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„Prost Mahlzeit“ – über Ernüchterung

4 Dez

Die Schwangerschaft hat eine sehr ernüchternde Wirkung auf mich. Zunächst im wahrsten Sinne des Wortes. Es ist Anfang Dezember, als ich den Test mache. Drei Weihnachtsfeiern pro Woche. Und man kennt mich: Sobald ich das erste Glas Wein ablehne, ernte ich hochgezogene Augenbrauen. Zum Glück geht es mir elend. Blass, übel, kalt. Die Erkältung nimmt man mir ab.

Weihnachten zu Hause. Meine Mutter schwer krank. Ich stehe in der Küche und denke: Wie soll ich das alles ohne Wein durchstehen? Und ahne nicht im Ansatz, was noch kommt, was ich noch alles ohne Wein durchstehen werde. An Silvester gehe ich um 19 Uhr ins Bett.

Januar, Februar, März. Es bleibt kalt, Mir geht es weiter elend. Im Büro schlafe ich heimlich auf der zugigen Toilette. Und eine andere Art der Ernüchterung tritt in mein Leben. Die der Rollenbilder, mit denen ich mich angesichts der baldigen Existenz eines Babies konfrontiert sehe.

Ich war immer schon ganz vernarrt in Babies. Als Teenager war ich dafür bekannt, alles „niedlich“ und „süß“ zu finden. Meine vier Neffen kann ich gar nicht genug halten, herzen und knuddeln. Warum ich trotzdem frustriert bin, als sich herauskristallisiert, dass ich die klassischen zwölf Monate Elternzeit nehmen werde? Also in der echten Babyzeit mein Kind kennenlernen, betreuen und begleiten darf? Bevor es riesige Schneidezähne kriegt – später dann Pickel – und Widerworte gibt?

Weil ich zwar Babies liebe, aber dieses Arrangement sich übel nach 1950er anfühlt. Weil der Spiegel, die ZEIT und das Bundesfamilienministerium mir sagen, dass dieses Arrangement die Einstiegsdroge zur Teilzeit ist und damit zur sicheren Altersarmut führt. Weil es mich ärgert, dass der Mann und ich da nicht weiter sind. Dasselbe Betreuungsmodell zu wählen wie die konservativsten Menschen, die ich kenne – das passt einfach nicht in mein Selbstbild. Folglich bin ich maulig und aggressiv, immer wenn es um die Elternzeitformulare geht. Dann schlägt der Mann vor, dass ich weniger Monate nehme und er mehr. Daraufhin werde ich panisch: Mein Baby einfach verlassen und zur Arbeit gehen? Das kann ich nicht. Der Mann ist genervt – zu Recht.

Ist ja nur ein Jahr. Aber stimmt das?

Ich ernüchtere mich quasi selbst, und das nicht nur in puncto Betreuungsplan. All die hehren Vorstellungen, die ich von mir hatte – die coole Mutter, die nebenbei alles Mögliche macht, abends einen Babysitter beim Kind lässt und mit Freunden beim Italiener sitzt, die niemals dem armen Papa sagt, wie er etwas zu tun hat oder ihm das weinende Kind wie eine Furie aus den Armen reißt. Zwei Wochen nach Entbindung ist klar: Eher nicht …

Am Ende füllen wir das Formular konservativ aus und einigen uns auf einen finanziellen Ausgleich, damit ich weiterhin meinen monatlichen Fixbetrag aufs Sparbuch einzahlen kann. Dennoch – ich sehe mich schon als Flaschen sammelnde Oma und bin ratlos: Wenn ich als meines Erachtens autarke und aufgeklärte Person nicht in der Lage (oder willens) bin, dieses Muster zu durchbrechen, wie soll sich dann je etwas ändern? Oder muss es das vielleicht gar nicht? Kämpfe ich gegen meine Natur, wenn ich von mir verlange, mein Baby bereits im ersten Jahr „zu verlassen“?

Der Mann bleibt gelassen. Er sagt: „Du siehst immer nur das Baby. Aber wir werden jahrelang Teilzeit arbeiten müssen, denn das Kind braucht uns auch noch nach dem einen Jahr.“ Recht hat er. Und ich hoffe sehr, ich schaffe den Absprung. Beziehungsweise mein Sohn schafft ihn. Denn meine große Sorge: Durch mein Beharren auf dem „Mamajahr“ schaffe ich eine Abhängigkeit nach mir, die der Mann nicht durchbrechen in der Lage ist – zumindest nicht ohne eine Extraportion Engagement.

