Archiv | Der selbe Fehler, zum zweiten Mal gemacht RSS feed for this section

Kritik an #MeToo: „neue Weiblichkeit“ auf Kommando?

6 Mai

Jetzt passiert es wirklich: weiserwerden äußert sich gesellschaftspolitisch. Das auf einem Blog, der eigentlich nur um mich kreist. Was war geschehen?

Ich kann es mir nur dadurch erklären, dass ich erkältet war und in dieser Woche des Dahinsiechens keinerlei Ambitionen verspürte. Zu schreiben, was aus mir zu machen. Und so kam ich endlich mal dazu, ausgiebig Online-Zeitungen zu lesen. In mehreren gab es Interviews mit der Philosophin Dr. Svenja Flaßpöhler*, die auch Chefredakteurin des „Philosophie Magazin“ ist sowie Autorin mehrerer Bücher. Am 2. Mai erschien ihre Streitschrift „Die potente Frau. Für eine neue Weiblichkeit“. Darin geht sie die #MeToo-Bewegung scharf an. Als ich das Interview mit Frau Flaßpöhler auf ZEIT Online las, war ich sofort so: „Yeah! Genau!“ Aber dann habe ich darüber nachgedacht und auf einmal fiel mir auf: Nein! Da stimmt ein ganz entscheidender Punkt nicht. Welcher das ist und was das bedeutet, möchte ich hier darlegen.

—————————————–

Svenja Flaßpöhler kritisiert also #MeToo, das digitale Durchzählen auf Twitter, an dem ich mich übrigens beteiligt habe. Und zwar, weil #MeToo für mich in seiner ursprünglichen Intention kein selbstmitleidiger Opferhaufen ist, wie Flaßpöhler meint, sondern eine Zuwortmeldung. Der Gedankengang dahinter erscheint logisch: Sobald die Weinstein-Vorwürfe publik wurden, startete Schauspielerin Alyssa Milano diesen Aufruf: “If all the women who have been sexually harassed or assaulted wrote ‘Me too’ as a status, we might give people a sense of the magnitude of the problem”  Sie muss wohl genau das vor ihrem inneren Augen gesehen haben, was auch ich erwartet habe: eine schnell aufgebaute „Das sind Einzelfälle“-Argumentation. Einzelfälle, Einzelphänomene, vereinzelte Ausfälle vereinzelter Männer in Machtpositionen. Lapses of judgement. Das kann ja mal passieren.

Als nächstes wäre der Charakter der betroffenen Frauen unter die Lupe genommen worden: Waren sie zu devot, zu passiv – gar karrieregeil? Was hatten sie getragen, gesagt, getan, nicht getan? Übersetzung: Welche falschen Signale hatten sie dem Mann gegeben? Und damit wäre das Ganze auch schnell begraben worden.

Ein einfacher Hashtag, der – und das weiß ich besonders zu schätzen –  nicht einmal ein peinlich-gewolltes Wortspiel enthält (und nicht im Orignal von Milano stammt, sondern bereits seit 2006 von Tarana Burke eingeführt wurde) konnte innerhalb kürzester Zeit beiden Dynamiken Einhalt gebieten. Nein, sexuelle Belästigung und sexuelle Gewalt sind keine Randphänomene. Und nein, es trifft nicht nur devote Schauspielerinnen auf der Karriereleiter.

Jetzt muss man sich fragen: Was kann daran verkehrt sein?

Flaßpöhlers Kritik: Die Bewegung macht Frauen zum Opfer, die Frauen machen sich klein: „Zielführender wäre, sich zu fragen: Was tragen wir auch selber zu unserer unterlegenen Position bei, zum Beispiel durch Gefälligkeit und fehlenden Mut zur Autonomie?“  Und es stimmt, sie bennent den Kern des Problems: Frauen haben zu oft verinnerlicht, dass sie gefallen müssen. Und Männer, dass sie bestimmen dürfen. Aber zu glauben, dass man das ganze Problem lösen kann, in dem man Frauen heute sagt: „Seid doch mal autonomer!“ ist weltfremd und arrogant. Keine Frau, die Opfer von Gewalt geworden ist, wird sich nach der Lektüre der Streitschrift mit der flachen Hand an die Stirn schlage und sagen: „Ach Mensch, so ein Mist, hätte ich das doch nur früher gewusst. Autonomie, klar! Beim nächsten Mal dann halt.“

Die Kritik geht weiter: „Was nützt ein nachträgliches Anprangern von Überschreitungen, die man hätte verhindern können?“ fragt Flaßpöhler in der Leipziger Volkszeitung. „Halte still und beklage dich hinterher – ist dieses hilflose Nachtreten wirklich das Verständnis von Emanzipation, das wir unseren Töchtern mit auf den Weg geben wollen?“

Oh, wie finde ich mich darin wieder. Ich bin ganz genauso. Reflexartig rolle ich die Augen im Angesicht von Schwäche. Mal ein Beispiel: Meine Mutter war Sozialarbeiterin und ich habe eine Zeit lang überlegt, in ihre Fußstapfen zu treten. Habe mich dann aber dagegen entschieden, weil mir klar wurde: Wenn ein Drogensüchtiger zu mir in eine Beratung käme, würde ich ihn im schlimmsten Falle einfach anschreien: „Nimm – keine – Drogen! Trage – die Konsequenzen – deiner – Handlungen!“ Als ich die Azari-Geschichte las, kaute ich mir fast auf dem Unterarm: „Dann geh doch einfach nach Hause!“ schrie meine innere souveräne Rebekka. „Selbst schuld!“ Und dann: „Huch! Hab ich das gerade wirklich gedacht?“

 

Flaßpöhler argumentiert mit Sozialisation – lässt diese aber gleichzeitig nicht gelten.

