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Milch

7 Jan

Gleich nach Weihnachten fliegen der Mann, der Brummbär und ich nach Spanien. Der Mann stammt aus Kastilien, welches quasi das Deutschland Spaniens ist. Karge, teils flache Landschaft, Schnee im Winter und kulinarisch geprägt von Schweinefleisch und Eintöpfen. Hier fallen wir mit Kind und Kegel in das alte Bauernhaus der Schwiegereltern ein. Die Eingangshalle ist größer als die Küche meiner Eltern. Der Kamin hunderte von Jahren alt. Eine Heizung gibt es nicht. Vor der Tür wachen zwei Schäferhunde. Auf der anderen Seite der Straße grast die Rinderherde, von der die Familie seit Generationen lebt.

Opa B. hegt und pflegt die Herde, seit sein Vater es nicht mehr tut. Der Mann träumt seinerseits davon, sie eines Tages zu hegen und zu pflegen. Irgendwie, vielleicht. Oder halt doch was mit Computern. Jeden Tag gehen wir spazieren, betrachten das Land und träumen von einem Haus. Einem neuen Haus, einem warmen. Die Kälte im Bauernhaus macht mir zu schaffen. Das ist ironisch, denn ich neige wie kaum eine andere (und doch wie so viele) dazu, das Landleben zu idealisieren, was den Mann oft dazu bringt, die Augen zu verdrehen. Er ist hier aufgewachsen, als Baby, als Kind, ohne Heizung. Nur das Feuer im Kamin der Küche, die Glut in einer Schale unter dem Esstisch, und alle legen sich die Tischdecke über die Knie.

Morgens trinken wir Kaffee, jeder für sich, nach dem Aufstehen. Nachmittags gemeinsam, dazu essen wir Roscón de Reyes, Hefeteigkuchen mit Schlagsahne und kandierten Früchten. Nachmittags heißt hier in Spanien – denn trotz des Schnees und des Schweinefleischeintopfes und des Kaminfeuers sind wir hier in Spanien – so ab 17 Uhr. Mittagessen gibt es schließlich nicht vor 14 Uhr. Um die Zeit zwischen dem Frühstück um ca. 8 Uhr und dem Mittagessen zu überbrücken trinke ich viel heißen Café con leche. Der Kaffee kommt aus einer normalen Kaffeemaschine. Die Milch erhitzte ich in einer Tasse in der Mikrowelle.

Einmal merke ich, während sich die Tasse in der Mikrowelle dreht, dass ich eigentlich gar keinen Kaffee will. Und trinke die Milch einfach so. Auf dem Fensterbrett, und draußen schneit es. Wieso schmeckt Milch so anders, wenn sie heiß ist? Ich kann mich nicht erinnern, wann ich das zuletzt geschmeckt habe. Zum Nikolaus wahrscheinlich, als Kind. Es ist kalt, jedes Jahr, wir kaufen in der Stadt Stutenkerle mit tönernen Pfeifen. Zuhause sitzen wir in der Küche, alle zusammen, vor dem Fenster Finsternis, obwohl es doch erst 17 Uhr sein kann, später nicht. Mama erwärmt Milch in einem Topf und wir stippen die Stutenkerle hinein. Die Pfeifen nagen wir ab, ich weiß beim besten Willen nicht mehr, was wir damit vorhaben. Man kann damit nichts weiter tun, aber sie sind wichtig, trotzdem. Dann kommt der Nikolaus. Haus für Haus klappert er ab, und obwohl wir wissen, dass es ein Mann aus der Gemeinde ist, ist es doch ein magischer Abend. Wir Kinder wissen es, irgendwann, die Eltern wissen, dass wir es wissen und wir wissen, dass sie es – natürlich – wissen. Sogar mit ihm unter einer Decke stecken. Und doch.

Das geht mir durch den Kopf, als ich hier im Deutschland Spaniens, das doch Spanien ist, heiße Milch trinke und aus dem Fenster blicke. So einfach ist dieses Getränk und so aufgeladen mit – Kindheit. Und mit Nostalgie. Hier sitze ich, mit Kaminfeuer im Rücken und draußen nasse Hunde und weiter hinten nasse Kühe und kein Auto in Sicht und noch weniger ein Krankenwagen. In Berlin höre ich jedes Mal, wenn ich mit dem Brummbär rausgehe, einen Krankenwagen und hier nie. So einfach ist das. Das einfache Leben, hach hach, es hat doch etwas Magisches mit seinen Stillen und seinen Gerüchen und seinen Routinen und seinen Konstanten. Opa B. und Oma D. leben in diesem Haus seit 40 Jahren. Davor wohnte hier der Vater von Opa B. Der riesige Kamin war damals wohl noch im Gebrauch, womöglich sogar zum Kochen. Heute gibt es einen normalen Herd und im Kamin steht ein gusseiserner Ofen mit Glastür. Jeden Morgen wird er gereinigt. Ich weiss dass, weil ich dank Brummbär meist früh wach bin. Ich kann dann nicht wieder einschlafen und mein Kaffeedurst fuhrt mich als erstes in die Wohnküche. Die Großeltern schlafen noch, denn sie haben bis 22 Uhr zu Abend gegessen und danach noch gespült , aufgeräumt und ferngesehen. Vor Mitternacht gehen sie nicht ins Bett, ich hingegen schlafe meist mit dem Brummbär ein, so um 20 Uhr. Wahrend ich meinen zweiten Kaffee schlürfe, kommt irgendwann einer der beiden ins Zimmer und beginnt wortlos, den Ofen zu reinigen. Zuerst werden Asche und Glut der letzten Nacht in eine metallene Schüssel geschaufelt. Dann wird die Glastür mit einem Spray eingesprüht und nach einer gewissen Einwirkzeit abgeschrubbt. Jetzt wird Wasser geholt in einer zweiten Schussel, das Ganze wird abgewaschen. So oft, bis das Glas klar ist. Nun Handschuhe aus, Wasser weg, Lappen auswaschen und raus, Feuerholz holen. Das neue Feuer wird sorgfältig vorbereitet: erst Papier, dann kleine Zweige, oben die großen Scheite.

