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Armes Stiefkind Gegenwart

11 Apr

Neulich laufe ich mit dem Brummbären durch den Park. Er ist grad in der Trage aufgewacht, schaut sich neugierig um. Ich spreche laut mit ihm, wie ich es immer tue: “So, wir gehen jetzt gleich in den Supermarkt. Da gibt es bestimmt Süßkartoffeln. Die schälen wir, wenn wir zu Hause sind, und dann kochen wir sie. Und dann können wir ja noch ein wenig spielen. Und dann ziehen wir deinen Schlafanzug an. Und dann kuscheln wir uns ins Bett. Und dann …”  Irgendwann wird mir bewusst, was ich da rede und ich erschrecke: Seit ich denken kann, folge ich dem nächsten “Dann” wie Alice dem weißen Kaninchen. Aber jetzt ziehe ich auch mein armes Kind in meine Zukunftssucht mit hinein. Dabei fühlt sich der Brummbär in der Gegenwart überaus wohl. Mir hingegen geht der Gedankengaul durch, sobald ich einen Moment zur Ruhe komme.

Mit dem Brummbären im Bett beispielsweise. Kaum liege ich neben meinem schlafenden Baby, beginne ich mich zu sorgen. Dabei ist alles gut. Aber wenn ich etwas kann, dann mir unnötige Sorgen machen. Ich betrachte seinen Kopf – wunderschön, rund, mit zartem Haar gleichmäßig bedeckt. Der Wirbel am Hinterkopf ist der Nabel meiner ganzen Welt. Und doch macht der Kopf mir Angst: Was verbirgt sich darin? Mein Gehirn ist nicht mein Freund, das Gehirn meiner Mutter war ihr größter Feind. Ist mein Baby in Gefahr?

Ich liege mit meinem schlafenden Baby im Bett und doch bin ich nicht da – die Gegenwart hat mich wie so oft schon wieder verloren. Sie muss mich ziehen lassen, in die Vergangenheit und in die Zukunft. Erinnerungen, Ängste, längst verhallte Schmerzen. So war das. Hoffnungen, Wünsche, Fragen. Was wird sein? Was hat mir die Gegenwart nur getan, dass ich sie bei der erstbesten Gelegenheit fallenlasse wie eine heiße Kartoffel? Die Antwort liegt auf der Hand: alles!

Die Zukunft lügt, die Vergangenheit verzeiht, die Gegenwart tut uns alles an

Fakt ist: Alles, aber wirklich alles Schmerzhafte, Furchtbare, Unerträgliche passiert uns in der Gegenwart. Das kann aber nicht erklären, warum so viele von uns ihr die kalte Schulter zeigen, denn ebenso wahr ist, dass alles Gute, Schöne, Erhabene und Lustige uns ausschließlich im Hier & Jetzt passiert.

Ein Bekannter sagte mir einmal, er ärgere sich immer so sehr, wenn sich ein Paar trennt und alle sagen: “Sie haben sich nach sieben Jahren getrennt, wie furchtbar.”

“Warum”, fragte er, “kann man nicht einfach denken: Sie waren sieben Jahre zusammen, tolle Sache. Warum bekommen die sieben Jahre einen bitteren Beigeschmack, nur weil aus ihnen jetzt keine acht mehr werden?”
“Weil sie”, erkläre ich ihm, “durch die Trennung in die Vergangenheit gerutscht sind und dort kann man sie wunderbar idealisieren. Als das Paar zusammen war, war das Gegenwart, und die Gegenwart spielt eine undankbare Nebenrolle in unser aller Lebensstück.“

Egal, wieviel Mühe sie sich gibt, die Gegenwart ist das ewige Stiefkind unserer Zeit. Oder schlicht der Menschheit? Vielleicht war in dem Moment, in dem wir ein Konzept unsere Endlichkeit bekamen, Schluss mit ihrer Hochphase. Für immer abgemeldet, dritte Geige nach Zukunft und Vergangenheit. Und irgendwie ja auch kein Wunder. Vorgeführt von den rosigen Versprechungen der Zukunft, kann die Gegenwart meist nicht delivern und enttäuscht.

Außerdem: Im Gegensatz zur Zukunft (Fantasie) und Vergangenheit (Nostalgie) können wir die Geschehnisse der Gegenwart nicht beschönigen oder kontrollieren. Sie passieren uns einfach, stürmen und stürzen auf uns ein, wir können bestenfalls reagieren. Und nie wissen, was als nächstes kommt und wie lange das, was da ist, bleibt.

Ich erschrecke manchmal, wie wenig Zeit ich in meinen 36 Jahren tatsächlich in der Gegenwart verbracht habe.

Bevor ich den Mann traf, der jetzt auch der Vater des Brummbären ist, war ich zehn Jahre (in Zahlen: 10) Single. Das ist eine lange Zeit. Es hat mich eigentlich nicht gestört, also in der Gegenwart. Nur leider verbrachte ich damals genauso wenig Zeit im Hier & Jetzt wie heute. Träumte mein Leben, ohne Werbeagentur, ohne M41 Bus, ohne BAföG-Schulden. Und sorgte mich gleichzeitig ganz fleißig, was nur werden sollte.

Einmal fragte mich eine Freundin, warum ich das Singledasein nicht mehr genoss. “Eigentlich ist alles an dieser Art zu leben dir doch wie auf den Leib geschneidert.”