Aber: Wie ich begeht Svenja Flaßpöhler einen Denkfehler, einen, der aus der Arroganz der Besserkönnenden entsteht. Sie verwechselt Meinung mit Tatsachen. Will sagen: Dass die Frauen, um die es bei #MeToo oft geht, anders sein könnten, anders agieren müssten, sich anders hätten verhalten sollen – das ist eine Meinung (auch meine). Aber: Dass sie es nicht getan haben, ist ein Fakt. Und Tatsachen übertrumpfen Meinungen. Ich unterstelle, dass eine Frau in einer Notlage, so albern sie anderen, souveräneren Frauen erscheint, gehen würde, wenn sie es könnte. Daraus schließe ich, dass die Frauen, deren stories ich lese und las, es schlicht nicht besser lösen konnten. Dass sie die erlebten Überschreitungen eben nicht hätten verhindern können.

Flaßpöhler will, dass wir Frauen uns fragen, wie wir selbst beitragen „zur Festigung der männlichen Macht, die immerhin keineswegs mehr rechtlich legitimiert ist.“ Ja, das kann man machen und sollte man auch. Aber nach dem „Was?“ sollte man schleunigst hinterher fragen: „Warum?“ Warum verhalten sich so viele Frauen angesichts sexueller Übergriffe passiv? Weil sie von Mädchenbeinen an beigebracht bekommen haben, dass sie gefallen sollen. Konflikte vermeiden, Harmonie wahren. Lieb und freundlich sein. Die Sozialisation zu ignorieren und Frauen diese Muster als „Fehlverhalten“, das mit ein wenig gutem Zuspruch und den richtige Gedanken selbst zu ändern ist, vorzuwefen, ist falsch. Zumal Flaßpöhler wenige Sätze später selbst mit Sozialisation argumentiert, wenn sie sich der „Was leben wir unseren Töchtern vor?“-Logik bedient.

 

Die große Mehrheit der Frauen ist auf Harmonie gebürstet – ich gehöre dazu.

Ich habe schon so viele unangemessene Sprüche von Vorgesetzten weggelacht oder „buddy-mäßig“ zurückgeschossen und hinterher gedacht: Nein, das war nicht in Ordnung. Da hätte ich nicht lachen, feixen dürfen. Da hätte ich sagen müssen: „Das akzeptiere ich nicht.“ Ich habe es nicht gemacht. Um des lieben Friedens willen? Für meine Karriere? Ich weiß es nicht.

Also, entweder es ist die Sozialisierung oder da war was im Wasser in den Achtzigern – denn selbst mehr oder minder selbstbewusste Frauen wie ich haben es verinnerlicht, verlegen zu lachen, statt zu kotzen. Im besten Falle wegzugehen. Stiller Rückzug statt Wände wackeln lassen. „Tschuldigung, blöde Frage, klopf klopf, wäre es möglich … blabla.“ Ich kenne in meinem Leben vielleicht zwölf Frauen, die ich davon ausnehmen würde. Sind diese anders gebaut? Anders aufgewachsen? Einfach klüger als wir alle? Ich weiß es nicht.

Aber was ist nun die Konsequenz, wenn wir in einer Gesellschaft leben wollen, in denen Männern Frauen nicht gegen ihren Willen anfassen, in denen Männer nicht zu Frauen sagen, sie könnten ja die Nacht mit einem potenziellen Kunden verbringen und der Firma so den Etat sichern (mir so passiert)? Alle, Frauen wie Männer, platt machen und nochmal ganz neu? Eher nicht. Unseren Töchtern etwas Neues, Besseres beibringen  – ja, definitiv. Das heißt aber nicht, dass in der Gegenwart nicht auch von bestehenden Strukturen verlangt werden kann, sich zu ändern – es besser zu machen!

 

Wir müssen zweigleisig fahren, wenn sich jetzt etwas ändern soll

Svenja Flaßpöhler bemängelt, die „Initiative“ #MeToo verlange „alles von den Männern beziehungsweise vom Staat, aber nichts von den Frauen selbst.“ Ich verstehe die Kritik, aber ich verstehe auch, warum im Hier und Jetzt, mit den Rahmenbedingungen, die wir haben, der Staat (der ja nicht nur aus Männern besteht) und gesellschaftliche Institutionen ins Boot geholt werden müssen. Nennen wir das Ganze Phase 1.

Weil: Wenn es ein Fakt ist, dass HEUTE viele Frauen nicht in der Lage sind, so potent und selbstsicher durchs Leben und sexuelle Begegnungen zu schlendern wie Svenja Flaßpöhler es gut gemeint vorschlägt, dann kann die Konsequenz nur sein: Wir müssen zweigleisig fahren, wenn sich etwas ändern soll für Frauen und Männer  – denn nicht vergessen sollten wir, wie auch Flaßpöhler schreibt, dass Männer ebenfalls Opfer ihrer Sozialisation sind.

  • Phase 1:
    Für die schon kaputt sozialisierten Damen („ich muss Harmonie wahren“) und Herren („alle interessiert es, was ich denke“) müssen wir im HIER UND JETZT andere Rahmenbedingungen schaffen, damit die Machtgefälle flacher werden. Das heißt für mich: Quoten. Gleichstellungsbeauftragte (die keine Frau sein müssen). Eine Gesetzgebung, die die Gleichstellung von Frauen und Männern realisierbar macht. Und, weil jetzt viele schreien werden „Gibt es schon!“ – immer wieder unangenehme gesellschaftliche Diskussionen über diese Themen, damit sich Frauen heute vielleicht doch noch ein bisschen verändern, zum Beispiel, in dem sie sich doch trauen, etwas zu sagen. Denn ganz offensichtlich reicht ein Artikel 3 nicht aus, um die unter #MeToo geschilderten Vorfälle zu verhindern.
  • Phase 2:
    Ab jetzt wird der Nachwuchs so sozialisiert, dass aus Mädchen keine Frauen werden, die nicht nach Hause gehen, wenn ein mittelberühmter TV-Star unbedingt Sex haben will, sie aber nicht. Und keine Männer, die nicht checken, wenn ihr Gegenüber sie abstoßend findet oder dass man nicht alles sagen muss, was man denkt. Das bedeutet, dass Adjektive wie „lieb“ und „stark“ nicht mehr wie Bonbons an Mädchen und Jungs verteilt werden. Dass wir eine Sprache haben, in der Frauen nicht nur mitgemeint sind. Und dass kluge, souveräne Frauen wie Svenja Flaßpöhler und die zwölf Frauen, die ich kenne, echte Vorbilder sind. Sie können mit ihren Gedanken einen echten Unterschied machen.