Bis das morgendliche Feuer im Ofen brennt, ist der Brummbär bereit für das erste Schläfchen des Tages und ich gehe raus, dick eingepackt gegen Regen, Schnee oder Wind, mit dem Baby im Tuch, meinem Kaffee in der einen und dem Smartphone in der anderen Hand. Und denke nach darüber, was ich gerade gesehen habe. Mühselige Routine für die einen, magisches Klischee für die anderen. Ich überlege, ob es etwas gibt, das ich seit vielen vielen Jahren wirklich jeden Tag auf wirklich immer dieselbe Art und Weise mache. Nichts – nicht einmal Kaffee. Höchstens das Handy zur Hand nehmen, direkt nach dem Aufwachen, denke ich traurig. Mails checken, sehen wer was geschrieben hat in den vielen Abendstunden, in denen so viele noch wach sind und ich schlafe. Was der Trump jetzt schon wieder angestellt hat. Ob die Welt noch steht. Aber das ist eher ein Handgriff, so wie Naseputzen. Es ist kein Ablauf, dahinter steckt kein Wissen, keine body memory, keine Kunst. Tatsächlich kann ich recht wenig mit meinen Händen anfangen. Nicht mal Handtücher falte ich richtig, so, dass die Kanten übereinander liegen. Kochen fällt mir ein. Ewig Gemüse schnippeln für Cannelloni mit Ziegenkäse oder im Sommer fur einen israelischen Salat. In den heißen Schmortopf greifen und das Rostgemüse fürs Boeuf Bourguignon ohne mit der Wimper zu zucken umdrehen. Wissen, bis zu welchem exakten Moment ich Sahne, Brühe und Portwein miteinander reduzieren lassen muss, damit eine himmlische Sauce daraus wird.

Oma D. kocht auch richtig gut. Jeden Mittag und jeden Abend gibt es drei Gänge. Suppe oder frittierte Croquetas, dann für gewöhnlich ein Stuck Fleisch, Gemüse, immer einen grünen Salat mit Knoblauch. Zum Nachtisch Flan oder Kuchen oder Obst. Sie kann sich viel Zeit lassen beim Kochen, denn Opa B. ist bei den Kühen und wenn wir nicht gerade hier sind, ist der Fernseher ihre einzige Gesellschaft. Und eine Katze, die macht, was sie will und die alle, der Mann eingeschlossen, unbeirrt rufen, schelten, belehren. Als würde es sie interessieren. Während ich draußen mit dem Baby im Tuch auf Twitter Neuigkeiten lese, beginnt Oma D. also drinnen die Vorbereitungen für das Mittagessen. Die Katze sitzt auf dem inneren Fensterbrett und schaut mich herausfordernd an. Und Opa B. verstaut die zwei Schäferhunde auf dem Traktor-Anhänger und den Mann auf dem Beifahrersitz und alle vier verlassen mit großem Tamtam den Hof, um auf der anderen Seite der Straße die Kuhherde zu rufen. Ich kann beobachten, wie sie da, wo man nicht weiter gucken kann, plötzlich auftaucht – eine schwerfällige, würdevolle Herde in Granitgrau, Dreckigweiß und Braun. Lange Hörner, bedachte Schritte, erhobene Köpfe. Zwischen den großen Leibern laufen auch einige Kleine mit. Eines ist wackelig, mager. Opa B. begutachtet es und verfrachtet es schließlich auf den Anhänger. Die Mutter ist außer sich, sie folgt dem Traktor, die beiden Hunde umkreisen sie. Dramatik liegt in der Luft, ich lege das Handy aufs Fensterbrett. Etwas ist passiert.

