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Lamy, Liebe, Loslassen

9 Feb

stift

Seit Neustem schreibe ich bei der Arbeit wieder mit Füller Mit einem roten Lamy-Füller, genauer gesagt. Zur Zeit bin ich sogar noch einen Nostalgie-Schritt weitergegangen und habe türkise Tintenpatronen gekauft. In Türkis habe ich damals in der Oberstufe geschrieben – wenn ich mich recht erinnere sogar die Abiturklausuren. Ein kleines aber feines Individualitätsdetail im genormten Hochschulreife-Apparat.

Leider kann man die türkise Tinte nicht killern – zumindest war die Killer-Technologie damals noch nicht so weit. Werde mal in Erfahrung bringen, ob es heute geht. Ein Tintenkiller, das war schon etwas Interessantes. Es hab zwei verschiedene Mienenarten, je nach Marke. Die eine hat immer geschmiert, die andere nicht, dafür hatte der Stift nie die gleiche Farbe wie die Tinte. Ich habe sowieso immer lieber durchgestrichen und dann mit kleinen Sternchen auf der Blattrückseite ergänzt. Bis zu sechs ****** gab es da schon einmal, wenn Die Leiden des jungen Werther unter die Lupe genommen werden mussten.

Den Füller hat mir mein Freund Luis geschenkt, eigentlich sogar zwei. Den silbernen benutze ich zu Hause, den roten in der Agentur. Ich finde das ein ausgesprochen romantisches Geschenk, vergleichbar mit dem Blumenstrauß aus Bleistiften, den Tom Hanks Meg Ryan in „You’ve got mail“ überreichen möchte. Besonders schön finde ich, dass mich Menschen auf den Füller ansprechen. Kollegen, Vorgesetzte, sogar Kunden finden meinen Lamy-Füller bemerkenswert. Es scheint, als würde speziell dieses Modell in seiner demokratisch-erschwingbaren Plastikoptik durch die Bank angenehmen Erinnerungen und Nostalgie hervorrufen. Mein Füller bringt Menschen zum Lächeln – wer hätte gedacht, dass es so einfach sein kann.

Es ist ja kein Geheimnis, dass die Nostalgie mir in meinem Wassermalkasten der Emotionen (ja, ich hab es getan) die liebste Farbe ist. Das mag nicht gesund sein, aber ich versuche dieser Tage, Gutes wie Schlechtes los- und laufen zu lassen. Und das gilt auch für meine Nostalgie. So hört man mich zu Hause vermehrt Lieder aus alten Disneyfilmen trällern. Dass aber auch andere Zeitgenossen sich von der Nostalgie anstecken lassen, macht mich froh. Nostalgie heißt schöne Erinnerungen, und die Tatsache, dass Menschen schöne Erinnerungen haben, kann sie sympathischer machen, als sie (vielleicht) sind.

Als das Nachbarskind vor kurzem in meiner Küche malte, hinterließ es mir ein weiteres Geschenk: einen dicken blauen Buntstift. Ihn habe ich zu meinem zweiten Lieblingsstift erkoren, für kurze Notizen und wirklich wichtige Geistesblitze wird er im Büro zur Hand genommen. Der Buntstift amüsiert mein Umfeld eher, als dass er Nostalgie hervorruft. Aber das ist mir egal. Im grauen Berliner Winter tut es gut, an Zeiten zurückzudenken, in denen die größte Entscheidung die Farbe des Buntstiftes war.

Auf der Suche nach dem nachhaltigen Glück

20 Jan

Nachhaltig leben und reisen – das ist das Motto der Online-Community Tribewanted. An einem ganz besonderen Ort in der Mitte Italiens, Tribewanted Monestevole, sucht die Autorin nach Inspiration für das, was ein glückliches Leben ausmacht.