Denn natürlich will niemand das Verhalten (männlich wie weiblich), das unter  #MeToo beschrieben wird, seinen Töchtern vorleben. Natürlich kann das Ziel unserer Gesellschaft nur sein, dass alle Mädchen und Frauen völlig selbstverständlich für sich einstehen, Übergriffigkeiten jeglicher Art konsequent und souverän abwehren, angstfrei durchs Leben gehen und keinen Konflikt scheuen, in dem es um ihre physische oder psychische Unversehrheit geht. Oder noch besser: Dass es keine derartigen Übergriffe mehr gibt.

 

Jetzt ist der Moment, dafür zu sorgen, dass „unsere Töchter“ einem Weinstein in die Eier treten – und ihn dann anzeigen.

Aber das bedeutet nicht nur, Frauen zu mehr Autonomie zu animieren, sie zu ermutigen, wie Flaßpöhler es in einem Gastbeitrag schreibt. Es bedeutet auch, dass auf der Polizeitwache dann ein sensibilisierter Beamter oder eine sensibilisierte Beamtin sitzt, die das Ganze aufnimmt. Dass es eine Rechtslage gibt, in der das Ganze vernünftig geahndet wird. Ein gesellschaftliches Klima, in dem die Macht und das Geld eines Weinstein nicht schwerer wiegen als die Aussage einer eventuell unterpriviligierten Frau. In dem fair entschieden wird.

Nur: Das kann Hashtag-Feminismus, wie Flaßpöhler ihn nennt, nicht leisten und das war nach meinem Verständnis auch nicht der Sinn hinter #MeToo. Deutlich zu machen, wie weit verbreitet sexuelle Belästigung ist, kann nicht verkehrt sein. Jetzt müssen wir  schauen, was wir mit diesem Bewusstsein machen. Ich hoffe, da kommt noch mehr als eine „neue Weiblichkeit“.

_______________________________

Quellen:

https://www.zeit.de/2018/19/metoo-bewegung-svenja-flasspoehler-kritik

http://www.lvz.de/Nachrichten/Politik/Neue-Frauen-braucht-das-Land

 

*Ich schreibe im Folgenden Svenja Flaßpöhler oder Flaßpöhler, weil ich nicht so abgehe auf Doktortitel und es kürzer ist.

 

Advertisements

Armes Stiefkind Gegenwart

11 Apr

Neulich laufe ich mit dem Brummbären durch den Park. Er ist grad in der Trage aufgewacht, schaut sich neugierig um. Ich spreche laut mit ihm, wie ich es immer tue: “So, wir gehen jetzt gleich in den Supermarkt. Da gibt es bestimmt Süßkartoffeln. Die schälen wir, wenn wir zu Hause sind, und dann kochen wir sie. Und dann können wir ja noch ein wenig spielen. Und dann ziehen wir deinen Schlafanzug an. Und dann kuscheln wir uns ins Bett. Und dann …”  Irgendwann wird mir bewusst, was ich da rede und ich erschrecke: Seit ich denken kann, folge ich dem nächsten “Dann” wie Alice dem weißen Kaninchen. Aber jetzt ziehe ich auch mein armes Kind in meine Zukunftssucht mit hinein. Dabei fühlt sich der Brummbär in der Gegenwart überaus wohl. Mir hingegen geht der Gedankengaul durch, sobald ich einen Moment zur Ruhe komme.

Mit dem Brummbären im Bett beispielsweise. Kaum liege ich neben meinem schlafenden Baby, beginne ich mich zu sorgen. Dabei ist alles gut. Aber wenn ich etwas kann, dann mir unnötige Sorgen machen. Ich betrachte seinen Kopf – wunderschön, rund, mit zartem Haar gleichmäßig bedeckt. Der Wirbel am Hinterkopf ist der Nabel meiner ganzen Welt. Und doch macht der Kopf mir Angst: Was verbirgt sich darin? Mein Gehirn ist nicht mein Freund, das Gehirn meiner Mutter war ihr größter Feind. Ist mein Baby in Gefahr?

Ich liege mit meinem schlafenden Baby im Bett und doch bin ich nicht da – die Gegenwart hat mich wie so oft schon wieder verloren. Sie muss mich ziehen lassen, in die Vergangenheit und in die Zukunft. Erinnerungen, Ängste, längst verhallte Schmerzen. So war das. Hoffnungen, Wünsche, Fragen. Was wird sein? Was hat mir die Gegenwart nur getan, dass ich sie bei der erstbesten Gelegenheit fallenlasse wie eine heiße Kartoffel? Die Antwort liegt auf der Hand: alles!

Die Zukunft lügt, die Vergangenheit verzeiht, die Gegenwart tut uns alles an

Fakt ist: Alles, aber wirklich alles Schmerzhafte, Furchtbare, Unerträgliche passiert uns in der Gegenwart. Das kann aber nicht erklären, warum so viele von uns ihr die kalte Schulter zeigen, denn ebenso wahr ist, dass alles Gute, Schöne, Erhabene und Lustige uns ausschließlich im Hier & Jetzt passiert.