Erst zu dm, dann in den Bioladen

Und so geht der Mann ins Büro und ich reihe mich ein in die Riege der Daheim-auf-Zeit-Mamas, die alle dieselben Blogs lesen, dieselben bunten Tragen tragen, bei dm durch biobaumwollenen Bodies wühlen und im Kindercafé Rhabarbersaftschorle kippen. Jeden Morgen die Frage: Wie kriege ich den Tag heute rum? Irgendwie findet sich plötzlich ständig ein Grund, zum Supermarkt, zur Drogerie oder zum Baby-Secondhandladen zu schlendern. Als ich eines Tages dem Mann folgende Telegram-Nachricht schreibe, erschrecke ich mich vor mir selbst: „Tag soweit gut. Waren grad bei dm. Gleich gehen wir noch zur Bio Company. :))“ Wer ist diese Frau und was hat sie mit Rebekka gemacht?

Und weil mir so langweilig ist, ergibt es sich wie von selbst, dass ich mich um alle Babybelange kümmere – sei es die Recherche nach Babykursen und Mittelchen gegen Bauchweh, das Organisieren der Garderobe (Kleidung leihen, Kleidungsbestandsaufnahme machen, Kleidung zurückgeben) oder das Lesen von Ratgebern. Und mich dann erneut erschrecke: Ist es soweit gekommen, dass ich einen Alltag lebe, in dem manches „Frauensache“ (oder „Muttersache“) ist?

Gerade haben wieder einige Studien gezeigt: Die organisatorische Mehrarbeit rund ums Kind klebt an Frauen wie Fliegen an einem Fliegenfänger. Sogar, wenn der Mann arbeitslos ist und die Frau voll arbeitet, kommt es zu derartigen Konstellationen. Wie kann das sein? Und wie können wir das stoppen? In meiner Situation ist es so, dass der Mann Ausländer und der hiesigen Sprache nur begrenzt mächtig ist. Aber erklärt das wirklich, warum ich mich in der Apotheke über Globuli informiere und den Unterschied zwischen FABEL, FenKid und PEKiP recherchiere? Nein, tut es nicht. Vielmehr hat es auch damit zu tun, dass der Mann vieles von dem, womit ich mir so den eigentlich wohlverdienten Feierabend fülle, überflüssig findet. Und sich dementsprechend auch nicht darum kümmern will. Trotzdem, Bekleidung, Poposalbe und Kitaplatz gehen uns ganz eindeutig beide etwas an. Und es geht ja nicht nur ums Prinzip. Die Tatsache, dass ich den Löwenanteil der Baby-Aufgaben erledige, begünstigt mindestens zwei problematische Zustände:

1. Vorbildfunktion

Ich habe den Plan. Gleichzeitig habe ich wenig Zeit und noch weniger Nerven. Heißt: Weil ich weiß, was läuft und wie ich es will, mache ich es am sinnvollsten (schnellsten) selber. Und plötzlich sind wir bei Loriot und der Mann weiß nicht, wo was liegt in der Wickelkommode.

Nicht nur ist diese Arbeitsteilung nervig, weil ich quasi keinen Feierabend habe. Sie drängt mich auch in eine Rolle, die ich gar nicht spielen will. Schließlich möchte ich meinen Sohn zum Feministen erziehen. Die „Mommy knows best“-Nummer, bei der die Mutter genervt aber versiert sämtliche Tätigkeiten ausübt, während der Vater ahnungslos/störrisch auf sein Smartphone starrt, ist dabei nicht zielführend, Stichwort Vorbildfunktion. Zum Glück habe ich einen Partner, der auch schon vor dem Baby jegliche Art von Hausarbeit erledigt (ich putze sowieso nicht korrekt).