Die Lichter gehen früh aus in Monestevole. Das Abendessen ist beendet, die leeren Platten mit den Resten von Salat und Gemüse aus dem Garten, handgemachter Pasta und selbst geschlachtetem Fleisch wurden abgeräumt und eingeweicht. Die Spülmaschine säubert unzählige Gläser und Tassen vom Hauswein und stark gezuckertem Espresso. Der massive, grob gezimmerte Holztisch, der 20 Leuten Platz bietet und an dem nach dem Essen noch ein paar Runden Briscola gezockt wurden, ist leer. Vor dem Küchenfenster freuen sich sich wilde Katzen über ein paar Fleischreste. Der Koch ist noch wach. Es ist Zeit für die letzte Zigarette seines Tages. Für ihn ist dies der Feierabend, die Stunde, nachdem sich die meisten Gäste auf ihre Zimmer zurückgezogen haben, die Geschirrspülmaschine läuft und die Töpfe und Pfannen einweichen. Mit dem Seufzen eines Mannes, der den ganzen Tag auf den Beinen ist, setzt er sich auf die Bank vor der Küchentür. Dollie, die zierliche Jagdhündin mit den Bernsteinaugen, kommt sofort und bettet ihren Kopf in seinen Schoss. Die Katzen hingegen strafen ihren Versorger mit Nichtachtung, ignorieren ihn mit der Arroganz derer, die wissen, dass sie sich Gutmütigkeit gegenüber wähnen dürfen. Der Koch ist glücklich hier, mit der Küche, seinem Reich, im Rücken und den Hügeln Umbriens im Blick.

MEDION Digital Camera

Glücklich durch Arbeiten – arbeiten fürs Glück?

Das Gut Monestevole liegt tief im grünen hügeligen Umbrien, in der Mitte Italiens – und, wenn man den Anwohnern glaubt – der Welt. Hoch oben auf der Hügelkuppe, durch eine ca. zehn Kilometer lange Straßen mit Haarnadelkurven und bedrohlichen Abhängen entfernt vom nächsten Örtchen, leben Bewohner und Gäste hier in einem Mikrokosmos, dessen Tagesablauf von den Tieren, Feldern, Gärten und natürlich den Mahlzeiten strukturiert wird. Betrieben wird der Hof als eine Art Hotel von der Onlinecommunity Tribewanted. Deren Mitglieder weltweit finanzieren mit moderaten Monatsbeiträgen den Aufbau nachhaltiger Lebensgemeinschaften mit dem Anspruch, selbstversorgend zu leben. Das schließt neben Nahrungsmitteln auch die Strom- und Wasserversorgung ein. Angefangen in Fidschi ist Tribewanted mittlerweile auch in Sierra Leone und eben in Umbrien zu finden. Die Idee: Sowohl Mitglieder als auch Nichtmitglieder machen Urlaub in einer wunderschönen Umgebung und mit Vollverpflegung – erstere zu einem günstigeren Preis – und packen bei Interesse mit an, um das jeweilige Tribewanted Projekt mit eigener Kraft einen Schritt voranzubringen. Ob der Bau einer neuen Scheune für die Pferde, Rinder, Ziegen oder Schweine, die hier in Umbrien so idyllisch leben, wie es in Europa wohl möglich ist, beim Pflanzen von Knoblauch, beim Herstellen von organischen Seifen und Cremes oder bei der alljährlichen Wein- und Olivenernte – die Möglichkeiten, sich zu beteiligen sind zahllos. Und wenn nach dem im Sommer draußen eingenommenen Essen die Teller leer aber die Weingläser noch voll sind, die Grillen beginnen, mit der leisen Musik aus dem Grammofon zu konkurrieren, dann ist kaum ein Gast davor gefeit, seine bisherige Vorstellung vom Glücklichsein zu hinterfragen, dann kann sich kaum einer des Gefühls zu verwehren, dass dies hier ein ganz besonderer Ort und das Leben hier ein ganz besonderes Leben sein muss.

Ehrgeiz jetzt, Zufriedenheit später?