Ein Bekannter sagte mir einmal, er ärgere sich immer so sehr, wenn sich ein Paar trennt und alle sagen: “Sie haben sich nach sieben Jahren getrennt, wie furchtbar.”

“Warum”, fragte er, “kann man nicht einfach denken: Sie waren sieben Jahre zusammen, tolle Sache. Warum bekommen die sieben Jahre einen bitteren Beigeschmack, nur weil aus ihnen jetzt keine acht mehr werden?”
“Weil sie”, erkläre ich ihm, “durch die Trennung in die Vergangenheit gerutscht sind und dort kann man sie wunderbar idealisieren. Als das Paar zusammen war, war das Gegenwart, und die Gegenwart spielt eine undankbare Nebenrolle in unser aller Lebensstück.“

Egal, wieviel Mühe sie sich gibt, die Gegenwart ist das ewige Stiefkind unserer Zeit. Oder schlicht der Menschheit? Vielleicht war in dem Moment, in dem wir ein Konzept unsere Endlichkeit bekamen, Schluss mit ihrer Hochphase. Für immer abgemeldet, dritte Geige nach Zukunft und Vergangenheit. Und irgendwie ja auch kein Wunder. Vorgeführt von den rosigen Versprechungen der Zukunft, kann die Gegenwart meist nicht delivern und enttäuscht.

Außerdem: Im Gegensatz zur Zukunft (Fantasie) und Vergangenheit (Nostalgie) können wir die Geschehnisse der Gegenwart nicht beschönigen oder kontrollieren. Sie passieren uns einfach, stürmen und stürzen auf uns ein, wir können bestenfalls reagieren. Und nie wissen, was als nächstes kommt und wie lange das, was da ist, bleibt.

Ich erschrecke manchmal, wie wenig Zeit ich in meinen 36 Jahren tatsächlich in der Gegenwart verbracht habe.

Bevor ich den Mann traf, der jetzt auch der Vater des Brummbären ist, war ich zehn Jahre (in Zahlen: 10) Single. Das ist eine lange Zeit. Es hat mich eigentlich nicht gestört, also in der Gegenwart. Nur leider verbrachte ich damals genauso wenig Zeit im Hier & Jetzt wie heute. Träumte mein Leben, ohne Werbeagentur, ohne M41 Bus, ohne BAföG-Schulden. Und sorgte mich gleichzeitig ganz fleißig, was nur werden sollte.

Einmal fragte mich eine Freundin, warum ich das Singledasein nicht mehr genoss. “Eigentlich ist alles an dieser Art zu leben dir doch wie auf den Leib geschneidert.”

Recht hatte sie: Ich bin gern allein. Ich reise am liebsten allein, denn meiner Erfahrung nach schlittert man nur so in absurde, unverhoffte, wahnsinnig interessante Situationen. Ich lese gern in Restaurants und mag es nicht, wenn Pläne sich ändern. Kompromisse finde ich scheiße. Ins Kino gehe ich auch am liebsten allein, damit man mich beim Weinen nicht beobachten kann. Einmal war ich mit einem Mann, in den ich ein wenig verknallt war, im Kino, wir sahen “Extremely loud and incredibly close”. Tom Hanks, der auf den Anrufbeantworter spricht: “Are you there? Are you there?” Ich weinte so heftig, dass ich richtige Schluchzkrämpfe bekam. Der Mann meldete sich danach nicht mehr.

“Stimmt”, sagte ich deshalb. “Aber ich will ja nicht für immer alleine sein. Irgendwann will ich Kinder. Womöglich sogar einen Partner.”

“Und? Was hat das mit jetzt zu tun?”

“Naja”, erklärte ich mich, “solange ich nicht sicher weiß, dass sich der Zustand, den ich eigentlich aktuell toll finde, irgendwann verändert, kann ich ihn jetzt auch nicht genießen.”

“Das ist absurd.”

“Das ist es wohl.”

Was ich damals wollte, war ein Stück Papier. Ein notariell beglaubigtes Dokument mit Unterschrift und Siegel: “Hiermit bestätigen wir, der Rat der alten grauen Männer, Frau Rebekka Korthues, dass sie vor Ablauf der angemessenen Zeit Partner und Kind haben wird. Sie soll sich jetzt einmal entspannen.” Und oh, wie hätte ich mich dann entspannt und meine Zwanziger genossen. Aber niemand war gewillt, mir dieses Papier auszustellen.

Wäre es nicht besser, sich wirklich auf die Gegenwart einzulassen? Es gibt so viel davon …

Der Punkt ist der: Es fällt mir und vielen Menschen schwer, die Gegenwart zu genießen, weil wir nicht wissen, was die Zukunft bringt. Zwei Zustände, die eigentlich unabhängig voneinander sein sollten, kommen sich in die Quere. In Situationen, in denen eigentlich alles schick ist, fürchten wir uns davor, dass sich diese verändern. Oder dass sie es nicht tun.

In meinem Heimatort steht ein Kreuz an der Ampel bei der großen Tankstelle. Der Name eines Kindes steht darauf. Das Kreuz steht da seit vielen Jahren und lange lange Zeit brannte eine Kerze davor, vielleicht auch heute noch. Auch ich habe die Kerze zu meinen Rauchertagen mehr als einmal wieder angezündet, wenn der Wind oder der Regen sie ausgelöscht hatten.

Das Kind, dessen Namen auf dem Kreuz steht, wurde von einem abbiegenden Lastwagen überfahren. Ich war noch längst keine Mutter damals, aber den unerträglichen, unüberwindbaren Schmerz der Eltern konnte ich mir vorstellen. Schmerz ist mein Gemüse, meine Sprache, ich verstehe ihn und spreche ihn fließend und kann so mit anderen kommunizieren, selbst wenn sie eigentlich meinen, niemand würde sie verstehen. Dass das so ist, würde mir erst vor einigen Jahren klar, als ich eine Gruppe ganz unterschiedlicher Menschen zum Tod ihrer Angehörigen befragt habe. Mit verwaisten Vätern, Müttern, Freundinnen, Geliebten gesprochen habe. Ich habe viel nachgedacht in dieser Zeit über die Gegenwart.