Recht hatte sie: Ich bin gern allein. Ich reise am liebsten allein, denn meiner Erfahrung nach schlittert man nur so in absurde, unverhoffte, wahnsinnig interessante Situationen. Ich lese gern in Restaurants und mag es nicht, wenn Pläne sich ändern. Kompromisse finde ich scheiße. Ins Kino gehe ich auch am liebsten allein, damit man mich beim Weinen nicht beobachten kann. Einmal war ich mit einem Mann, in den ich ein wenig verknallt war, im Kino, wir sahen “Extremely loud and incredibly close”. Tom Hanks, der auf den Anrufbeantworter spricht: “Are you there? Are you there?” Ich weinte so heftig, dass ich richtige Schluchzkrämpfe bekam. Der Mann meldete sich danach nicht mehr.

“Stimmt”, sagte ich deshalb. “Aber ich will ja nicht für immer alleine sein. Irgendwann will ich Kinder. Womöglich sogar einen Partner.”

“Und? Was hat das mit jetzt zu tun?”

“Naja”, erklärte ich mich, “solange ich nicht sicher weiß, dass sich der Zustand, den ich eigentlich aktuell toll finde, irgendwann verändert, kann ich ihn jetzt auch nicht genießen.”

“Das ist absurd.”

“Das ist es wohl.”

Was ich damals wollte, war ein Stück Papier. Ein notariell beglaubigtes Dokument mit Unterschrift und Siegel: “Hiermit bestätigen wir, der Rat der alten grauen Männer, Frau Rebekka Korthues, dass sie vor Ablauf der angemessenen Zeit Partner und Kind haben wird. Sie soll sich jetzt einmal entspannen.” Und oh, wie hätte ich mich dann entspannt und meine Zwanziger genossen. Aber niemand war gewillt, mir dieses Papier auszustellen.

Wäre es nicht besser, sich wirklich auf die Gegenwart einzulassen? Es gibt so viel davon …

Der Punkt ist der: Es fällt mir und vielen Menschen schwer, die Gegenwart zu genießen, weil wir nicht wissen, was die Zukunft bringt. Zwei Zustände, die eigentlich unabhängig voneinander sein sollten, kommen sich in die Quere. In Situationen, in denen eigentlich alles schick ist, fürchten wir uns davor, dass sich diese verändern. Oder dass sie es nicht tun.

In meinem Heimatort steht ein Kreuz an der Ampel bei der großen Tankstelle. Der Name eines Kindes steht darauf. Das Kreuz steht da seit vielen Jahren und lange lange Zeit brannte eine Kerze davor, vielleicht auch heute noch. Auch ich habe die Kerze zu meinen Rauchertagen mehr als einmal wieder angezündet, wenn der Wind oder der Regen sie ausgelöscht hatten.

Das Kind, dessen Namen auf dem Kreuz steht, wurde von einem abbiegenden Lastwagen überfahren. Ich war noch längst keine Mutter damals, aber den unerträglichen, unüberwindbaren Schmerz der Eltern konnte ich mir vorstellen. Schmerz ist mein Gemüse, meine Sprache, ich verstehe ihn und spreche ihn fließend und kann so mit anderen kommunizieren, selbst wenn sie eigentlich meinen, niemand würde sie verstehen. Dass das so ist, würde mir erst vor einigen Jahren klar, als ich eine Gruppe ganz unterschiedlicher Menschen zum Tod ihrer Angehörigen befragt habe. Mit verwaisten Vätern, Müttern, Freundinnen, Geliebten gesprochen habe. Ich habe viel nachgedacht in dieser Zeit über die Gegenwart.

Hoffentlich passiert nichts. Und wenn doch?

Ich liege mit dem Brummbären im Bett und die Sonne scheint und keine Uhr tickt und wir sind selig. Und doch zerrt der Gedankengaul am Zügel: Hoffentlich passiert ihm nie etwas. Hoffentlich geht alles gut. Ich zwinge mich, den Gedanken einmal wirklich zu Ende zu denken, die Frage zu erlauben: Was, wenn doch etwas passiert? Ändert das etwas an diesem Moment? Daran, dass der Kopf meines Sohnes der schönste der Welt ist? Ist ein Moment nur etwas wert, wenn wir wissen, dass auf ihn eine unendliche Anzahl ähnlich schöner Momente folgen wird? Dass er nur eine von vielen schimmernden Perlen an einer Kette ist? Oder ist nicht genau das Gegenteil wahr? Jeder schöne Moment ist so wertvoll, weil wir nicht wissen, was nach ihm kommt. Wenn wir akzeptieren, dass wir es nicht wissen, nicht wissen können, nicht kontrollieren, dann darf der Moment stehen bleiben. Dann kann die Zukunft der Gegenwart nichts anhaben. Kein Gehirntumor, kein Streit, kein Terroranschlag kann eindringen in mein Schlafzimmer, wo ich mit meinem Baby im Bett liege und alles um uns ist nur Geruch und Wärme und Haut und Liebe und wohliges Brummen. So wie er ist, ist der Augenblick perfekt. Ganz ohne Zukunft. Ganz ohne Vergangenheit. Ich hatte ihn nicht geplant. Und er muss auch nicht erst zur Erinnerung werden. Danke, liebe Gegenwart.