Umgeben von seinen Gästen aus Deutschland, England, den Niederlanden und Australien sitzt Filippo am großen Tisch und denkt voller Sorge an den morgigen Tag. Der Tribewanted Mitbegründer und Manager von Monestevole hat selbst ein Jahr lang am Strand von Sierra Leone gelebt. Davor wirkt seine Biografie wie von einem Karriereplaner erdacht: lange Auslandsaufenthalte schon als Kind und Jugendliche in Frankreich und den USA, eine Ivy League Collegeausbildung in Boston, dann Finanzberater in New York. Trotz seines politischen Engagements und Erfolgen als Dokumentarfilmer, der einst Rapstars nach Sierra Leone brachte, um über Blutdiamanten aufzuklären, und trotz seines Outfits – legeres Leinenhemd, Jeans und offene Lederboots – wirkt Filippo immer noch ein bisschen wie ein Banker. Der 32-Jährige ist ehrgeizig, und es ist ihm wichtig, dass Tribewanted Monestevole, hier in seiner Heimat, einen rundum guten Eindruck macht. Deshalb denkt Filippo, während er eine Mandarine schält und scheinbar interessiert den Diskussionen seiner Gäste über Ökotourismus lauscht, an den morgigen Tag: an Einkäufe, Ankünfte, Abreisen und an die Kosten für das undichte Scheunendach, von dem ihm die ortsansässigen Farmarbeiter berichtet haben. Nichts davon sollen seine Gäste mitbekommen – Filippo ist ein PR-Profi. Fragen Journalisten nach einem Interview, so ist es er, der antwortet – in fließendem Englisch natürlich. Für Filippo liegt Zufriedenheit im Erfolg: seinem, dem von Monestevole, und dem der Idee von Tribewanted. Ob er glücklich ist, fragt er sich nicht. Dafür ist später Zeit.

It takes a village …

Filippo war es, der 2010 das Landgut Monestevole entdeckt und an die Tür der Besitzer geklopft hat. Geöffnet wurde ihm von Alessio und Valeria, seit mehr als 15 Jahren verheiratet und Eltern von vier Kindern. Ohne sie gäbe es Monestevole nicht, denn in über zehn Jahren harter Arbeit haben sie aus einer Ruine ein Juwel gemacht. Das Ergebnis: Ein ausladendes Feldsteingebäude aus dem 15. Jahrhundert mit mehreren Flügeln und Nebengebäuden, unzähligen Nischen, Winkeln, rustikal gezimmerten Türen, bunten Kacheln an den Wänden, kleinen Sprossenfenstern mit Fensterläden, Eingängen auf verschiedenen Ebenen, über schiefe Treppchen erreichbar, eindrucksvollen Türbögen und freigelegten Dachbalken, unter denen dank Tribewanted nun Gäste aus aller Welt vom Heuschreckenkonzert in den Schlaf begleitet werden. Alessio ist eine beeindruckende Person, eine Mischung aus exzentrischem Künstler und bodenständigem Farmer. Ein untersetzter Mann mit blondem Rauschebart, wettergegerbtem Gesicht und eisblauen Augen. Ein Mann, dessen Nähe Pferde genießen, ein Mann, dem Hunde folgen, dem Bäume sich – so scheint es – entgegenlehnen. Alessio bemerkt nichts von dem und bedenkt Hund, Pferd und Baum mit einem beiläufigen Tätscheln – sie sind Teil von ihm und er von ihnen. Alessio stammt aus Umbertide, dem kleinen Ort unten im Tal. Er hat sein ganzes Leben hier verbracht. Ein Mann, der weiß wer er ist und was er will. Deshalb wusste Alessio auch bereits mit 20 Jahren, dass er Valeria heiraten wollte. Und die beiden wussten wenig später genau, dass sie die heruntergekommene Gutshofruine oben auf dem Hügel kaufen und renovieren würden – ohne viel Geld aber mit viel Geduld und dem Einsatz eines ganzen Dorfes. Das war lange, bevor Tribewanted an die Tür klopfte – der Hof bis dahin ein Projekt ohne bestimmten Ausgang, ein Projekt um seiner selbst willen, und für die vier Kinder, die er von hier ins Leben entlässt. Seit Tribewanted da ist, ist Alessio mit seiner Familie in ein Nebengebäude gezogen. Dass nun Fremde in seinem Haus wohnen, stört ihn nicht. Er weiß: Dinge verändern sich, aber das Gut wird bleiben. Nur eines ist ihm heilig, die Bank auf der Anhöhe hinter seinem Haus. Er ist glücklich, wenn er Musik macht, und wenn er abends mit seiner Zigarette auf dieser Bank am höchsten Punkt des Hügels sitzt und herunterblickt auf das, was er geschaffen hat. Der gesamte Hof gehört dann wieder ihm, für einen Moment.