2. Wissensvorsprung

Der Mann hat nur begrenzte Zeit mit dem Baby und will gern bonden – absolut zu unterstützen. Gleichzeitig habe ich nicht nur alles genauestens recherchiert, sondern außerdem jeden Tag ca. 11 Stunden Erfahrungsvorsprung. Will sagen: Ich habe erst zehn Dinge probiert, die nicht funktioniert haben, bis ich die eine Sache gefunden habe, die funktioniert. Ist es da nicht sinnvoll, dass der Mann meiner Ansage und Anleitung folgt, anstatt selbst herauszufinden, wie es am besten geht? In Gesprächen stelle ich fest: Genau das scheint der Streitpunkt zwischen vielen frisch gebackenen Elternteilen zu sein. Ich frage mich: Müssen unsere Babies als Versuchskaninchen herhalten, um die Egos der Väter zu beschützen? Oder wollen Mütter wie ich alles viel zu sehr kontrollieren und sollten sich entspannen?

Wahrscheinlich liegt die Wahrheit wie so oft in der Mitte, aber ich bin schon sehr ernüchtert darüber, wie oft wir streiten. In der Schwangerschaft, und dann auch mit dem winzigen Baby im Haus. Sollten wir uns nicht eigentlich ungläubig-entrückt über den samtweichen Babykopf hinweg anlächeln und dabei pudrig-pastellfarbige Kleidung tragen? Offenbar nicht, denn wir holen lieber ganz andere Klassiker aus der Klischeekiste und bewerfen uns fleißig mit „Immer“-Granaten und „Nie“-Bomben –  als hätte es die Brigitte Psychologie-Artikel nie gegeben.

In einem gereizten Moment bricht es aus mir heraus:
„Wir kämpfen viel zu sehr gegeneinander. Als wären wir Kontrahenten. Dabei sollte es doch eher wir gegen das Baby sein.“
„Wir gegen das Baby?“
„Du weißt, was ich meine …“

Gemeinsames Lachen schweißt zusammen, die Spannung ist gebannt. Aber das Taktieren auf dem Schlachtgeld der Erziehung ist ein anstrengender Dauerzustand. Von Schlafroutinen über Fremdbetreuung ja/nein und „Was machen, wenn er weint?“ bis zur Frage, wer oder was an Weihnachten die Geschenke bringt, ist vieles so viel weniger klar, als ich es angenommen hatte. Ob das wohl so bleibt?

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Lonely Planet Elternzeit oder: Meine ersten drei Monate auf der Insel

23 Nov

Schadenfreude ist die Droge der Entrechteten und Erschöpften. Deshalb kann man Eltern nerviger Kleinkinder keinen größeren Gefallen tun, als zum ersten Mal schwanger zu sein und im Verlauf dieser Schwangerschaft mit ihnen zu sprechen.

Jedes Wehwehchen, jede Beschwerde wird mit einem genüsslichen Schnaufen und einem wissenden Blick (falls andere Mütter zugegen) pariert: „Das ist ja noch gar nichts… du wirst dich noch umgucken.“ Versucht man allerdings, den erfahrenen WegbereiterInnen devot zu kommen und ihren Wissensschatz anzuzapfen, stößt man auf Granit. „Das musst du selber erleben,“ heißt es dann. „Man kann sich nicht vorstellen, wie es ist, ein Baby zu haben, bis es soweit ist.“

Und was soll ich sagen? Die müden Eltern haben alle recht und ich schlage mich nun schamlos auf ihre Seite. Umgeben von Freunden, die größtenteils noch kinderlos sind, schäme ich mich manchmal dafür, wie viel ich mein Handy herumreiche, Fotoreihen zeige, die für den Außenstehenden alle wie ein und dasselbe Bild des Babies aussehen („Aber guck, der Mundwinkel …“) und über Stuhlgang spreche. Soweit, so erwartet.

Ebensowenig überraschend, wie wohltuend die vielen (auch immer wieder gleichen) Gespräche mit anderen Müttern sind. Die auch über Stuhlgang sprechen wollen. Und darüber, wie oft man sich in den ersten Wochen mit dem Partner gestritten hat. Aber anders als meine Schwangerschaftswegbegleiter mache ich nun einen Versuch, die Mauer des Schweigens zu durchbrechen und meine Erfahrungen zu teilen. Ich habe mir dafür sogar ein Gleichnis überlegt:

Ein Kind zu haben, ist wie auf einer Reise ein Land gefunden haben – oder sagen wir, weil malerischer, eine Insel. Man wusste nichts von ihrer Existenz und alles auf dieser Insel ist schön oder unheimlich, extrem, wunderbar, unglaublich. Versucht man, wieder zu Hause angekommen, seinen Freunden von der Insel zu erzählen, merkt man schnell: Der Funke springt nicht über, trotz unzähliger Fotos. Trotz detaillierter Anekdoten. Nach 15 Minuten werden die Blicke leer.