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Wer ficken kann, kann auch arbeiten

27 Jan

Es ist – das ist nichts Neues – ein Problem unserer alternden Gesellschaft, dass das Großziehen von Kindern nicht als wertvolle und Respekt verdienende Arbeit gesehen wird. So generell. Jeder einzelne findet das schon toll, wobei man das Kind auch nicht verhätscheln oder – mein Favorit – sich vom Kind nicht manipulieren lassen soll. Man kann ja schließlich Schnuller geben. Abpumpen. Ab in die Kita. Will eine Mutter lieber zu Hause bleiben und das Kind selbst versorgen, bis sie glaubt, dass es bereit ist für die große Gruppenwelt, ist sie leider eine Antifeministin, die nur am Herd Erbsensuppe kochen will, Fenster putzen oder gar heimlich bei zugezogenen Vorhängen die Bettwäsche bügeln.

Nein, das ist natürlich gemein, die Nervosität, die eine zu Hause bleibende Frau auslöst, liegt größtenteils gar nicht in der gebügelten Bettwäsche begründet, sondern on der berechtigen Sorge, dass sie sich mit einer derartigen laissez-faire-Haltung langfristig große finanzielle Nachteile einhandelt. Statt daran etwas zu ändern, soll die Frau einfach wieder sofort voll arbeiten gehen und ihr Kind dann halt am Wochenende sehen. Für Papa gilt selbstverständlich dasselbe. Und da wir hier in Berlin wundervolle Kitas haben mit dem für Kleinkinder von der „Liga für das Kind“ empfohlenen Betreuungsschlüssel 1:3, in denen kein Fachpersonalmangel herrscht und die alle über feine Gärten zum Draußenspielen verfügen, ist das ja irgendwie die beste Lösung für alle. Not.

Man könnte natürlich auch „einfach“ dafür sorgen, dass Eltern, die sich entscheiden, das Kleinkind eine etwas längere Weile selbst zu betreuen, dafür adäquat entlohnt und mit Rentenpunkten versorgt werden. Das wäre dann eher die Strategie „Wertschätzung“ – aber das, lerne ich, ist zu teuer. Dann lese ich morgens, dass die Air Berlin-Insolvenz den Bund 200 Millionen Euro kostet und hole das Nusspli-Glas lieber doch noch mal aus dem Regal. Die Entscheider bei Air Berlin haben super Arbeit geleistet, wie ja sowieso alle, die sich Vollzeit dem Arbeitsmarkt zur Verfügung stellen, super Arbeit leisten. Die sollte man würdigen, am besten gibt es einfach einen dicken fetten Bonus. Guten Appetit!
„Noch jemand? Sie dahinten, der Herr im besten Alter mit grauem Haar, Anzug und randloser Brille – Sie sehen aus, als hätten Sie einen Bonus verdient. Na los, nicht so zögerlich. Und Sie da mit dem identischen Anzug und dem identischen Haar, nur eher grau meliert als grau – Sie passen perfelt ins Schema. Sie haben sicher auch Ihr bestes getan, in irgendeinem Bereich, irgendwann mal. Greifen Sie zu!“

Mütter*, die Babies zu Hause betreuen, tragen nicht dieselbe Verantwortung wie Menschen, die Fluggesellschaften managen. Erstere erwirtschaften Profit (also im Idealfall). Bei zweiteren geht es lediglich um das Leben eines Menschen. Deshalb gibt es für Mütter, die zu Hause bleiben, keine Krankheitstage, keinen Urlaub und kein vergleichbares Geld. Und Verständnis auch nur begrenzt. Neulich recherchierte ich das mit den Krankheitstagen, nachdem ich eine Nacht allein mit Brummbär und Magendarm-Virus verbracht hatte und am nächsten Tag schlicht nicht wusste, wie ich es schaffen sollte, das Baby nicht auf den Boden fallen zu lassen. In einem Internetforum (ja, ich weiß) schrieb entrüstet eine Mutter: „Geht’s noch?!! Als Mama kannst du nicht krank sein, da heißt es Zähne zusammenbeißen.“ Ich finde das Ganze ekelhaft, diese merkwürdige Ansicht, dass Mütter, die Kinder betreuen, irgendwie über Nacht andere Menschen werden, so Titan-Supermenschen, an denen alles abzuprallen hat. Die Bürokauffrau, die sich sonst bei einer Erkältung mal eine Woche hat krankschreiben lassen, soll jetzt gefälligst mit 40 Grad Fieber und Durchfall das selig durch die Wohnng krabbelnde Gör beaufsichtigen. Und wenn sie umkippt und es greift in die Steckdose? Ist sie galt ’ne Rabenmutter. Wer ficken kann, der kann auch arbeiten.

In der Tat ist es so, dass die Krankenkasse eine Haushaltshilfe stellt, wenn die Mutter zu krank ist, um das Kind zu versorgen. Ob das auch der Papa übernehmen darf, muss dessen Arbeitgeber entscheiden. Generell gilt: Ob Eltern oder Kind, Kranksein ist nicht gern gesehen und wird einem oft unterschwellig vorgeworfen nach dem Motto „Nimm doch fünf Ibuprofen und dann muss das gehen.“ Ich kann Arbeitgeber schon verstehen und auch Teamkollegen, ich war ja selber lange in der Situation. Um etwas an den Gegebenheiten zu ändern – meines Erachtens wäre das angebracht – müsste schon die Politk ran, das wird die Wirtschaft nicht freiwillig machen. Leider werden weder Wirtschaft noch Politik von Leuten dominiert, die selber schonmal krank mit Baby zu Hause waren. Was die aktuellen Regelungen im allgemeinen angeht, kommt es mir eher so vor, als hätte da ein Kind in der Trotzphase das Zepter in der Hand gehabt, so absolut bockig-realitätsverweigernd mutet das Ganze an.

