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Ich wollt ich wär’ wie Wolle

22 Dez

Mein Ding aktuell: Wollsocken verschenken. Im Bioladen um die Ecke gibt es ganz wunderbare dicke Strümpfe aus Freiland-Öko-Bio-Schaf-Spa-Wolle. Sie haben genau die Art von Ringel- oder Norwegermuster, die warme Winterwollstrümpfe zu haben haben. Und sie sind herrlich altmodisch weil dick, klumpig fast, ohne Gummizug oder Rutschfest-Noppen. Die Socken erinnern gar ein wenig an das, was der Trotzkopf strickt und dann dafür von der strengen Mädcheninternatshausmutter zurecht gewiesen wird. Genau kriege ich das nicht mehr auf die Reihe. Vielleicht verwechsle ich es auch mit Immenhof.

Wolle, das habe ich mittlerweile gelernt, soll man nicht so oft waschen. Und wenn, dann soll man einhundertundrei Dinge dabei beachten. Meine wunderschönen eisvogelgrünen Wolle-Seide-Babybodies mit all dem anderen Babyzeug bei 30 Grad zu waschen war der zweite Baby-Faux-pas, den ich mir geleistet habe. Der erste war, dass ich dem Brummbär direkt nach der Heimkehr die Fingernägel geschnitten habe. Meine Freundin L ist entsetzt.
„Das soll man nicht,“ ruft sie aus. „Da wachsen so Häutchen über den Nägeln, und das Schneiden tut den Babies weh!“
Also mein Baby hat sich nichts anmerken lassen aber vielleicht ist er auch wie ich und gibt sich gern tougher als er ist.

Ich bin nämlich nicht wie Wolle, die unter den Naturfasern ganz weit vorne liegt, was Resilienz angeht. Sie ist schmutz- und geruchsabweisend. Was auch immer Negatives um sie herum passiert, die Wolle lässt sich da nicht mit reinziehen. Sie hat quasi ein dickes Fell. Ich nicht so, ich bin eher wie Seide, der mimosenhaft-überempfindliche Partner der Wolle. Denn während an Wolle alles abprallt – sie kann sich sogar selbst reinigen – frisst Seide alles in sich hinein. Ich pflege seit jungen Jahren eine innere Excel-Tabelle, in die ich jede Beleidigung, jedes noch so kleine Vor-den-Karren-fahren säuberlich eintrage. Nachtragend ist gar kein Ausdruck. Nach außen aber tue ich häufig so, als wäre ich total tough und blöde Sprüche könnten mir nichts anhaben.

„Soll man nicht“, das ist sowieso mein liebstgehasster Satz aus Schwangerschaft und Babyzeit. Gern wird er begleitet von einem Luft-durch-die-Zähne-ziehen, im Folgenden durch „ssfffff’ kenntlich gemacht.

„Ich trinke ja grad total gerne Kräutertee.“
„Sssfff – soll man nicht. In Kräutertee können Schadstoffe enthalten sein.“
Einer Realität, in der der Verzehr von Kräutertee ein irgendwie geartetes Problem darstellt, verweigere ich mich aus Prinzip. Soweit kommt’s noch. Ich trinke aber auch viel Kaffee in der Schwangerschaft, weil ich es nur fair finde, dass das Baby direkt weiß, mit wem es da zu tun hat.

Zum Beispiel: Durch diverse Nervenzusammenbrüche angesichts des Formular-Hindernisparcours, den man bewältigen muss, wenn man sich erdreistet, ein uneheliches Kind in die Welt zu setzen, weiß der Brummbär bereits bei der Geburt über mich, dass ich nicht die Nervenstärkste bin. Obwohl das auch nicht ganz stimmt. Genau genommen stelle ich immer wieder folgenden interessanten Sachverhalt fest: Bei großen Dingen bin ich erstaunlich widerstandsfähig. Das gehörte quasi zu meiner Kinderstube. Kranke Mutter und immer schön in der Schule performen, Klassensprecherin sein, und – man halte sich fest – sogar noch nebenbei ein Mediatoren-Kinderfortbildung gerockt. Schülertalk hieß das Projekt, an dem ich teilgenommen habe. Ich kann mich nicht erinnern, dass je jemand zur Mediationssprechstunde gekommen ist, aber ich nutze meine Skills heute noch, um Mitmenschen zu manipulieren.