Beim Mittagessen erfahre ich, dass das Kalb mit dem Tode ringt. Opa B. hat es zu einem anderen, bereits gut gedeihenden Flaschenkalb in den Stall gebracht, zum Entsetzen der Mutter. Sie hatte, so wird mir gesagt, keine Milch oder wollte das Kalb nicht füttern, es ist nicht ganz klar. Ich verdränge Erinnerungen. Rebekka, sage ich mir, du wirst jetzt nicht weinen und dein eigenes Leid der ersten Babytage und -wochen auf diese Kuh projezieren. Das hier ist Natur, das ist das einfache Leben. Heiße Milch in einer angeschlagenen Tasse. Feuer im Ofen. Eine Kuhherde frei und stolz auf der Weide, die so groß ist, dass man sie erst rufen muss zum Füttern. Nach dem Essen mischt Opa B. Kälbchenmilch in zwei großen Pepsi-Flaschen und geht damit rüber zum Stall. Und am nächsten Morgen. Und am Morgen darauf. Am dritten Morgen trägt er nur noch eine Flasche in die Küche, schüttelt sie verbissen und verlässt das Haus. Ich nehme eine Tasse, fülle Milch hinein und erhitze sie. Dann setze ich mich aufs Fensterbrett, sehe ihm nach und lasse den Dampf die Scheibe beschlagen. Und freue mich nun doch ein bisschen auf zu Hause.

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Ich wollt ich wär’ wie Wolle

22 Dez

Mein Ding aktuell: Wollsocken verschenken. Im Bioladen um die Ecke gibt es ganz wunderbare dicke Strümpfe aus Freiland-Öko-Bio-Schaf-Spa-Wolle. Sie haben genau die Art von Ringel- oder Norwegermuster, die warme Winterwollstrümpfe zu haben haben. Und sie sind herrlich altmodisch weil dick, klumpig fast, ohne Gummizug oder Rutschfest-Noppen. Die Socken erinnern gar ein wenig an das, was der Trotzkopf strickt und dann dafür von der strengen Mädcheninternatshausmutter zurecht gewiesen wird. Genau kriege ich das nicht mehr auf die Reihe. Vielleicht verwechsle ich es auch mit Immenhof.

Wolle, das habe ich mittlerweile gelernt, soll man nicht so oft waschen. Und wenn, dann soll man einhundertundrei Dinge dabei beachten. Meine wunderschönen eisvogelgrünen Wolle-Seide-Babybodies mit all dem anderen Babyzeug bei 30 Grad zu waschen war der zweite Baby-Faux-pas, den ich mir geleistet habe. Der erste war, dass ich dem Brummbär direkt nach der Heimkehr die Fingernägel geschnitten habe. Meine Freundin L ist entsetzt.
„Das soll man nicht,“ ruft sie aus. „Da wachsen so Häutchen über den Nägeln, und das Schneiden tut den Babies weh!“
Also mein Baby hat sich nichts anmerken lassen aber vielleicht ist er auch wie ich und gibt sich gern tougher als er ist.

Ich bin nämlich nicht wie Wolle, die unter den Naturfasern ganz weit vorne liegt, was Resilienz angeht. Sie ist schmutz- und geruchsabweisend. Was auch immer Negatives um sie herum passiert, die Wolle lässt sich da nicht mit reinziehen. Sie hat quasi ein dickes Fell. Ich nicht so, ich bin eher wie Seide, der mimosenhaft-überempfindliche Partner der Wolle. Denn während an Wolle alles abprallt – sie kann sich sogar selbst reinigen – frisst Seide alles in sich hinein. Ich pflege seit jungen Jahren eine innere Excel-Tabelle, in die ich jede Beleidigung, jedes noch so kleine Vor-den-Karren-fahren säuberlich eintrage. Nachtragend ist gar kein Ausdruck. Nach außen aber tue ich häufig so, als wäre ich total tough und blöde Sprüche könnten mir nichts anhaben.

„Soll man nicht“, das ist sowieso mein liebstgehasster Satz aus Schwangerschaft und Babyzeit. Gern wird er begleitet von einem Luft-durch-die-Zähne-ziehen, im Folgenden durch „ssfffff’ kenntlich gemacht.

„Ich trinke ja grad total gerne Kräutertee.“
„Sssfff – soll man nicht. In Kräutertee können Schadstoffe enthalten sein.“
Einer Realität, in der der Verzehr von Kräutertee ein irgendwie geartetes Problem darstellt, verweigere ich mich aus Prinzip. Soweit kommt’s noch. Ich trinke aber auch viel Kaffee in der Schwangerschaft, weil ich es nur fair finde, dass das Baby direkt weiß, mit wem es da zu tun hat.

Zum Beispiel: Durch diverse Nervenzusammenbrüche angesichts des Formular-Hindernisparcours, den man bewältigen muss, wenn man sich erdreistet, ein uneheliches Kind in die Welt zu setzen, weiß der Brummbär bereits bei der Geburt über mich, dass ich nicht die Nervenstärkste bin. Obwohl das auch nicht ganz stimmt. Genau genommen stelle ich immer wieder folgenden interessanten Sachverhalt fest: Bei großen Dingen bin ich erstaunlich widerstandsfähig. Das gehörte quasi zu meiner Kinderstube. Kranke Mutter und immer schön in der Schule performen, Klassensprecherin sein, und – man halte sich fest – sogar noch nebenbei ein Mediatoren-Kinderfortbildung gerockt. Schülertalk hieß das Projekt, an dem ich teilgenommen habe. Ich kann mich nicht erinnern, dass je jemand zur Mediationssprechstunde gekommen ist, aber ich nutze meine Skills heute noch, um Mitmenschen zu manipulieren.