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Ein Politiker und ein Kind auf der Sandkastenkante. Hat der Politiker graues Haar? Trägt er Anzug und randlose Brille? Womöglich …

Politiker:
Also. Wir wollen, besser gesagt brauchen es, dass die Leute mehr Kinder bekommen, so mittelfristig. Deshalb müssen wir wohl oder übel den Leuten so ein bisschen entgegen kommen, sodass die nicht als die Verlierer aus dem Ganzen rausgehen.

Kind:
Wie? Was? Nein!

Politiker:
Naja, also finanzielle Anreize schaffen und dafür sorgen, dass da kein Rentenloch entsteht, wenn Leute sich um ihre kleinen Kinder kümmern.

Kind:
Kita.

Politiker:
Aber manche Leute wollen das nicht, also wenn die Kinder noch so klein sind. Da könnten wir ja mit einer ordentlichen Finanzierung…

Kind:
Ich will, dass alle immer arbeiten.

Politiker:
Das tun sie dann ja später auch wieder, nur für eine gewisse Zeit…

Kind:
NEIN. ALLE SOLLEN ARBEITEN.

Politiker (selbstverständlich pädagogisch geschult):
Okay okay, du bist wütend (Stimmlage und Gesichtsausdrück = mitfühlend). Das ist ja sicher ein doofes Gefühl.

Kind:
Arbeiten, immer, und NIE krank sein.

Politiker:
Aber schau mal, Kinder sind nun mal häufig krank, und die Eltern schlafen nicht viel. Und wenn dann Winter ist …

Kind:
KEIN WINTER. KEIN KRANK.

Politiker (kommt ins Schwitzen):
Okay, okay. Die Leute gucken schon. Ich hab eine Idee: Wir können ja vielleicht die Kindertagesbetreuung verbessern, damit alle die Kleinen auch ohne schlechtes Gefühl da hingeben können.

Kind:
NEIN , ICH WILL NICHTS ÄNDERN !! ALLES SOLL SO BLEIBEN UND ALLE SOLLEN TROTZDEM MEHR KINDER KRIEGEN.

Politiker:
Das wird wohl nicht passieren…

Kind wirft sich auf den Boden und schlägt um sich. Sand, Hundekot und Einwegspritzen fliegen in alle Richtungen.

Kind:
DOCH, ICH WILL ES! UND ICH WILL EIN EIS!

Politiker (kleinlaut):
Vielleicht wenigstens unbezahlten Urlaub für die Sommerferien? Schau wie schön der unbezahlte Urlaub ist, der kostet uns nichts…

Kind:
EIS, EIS, EIS, EIS, EIS, EIS, EIS, EIS

Politiker:
Okay, komm, wir holen dir eine Kugel Weißwurst-Trüffelsenf mit Cassis.

Kind:
Zwei Kugeln!

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So sehr mir derartige Fantasien Spaß bereiten und lange Spaziergänge bei grauem Wetter mit dem Brummbär versüßen, so bitter ist oft noch die Elternrealität. Und ja: Mir ist bewusst, dass es in anderen Ländern nur 12 Wochen Mutterschutz gibt und das war’s. Ich orientiere mich aber lieber nach oben und sage: Da geht noch mehr. Zum Beispiel kenne ich mehrere Paare, die ihr Kind wirklich nicht vor drei Jahren in die Kita geben wollten, es sich aber nicht leisten konnten – ohne Elterngeld – dass ein Elternteil zu Hause bleibt oder beide in Teilzeit arbeiten. Ein kleines Kind mit einem schlechten Gefühl in eine unterbesetzte Kindertagesstätte bringen zu müssen – ich finde, das geht gar nicht!

Und es geht ja nicht nur um das politische Regelwerk und es geht auch nicht nur um Geld. Es geht, wie eingangs erwähnt, um die fehlende Wertschätzung. Ich finde es erschreckend, für wie wenig verantwortungsvoll und wichtig das, was ich aktuell den ganzen Tag mache, von vielen angesehen wird. Denn ich habe schon viele Jobs gehabt, aber keiner war so beängstigend. Beispiel: Müdigkeit. Es ist in meinen Augen schlichtweg absurd, wie die ganze Gesellschaft meint, es wäre wichtiger, dass der Erwebrstätige ausgeschlafen ist als die Kindsbetreuerin. Und das habe ich bereits vor meiner eigenen Schwangerschaft nicht verstanden. Wie meine Freundin F. beispielsweise mit Augenringen bis zu den Nasenflügeln apathisch den Kinderwagen vor- und zurückruckelte und von ewig langen nächtlichen Tragemarathons im dunklen Flur erzählte. Und auf meine Frage, ob nicht der werte Ehemann das Kleine auch mal ein paar Stündchen herumschleppen könne, die Antwort kam:
„Nein, der muss schlafen, der muss ja morgens arbeiten.“
Klar, als Grafikdesigner, Finanzbeamter oder Gärtner darf man natürlich nicht bei der Arbeit einnicken – die Mama, die beim Überqueren der Straße vor Erschöpfing nicht mehr weiß, was ein Auto ist, wird nicht als so problematisch gesehen. Zähne zusammenbeißen, Ibuprofen, Kaffee (aber nicht zu viel weil sonst Rabenmutter, erneut). Das ist wirklich der größte Bullshit, den ich überhaupt jemals gehört habe. Wir halten Menschenleben in unseren Händen. Ich fordere: Mamas und Herzchirurgen sollen schlafen dürfen. Und am allermeisten Herzchirurginnen, die auch Mamas sind. Aber zu der Problematik schreibe ich demnächst mehr, die verdient ihren eigenen Blog-Post.

