf jeden Fall noch mal sagen: ‚Das wäre Ihr Preis gewesen.’”

Darauf kann ich verzichten. Jedem, der das hier liest und auch nur im entferntesten an Ähnliches (bei mir oder – lieber – anderen) denkt, dem sei gesagt: Nichts gibt’s! Seid mutig, seid nicht feige. Ich tue überhaupt nichts. Ich bin doch total nett. Und außerdem ist das auch gemein. So!