Hoffentlich passiert nichts. Und wenn doch?

Ich liege mit dem Brummbären im Bett und die Sonne scheint und keine Uhr tickt und wir sind selig. Und doch zerrt der Gedankengaul am Zügel: Hoffentlich passiert ihm nie etwas. Hoffentlich geht alles gut. Ich zwinge mich, den Gedanken einmal wirklich zu Ende zu denken, die Frage zu erlauben: Was, wenn doch etwas passiert? Ändert das etwas an diesem Moment? Daran, dass der Kopf meines Sohnes der schönste der Welt ist? Ist ein Moment nur etwas wert, wenn wir wissen, dass auf ihn eine unendliche Anzahl ähnlich schöner Momente folgen wird? Dass er nur eine von vielen schimmernden Perlen an einer Kette ist? Oder ist nicht genau das Gegenteil wahr? Jeder schöne Moment ist so wertvoll, weil wir nicht wissen, was nach ihm kommt. Wenn wir akzeptieren, dass wir es nicht wissen, nicht wissen können, nicht kontrollieren, dann darf der Moment stehen bleiben. Dann kann die Zukunft der Gegenwart nichts anhaben. Kein Gehirntumor, kein Streit, kein Terroranschlag kann eindringen in mein Schlafzimmer, wo ich mit meinem Baby im Bett liege und alles um uns ist nur Geruch und Wärme und Haut und Liebe und wohliges Brummen. So wie er ist, ist der Augenblick perfekt. Ganz ohne Zukunft. Ganz ohne Vergangenheit. Ich hatte ihn nicht geplant. Und er muss auch nicht erst zur Erinnerung werden. Danke, liebe Gegenwart.

Das Wir entscheidet

1 Okt

Ist es für mich bereits zu spät, ein Wir zu sein? Nein, ist es nicht. Und ich muss jetzt mal aufhören, mir das immer einzureden. Das ist nämlich eine ganz doofe Angewohnheit, die nicht – wie man annehmen könnte – mit einem niedrigen Selbstwertgefühl zu tun hat, sondern vielmehr mit meiner fehlgeleiteten Theorie des prophylaktischen Trauerns. Meine Therapeutin nennt es auch gern kindliche Allmachtsfantasien. Das kennt ja eigentlich jeder. Wenn ich mit der Befürchtung ins Flugzeug steige, dass es abstürzt, dann stürzt es nicht ab. Das wäre ja langweilig für das Leben, die Strippenzieher (den Rat der alten grauen Männer). Das macht dann ja keinen Spaß, wenn die da unten sich gar nicht erschrecken. Nach dieser Logik stelle ich mir oft vor, dass schlimme Dinge passieren, in der Hoffnung (manchmal Überzeugung), dass ich sie damit quasi entschärft habe. Ich denke oft daran, dass meine Eltern sterben, und wie schlecht ich mich dann fühlen werde wegen all der Dinge , die ich gesagt, getan und nicht gesagt und nicht getan habe. Manchmal bekomme ich abends, wenn ich im Bett liege, plötzlich eine unglaubliche Panik, dass meine Schwester sterben könnte. Dann zwinge ich mich, das Ganze zu durchleben. Ich muss dann immer ganz arg weinen, aber mein inneres Kind sagt mir: Naja, das war jetzt schlimm, aber immerhin kann es jetzt nicht mehr in Wirklichkeit passieren.  Die Erwachsene, die ich langsam werde, weiß: Die Stunden der Trauer um den Tod meiner Eltern, der wohlgemerkt noch in der Zukunft liegt, werden den Schmerz, den ich empfinden werde, wenn es wirklich soweit ist, nicht schmälern. Alles, was ich erreicht habe, ist mir Stunden der Trauer über rein gar nichts aufzuzwingen. Lebenszeit verschwenden, indem man damit hadert, wie kurz das Leben ist. Das ist so typisch ich, Wahnsinn.

Ebenso die Sache mit dem Alleinsein. Die Wahrscheinlichkeit, dass ich mich mit 40 nicht in trauter Mehrsamkeit auf einem Bauernhof irgendwo wiederfinde, mit knubbeligen Kleinkindern und einem kuscheligen Hund vor dem Kamin – sie ist groß. Das mag allerdings auch an Hof, Kamin und Hund liegen. Bis sich das alles entscheidet, müssen aber noch mindestens fünf Jahre ins Land gehen. Und die Kollegin meiner Schwester ist gerade schwanger geworden – mit 43. Was nützt es also, dass ich heute schon weinend im Bett liege, weil ich aus Versehen einen romantischen Film gesehen habe. Oder einen Ex mit Partnerin. Oder einfach irgendein Paar. Klagen, kämpfen und in Kaninchen-vor-der-Schlange-Starre-verfallen helfen hier nichts. Das einzige, was scheinbar hilft, ist es nicht zu wollen, nicht daran zu denken, und nicht damit zu rechnen. Lustig, wie manche Sachen sich nicht geändert haben, seit ich 12 war. Nicht, dass ich mich in den 20 Jahren einmal daran gehalten hätte.