Als ich 2010 die Diagnose MS erhielt in einem Lissabonner Krankenhaus mit erstaunlich schwellenländlichem Flair und entschied, trotzdem den regnerischen grauen Winter in der Fremde zu bleiben, bekam ich von vielen Seiten die Rückmeldung: Du bist so stark. Eine Freundin schrieb mir: „You are the toughest girl I know.“ Eine andere: „Ich könnte das nicht, ich müsste sofort nach Hause zu meiner Familie.“ Der Gedanke war mir nicht einmal gekommen. Also: Big picture-mäßig bin ich durchaus stark. Und Stärke ist offenbar auch die Kernkompetenz überhaupt, wenn es um große Schicksalsschläge geht. Das fiel mir auf, nachdem meine Mutter gestorben war, wobei der Tod eines Elternteils wohl aus offensichtlichen Gründen nicht als Schicksalsschlag gilt. In so gut wie jeder der lieben Nachrichten und Karten, die wir als Familie oder ich als Individuum erhielt(en), wurde eines gewünscht: Kraft. Kraft, so meinen Menschen, brauchen Hinterbliebene am meisten. Ich kann mir darunter wenig vorstellen. Die Kraft weiterzumachen? Morgens aufzustehen? Nicht kraftlos im Bett zu liegen? (falls letzteres, oh wie wünschte ich mir dann, ich hätte keine Kraft – nur so für kurze Zeit). Die Kraft, zum anderen Ende des Tunnels zu gelangen, wo das Licht ist?

Offenbar habe ich genug Kraft, denn bislang stehe ich verlässlich jeden Morgen auf, und ich kann mich sogar für andere freuen und ihnen Geburtstagskuchen backen und mein Baby herzen und so richtig richtig glücklich sein. Bei kleinen Dingen fehlt mir allerdings oft die Stärke, mich im Zaum zu halten. Zum Beispiel, wenn die Dinge nicht so laufen, wie ich es will. Einer meiner Hauptkontrahenten dabei: die Schwerkraft. Ständig fallen mir Dinge herunter. Handschuhe, gern draußen. Teekartons aus dem Regal. Oder Dinge, die ich irgendwo abgestellt habe, kippen, sobald ich ihnen den Rücken zuwende, um. Mein Rucksack. Ein an die Wand gelehntes Fahrrad. Ich empfinde das generell als respektlos, als Provokation und bin dann gern beleidigt. Aber seit es den Brummbär gibt, nervt es auch ganz in echt. Erst mit Baby im Bauch, jetzt mit Baby im Tragetuch, ist es einfach mühsam und manchmal schier unmöglich, die Sachen aufzuheben. Und ich denke dann auch oft: „Man, seht ihr nicht, dass ich grad eh kämpfe? Müsst ihr jetzt echt auch noch runterfallen, ihr doofen Teebeutel?“ Ich nehme das Ganze sehr persönlich, genau wie die Seide es in meiner Fantasie auch tun würde.

Mit dem Baby ergeht es mir manchmal auch so. Wenn alles perfekt passt, sodass wir beide ein wenig schlafen könnten. Und damit meine ich: Wir sind zuhause, da ist ein Bett, und das Baby und ich, wir sind – Zufall, Zufall – ganz offensichtlich todmüde. What could go wrong? Alles, denn selbstverständlich weigert sich das Baby, einzuschlafen. Ich habe – und jetzt bin ich ganz offen, und nervös deshalb – in diesen Situationen schonmal in ein Kissen geschlagen. Im anderen Zimmer. Und bin dann erst zurück zum Brummbär. Wie kindisch. Es ist ja nicht auf ewig, dass ich zurückstecken muss. Aber das kann ich nicht sehen. Da bin ich aufbrausend, jähzornig. Da bin ich nicht stark. Da bin ich eine echte Mimose. Nicht Wolle, sondern Seide.

Zur Belohnung für seine Geduld mit mir habe ich dem Brummbär einen nagelneuen Wolle-Seide-Body gekauft. Ihn werde ich wenn irgend möglich mit Geduld und Feingefühl pflegen, damit die besten Qualitäten der Wolle und der Seide erhalten bleiben. Denn gerade ihr Zusammenspiel macht den Body warm – aber auch weich und anschmiegsam. Praktisch – aber auch schön. Und während ich das Teil stundenlang in handwarmen Wasser mit Lanolin einseife oder was auch immer (noch nicht gelesen), kann ich ja gleich dran arbeiten, mich selbst mehr so zu akzeptieren wie ich bin. Nervenstark und aufbrausend, stark und schwächlich, liebevoll und impulsiv. Halt ein anspruchsvolles Kombiprodukt. Aber beste Qualität.

 

 

 

Das merkwürdige Verhalten männlicher Werber in der Agentur

22 Mai

Vor einiger Zeit habe ich bereits meinen Unmut über männliche Kommunikation kundgetan und ein kleines Experiment gestartet (btw: weiterhin ohne Konsequenzen). Die Konsequenzlosigkeit scheint ein Phänomen der männlich dominierten Werbebranche zu sein. Des Öfteren durfte ich schon beobachten, wie Fehler, Fehlverhalten oder einfaches Fehlen folgenlos blieben. Für mich selbst scheint sich allerdings immer eine Konsequenz zu finden.