Und dann trifft man plötzlich eine Fremde, die auch schon auf dieser Insel war. Man kann es nicht glauben – endlich jemand, der dieselbe Sprache spricht. Die all die Orte kennt, die Panoramen, die Strände, die Aromen. Man könnte ewig quatschen.

Auf Mami-Gesprächskreis, Schlafentzug und Babyverliebtheit war ich also vorbereitet. Vieles andere hat mich in diesen drei Monaten wirklich aus dem Konzept gebracht.

Eine erste Zwischenbilanz.

 

Anstrengende Ahnungslosigkeit

Die ersten Monate mit Baby sind sehr anstrengend – soweit keine Überraschung. Aber sie sind ganz anders anstrengend, als ich es gedacht hätte. Nicht der Schlafmangel zehrt an mir, sondern die absolute Ahnungslosigkeit. In dem Moment, als mir im Krankenhaus das gerade angezogene, winzige Baby hingehalten wird mit der Ansage „ab jetzt alle zwei Stunden anlegen“ merke ich: Ich weiß nicht, wie ich dieses zerbrechliche Vögelchen halten soll. Umdrehen. Hinlegen und wieder aufheben. Geschweige denn anlegen. Ich habe so viel gelesen, aber jetzt wird mir klar: Es ging dabei immer um Schwangerschaft und Geburt, und dann um Erziehung, um Grundsätzliches zur Entwicklung von Kindern. Den Gebrauchsanleitungsteil fürs Baby habe ich schlicht übersprungen.

Das Gefühl, nicht so recht zu wissen, was ich tue, hält quasi bis zum dritten Monat an. Ich bin enttäuscht von den anfänglichen Stillproblemen, sie nagen an meiner Selbstsicherheit. Die ganze Schwangerschaft über reden alle vom Mutterinstinkt und unser aller Mutter Natur, die seit Jahrtausenden alles regelt, durchdenkt und optimiert. Den Mist hab ich schon bei der Geburt nicht mehr geglaubt, beim Stillen wird es dann richtig absurd: Wie können weder ich noch das Baby wissen, wie das geht? Schweine schauen doch auch keine Youtube Tutorials.

Das Krankenhaus entlässt uns mit einem winzigen Baby und einer Milchpumpe nach Hause, wo ich keine passenden Strampler habe, keinen Stillerfolg und weiterhin keine Ahnung. Das Baby weint und ich weiß nicht wieso. So kann man das zusammenfassen. Zum Glück habe ich kein Schreibaby, sondern eines, das viel schläft. Und sobald es mit dem Stillen klappt, biete ich ihm bei jedem Murks die Brust an und stehle mich so aus der Verantwortung, mein Baby zu verstehen. Erst mit dem dritten Monat habe ich endlich keine Angst mehr vor meinem Baby. Es kann jetzt auf verschiedene Arten weinen: verzweifelt/hungrig, müde, zornig. Und ich weiß für jedes Schreien mindestens eine Sache, die ich tun kann.

 

Irrationale Glucke

Der Mutterinstinkt, den ich beim kompetenten Versorgen des Babies vermisse, lässt mich ansonsten zur Karikatur mutieren – wie wohl sämtliche Mütter vor mir auch. Sobald in der Dusche das Wasser rauscht, höre ich mein Baby weinen. Weint es tatsächlich, muss ich sofort hin und es an mich nehmen. Emilio schläft mit acht Wochen zum ersten Mal in seinem Beistellbettchen – ich brauche eine Woche, um das Zimmer zu verlassen und drei, um zum Abendessen bis in die Küche zu gehen.

Diese überschäumenden Emotionen führen dazu, dass ich andere Lebensbereiche, drücken wir es mal diplomatisch aus, etwas vernachlässige. Die Nachtleggins gehen nahtlos in die Tagleggins über. Ich bestelle jeden Scheiß bei amazon und checke oft erst, wenn der Paketbote die Treppe hochkommt, ob ich nach dem Stillen alles wieder einigermaßen eingepackt habe. Ich esse wie ein Tier – beim Stillen kippe ich Smarties wie Shots direkt aus der Röhre, Burger stopfe ich mir über einem mit einer Serviette bedeckten Babykopf in den Mund. „Leg ihn doch einfach hin,“ sagt mein Freund. „Er weint doch nicht.“ „Ja, jetzt nicht“, erwidere ich. „Weil ich ihn trage.“ Tatsächlich weint mein Sohn in den ersten Monaten vergleichsweise wenig. Der Preis: Zeit für mich und eventuell eine gute Portion meines Verstands.