Was natürlich gemeint ist, ist dass man „seins“ machen sollte, aktiv sein, erfüllt sein, voller Pläne sein, die nicht nur Plan B sind. Sein Leben füllen mit Freunden, Freuden und gern auch Fehden – solange sie ablenken. Ziele haben, die eben nicht nur die Bezeugung unserer täglichen Existenz durch einen Partner sowie die Sicherstellung eines gewissen Nachwuchses beinhalten. Das stimmt alles sicherlich. Dennoch glaube ich auch, dass der Langzeitsingle eine Verantwortung dafür trägt, sich nicht zu sehr verschroben zu lassen. Ich benutze diesen Ausdruck bewusst als ausgedachtes Verb. In meinem Kopf lautet der Infinitiv „verschrauben“. Der Begriff verschroben ist laut Duden nämlich „eigentlich mundartlich stark gebeugtes 2. Partizip von veraltet verschrauben = verkehrt schrauben“. Um in eine Windung zu passen, braucht eine Schraube eine gewisse Form – daran erinnert mich dieser Begriff. Wie Steine in einem Fluss schleift das Leben uns langsam ab. Immer mehr gleichen wir uns unserer spezifischen Umgebung, unseren spezifischen Lebensumständen, Gewohnheiten, Präferenzen an – unserem Gewinde. Früher waren wir vielleicht flexibel auch in andere Leben einsetzbar, jetzt reiben wir uns oder kommen erst gar nicht rein, wenn uns jemand doch einmal die Tür zu seiner oder ihrer Existenz öffnet. Es passt nicht. Es kneift und drückt. Lieber wieder nach Hause.

Ich bin schon sehr lang allein, es kommt mir vor, als wäre die Zeit, in der ich es nicht war, die Ausnahme nicht der Normalzustand. Ich war schon als Kind gern allein, und früh autark. Nach dem Feriencamp wollte ich nicht nach Hause, Heimweg kannte ich nicht. Angst auch selten. Mit 12 fuhr ich lieber quer durch London mit der U-Bahn zum Hotel, als mit der Reisegruppe irgendetwas langweiliges zu besichtigen. Die emotionalsten Momente, die schönsten Aus- und Augenblicke, die Gänsehaut-erzeugenden Erkenntnisse habe ich immer allein erlebt. Die größten Entscheidungen allein getroffen. Und je mehr Zeit vergeht, desto mehr ziehe ich mich in mich zurück.

Letztens mit Freunden in einer Kneipe. Es ist Wahlabend, und Bier und Mexikaner-Shots sollen über die Gefühle von – um mit der Titanic zu sprechen – „Angst und Schrecken“ hinweghelfen, welche die Ergebnisse zumindest in meinem Deutschland verbreiten. Nach ein paar Bier will ich nach Hause, schließlich ist am nächsten Tag mein erster Arbeitstag nach drei Wochen Ferien. Der Freund meiner Freundin, der auch in der Runde sitzt, ist irritiert: „Wir gehen doch auch gleich, warte doch noch fünf Minuten, bis wir ausgetrunken haben.“ Ich bin ebenfalls völlig irritiert. Nicht, weil ich mich angegriffen fühle – er ist nett und meint es nett – sondern, weil ich niemals auf diese Idee gekommen wäre. Es macht ja auch keinen Sinn, denn niemand muss dem anderen beim Bezahlen helfen, alle schaffen es allein, ihre Mäntel anzuziehen und die schwere Holztür aufzustemmen, keiner hat den selben Heimweg wie ich, niemand braucht meinen Hausschlüssel. „Warum?“ frage ich ihn – ich will einfach nur verstehen. „Naja, das macht man doch so.“ Ich setzte mich wieder, ein wenig wie ein geprügelter Hund in Jacke und Schal. Stimmt etwa etwas nicht mit mir? Bin ich zu wenig wir-sinnig und zu viel ich-sinnig? Ist es zu spät für mich – nicht im temporären Sinne, sondern im persönlichen? Habe ich meine von Beginn an individualistische Persönlichkeit zu weit getrieben, um überhaupt noch paarfähig zu sein?

Noch schlimmer ist folgender Gedanke: Wenn ich ehrlich bin, steht der Verschrobenheitsvorwurf schon seit geraumer Zeit im Raum. Eine Affäre aus meiner Uni-Zeit fragte mich vor bereits gut acht Jahren: „Kann es sein, dass du irgendwie total verschroben bist?“ Ihn hatte ich mehrmals in meine Wohnung und mein Bett gelassen – gekannt habe ich ihn nicht und er mich noch weniger. Vielleicht verstärkt sich meine Verschrobenheit gar nicht mit jedem Jahr, das ich alleine bestreite. Vielleicht bleibt sie einfach gleich hoch. Aber was heißt das dann? Oh man, ich brauche dringend irgendein Ziel.

Die Kunst des Schulterzuckens

1 Feb

Seit neuestem wohne ich mit einem Brasilianer zusammen. Der gute Mann ist 24, Musiker, und sieht das Leben durch eine rosarote Brille, die an den Seiten getönt ist, so dass man nur ein wenig den Kopf zu drehen braucht, wenn man etwas Unangenehmes im Blickfeld in einen vagen Nebel verwandeln will. Ach so, und Bier rinnt an den Gläsern hinab.

Ich hatte schon einmal einen brasilianischen Mitbewohner, in Lissabon nämlich. Der ebenfalls junge Mann hatte damals, in einem zu heißen Sommer mit zu vielen Hügeln, mein vermeintliches Deutschsein zu einem Extrem herausgekitzelt, das ich so noch nicht erlebt hatte. Am Ende stritten wir uns über ein Stück 25 Cent Seife, und ich wusch Wäsche mit einem halben Liter Flüssigwaschmittel, nur damit er es nicht mehr benutzen konnte. Meine passive Aggression war natürlich das Resultat der lächerlichen Tatsache, dass ich mit fast dreißig immer noch Probleme hatte, das Wörtchen NEIN über die Lippen zu bringen. „Eigentlich eher nicht“ war meine Spezialität, und auch das schuldbewusste „Nein… na ja, gut, ausnahmsweise“ sprach ich fließend. OK, mein Nein war schon besser als früher. In der Agentur hatte ich meinen Wortschatz bereits um sehr praktische Klassiker wie „Das ist nicht mein Problem“ erweitert, die ich benutze, wenn ich mich angegriffen, in die Ecke gedrängt oder einfach nur komplett ausgenutzt fühlte. Also quasi jeden Tag.