Ist geborgtes Glück die Lösung?

Rebekka, die Schreiberin, sitzt im leeren Wohnzimmer von Monestevole und denkt über geborgtes Glück nach. Sie möchte sich konzentrieren und etwas von Wert produzieren, über Glück, aber sie ist rastlos, denn sie ist verliebt. In diesen Ort, dieses Haus, für das Tribewanted nur eine Phase in einem langen Leben ist. Und in die Hündin Dollie mit den Bernsteinaugen, die draußen an einem Knochen nagt. Nach dem Abendessen, wenn sich die übrigen Gäste zurückziehen, der Koch in der Küche pfeift, Alessio zu seiner Bank auf den Hügel steigt und Filippo sich in seinem Büro den Zahlen widmet, sitzt Rebekka für gewöhnlich hier, an dem ausladenden grob gezimmerten Holztisch, und verliert sich in ihren Gedanken. Der Aufenthalt in Monestevole sollte Abstand bringen zum stressigen Alltag in Berlin, einem Stress, der neben den langen U-Bahnfahrten und späten Abenden in der Werbeagentur vor allem darin liegt, dass sie sich an einem Ort und einem Leben wähnt, die sie nicht komplett glücklich machen. Rebekka ist ratlos: Wie soll sie ihr Leben gestalten, wenn dieser Ort ihr das untrügliche Gefühl gibt, dass das Glück nicht in Geld oder Sicherheit liegt, sondern in einem Projekt, in einem mit Wert erfüllten Tun, in einem Hund?

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Hier bleiben kann sie nicht, das weiß sie. Dieses Projekt kopieren, das Glück der Menschen hier borgen, wird keine Erfüllung bringen, denn Alessio ist Alessio, Filippo ist Filippo, der Koch ist der Koch – und Rebekka ist Rebekka. Ihre Küche ist das Schreiben. Ihre Ruine ist ein umstrittener Markt und die Angst vor finanzieller Unsicherheit. Ihr Hund ist das Bedürfnis nach Konstanz. All das weiß Rebekka, und abends vor ihrem Computer versucht sie, die Weisheit von Monestevole zu kondensieren, für sich selbst zu durchsuchen nach Hinweisen und die Magie dieses Ortes auf weiße Seiten zu bannen. Die Dunkelheit, die sie umgibt, die Geräusche von Füchsen und Wildschweinen, das Knarren des Holzes, all das macht ihr keine Angst. Sie sind kein Vergleich zum Knarren der Treppenstufen, zum Pfeifen der Männer in Berlin, wo sie sich fremd und bedroht fühlt. Hier in Monestevole steigt sie abends – den Computer unter dem Arm – die Außentreppe zu ihrem Wohnbereich hoch, in kompletter Dunkelheit, und stolpert fast über Dollie, die jede Nacht auf ihrer Fußmatte schläft und sich jeden Morgen mit ihr erhebt, wenn die ersten Tiere sich rühren und der Kaffeeduft das Haus umarmt. Rebekka vermisst die Stadt nicht, nicht ihre Lichter, nicht ihre Geräusche, ihre Hektik, ihre Möglichkeiten. Sie ist glücklich hier, und weiß gleichzeitig, dass in diesem Glück eine Frage liegt, auf die sie keine Antwort weiß.