Sei’s drum. Die Männermasse an meinem Arbeitsplatz wächst und mit ihr auch die fragwütdigen Verhaltensweisen, die ich – ganz Dian Fossey – beobachten darf. Thema heute: Backdoor bragging. Diese Kunst, Eigenlob oder vermeintlich beeindruckende Fakten über sich in alltägliche Gespräche zu schmuggeln, beherrschen diverse Mitarbeiter. Beispiel: „Als Freiberufler habe ich anfangs oft den Fehler gemacht, immer viel zu früh richtig geile Ideen zu haben. Dann verdient man nämlich weniger, weil man weniger Tage abrechnen kann.“ Der Bericht über einen vermeintlichen Fehler dient eigentlich nur der Betonung, wie geil man(n) ist. Hach, wäre es doch nur nicht so durchschaubar. Ein ganz besonders „souveränes“ Exemplar schaffte es neulich, mich innerhalb eines Tages von zwei gewonnen Preise (Preise spielen für den männlichen Werber eine große Rolle), drei gelungenen (Selbsteinschätzung) Kampagnen sowie der Tatsache, dass man ja schon beim TV und (!) beim Radio gearbeitet hat, zu unterrichten. Und das, ohne dass ich eine einzige Frage gestellt habe. Dafür würde ich dem Exemplar gern eine ernstgemeinte Respektbekundung zuteil werden lassen. Nur dass ironischerweise dieses echte Lob gerade nicht zur weiteren Festigung des bereits gut etablierten Bilder der eigenen Fähigkeiten und Leistungen beitragen würde. Also hilft weiterhin nur eins: Close your ears and think of England. Mit Kopfhörern und Danzig. Oh, mother …

Ach wäre mein Leben doch nur ein OTTO-Katalog

6 Mrz

Früher habe ich immer Häuser gemalt. Anwesen, mit Innenhof, Pferdeställen und kleinen Türmchen, umgeben von dunklen Tannen. Später habe ich in Schulheften Grundrisse meiner Traumhäuser gezeichnet, mir überlegt, wo das Kinderzimmer und wo der begehbare Kleiderschrank ist, wo welche Möbel stehen. Offene Küche, Esszimmer. Ich wollte einen grossen Esstisch besitzen und eine schwere Whiskey-Karaffe mit Glasdeckeln und Kristallgläsern.

Wenn ich mal 30 bin, so habe ich gedacht, dann ist mein Leben ganz anders. Dann bin ich erwachsen und führe, wie durch ein Wunder, ein Erwachsenenleben als Erwachsenenrebekka. Kinder scheinen zu denken, dass man später ein anderer Mensch ist. Als würde man eines morgens aufwachen und anders sein. Anders aussehen, anders reden, anders denken. Meine Schwester und ich haben als Kinder gern im OTTO-Katalog geblättert. Wir haben die weiblichen Models begutachtet und uns „ausgesucht“, wie wir aussehen/sein wollen, wenn wir groß sind. Leider habe ich heute weder Korkenzieherlocken, noch einen olivfarbenen Teint. Ich bin keine 1,80 Meter und auch nicht gertenschlank. Die bittere Wahrheit ist: Wir bleiben genauso, wie wir immer waren – nur ein bisschen älter, ein bisschen verschwommener und, wenn wir Glück haben, ein bisschen weiser und bescheidener.

Wer ich bin und wie ich aussehe – damit muss ich wohl meinen Frieden machen. Andere Räume meines Luftschlosses allerdings wären durchaus im Rahmen der Erreichbaren gewesen. Trotzdem habe ich bis heute keine Wohnküche mit Tür in den Garten und einer Kochinsel in der Mitte. Kein offenes Fenster, durch das ein freches Pony seinen Kopf steckt. Keinen Hund vorm Ofen. Keine Kristallgläser. Ich besitze auch keine richtigen Pumps (kann ich nicht drin laufen), kein dunkles Kostüm (bin zu dick) und keine Auto (bin zu arm). Stattdessen wohne ich übergangsweise in einer WG, teile mein Zimmer mit Umzugskartons, die Spinnenweben ansetzen und warte. Warte und suche. Immerhin so viel. Suche nach etwas, das mich endlich wieder erfüllen wird. So wie früher in der Schule, als ich Schülersprecherin war, von jedem geschätzt und respektiert. Heute bin ich ein Niemand, ein kleines Rädchen in einer lauten Maschine namens Berlin. Mein Fehlen würde wohl nicht auffallen – welch ein Glück. Denn ich habe beschlossen: Vierzig ist die neue Dreißig. Und ich bekomme es noch, das verdammte Haus. Den verdammten Job, der mich mit Leidenschaft erfüllt. Wenn andere das schaffen, dann kriege ich das auch. Ich wünschte nur, ich wüsste, wie …

Verdammte Gegenwartsangst

19 Okt
Lebenszweifel sind am gemeinsten, wenn man eigentlich noch schlafen sollte und es draußen so schrecklich dunkel ist.