 

Eine neue Sprache

Eltern kleiner Babies sprechen ihre ganz eigene Sprache. Ich erinnere mich, wie ich vor der eigenen Schwangerschaft nie verstanden habe, was die Schwangeren immer von Wochen labern. „Wie weit bist du denn?“ „23. Woche.“ Peinliches Schweigen. „Ich weiß nicht, was das bedeutet …“

Seit der Schwangerschaft denke ich nun auch nur noch in Wochen und ernte selbst ratlose Blicke. Außerdem habe ich entdeckt, dass es ein ganzes Vokabular gibt, das alle in meinem Mama-Universum fließend draufhaben. Da gibt es natürlich U1, U2, U3, U4 … und für den Gruppenzwang PEKiP, Fabel, FenKid. Aus der Welt des Tragetuchs: Wickelkreuz, Känguru, Anhock-Spreiz. Aus der Kategorie „Apotheke“: Carum carvi, Beinwell, Engelwurz, Chamomilla, Vier-Winde-Öl. Ich bin integrationswillig und spreche dementsprechend fließend die Muttersprache der Insel „Elternsein“. Und hab selbstverständlich sämtliche Techniken drauf und Mittelchen parat!

 

Total verkopft

Ich bin sicher, dass es Eltern gibt, die komplett darin aufgehen, mit ihren Kleinen daheim zu bleiben. Die sich nichts Schöneres vorstellen können, als sie Tag um Tag zu betrachten und in ihrer Entwicklung zu begleiten. Ich weiß das deshalb so genau, weil diese Eltern es mir erzählen. Unaufgefordert, versteht sich.

Ich bin ebenso offen wenn ich sage: Ich langweile mich bereits nach drei Monaten ganz gewaltig in meinem Daheimbleibertum. Nicht, weil ich mein Baby nicht bezaubernd finde. Und auch nicht, weil es nicht genug zu tun gäbe. Mir fehlt schlicht die intellektuelle Komponente. Das, was ich gewohnt bin zu tun: einen neuen Sachverhalt, ein neues Themengebiet umkreisen, erforschen, durchdringen und dann gären lassen, bis ich soweit bin, Schlüsse zu ziehen, Konzentrate zu produzieren, etwas Neues aus dem Gelernten zu schaffen. Mit Baby ist bei mir alles Emotion, alles Instinkt bzw. das Fehlen des Instinkts. Ich reagiere eigentlich nur, immer einen Schritt hinterher. Mein Herz läuft mir über, aber der Kopf wird irgendwie immer schwermütiger.

Bereits in Woche 2 beginne ich alles zu lesen, was es gibt. Zum Leben mit neuem Baby. Zu Stillproblemen. Zum Tragetuch. Zum plötzlichen Kindstod. Ich durchforste beim stundenlangen nächtlichen Stillen Expertenforen und Informationsbroschüren auf Deutsch und Englisch, überfliege Studien, lese Interviews. Ich kaufe und verschlinge etliche Bücher über Schreikinder (meines schreit nicht viel), Beikoststart (steht noch längst nicht an) und allgemeinen Bewegungen wie dem Attachment Parenting. Im Ernst – man frage mich irgendetwas zu den Themen zu viel Milch, zu wenig Milch, Wickelkreuztrage ja oder nein oder den idealen Betreuungsschlüsseln für Kleinkinder in der Tagesstätte. Ich kann referieren.

Ich verkopfe, weil mein Kopf mir eben so fehlt. Weil wissen so viel beruhigender ist als lernen. Sicherer im Umgang mit meinem eigenen Baby macht mich das Ganze nur bedingt. Manchmal hilft es, zum Beispiel beim Tragen. Manchmal macht es mich als überzeugten Hypochonder nur noch pessimistischer – beim Stillen etwa. Und einmal so belesen und besorgt, ist es unglaublich schwer, zum intuitiven Umgang mit dem Baby und all den Herausforderungen, die mit ihm einhergehen, zurückzufinden. Ich habe es noch nicht geschafft.