 

 

Berlin wird höflich – und ich kaufe Handtücher (vielleicht)

15 Mai

header_topDa staunte ich aber nicht schlecht, heute um 8:30 in der U8. Grad noch von Autofahrern auf der Sonnenallee angehupt und Töle ausführenden Opas auf dem Radweg im breitesten Berlinerisch beschimpft, sehe ich tatsächlich ein Berlin und ein Danke im selben Satz.  header_top

Schön, dass diese pulsierende Weltstadt zwar das zehnsekündige Pausieren eines Touristen auf dem Gehweg nicht verzeihen kann, zu K.o.-Tropfen aber höflich Nein, danke sagt. Weiter so, Berlin. Als nächstes bitte BILD-Zeitung, BER und Nazis – nein, danke.

Auch schön, mal wieder auf dem Weg zur Arbeit zu schmunzeln. Wobei, ich schreibe mir durchaus das Talent zu, auch aus den zitronigsten Momenten und U-Bahn-Fressen einen Grund zum Schmunzeln zu pressen. Jedenfalls an meinen besseren Tagen. Sowieso sage ich mir dieser Tage oft: Wäre alles immer rosig gewesen, Rebekka, worüber würdest du denn dann schreiben? Und recht hat sie, die kurz mal durchscheinenen Erwachsenenrebekka. Nur meist regiert derzeit die trotzige schmollende Herzschmerz-Teenagerrebekka. Mööp, mööp, wieso haben alle ein Baby und ich nicht? Mal ganz ehrlich: Weil man dir auch keins anvertrauen dürfte. Werd erst mal erwachsen! Und reiß dich am Riemen. Weniger Wein, mehr Fleiß. Vielleicht mal Handtücher kaufen, die nicht in den Siebzigern zum ersten mal den Kochwaschgang sahen und in die ich zudem an den Ecken Löcher geschnitten habe, damit ich sie aufhängen kann. Die Leute im Fernsehen habe weiche, fluffige Handtücher in aufeinander abgestimmten Farben, die gefaltet – manchmal sogar dekorativ aufgerollt – in offenen Ikea-Badregalen in Tropenholzoptik liegen. Und mal ehrlich: Mittlerweile eben nicht nur die Leute im Fernsehen, sondern so gut wie alle Menschen, die ich kenne (und die über 30 sind). Vielleicht mal Geld ausgeben für derart Sinnvolles, anstatt mir bei amazon einen ledernden Trinkschlauch zu kaufen, weil Hemingway aus so einem in Pamplona Rotwein gesoffen hat – oder mit Hermines Zauberstab aus Harry Potter in original Ollivanders Verpackung zu liebäugeln.

Ja, ich denke es ist an der Zeit, erwachsen zu werden. Vielleicht auch mal joggen? Nein, joggen geht vielleicht etwas zu weit. Aber Handtücher scheint machbar. Und Steuererklärung. Dann geht vielleicht auch irgendwann Hund Und dann Baby. Man drücke mir die Daumen.

Von oben

31 Okt

Ich gehe durch mein Leben mit vielen Kontakten und wenig Kontakt. Ich lebe in meiner eigenen Welt, in meinem eigenen Kopf, wo das Leben einfacher ist. Ich spreche aber fließend “Alltag”, deswegen merken die wenigsten etwas. Ich weiß, wie man es macht. Ich weiß, was die Leute hören wollen. Man mag mich. Aber man mag mich vor allem auf meinem Podest. “Aus der wird mal was”, sagt man. Ich freue mich, ich winke ab. Am Anfang. Aber dann glaube ich es irgendwann: Ja klaro. Ich bin etwas Besonderes, wie es scheint. Na gut dann.