Dieses Gefühl, es ist das Schlimmste überhaupt: Aufzuwachen mit so einem Erschrecken, einem Schreckmoment, der das Herz aussetzen läßt, und der sich dann in ein ganz ungutes Bauchgefühl ausdehnt. Ich habe schlecht geträumt und draußen ist es stockdunkel. Ich schaue auf den Wecker, noch nicht einmal sechs. Ich drehe und wende mich, will wieder einschlafen, aber es geht nicht, Zweifel pieken mich von allen Seiten. Zukunftsangst? Auch, aber vor allem Gegenwartsangst: Was mache ich eigentlich mit meinem Leben? Muss ich nicht die Notbremse ziehen? Läuft vielleicht grad alles in die falsche Richtung und ich merke es nicht, aber jetzt, in diesem einem Moment, sehe ich plötzlich – und auch nur kurz – alles ganz klar, und wenn ich jetzt nicht handle dann bin ich selber schuld? Es erscheint mir plausibel, in diesen dunklen, müden Minuten.

Nur, was genau eigentlich schief läuft kann ich nicht benennen, vielleicht bin ich einfach nur zu verpennt… Eigentlich ist doch alles OK. Also wieso schrecke ich aus dem Schlaf auf wie in einem schlechten Film?? Vielleicht nur ein schlechtes Gewissen, weil ich gestern zuviel Wein getrunken habe? Vielleicht ist es die Angst vor meinem Kontostand? Ich wünschte, es wäre so einfach, aber am wahrscheinlichsten ist: Ich glaube nicht an mein Recht, glücklich zu sein. Ich komme besser mit mir zurecht, wenn ich es nicht bin. Dann macht irgendwie alles mehr Sinn. Wie sonst kann man es erklären, dass ich immer noch, nach zwei Jahren, von der Agentur alpträume?? Heute, im Ernst, wache ich vor sechs Uhr auf und denke: Ich habe vergessen, etwas zu erledigen. Es war nur ein Traum, will ich schreien, du bist armselig. Bald dreißig und immer noch eine Opferhaltung wie ein Kind. Werd endlich erwachsen, übernehme endlich Verantwortung für dein Leben.

Jetzt ist es sieben und immer noch dunkel draußen. Mein Gesicht fühlt sich taub an vor Erwachsenseinangst. Oh der Druck des endlichen Lebens, und vor allem des priviligerten. Seit ich weiß, dass ich theoretisch fast alles erreichen und machen kann was ich will, bewege ich mich so gut wie gar nicht mehr, wie das Kaninchen vor der Schlange der unendlichen Möglichkeiten. Und nun? Kaffee und Verdrängung. Vielleicht kommt das Gefühl ja nicht zurück. Erst einmal.

Harry Potter und der Tröstende Taxifahrer

13 Sep

Die folgende Geschichte habe ich schon oft erzählt, aber noch nie aufgeschrieben.

Man stelle sich folgendes Szenario vor: Ein blauer Himmel, die Sonne ist bereits aufgegangen über Berlin. Eine menschenleere, stille, friedliche Sonnenallee. Das gibt es nur ungefähr eine Stunde lang pro Tag zu genießen, gefühlt so zwischen fünf und sechs Uhr morgens. Vor allem sonntags. Kein Auto ist unterwegs. Nur ein altes Taxi steht am Straßenrand vor der Bushaltestelle Fuldastraße. Die Fahrertür ist geöffnet, drinnen plärrt das Radio. Schlagermusik konkurriert mt dem übereifrigen Zwitschern der Vögel. Auch ihnen ist bewusst, dass sie nur diese eine Stunde haben, um zu beeindrucken. Im Bushäuschen sitzt eine junge Frau mit einem kleinen roten Kindersandkasteneimerchen im Schoß. Sie kotzt. Also: Sonne, Vögel, Radio, Kotzen.

Neben dem Taxi steht noch eine Frau, auch jung, Aber sie kotzt nicht. Statt dessen weint sie. Laut und von ganz tief drinnen. Und doch klingt ihr Schluchzen erstickt, denn ihr Gesicht ruht an der Schulter des Taxifahrers. Er ist circa 60 Jahre alt, dick und ungepflegt. Sein graues Haar hat er notdürftig über die Glatze geklebt. Der Taxifahrer wiegt die weinende Frau in seinen wulstigen Armen. Je mehr er sie wiegt, desto intensiver weint sie. Es muss alles raus. Der Mann denkt an seine Töchter, als sie im Alter der jungen Frau waren. Und an seine Enkelinnen, die bald soweit sein werden. Was haben sie für Sorgen heute, diese jungen Frauen, denkt er. Wie einfach war doch meine Welt – oder erschien es zumindest – als ich jung war. Er tätschelt der jungen Frau sachte den Rücken. “Gut, gut, ist ja gut.” murmelt er. “Du machst das alles ja so gut.” Er weiß nicht wovon er redet, aber er meint es so. Im Hintergrund fällt die kotzende Frau mit einem Seufzer auf die Seite und lässt den roten Plastikeimer fallen. Ihre Freundin dreht den Kopf, aber der Taxifahrer hält sie sanft fest. “Alles gut”, sagt er, “es wird schon alles wieder gut.” Sie legt den Kopf ab, dankbar, und lässt es geschehen.