Und mir kommt der Verdacht, dass mein Verhalten auch einen Erklärungsansatz für das aktuell so viel gebashte Helikopter-Elterntum bergen könnte. Vielleicht bekommen eben hier und jetzt vermehrt Frauen Kinder, die lange Zeit Sinn und Spaß in der geistigen Arbeit gefunden haben – weil sie oft Akademikerinnen sind und weil sie länger arbeiten, bevor sie ein Kind bekommen. Vielleicht stürzen sich viele von ihnen in der ersten Zeit zu Hause auf das Sachgebiet „Kinder – die Chancen und Risiken“. Und vielleicht werden sie um so ängstlicher und deshalb überfürsorglicher, je mehr sie lesen und wissen.

Damit muss ich mich unbedingt sofort im Detail auseinandersetzen …

Das merkwürdige Verhalten männlicher Werber in der Agentur

22 Mai

Vor einiger Zeit habe ich bereits meinen Unmut über männliche Kommunikation kundgetan und ein kleines Experiment gestartet (btw: weiterhin ohne Konsequenzen). Die Konsequenzlosigkeit scheint ein Phänomen der männlich dominierten Werbebranche zu sein. Des Öfteren durfte ich schon beobachten, wie Fehler, Fehlverhalten oder einfaches Fehlen folgenlos blieben. Für mich selbst scheint sich allerdings immer eine Konsequenz zu finden.

Sei’s drum. Die Männermasse an meinem Arbeitsplatz wächst und mit ihr auch die fragwütdigen Verhaltensweisen, die ich – ganz Dian Fossey – beobachten darf. Thema heute: Backdoor bragging. Diese Kunst, Eigenlob oder vermeintlich beeindruckende Fakten über sich in alltägliche Gespräche zu schmuggeln, beherrschen diverse Mitarbeiter. Beispiel: „Als Freiberufler habe ich anfangs oft den Fehler gemacht, immer viel zu früh richtig geile Ideen zu haben. Dann verdient man nämlich weniger, weil man weniger Tage abrechnen kann.“ Der Bericht über einen vermeintlichen Fehler dient eigentlich nur der Betonung, wie geil man(n) ist. Hach, wäre es doch nur nicht so durchschaubar. Ein ganz besonders „souveränes“ Exemplar schaffte es neulich, mich innerhalb eines Tages von zwei gewonnen Preise (Preise spielen für den männlichen Werber eine große Rolle), drei gelungenen (Selbsteinschätzung) Kampagnen sowie der Tatsache, dass man ja schon beim TV und (!) beim Radio gearbeitet hat, zu unterrichten. Und das, ohne dass ich eine einzige Frage gestellt habe. Dafür würde ich dem Exemplar gern eine ernstgemeinte Respektbekundung zuteil werden lassen. Nur dass ironischerweise dieses echte Lob gerade nicht zur weiteren Festigung des bereits gut etablierten Bilder der eigenen Fähigkeiten und Leistungen beitragen würde. Also hilft weiterhin nur eins: Close your ears and think of England. Mit Kopfhörern und Danzig. Oh, mother …

Was interessiert mich mein Geschwätz von gestern?

13 Mrz

Huch, hoffentlich habe ich da keinen echten Schaden angerichtet. Tja, zu spät. Der Kollege hat das Büro bereits verlassen. Was passiert ist, ist passiert.
Ja, aber was ist denn nun passiert? Ich habe männlich kommuniziert. Was in diesem konkreten Fall heißt: Ich habe eine Frage im Brustton der Überzeugung verneint, ohne auch nur den entferntesten Schimmer zu haben, ob meine Antwort den Fakten entspricht. Frei nach dem Motto: Hauptsache, man hat was gesagt. Und Hauptsache, man wirkte dabei souverän. Mit der neuen Info begibt sich der Kollege jetzt in ein Meeting. Und ich warte einfach mal ab, was passiert.