Ich sehe die Leute von oben, eine Schar Köpfe. Sie machen und sagen Dinge, die mir unverständlich sind. Ich verstehe nicht, wie sie denken. Sie sind so langsam, sie stellen sich im Bus direkt vor die Ausgangstür und gehen nie, nie, nie nach hinten durch. Sie führen dümmliche Gespräche in der U-Bahn, weswegen ich große Kopfhörer trage. Sie haben Freundschafts- und Eifersuchtsdramen, die sich mir nicht erschließen. Ich sehe ihre Schar Köpfe von oben und ziehe die Mundwinkel herunter – ich urteile. Bitter schmeckt das auf der Zunge. Nicht gut, nicht erhaben. Manche schauen hoch zu mir, auch sie ziehen die Mundwinkel herunter. Aber anders. Beeindruckt, wohlwollend. Immer glauben sie, was ich sage. Aus irgendeinem Grund. Manchmal sage ich extra etwas Provokantes, manchmal Grenzwertiges. Sie fragen warum. Ich denke mir aus dem Stehgreif Argumente aus. Sie sagen: “Ja, das stimmt eigentlich. So habe ich das noch nie gesehen.” Ich freue mich nicht.

Irgendwann kommt ein Neuer, uneingeladen, in mein Leben. Alles an ihm ist falsch. Er stemmt die Hände in die Seite, schaut mit zugekniffenen Augen zu mir auf und spricht mich an. Er fragt und fragt, und wenn ich antworte sagt er: “Ah geh, das ist doch totaler Quatsch.” Ich sehe ihn sprachlos an. Er streckt die Hand aus und sagt: “Komm mal runter, ich hör dich so schlecht.” Er nimmt meine Hand und zieht, ich lasse es geschehen. Unten ist es voll und laut, und ich bin viel kleiner als die meisten um mich herum. Ich lehne mich an ihn an, er auch größer, als es von oben schien. Er lacht mich aus, und ich lache mit. Es ist unendlich schön, nicht perfekt zu sein.

Der Beziehungskorrespondent

10 Okt

Eine Woche zu spät. Aber ich habe eine gute Ausrede. Mein Freund Gary aus Australien war zu Besuch. Gary, dessen echter Name viel weniger idiotisch klingt, ist eine sehr private Person. Wenn er mir von seinen Frauenbekanntschaften – aktuell und vergangen – erzählt, dann ändert er stets die Namen. So weiß ich bis heute nicht, wie eine seiner Exfreundinnen, die ich unbekannterweise unglaublich unsympathisch finde, eigentlich heißt. Wir nennen sie Cindy. Aber ich greife vor.

Die Zeit mit Gary war, wie zu erwarten, bombastisch. Er hätte von mir aus ewig bleiben können. Kennengelernt haben wir uns in Lissabon vor noch nicht einmal einem Jahr. Gary und ich sind uns ähnlich in genau zwei Dingen. Das eine ist unser Humor, offenkundig im Alltag v.a. durch unsere Vorliebe bzw. meist einfach nur besessene Liebe für gewisse englischsprachige TV Serien. Wir haben über Szenen oder auch nur Dialoge aus Arrested Development, Community oder Seinfeld bereits länger und intensiver gesprochen als über unsere Eltern. Wir können uns mit einem Satz und manchmal sogar nur einer hochgezogenen Augenbraue aus dem Konzept, aus dem Takt oder zum Lachen bringen. Wir können ganze Konversationen führen, ohne dass anwesende Dritte ein Wort verstehen. Wir haben zu jeder erdenklichen Lebenssituation ein Serienquerverweis (“This is just like in the second season episode of XY where…” – “Of course, where xy does that and that to xy.” – “Exactly.”).