*Im Text schreibe ich von Müttern, weil die große Mehrheit der Eltern, die im ersten Babyhalbjahr zu Hause bleiben, Mütter sind. Die Situationen und Schlussfolgerungen sind jedoch größtenteils auch auf Väter anwendbar. In der Theorie.

Ich wollt ich wär’ wie Wolle

22 Dez

Mein Ding aktuell: Wollsocken verschenken. Im Bioladen um die Ecke gibt es ganz wunderbare dicke Strümpfe aus Freiland-Öko-Bio-Schaf-Spa-Wolle. Sie haben genau die Art von Ringel- oder Norwegermuster, die warme Winterwollstrümpfe zu haben haben. Und sie sind herrlich altmodisch weil dick, klumpig fast, ohne Gummizug oder Rutschfest-Noppen. Die Socken erinnern gar ein wenig an das, was der Trotzkopf strickt und dann dafür von der strengen Mädcheninternatshausmutter zurecht gewiesen wird. Genau kriege ich das nicht mehr auf die Reihe. Vielleicht verwechsle ich es auch mit Immenhof.

Wolle, das habe ich mittlerweile gelernt, soll man nicht so oft waschen. Und wenn, dann soll man einhundertundrei Dinge dabei beachten. Meine wunderschönen eisvogelgrünen Wolle-Seide-Babybodies mit all dem anderen Babyzeug bei 30 Grad zu waschen war der zweite Baby-Faux-pas, den ich mir geleistet habe. Der erste war, dass ich dem Brummbär direkt nach der Heimkehr die Fingernägel geschnitten habe. Meine Freundin L ist entsetzt.
„Das soll man nicht,“ ruft sie aus. „Da wachsen so Häutchen über den Nägeln, und das Schneiden tut den Babies weh!“
Also mein Baby hat sich nichts anmerken lassen aber vielleicht ist er auch wie ich und gibt sich gern tougher als er ist.

Ich bin nämlich nicht wie Wolle, die unter den Naturfasern ganz weit vorne liegt, was Resilienz angeht. Sie ist schmutz- und geruchsabweisend. Was auch immer Negatives um sie herum passiert, die Wolle lässt sich da nicht mit reinziehen. Sie hat quasi ein dickes Fell. Ich nicht so, ich bin eher wie Seide, der mimosenhaft-überempfindliche Partner der Wolle. Denn während an Wolle alles abprallt – sie kann sich sogar selbst reinigen – frisst Seide alles in sich hinein. Ich pflege seit jungen Jahren eine innere Excel-Tabelle, in die ich jede Beleidigung, jedes noch so kleine Vor-den-Karren-fahren säuberlich eintrage. Nachtragend ist gar kein Ausdruck. Nach außen aber tue ich häufig so, als wäre ich total tough und blöde Sprüche könnten mir nichts anhaben.

„Soll man nicht“, das ist sowieso mein liebstgehasster Satz aus Schwangerschaft und Babyzeit. Gern wird er begleitet von einem Luft-durch-die-Zähne-ziehen, im Folgenden durch „ssfffff’ kenntlich gemacht.

„Ich trinke ja grad total gerne Kräutertee.“
„Sssfff – soll man nicht. In Kräutertee können Schadstoffe enthalten sein.“
Einer Realität, in der der Verzehr von Kräutertee ein irgendwie geartetes Problem darstellt, verweigere ich mich aus Prinzip. Soweit kommt’s noch. Ich trinke aber auch viel Kaffee in der Schwangerschaft, weil ich es nur fair finde, dass das Baby direkt weiß, mit wem es da zu tun hat.

Zum Beispiel: Durch diverse Nervenzusammenbrüche angesichts des Formular-Hindernisparcours, den man bewältigen muss, wenn man sich erdreistet, ein uneheliches Kind in die Welt zu setzen, weiß der Brummbär bereits bei der Geburt über mich, dass ich nicht die Nervenstärkste bin. Obwohl das auch nicht ganz stimmt. Genau genommen stelle ich immer wieder folgenden interessanten Sachverhalt fest: Bei großen Dingen bin ich erstaunlich widerstandsfähig. Das gehörte quasi zu meiner Kinderstube. Kranke Mutter und immer schön in der Schule performen, Klassensprecherin sein, und – man halte sich fest – sogar noch nebenbei ein Mediatoren-Kinderfortbildung gerockt. Schülertalk hieß das Projekt, an dem ich teilgenommen habe. Ich kann mich nicht erinnern, dass je jemand zur Mediationssprechstunde gekommen ist, aber ich nutze meine Skills heute noch, um Mitmenschen zu manipulieren.