Das Problem mit dem Brasilianer war: Nein zu sagen zu jemandem, der einem fröhlich lächelnd gegenüber steht, so als sei das Leben nicht nur ein Ponyhof, sondern ein Ponyhof aus Zuckerwatte mit Flüssen aus eiskaltem Weißwein und Weiden mit der anderen Art von Gras. Zu jemandem, der die Frage so formuliert, dass man, sollte man ablehnen, nichts anderes als ein missgünstiger, irrationaler, selbstsüchtiger, spießiger Faschist ist, der Babyponies in Weißweinbächen ertränkt. Also sagte ich lieber „No problem“ und rächte mich dann mit einer leeren Waschmittelflasche. Die er natürlich gar nicht bemerkte. Und selbst wenn, sähe das Szenario eher so aus: Ein kurzes Wundern (wie, schon leer?), ein kurzer gedanklicher Exkurs (wo kauft man eigentlich so was? Oder wächst das von selber nach?), dann ein Lächeln und Schulterzucken (ach, darum kümmere ich mich später), und pfeifend wird sich entfernt. Super Plan, Rebekka!

Aber das waren andere Zeiten. Heute, in kühleren Gefilden und mit genügend Schlaf, bringt mich der neue Brasilianer eher dazu, über meine neu erlernte Gelassenheit zu reflektieren. Eigentlich bin ich ziemlich cool geworden, merke ich dann, in den letzten Jahren, und ich habe große Hoffnungen, dass ich in meinen 30ern weiterhin stetig cooler werde. Bis ich irgendwann selber auf den Zuckerwatte-Weißwein-Ponyhof darf. Das Gras lasse ich mal auf der Weide. Na gut, ich schiebe es trotzdem vor mir her, den neuen Brasilianer damit zu konfrontieren, warum er immer noch nicht die Küche geputzt hat. Aber das kann man ja auch einfach mal anderen überlassen.

Letztens wurde mir ein Zahn gezogen. Ich hatte seit Tagen pochende Schmerzen im Kiefer, die dann natürlich am Wochenende unerträglich wurden. Also auf zum Notfallzahnarzt hier in Neukölln, und raus damit. Als ich mit geschwollener Backe und dem Geschmack geronnenen Blutes im Mund nach Hause komme, treffe ich den Brasilianer. „How is your tooth?“ fragt er. „Im Müll,“ weiß ich zu berichten. Ich bin schon ein wenig weinerlich, immerhin habe ich gerade einen traumatisierenden Eingriff hinter mir, und überhaupt. Wieso passiert immer mir so was? „So they took it out?“ fragt er. Ich nicke und freue mich schon ein wenig auf ein mitleidiges Schulterklopfen oder zumindestens ein respektvolles zischendes Einatmen. Statt dessen höre ich: „Ah OK. That’s good!“ Sprichts, und trollt sich fröhlich pfeifend auf sein Zimmer. „That’s good“ ?? Habe ich richtig gehört??! Eine Sekunde lang blitzt Wut in mir auf, immerhin wird hier überhaupt nicht gewürdig, wie schlecht ich es habe. Aber dann muss ich nur lachen. Typisch. Und dann, noch etwas später, denke ich: Na ja gut, stimmt ja irgendwie auch. Zahn raus, Schmerz weg, kann jetzt heilen, vielleicht doch keine Leberschäden dank 4000 mg Schmerzmittel pro Tag. Also irgendwie ist es ja wirklich nicht so schlecht. Wenn man es mal so betrachtet. Wenn ich pfeifen könnte, hätte ich vielleicht sogar gepfiffen.

Ich sage mal so: Früher war ich Glas halb leer. Jetzt bin ich Glas halb leer, aber immerhin ist Wein drin. Ich mache vielleicht nicht gerade aus Zitronen Limonade, aber ich beiße auch nicht rein, sondern werfe sie schlicht und ergreifend in den Müll. Und weiter geht es. Meine neue Mittelgelassenheit habe ich aber nicht nur von Brasilianern abgeschaut. Auch die Portugiesen und Spanier, die ich in Lissabon getroffen habe, haben das ihre getan. Ein spanischer Freund kam zu mir ins Krankenhaus und berichtete, er wäre auch einmal krank gewesen, als Teenager. Die Ärzte hätten gesagt, er würde vielleicht nicht mehr lange leben. Seine Reaktion: Ein verächtliches Pffff. Die spinnen doch! Positive Visualisierung nennt man so etwas, oder auch schlicht Verdrängung. Bei vielen meiner Mitbewohner stellte ich dieses Phänomen fest: „Das, was ich gerne hätte, mache ich zur Norm. Das, was davon abweicht, betrachte ich als Unverschämtheit.“ Soweit kann ich selber nicht gehen, dafür bin ich dann doch zu reflektiert. Ich will auch nicht trotzig wie ein Kind aufstampfen. Aber ein bisschen davon habe ich mitgenommen. Man muss ja auch tatsächlich nicht jeden Scheiß akzeptieren.