Gary ist einer der wenigen Menschen, mit denen ich mich acht Stunden lang unterhalten kann, ohne mich eine Minute lang gelangweilt, unterfordert oder schlecht unterhalten zu fühlen (= unser erstes Date). Date? Ja, die Frage drängt sich auf: Wieso sind wir kein Paar? So ganz genau erklären kann ich das auch nicht. Nach einem amorösen Beziehungsstart (zu viel Wein, zu viel Bier, und dann wieder zuviel Wein) beschlossen wir beide scheinbar zeitgleich, dass wir uns als Freunde besser gefallen würden. Thematisiert wurde das nie zwischen uns. Meine Theorie: Wir haben beide gemerkt, wie wertvoll unsere hier beschriebene Beziehung ist, und keiner von uns war gewillt, sie durch Sex zu gefährden.

Unsere Gespräche sind keinesfalls nur albern und drehen sich keinesfalls nur ums Fernsehen. Im Gegenteil, oft sind sie sehr ernsthaft, vor allem, wenn es um unsere zweite Gemeinsamkeit geht: Die Entscheidungen, die wir kürzlich für unser Leben getroffen haben. Kennengelernt haben wir uns, wie gesagt, in Lissabon. Wie ich sollte auch Gary eigentlich gar nicht dort sein. Er hatte nicht nur Australien, sondern auch einen vielversprechenden Job als Unternehmensberater hinter sich gelassen, mitsamt Computer, peer pressure, Anzug, und anderen Statussymbolen. In Lissabon kannte er niemanden, sprach die Sprache nicht und bestritt seinen Lebensunterhalt mehr schlecht als recht als Englischlehrer. Er war 33, als er ankam. Zum ersten Mal sahen wir uns über die Glastheke “meines” Cafés hinweg, er groß und schüchtern, ich mit Kopftuch, dreckiger Schütze und Schokokuchenteig im Haar. Die vermeintliche Elite von morgen hatte sich anders entschieden. Hier waren wir also.

Gary war der erste, dem ich von meiner “Berlin/Lissabon = Ehemann/Liebhaber”- Analogie berichtete. Er war so fasziniert von meiner Erklärung, dass er sofort ankündigte, diese von jetzt an zu klauen, um zweifelnde Mails von Eltern und Freunden abzuwehren – was ich natürlich sofort untersagte. Aber verstehen kann ich ihn: Es ist enorm schwer, irrationale Entscheidungen wie unsere anderen verständlich zu machen. Vor allem, wenn man in Berlin wohnt, der Stadt, die wirklich jedem ein “Wow, lucky you, Berlin is such a cool city” entlockt. Ja, ja, kann ich dann immer nur sagen, das stimmt. Aber wieso war ich dann nicht zufrieden dort? Wieso war ich hier? Berlin ist nett, erklärte ich also, und wir kennen uns schon eine ganze Weile. Wir haben viel miteinander durchgemacht, auch viel Spaß gehabt, und Berlin könnte mich sicher mein Leben lang irgendwie glücklich machen. Es ist einfach mit Berlin, vertraut, sicher. Alles hätte für immer so bleiben können, wäre Lissabon mir nicht über den Weg gelaufen. Lissabon wird mich nicht immer glücklich machen, es bietet mir z.B. null Stabilität und kann nicht für mich aufkommen. Ich hatte nicht darum gebeten, es zu treffen. Aber sobald so etwas geschehen ist, kann man es nicht ungeschehen machen. Was man weiß, das kann man nie wieder nichtwissen. Also war ich hier, auch nicht ohne Zweifel, und manchmal voller Sehnsucht an früher, als alles so einfach war, und sich viele Fragen nicht gestellt haben. Aber es war, wie es war. Hier war ich, und hier war auch er.