Ich arbeite schon seit Jahren mit männlichen Kollegen zusammen. Warum mir erst vor kurzen die Formel ihres (vermeintlichen) Erfolgs klar wurde, weiß ich nicht. Fakt ist (sag ich jetzt einfach mal so): Männer sagen viel seltener „Ich glaube“ oder „Ich check’ das nochmal.“ Männer sagen: „Das ist so“, oder „Das stimmt nicht.“ Und meistens kommen sie damit durch. Überprüft doch mal eine den Sachverhalt und stellt sie zur Rede, werden die Schultern gezuckt. „Was, das ist gar nicht so? Sollte es aber.“ Der vermeintliche Fakt wird zur unverschämten Gehorsamsverweigerung der Welt gegen den Sprecher. Reue gibt es keine.

Dagegen anzukämpfen scheint zum Scheitern verurteilt. Also mache ich es wie schon Dian Fossey (ja, den Namen schreibt man so) und passe mich meinem Umfeld an. Dian Fossey wurde ermordet, allerdings nicht von den Gorillas. Mein soziales Experiment hat bisher zum Glück keinerlei negative Konsequenzen für mich nach sich gezogen. Und wenn, dann wären die eben unfair. Und die anderen hysterisch? Na, ganz so weit wollen wir mal nicht gehen. Verallgemeinere ich hier nicht vielleicht ein bisschen, ist das, was ich hier schreibe, nicht stark vereinfacht und unfair? Nein, ist es nicht. Sag ich jetzt einfach mal so …

Ach wäre mein Leben doch nur ein OTTO-Katalog

6 Mrz

Früher habe ich immer Häuser gemalt. Anwesen, mit Innenhof, Pferdeställen und kleinen Türmchen, umgeben von dunklen Tannen. Später habe ich in Schulheften Grundrisse meiner Traumhäuser gezeichnet, mir überlegt, wo das Kinderzimmer und wo der begehbare Kleiderschrank ist, wo welche Möbel stehen. Offene Küche, Esszimmer. Ich wollte einen grossen Esstisch besitzen und eine schwere Whiskey-Karaffe mit Glasdeckeln und Kristallgläsern.

Wenn ich mal 30 bin, so habe ich gedacht, dann ist mein Leben ganz anders. Dann bin ich erwachsen und führe, wie durch ein Wunder, ein Erwachsenenleben als Erwachsenenrebekka. Kinder scheinen zu denken, dass man später ein anderer Mensch ist. Als würde man eines morgens aufwachen und anders sein. Anders aussehen, anders reden, anders denken. Meine Schwester und ich haben als Kinder gern im OTTO-Katalog geblättert. Wir haben die weiblichen Models begutachtet und uns „ausgesucht“, wie wir aussehen/sein wollen, wenn wir groß sind. Leider habe ich heute weder Korkenzieherlocken, noch einen olivfarbenen Teint. Ich bin keine 1,80 Meter und auch nicht gertenschlank. Die bittere Wahrheit ist: Wir bleiben genauso, wie wir immer waren – nur ein bisschen älter, ein bisschen verschwommener und, wenn wir Glück haben, ein bisschen weiser und bescheidener.

Wer ich bin und wie ich aussehe – damit muss ich wohl meinen Frieden machen. Andere Räume meines Luftschlosses allerdings wären durchaus im Rahmen der Erreichbaren gewesen. Trotzdem habe ich bis heute keine Wohnküche mit Tür in den Garten und einer Kochinsel in der Mitte. Kein offenes Fenster, durch das ein freches Pony seinen Kopf steckt. Keinen Hund vorm Ofen. Keine Kristallgläser. Ich besitze auch keine richtigen Pumps (kann ich nicht drin laufen), kein dunkles Kostüm (bin zu dick) und keine Auto (bin zu arm). Stattdessen wohne ich übergangsweise in einer WG, teile mein Zimmer mit Umzugskartons, die Spinnenweben ansetzen und warte. Warte und suche. Immerhin so viel. Suche nach etwas, das mich endlich wieder erfüllen wird. So wie früher in der Schule, als ich Schülersprecherin war, von jedem geschätzt und respektiert. Heute bin ich ein Niemand, ein kleines Rädchen in einer lauten Maschine namens Berlin. Mein Fehlen würde wohl nicht auffallen – welch ein Glück. Denn ich habe beschlossen: Vierzig ist die neue Dreißig. Und ich bekomme es noch, das verdammte Haus. Den verdammten Job, der mich mit Leidenschaft erfüllt. Wenn andere das schaffen, dann kriege ich das auch. Ich wünschte nur, ich wüsste, wie …