Als ich 2010 die Diagnose MS erhielt in einem Lissabonner Krankenhaus mit erstaunlich schwellenländlichem Flair und entschied, trotzdem den regnerischen grauen Winter in der Fremde zu bleiben, bekam ich von vielen Seiten die Rückmeldung: Du bist so stark. Eine Freundin schrieb mir: „You are the toughest girl I know.“ Eine andere: „Ich könnte das nicht, ich müsste sofort nach Hause zu meiner Familie.“ Der Gedanke war mir nicht einmal gekommen. Also: Big picture-mäßig bin ich durchaus stark. Und Stärke ist offenbar auch die Kernkompetenz überhaupt, wenn es um große Schicksalsschläge geht. Das fiel mir auf, nachdem meine Mutter gestorben war, wobei der Tod eines Elternteils wohl aus offensichtlichen Gründen nicht als Schicksalsschlag gilt. In so gut wie jeder der lieben Nachrichten und Karten, die wir als Familie oder ich als Individuum erhielt(en), wurde eines gewünscht: Kraft. Kraft, so meinen Menschen, brauchen Hinterbliebene am meisten. Ich kann mir darunter wenig vorstellen. Die Kraft weiterzumachen? Morgens aufzustehen? Nicht kraftlos im Bett zu liegen? (falls letzteres, oh wie wünschte ich mir dann, ich hätte keine Kraft – nur so für kurze Zeit). Die Kraft, zum anderen Ende des Tunnels zu gelangen, wo das Licht ist?

Offenbar habe ich genug Kraft, denn bislang stehe ich verlässlich jeden Morgen auf, und ich kann mich sogar für andere freuen und ihnen Geburtstagskuchen backen und mein Baby herzen und so richtig richtig glücklich sein. Bei kleinen Dingen fehlt mir allerdings oft die Stärke, mich im Zaum zu halten. Zum Beispiel, wenn die Dinge nicht so laufen, wie ich es will. Einer meiner Hauptkontrahenten dabei: die Schwerkraft. Ständig fallen mir Dinge herunter. Handschuhe, gern draußen. Teekartons aus dem Regal. Oder Dinge, die ich irgendwo abgestellt habe, kippen, sobald ich ihnen den Rücken zuwende, um. Mein Rucksack. Ein an die Wand gelehntes Fahrrad. Ich empfinde das generell als respektlos, als Provokation und bin dann gern beleidigt. Aber seit es den Brummbär gibt, nervt es auch ganz in echt. Erst mit Baby im Bauch, jetzt mit Baby im Tragetuch, ist es einfach mühsam und manchmal schier unmöglich, die Sachen aufzuheben. Und ich denke dann auch oft: „Man, seht ihr nicht, dass ich grad eh kämpfe? Müsst ihr jetzt echt auch noch runterfallen, ihr doofen Teebeutel?“ Ich nehme das Ganze sehr persönlich, genau wie die Seide es in meiner Fantasie auch tun würde.

Mit dem Baby ergeht es mir manchmal auch so. Wenn alles perfekt passt, sodass wir beide ein wenig schlafen könnten. Und damit meine ich: Wir sind zuhause, da ist ein Bett, und das Baby und ich, wir sind – Zufall, Zufall – ganz offensichtlich todmüde. What could go wrong? Alles, denn selbstverständlich weigert sich das Baby, einzuschlafen. Ich habe – und jetzt bin ich ganz offen, und nervös deshalb – in diesen Situationen schonmal in ein Kissen geschlagen. Im anderen Zimmer. Und bin dann erst zurück zum Brummbär. Wie kindisch. Es ist ja nicht auf ewig, dass ich zurückstecken muss. Aber das kann ich nicht sehen. Da bin ich aufbrausend, jähzornig. Da bin ich nicht stark. Da bin ich eine echte Mimose. Nicht Wolle, sondern Seide.

Zur Belohnung für seine Geduld mit mir habe ich dem Brummbär einen nagelneuen Wolle-Seide-Body gekauft. Ihn werde ich wenn irgend möglich mit Geduld und Feingefühl pflegen, damit die besten Qualitäten der Wolle und der Seide erhalten bleiben. Denn gerade ihr Zusammenspiel macht den Body warm – aber auch weich und anschmiegsam. Praktisch – aber auch schön. Und während ich das Teil stundenlang in handwarmen Wasser mit Lanolin einseife oder was auch immer (noch nicht gelesen), kann ich ja gleich dran arbeiten, mich selbst mehr so zu akzeptieren wie ich bin. Nervenstark und aufbrausend, stark und schwächlich, liebevoll und impulsiv. Halt ein anspruchsvolles Kombiprodukt. Aber beste Qualität.

 

 

 

Gefühle im Eisfach oder: Trauern mit Kind

15 Dez

Aktuell wird viel gestritten über das sogenannte Attachment Parenting, einer auf Dr. William Sears beruhenden Erziehungsphilosophie, die auf Nähe, Respekt, Bindung setzt. Attachment Parenting sei antifeministisch, weil es die Mutter zur Selbstaufgabe nötigen würde, heißt es. Ich habe die Debatte verfolgt und denke, hier gilt wie bei so vielem: Das Ganze ist, was man draus macht. So glaube ich zum Beispiel, dass vieles von dem, was ich und andere Mütter, die ich kenne, als notwendig ansehen, nicht wirklich nötig ist. Dass wir mehr an uns denken könnten – mal abpumpen und Papa füttern lassen, Babysitter suchen, darauf bestehen, uns die Zähne zu putzen, bevor wir das Haus verlassen – ohne unsere Babies zu traumatisieren.

Aber man muss auch nicht so tun, als wäre Selbstaufgabe nur ein selbst geschaffenes Problem. Denn es ist schon so: Das Baby kommt zuerst, weil es sich eben nicht selbst helfen kann. Es gibt keinen Plan B. Und kollidieren meine Bedürfnisse mit denen des Babies, stecke ich zurück. Wie hart das ist, merke ich in einer Extremsituation – dem Tod meiner Mutter.