Mein portugiesischer Freund Joao brachte mir außerdem einen Trick bei, der sich seither als wahre Wunderewaffe gegen Stress erwiesen hat. Als ich ihn einmal fragte, ob er nie Angst/Sorge hat, dass etwas nicht klappt, sagte er: „Na klar.“ Und ich so: „Du wirkst aber nie besonders gestresst. Was denkt du denn dann, in diesen Momenten?“ Und Joao demonstrierte brav seinen Trick: Ein Schulterzucken, gepaart mit einem Geräusch, das am besten mit einem hohen „Mhhh“ beschrieben wird. Die Mundwinkel gehen runter, und die Handflächen hoch. So, jetzt alle zusammen, eins, zwei, drei…Das ganze Ensemble sagt quasi: „Was kann ich dran machen? Nichts. Also, was soll ich mich aufregen? Whatever. Wird schon. Passt schon.“ Ich imitierte ihn, und merkte sofort, wie sich ein Antistresshormon oder so in meinem Hirn ausschüttet. Woran erinnert mich das? Ach ja, es gibt doch diese Theorie, dass, wenn man 10 Sekunden lächelt, also das Gesicht dementsprechend verzieht, das Gehirn denkt, man sei tatsächlich glücklich, und Endorphine ausstreut. Das funktioniert vielleicht bei Joaos Schulterzucken auch? Ich probiere es aus. Mache die Kombi aus Bewegung und Geräusch ein paar mal hintereinander, Fühle mich direkt entspannter. Die Rückenmusukulatr wird weich, die Sorgen erscheinen ein wenig weiter weg. Passt schon, wird schon alles. Das sollte ich patentieren lassen!

Die Nachhinein-Frau

24 Sep

 Jetzt ist es echt einmal zu oft passiert. Jetzt hab ich die Schnauze voll.

Dass niemand mich liebt, ist eine Sache. Aber dass mir seit neuestem ständig Menschen im Nachhinein (und dazu noch ungefragt) zu berichten meinen, dass sie mich ja früher toll fanden – aber jetzt nicht mehr, und dass sie ja jetzt in einer Beziehung sind, das ist wirklich zu viel. Die gefestigte Lebenssituation scheint ihnen das Gefühl eines sicheren Hafens zu bieten, aus dem man sich dann doch mal traut, sich mir zu nähern. Jetzt kann ja nichts mehr passieren.

Angefangen hat alles in der Schule, mit einer dieser Geschichten angesichts derer man sich noch 20 Jahre später fragt, wie das Leben anders verlaufen wäre, hätte man sich damals anders entschieden. Gefühlte drei Jahre hatte er mich auf dem Schulflur und dem Schulhof eiskalt ignoriert. Seinetwegen machte ich mich des Vandalismus schuldig, als ich mit rotem Edding in unterarmlangen Buchstaben eine Respektbekundung an die Mädchenklowand zauberte. Irgendwann wurde diese entfernt, und kurz vor dem Abitur, als gewählte Schülersprecherin, schlich ich mich mit vor Nervosität zitternden Händen erneut in die Kabine, um das geschändete Denkmal zu reinstallieren.

Schließlich, ich war endlich darüber hinweg und seit zwei Wochen in meiner ersten richtigen Beziehung (sie sollte die einzige bleiben), kam es am Abiball meiner Schwester zu meiner Initiation. Betrunken hörte ich zum ersten Mal den verhassten Satz: “Ich fand dich früher voll toll.” Er fand mich sogar immer noch toll, und mehr. Aber jetzt hatte ich ja einen Freund. Wir redeten bis morgens um sechs, liefen dann barfuß und in Abendgarderobe durch geradezu lächerlich grüne Felder unter einem geradezu lächerlich blauen Himmel. Wir malten uns ein gemeinsames Leben mit Pferden in Montana aus, und ich schlief mit meiner Hand in seiner auf einer Kuhwiese ein, weinend. Geweckt wurde ich, als ein großer dunkler Schatten über mich fiel – der feuchte Aufwachkuss der Kuh blieb mir erspart. Wir trampten nach Hause und ich verabschiedete mich mit einem “Hab ein schönes Leben.”

Natürlich habe ich ihn danach noch oft getroffen. Jedes Jahr fragte er: “Bist du noch mit deinem Freund zusammen?” und ich sagte jedes Jahr “Ja”. Als ich nicht mehr “Ja” sagte, hatte er eine blonde hübsche Freundin. Aber immer noch sprachen wir, und immer noch ging es um eins – ein gegenseitiges “Ich fand dich ja schon früher toll”. Der Fairness halber muss man sagen, dass an dieser Geschichte ja eigentlich ich Schuld bin. Ich hätte mich ja an diesem Morgen auf der Kuhwiese für ihn entscheiden können. Dennoch.

Ich zähle jetzt nicht jeden einzelnen Fall auf. Zu den Highlights gehören defintiv ein ehemaliger Mitpraktikant, der mir quasi vom Krankenhausbett seiner Freundin (erstes Kind) den Satz um die Ohren knallte inklusive einem eindeutig zweideutigen Angebot für seine letzte Nacht in Freiheit, und ein Bekannter aus der Heimat, der trotz Familie und Hausbau meinte, seine Gefühle für mich von damals thematisieren zu müssen. Ersteres war absurd, zweiteres nett und mutig.

Aber die Frage bleibt: Warum haben Menschen Angst vor mir? Offenbar ist ein tatsächlicher Kontakt mit mir, meinem Leben, meinen Macken etc. weniger attraktiv als die Vorstellung von mir, aus sicherer Entfernung. Daher sitze ich hier immer noch alleine und so gut wie ohne Beziehungserfahrung, während andere Menschen all diese netten Kleinigkeiten des Lebens (Beziehung, Familie) genießen und mir dann netterweise noch mitteilen: “Also, früher hättest du das irgendwie vielleicht mit mir auch haben können, aber aus Gründen, die ich nicht näher benenne, hat es dann dafür auch nicht gereicht – aber dennoch wollte ich dir auf jeden Fall noch mal sagen: ‚Das wäre Ihr Preis gewesen.’”

Darauf kann ich verzichten. Jedem, der das hier liest und auch nur im entferntesten an Ähnliches (bei mir oder – lieber – anderen) denkt, dem sei gesagt: Nichts gibt’s! Seid mutig, seid nicht feige. Ich tue überhaupt nichts. Ich bin doch total nett. Und außerdem ist das auch gemein. So!