Wann genau es war weiß ich nicht mehr, aber ich weiß, dass es warm war und der Himmel blau, und dass ich schon in der “Agentur” gearbeitet habe. Ersteres wohl erst seit kurzem, letzteres schon seit geraumer Zeit. Ich war gestresst, gehetzt, hoffnungslos und invalide. Ob es der Stress war bliebe zu beweisen, aber zum ersten Mal seit langer langer Zeit machte mein linkes Knie wieder Probleme. Schmerz und – schlimmer – Schmerzerwartung waren bereits seit Schultagen meine treuen Begleiter. Jetzt humpelte ich eben durch den “Agentur”-Glaskasten, was niemanden groß interessierte. Alles, was eine Ladung Aspirin Complex nicht lösen konnte, existierte nicht. Ich war sogar in der Charite, aber die gaben mir nur ein paar Krücken, allerdings – das muss man ja auch mal sagen – zum Spottpreis von sieben Euro.

Ich mochte meinen Job nicht besonders – auch ohne geschwollenes Knie und Schmerzmittelzwangsverordnung. Niemand hat Schuld, außer vielleicht ich selber. Bloß: Wenn man nie gelernt hat, dass man etwas so gut machen kann, dass man sich vor Lob und Empfehlungen nicht retten kann, ohne dass es auch nur annähernd etwas ist, das einem Spaß macht, was soll man dann tun? Man kann nur lernen.

Jemand zerrte an meinem linken Arm, ein anderer am rechten. Währenddessen schlug mich jemand ins Gesicht. Nicht fest, eher konstant, und daher nervig. Morgens wachte ich auf in einem Bett voll bunter Excelausdrucke und mit in wirrer Handschrift beschriebenen Postits, die ich im nichthalbwachen Zustand nicht mehr entziffern konnte. Sechs Stunden Schlaf waren Luxus, nächtliche Taxifahrten vom Büro nach Hause mit anschließendem Weintrinken Normalität. Dann Kaffee. Dann wieder Wein.

Am Wochenende gab es aber dann ab und zu eine Party. Und damit zurück in die morgendlich-malerische Sonnenallee. Ich war gerade umgezogen und hatte eines meiner kleinen geheimen Ziele erreicht: die Postadresse “Sonnenallee” auf Briefumschläge und Formulare kritzeln zu dürfen. Und es gab eine Party. Und es gab einen Mann. Eigentlich ist es keine besonders originelle Geschichte. Ich ging mit ein paar Freundinnen. Und einer Bekannten, mit der ich noch nie wirklich feiern war. Sie war nicht annähernd so trinkerfahren wie wir. Long story short, ich fand mich morgens um halb sechs mit einer kotzenden Freundin an der Bushaltestelle Fuldastraße wieder. Das Problem: Mit meinem kaputten Knie konnte ich sie keinen Meter weiter tragen. Ich war müde, ich war betrunken, ich war liebesbekümmert. Ich hatte genug. Mal wieder, wie immer, musste ich irgendwie stark sein, aus irgendeinem Grund etwas tun, das ich nicht tun wollte. Mal wieder vor die Wahl gestellt: machen was ich will und ein Arsch sein, oder machen was ich nicht will und auf Dank hoffen.

Ich versuchte, den Fahrer der Buslinie M41 zu überzeugen, dass er uns ruhigen Gewissens die zwei Stationen mitnehmen konnte. Er sah zu meiner kotzenden Freundin hinüber und lachte. Ich hielt Taxen an und bot den Fahrern horrende Summen – ich hatte einige zerknitterte Scheine in der Umhängetasche meiner Begleitung entdeckt. Sie winkten ab. Ich gab auf. Hier saßen wir, immobil aus verschiedenen Gründen, mit dem roten Eimerchen, im Bushäuschen Fuldastraße. Dann war es halt so. Ich hatte genug von allem. Ich würde hier sitzen bleiben und abwarten was passiert. Oder nicht einmal warten. Ich würde einfach hier sein. Punkt. Die Sonne ging auf, die Vögel fingen an zu zwitschern. Ich wurde immer nüchterner. Meine Freundin kotzte mit erstaunlicher Ausdauer. Plötzlich sah ich am oberen Rand meines auf meine Füße gesenkten Blickes ein Auto anhalten – direkt vor uns. Ich sah auf – es konnte nicht sein! Ein Taxifahrer hatte uns erblickt und freiwillig gehalten. Wir waren gerettet…

Der Mann hievte sich aus dem Fahrersitz, ging langsam um den Wagen herum. Das Radio lief, irgendein Schlager. Für einen Moment stützte er sich auf der Motorhaube ab. Er trug Hosenträger und eine getönte Brille. Ich stand auf. “Brauchen Sie Hilfe?” fragte er, mit einem starken osteuropäischen Akzent. Wie um seine Frage zu beantworten, erbrach sich meine Freundin mit einem Röhren in den Eimer. Wie voll der jetzt schon sein muss, ging mir durch den Kopf. Vielleicht ist es der Sandkasteneimer von Mary Poppins… Dann: konzentrier dich, Rebekka! Nicht kichern, flehen! “Nehmen Sie uns mit? Ich kann sie nicht tragen. Es ist nicht weit.” Er schüttelte traurig das zerfurchte Gesicht. “Das nicht gehen, Mädchen.” “Bitte!” “Ich bekommen Ärger.” Er wich langsam zurück. Ich ging einen Schritt auf ihn zu. Er wich einen weiteren zurück. “Bitte. Ich kann sie nicht tragen.” Er gestikulierte ein Nein. Ich wiederholte: “Ich kann nicht – ich kann nicht mehr…”