Wir haben aber bei weitem nicht nur Gemeinsamkeiten. Im Gegenteil, wir fungieren als Korrespondenten für den jeweils anderen, erklären uns unsere unterschiedlichen Welten. Das ist erst einmal nicht überraschend, immerhin kommt er aus Australien und ich aus Europa. Er erzählt Alltagsanekdoten aus einem Land, in dem Geld, Autos, Statussymbole und Rasenmäher eine viel wichtigere Rolle spielen als in meinem (bzw. in dem Teil, den ich kenne). Einmal habe ich ihn gefragt, ob er ein Sparkonto besitzt, und er antwortete: “You wanna know how much I am worth?” Erst nach einer zwanzigminütigen, entrüsteten Grundsatzdiskussion wurde mir klar, dass man soetwas tatsächlich sagt, wenn man in Australien über Geld redet. Ich wiederum bringe ihm zum Staunen, wenn ich berichte, dass in Deutschland eher selten wegen geklemmten Fingern in Bustüren oder zu heißem Kaffee auf Millionenbeträge geklagt wird.

Vor allem aber ist Gary mein Beziehungskorrespondent. Er hatte schon diverse ernsthafte, und er nimmt mich mit in eine Welt von Kompromissen, Diskussionen über vermeintliche Nichtigkeiten, Prinzipienentscheidungen und Sexentzug, die ich mit quasi anthropologischem Interesse studiere. Und nicht selten auch mit Irritation oder Angst. Teilweise sind es kulturelle Unterschiede – in Berlin streitet sich hoffentlich kein Paar darüber, wann wer von beiden einen gemeinsamen Kneipenabend mit Freunden verlassen will, denn wir fahren nicht mit dem selben Auto eine Stunde durch die Landschaft. Obwohl, wer weiß. Man hört ja Dinge. Aus dem Ich wird halt ein Wir. Jeder kennt ja das “Wir mochten den Film nicht”-Klischee. Nur ich kenne es eben nur aus Erzählungen bzw. – seien wir ehrlich – aus dem Fernsehen. Ich verschlucke mich oft an meinem Wasser bzw.– seien wir ehrlich – Wein, und Gary reißt oft ungläubig die Augen auf ob meiner Ignoranz/Unschuld.

Aber auch hier ist unsere Beziehung nicht einseitig, ich bin nämlich Garys Frauenkorrespondentin. Und das wünscht sich ja wohl ein jeder Mann. Wir reden schonungslos offen, und stellen uns endlich die Fragen, die man immer über “die anderen” stellen wollte, aber sich nie getraut hat. Ich fasziniere ihn mit meinem Gebrauch des Wortes “Affäre” und stelle auch den einen oder anderen Mythos klar, aber das möchte ich an dieser Stelle nicht weiter ausführen.

Gary und ich kennen uns noch nicht lange, aber sehr gut. Ich würde sagen: wir haben uns erkannt. Ich würde ihm alles erzählen. Ich weiß fast immer, was er über ein Thema denkt, und es ist eigentlich immer genau das, was ich denke. Und dennoch überrascht er mich manchmal, und ich ihn auch. Nachdem Gary abgereist war räumte ich nicht – wie er es sich gedacht hatte – mein Zimmer gründlich auf. Deshalb fand ich die Zettel erst Tage später. Ich wollte meine Bodylotion benutzen, griff nach der Flasche und fand einen Zettel auf der Rückseite, mit Tesa angebracht. Darauf ein handgeschriebener Seinfeld-Dialog. Später fand ich noch fünf weitere. Wer weiß, wie viele sich noch in meinem Chaos versteckt halten. Mein Favorit ist unser gemeinsames Lieblingszitat (ja, das ist eine Anspielung auf das “Wir mochten den Film nicht” Klischee), aufgefaltet in meinem Schuh: “People are the worst.” aus der Serie Seinfeld. Eigentlich sagt Elaine “I hate people” und Seinfeld sagt “Yeah, they are the worst.” Ich habe bisher niemanden getroffen, der mich so aus meiner kleinen eigenen skurrilen Welt herausgelockt hat, indem er sich für genauso einen Spruch genauso fanatisch begeistern kann wie ich – bis jetzt.