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Verdammte Gegenwartsangst

19 Okt
Lebenszweifel sind am gemeinsten, wenn man eigentlich noch schlafen sollte und es draußen so schrecklich dunkel ist.

Dieses Gefühl, es ist das Schlimmste überhaupt: Aufzuwachen mit so einem Erschrecken, einem Schreckmoment, der das Herz aussetzen läßt, und der sich dann in ein ganz ungutes Bauchgefühl ausdehnt. Ich habe schlecht geträumt und draußen ist es stockdunkel. Ich schaue auf den Wecker, noch nicht einmal sechs. Ich drehe und wende mich, will wieder einschlafen, aber es geht nicht, Zweifel pieken mich von allen Seiten. Zukunftsangst? Auch, aber vor allem Gegenwartsangst: Was mache ich eigentlich mit meinem Leben? Muss ich nicht die Notbremse ziehen? Läuft vielleicht grad alles in die falsche Richtung und ich merke es nicht, aber jetzt, in diesem einem Moment, sehe ich plötzlich – und auch nur kurz – alles ganz klar, und wenn ich jetzt nicht handle dann bin ich selber schuld? Es erscheint mir plausibel, in diesen dunklen, müden Minuten.

Nur, was genau eigentlich schief läuft kann ich nicht benennen, vielleicht bin ich einfach nur zu verpennt… Eigentlich ist doch alles OK. Also wieso schrecke ich aus dem Schlaf auf wie in einem schlechten Film?? Vielleicht nur ein schlechtes Gewissen, weil ich gestern zuviel Wein getrunken habe? Vielleicht ist es die Angst vor meinem Kontostand? Ich wünschte, es wäre so einfach, aber am wahrscheinlichsten ist: Ich glaube nicht an mein Recht, glücklich zu sein. Ich komme besser mit mir zurecht, wenn ich es nicht bin. Dann macht irgendwie alles mehr Sinn. Wie sonst kann man es erklären, dass ich immer noch, nach zwei Jahren, von der Agentur alpträume?? Heute, im Ernst, wache ich vor sechs Uhr auf und denke: Ich habe vergessen, etwas zu erledigen. Es war nur ein Traum, will ich schreien, du bist armselig. Bald dreißig und immer noch eine Opferhaltung wie ein Kind. Werd endlich erwachsen, übernehme endlich Verantwortung für dein Leben.

Jetzt ist es sieben und immer noch dunkel draußen. Mein Gesicht fühlt sich taub an vor Erwachsenseinangst. Oh der Druck des endlichen Lebens, und vor allem des priviligerten. Seit ich weiß, dass ich theoretisch fast alles erreichen und machen kann was ich will, bewege ich mich so gut wie gar nicht mehr, wie das Kaninchen vor der Schlange der unendlichen Möglichkeiten. Und nun? Kaffee und Verdrängung. Vielleicht kommt das Gefühl ja nicht zurück. Erst einmal.

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