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In dem Moment, als ich schwanger werde, wird meine Mutter krank. Es ist ihre dritte schwere Erkrankung, seit fast 30 Jahren kämpft sie gegen ihren Körper. Und ich habe über ein Jahr versucht, schwanger zu werden. Jetzt treffen diese beiden Ereignisse aufeinander, kurz vor Weihnachten. Wie ernst die Lage ist, ist in diesem Moment aber noch nicht abzusehen. Zunächst sind die Besuche daheim mehr oder weniger normal und wir telefonieren noch ab und an. Sie hat viele klare Momente, in denen sie sich über die Nachricht, dass ihr fünftes Enkelkind auf dem Weg ist, freut.
„Das wird endlich eins wie wir,“ sage ich und wir grinsen uns verschwörerisch an.
Denn in meiner Familie sind meine Mutter und ich die einzigen kleinen Dunklen unter großen robusten blonden Menschen. Und sämtliche Enkel schlagen sich bisher schamlos auf die Seite der nordischen Giganten.

In den folgenden Monaten verschlechtert sich der Zustand meiner Mutter stetig.
Am Telefon bemerke ich häufig, dass sie Standardantworten gibt, dem Gespräch gar nicht richtig folgt. Ich versuche, so oft wie möglich in die Heimat zu reisen, mich zu kümmern – trotz Schwangerschaft. Zeige ihr stolz die erste Bauchrundung, aber der erhoffte Enthusiasmus bleibt aus. Ich lese Berichte, spreche mit Ärzten. Recherchiere im Internet, befrage Experten an der Charité. Und sorge mich, ob das Kind im Bauch den ganzen Stress mitbekommt. Ob es weiß, dass ich viel weine.

Am Ende ist alles umsonst. Monate vor ihrem Tod hat sich meine Mutter bereits verabschiedet. Ich fahre noch einmal hin, hochschwanger. Sie spricht nicht, schaut nur. Ich stelle uns ein Hörbuch an, setze mich neben sie, die Füße hochgelegt, und nehme ihre Hand. Und dann weine ich, weil ich jetzt weiß, dass meine Mutter mein Kind nicht mehr kennenlernen wird. Und als eine Art verzweifelter letzter Test, denn so wie ich instinktiv mein Baby vor allem Schlechten bewahren und beschützen möchte, will meine Mama für mich, ihr Baby, ebenfalls nur das Beste. Dass es nicht leidet. Und jetzt steht ihr Kind vor einem lebensverändernden Ereignis und leidet sehr. Als Mutter wird – muss – sie da reagieren. Die Hand drücken, vielleicht den Kopf drehen. Irgendetwas. Aber meine Mutter regt sich nicht. Ich fahre zurück nach Berlin.

Emilio kommt zweieinhalb Wochen vor dem errechneten Termin zur Welt. Ein Zeichen vielleicht, denke ich. Dem Lauf der Zeit ein Schnäppchen geschlagen. Aber das Baby ist zart und braucht eine Weile, in der Welt anzukommen. Bis ich mich traue, die Reise mit ihm zu bestreiten, vergehen zwei Monate. Als ich meiner Mutter das Kind vors Gesicht halte, es auf ihre Brust lege, regt sich nichts hinter ihren braunen Augen. Dabei schauen sie nun zwei große brauen Augen zurück an.
„Hier ist er,“ sage ich. „Endlich ein Dunkler, Mama.“
Am Ende hat sie sich durchgesetzt. Aber wir sind zu spät.

Bevor ich gehe, will ich meine Mutter küssen, aber es geht nicht, denn das Kind schläft im Tragetuch. Es reicht nur für einen Kuss auf die Hand. Im Nachhinein: eine unmögliche Situation. Denn es ist das letzte Mal, dass ich sie sehe.

Unser Abschied, über das Kind hinweg. Eine Distanz, die mir deutlicher macht als alles andere, dass ich die Seiten gewechselt habe. Vom Kind zur Mutter. So grausam der Unterschied zu vorher, als ich in meiner Trauer noch der Mittelpunkt des Universums war. Als ich mich zu ihr ins Bett hätte kuscheln können. Mich auf der Toilette einschließen und weinen. Rausgehen und eine rauchen. All das geht nicht mehr. Ich gehöre jetzt einem anderen.

Aber der andere, mein Sohn, gehört auch mir. Und er hindert mich nicht nur, er hilft mir auch durch das, was jetzt folgt. Drei Wochen später kommt der Anruf meiner Schwester. Bei der Beerdigung will ich mein Kind nicht abgeben, nicht mal an den Papa. Ich will ihn ganz nah bei mir spüren. Seine Wärme, seinen Geruch, seine Geräusche. In der Kirche stehe ich, wiege mich mit ihm zur Musik, vergrabe mein Gesicht an seinem Hals beim Weinen. Das anschließende Essen im Gasthaus bekomme ich nicht mit, ich stille im Auto, auf der Toilette, verstecke mich vor den Trauergästen, die nicht wissen, ob sie „herzliches Beileid“ oder „herzlichen Glückwunsch“ sagen sollen. Die meisten sagen beides. Mein Baby ist mein Schutz, er sorgt dafür, dass ich das Ganze emotional gar nicht an mich heranlassen kann – und bietet mir eine Fluchtmöglichkeit vor Small Talk: „Tut mir leid, ich glaube er braucht eine frische Windel.“

Leider kann dieser warme, wohlriechende Schutzwall seine Wirkung nicht lange aufrechterhalten. Zurück in Berlin werde ich langsam mürbe. Ich frage mich: Wie soll ich trauern, wenn ich nicht eine Minute Zeit habe, mir die Wahrheit vor Augen zu führen: dass meine Mutter nicht mehr da ist? Wenn ich 24 Stunden am Tag selbst Mama bin und meine eigenen Bedürfnisse viel zu wenig Raum haben?