Meine Freundin erbrach sich. Und bei mir barsten alle Schleusen. Die Tränen liefen, ich hob noch die Hände, wie um zu sagen: Es tut mir leid, ich weiß auch nicht, wieso… Doch da drückten sich meine Unterarme schon an seinen Bauch, da war ich schon in seinen Armen. Er roch nach Tabak, Schweiß und alten Kleiderschränken. Ich wollte mich herauswinden, die Kontrolle wieder erlangen. Aber er hielt mich. Und ich ließ los. Alles kam über mich: Der Job, die Frustration, die Angst, der Umzug, der Krebs meiner Mutter, mein Versagen, als ich es vor lauter Burnout nicht einmal geschafft hatte, an ihrem Bett zu wachen, nachdem sie ihr den Schädel aufgesägt hatten, die Freundschaften, die ich riskierte, weil ich immer zu spät oder gar nicht kam. Die unendliche Müdigkeit. Meine Knie gaben nach, und er hielt mich. Erst nach mehreren Minuten beruhigte ich mich. Ein Bus fuhr vorbei. Meine Freundin lag nun auf der Bank. Ihr Arm hing dem Asphalt entgegen. Ich war wieder da. Ich straffte die Schultern, wischte mein Gesicht mit den Händen ab, oder an seinem Hemd. Ich trat einen Schritt zurück.

“Okay, ich nehmen dir mit”, sagte er ergeben. Ich hatte ihn gebrochen. Aber jetzt war ich wieder da. Heroisch deklarierte ich: “Nein. Ich möchte nicht, dass Sie Ärger bekommen. Ich schaffe das schon.” Und ich ging zu meiner Freundin und richtete sie grob auf. Er zögerte. Stand da. Hin- und hergerissen. Noch einmal sah ich auf zu ihm. “Danke. Ich schaffe das schon.” Er wich zurück – so wie vorher – und schaffte es diesmal um das Fahrzeug herum und auf den Fahrersitz. Die Tür schlug zu. Ich zuckte zusammen. Wieder allein. Langsam, ganz langsam, fuhr er davon. Ein Winken von mir hätte genügt. Aber ich winkte nicht.

Ich hievte sie unter Schmerzen die Straße hoch zu meinem Haus. “Linkes Bein vor, rechtes Bein vor”, sang ich ihr vor. Irgendwie ging es, so wie es immer irgendwie geht. Sie schlief in meinem Bett unter einem Handtuch. Ich rauchte in der Küche und sah aus dem Fenster.

Zum weiserwerden Teil:

Diese Geschichte ist lange her. Ich habe seitdem viel gelernt. Heute erscheint es mir unvorstellbar, dass sich derartiges wiederholen könnte. So viel Unglück in mir, so viel Unzufriedenheit. Dabei können wir ja in unserer heutigen Situation so ziemlich machen, was wir wollen. Wer hindert uns denn? Es gibt keine arrangierten Ehen, oder so gut wie keine. Wer muss denn heute noch das Geschäft des Vaters übernehmen, gegen seinen oder ihren Willen? Es kommt vor, natürlich. Aber in meinem Fall war es defintiv nicht so.

Vielmehr verfolgte ich ein Bild von mir, dass ich größtenteils selber skizziert hatte. Ich hakte brav einen Schritt nach dem anderen ab und wartete darauf, dass sich das Resultat – also das Glück, die Zufriedenheit – einstellen würde. Wartete und wartete auf etwas von außen, und ignorierte die Realität, das Innen.

Das ganze Szenario erinnert mich an eine Szene aus dem drittem Harry Potter Film – “Der Gefangene von Askaban”. Harry liegt mit seinem Patenonkel Sirius in den Armen am Ufer eines Sees, umgeben von den lebensaussaugenden Dementoren. Da er bereits weiß, dass jemand kommen wird, um ihn zu retten – weil er das Ganze schon einmal erlebt hat – wartet er ab und handelt nicht. Und liegt dabei im Sterben. Erst in letzter Sekunde realisiert er, dass niemand kommen wird, dass er selber derjenige war, der ihn das erste Mal beschützt hat. Er überlebt. Für NichtHarryPotterLeser klingt das jetzt sicher wirr, ich hoffe der Rest versteht mich.

Viele von uns warten doch darauf, dass sich endlich die Karriere, das Leben, der Mensch einstellt, auf die/das/den wir warten, und die/das/den wir erwarten. Glücklich sein werden wir aber erst, wenn wir einsehen, dass nur wir diejenigen sind, die das Glück erschaffen können. Es wird nie zu uns kommen, es kann nur aus uns kommen. Und das war das Wort zum Sonntag, und die erste Moral von der Geschicht dieses Blogs. Gute Nacht!