Und ich merke, wie ich die Geduld verliere. Wie es meine Nerven strapaziert, dass es nie darum geht, was ich will. Emilio ist quengelig, denn er merkt, dass etwas nicht stimmt. Ich breche oft in Tränen aus vor Frustration, um im nächsten Moment vor Liebe zu meinem Kind schier überzulaufen. Abends, wenn das Baby schläft, schäme ich mich: wieder ein Tag, an dem ich es nicht geschafft habe, ausgeglichen und geduldig zu sein. Wieder ein Tag, an dem ich geweint habe vor ihm. Ich weiß, man soll authentisch sein und so weiter, aber die Theorie ist das eine. Das andere ist mein Baby, das mich unsicher anschaut mit seinen großen brauen Augen, weil es nicht versteht, was für Geräusche Mama da macht, warum sie angespannt ist. Das sich fragt: Bin ich in Sicherheit?

Eine Lösung finde ich nicht. Deshalb nehme ich meine Trauer und lege sie ins Eisfach. Friere sie ein, damit sie warten kann auf mich. Nicht weniger wird, nicht fad oder bitter. Damit der Schmerz frisch bleibt, bis ich ihn hervorholen kann. Wenn das Kind etwas größer ist. Wenn ich einen Babysitter habe. Wenn der Papa die Flasche geben kann.

Jetzt, sechs Wochen nach der Beerdigung, schläft mein Kind im Tragetuch bei einer Freundin, damit ich diesen Text schreiben kann. Sobald sie die Wohnung verlassen hat, bin ich in Tränen ausgebrochen. Es ist soweit, ich kann meine Trauer auftauen. Portionsweise, in kleinen Dosen. Und zu den vielen Erinnerungen, die dabei hochkommen, gesellt sich ein unendlicher Respekt dazu: für eine Frau, die drei Kinder großgezogen hat, zwei davon mit nur einem Jahr Abstand. Wieviel hat sie wohl beiseite geräumt, eingefroren, nach und nach hervorgeholt – oder vielleicht nie aufgetaut?

Meine Mutter war meine Mutter. Nie war mir so klar, was das bedeutet.

Verdammte Gegenwartsangst

19 Okt
Lebenszweifel sind am gemeinsten, wenn man eigentlich noch schlafen sollte und es draußen so schrecklich dunkel ist.

Dieses Gefühl, es ist das Schlimmste überhaupt: Aufzuwachen mit so einem Erschrecken, einem Schreckmoment, der das Herz aussetzen läßt, und der sich dann in ein ganz ungutes Bauchgefühl ausdehnt. Ich habe schlecht geträumt und draußen ist es stockdunkel. Ich schaue auf den Wecker, noch nicht einmal sechs. Ich drehe und wende mich, will wieder einschlafen, aber es geht nicht, Zweifel pieken mich von allen Seiten. Zukunftsangst? Auch, aber vor allem Gegenwartsangst: Was mache ich eigentlich mit meinem Leben? Muss ich nicht die Notbremse ziehen? Läuft vielleicht grad alles in die falsche Richtung und ich merke es nicht, aber jetzt, in diesem einem Moment, sehe ich plötzlich – und auch nur kurz – alles ganz klar, und wenn ich jetzt nicht handle dann bin ich selber schuld? Es erscheint mir plausibel, in diesen dunklen, müden Minuten.

Nur, was genau eigentlich schief läuft kann ich nicht benennen, vielleicht bin ich einfach nur zu verpennt… Eigentlich ist doch alles OK. Also wieso schrecke ich aus dem Schlaf auf wie in einem schlechten Film?? Vielleicht nur ein schlechtes Gewissen, weil ich gestern zuviel Wein getrunken habe? Vielleicht ist es die Angst vor meinem Kontostand? Ich wünschte, es wäre so einfach, aber am wahrscheinlichsten ist: Ich glaube nicht an mein Recht, glücklich zu sein. Ich komme besser mit mir zurecht, wenn ich es nicht bin. Dann macht irgendwie alles mehr Sinn. Wie sonst kann man es erklären, dass ich immer noch, nach zwei Jahren, von der Agentur alpträume?? Heute, im Ernst, wache ich vor sechs Uhr auf und denke: Ich habe vergessen, etwas zu erledigen. Es war nur ein Traum, will ich schreien, du bist armselig. Bald dreißig und immer noch eine Opferhaltung wie ein Kind. Werd endlich erwachsen, übernehme endlich Verantwortung für dein Leben.

Jetzt ist es sieben und immer noch dunkel draußen. Mein Gesicht fühlt sich taub an vor Erwachsenseinangst. Oh der Druck des endlichen Lebens, und vor allem des priviligerten. Seit ich weiß, dass ich theoretisch fast alles erreichen und machen kann was ich will, bewege ich mich so gut wie gar nicht mehr, wie das Kaninchen vor der Schlange der unendlichen Möglichkeiten. Und nun? Kaffee und Verdrängung. Vielleicht kommt das Gefühl ja nicht zurück. Erst einmal.