Als ich 2010 die Diagnose MS erhielt in einem Lissabonner Krankenhaus mit erstaunlich schwellenländlichem Flair und entschied, trotzdem den regnerischen grauen Winter in der Fremde zu bleiben, bekam ich von vielen Seiten die Rückmeldung: Du bist so stark. Eine Freundin schrieb mir: „You are the toughest girl I know.“ Eine andere: „Ich könnte das nicht, ich müsste sofort nach Hause zu meiner Familie.“ Der Gedanke war mir nicht einmal gekommen. Also: Big picture-mäßig bin ich durchaus stark. Und Stärke ist offenbar auch die Kernkompetenz überhaupt, wenn es um große Schicksalsschläge geht. Das fiel mir auf, nachdem meine Mutter gestorben war, wobei der Tod eines Elternteils wohl aus offensichtlichen Gründen nicht als Schicksalsschlag gilt. In so gut wie jeder der lieben Nachrichten und Karten, die wir als Familie oder ich als Individuum erhielt(en), wurde eines gewünscht: Kraft. Kraft, so meinen Menschen, brauchen Hinterbliebene am meisten. Ich kann mir darunter wenig vorstellen. Die Kraft weiterzumachen? Morgens aufzustehen? Nicht kraftlos im Bett zu liegen? (falls letzteres, oh wie wünschte ich mir dann, ich hätte keine Kraft – nur so für kurze Zeit). Die Kraft, zum anderen Ende des Tunnels zu gelangen, wo das Licht ist?

Offenbar habe ich genug Kraft, denn bislang stehe ich verlässlich jeden Morgen auf, und ich kann mich sogar für andere freuen und ihnen Geburtstagskuchen backen und mein Baby herzen und so richtig richtig glücklich sein. Bei kleinen Dingen fehlt mir allerdings oft die Stärke, mich im Zaum zu halten. Zum Beispiel, wenn die Dinge nicht so laufen, wie ich es will. Einer meiner Hauptkontrahenten dabei: die Schwerkraft. Ständig fallen mir Dinge herunter. Handschuhe, gern draußen. Teekartons aus dem Regal. Oder Dinge, die ich irgendwo abgestellt habe, kippen, sobald ich ihnen den Rücken zuwende, um. Mein Rucksack. Ein an die Wand gelehntes Fahrrad. Ich empfinde das generell als respektlos, als Provokation und bin dann gern beleidigt. Aber seit es den Brummbär gibt, nervt es auch ganz in echt. Erst mit Baby im Bauch, jetzt mit Baby im Tragetuch, ist es einfach mühsam und manchmal schier unmöglich, die Sachen aufzuheben. Und ich denke dann auch oft: „Man, seht ihr nicht, dass ich grad eh kämpfe? Müsst ihr jetzt echt auch noch runterfallen, ihr doofen Teebeutel?“ Ich nehme das Ganze sehr persönlich, genau wie die Seide es in meiner Fantasie auch tun würde.

Mit dem Baby ergeht es mir manchmal auch so. Wenn alles perfekt passt, sodass wir beide ein wenig schlafen könnten. Und damit meine ich: Wir sind zuhause, da ist ein Bett, und das Baby und ich, wir sind – Zufall, Zufall – ganz offensichtlich todmüde. What could go wrong? Alles, denn selbstverständlich weigert sich das Baby, einzuschlafen. Ich habe – und jetzt bin ich ganz offen, und nervös deshalb – in diesen Situationen schonmal in ein Kissen geschlagen. Im anderen Zimmer. Und bin dann erst zurück zum Brummbär. Wie kindisch. Es ist ja nicht auf ewig, dass ich zurückstecken muss. Aber das kann ich nicht sehen. Da bin ich aufbrausend, jähzornig. Da bin ich nicht stark. Da bin ich eine echte Mimose. Nicht Wolle, sondern Seide.

Zur Belohnung für seine Geduld mit mir habe ich dem Brummbär einen nagelneuen Wolle-Seide-Body gekauft. Ihn werde ich wenn irgend möglich mit Geduld und Feingefühl pflegen, damit die besten Qualitäten der Wolle und der Seide erhalten bleiben. Denn gerade ihr Zusammenspiel macht den Body warm – aber auch weich und anschmiegsam. Praktisch – aber auch schön. Und während ich das Teil stundenlang in handwarmen Wasser mit Lanolin einseife oder was auch immer (noch nicht gelesen), kann ich ja gleich dran arbeiten, mich selbst mehr so zu akzeptieren wie ich bin. Nervenstark und aufbrausend, stark und schwächlich, liebevoll und impulsiv. Halt ein anspruchsvolles Kombiprodukt. Aber beste Qualität.

 

 

 

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Gefühle im Eisfach oder: Trauern mit Kind

15 Dez

Aktuell wird viel gestritten über das sogenannte Attachment Parenting, einer auf Dr. William Sears beruhenden Erziehungsphilosophie, die auf Nähe, Respekt, Bindung setzt. Attachment Parenting sei antifeministisch, weil es die Mutter zur Selbstaufgabe nötigen würde, heißt es. Ich habe die Debatte verfolgt und denke, hier gilt wie bei so vielem: Das Ganze ist, was man draus macht. So glaube ich zum Beispiel, dass vieles von dem, was ich und andere Mütter, die ich kenne, als notwendig ansehen, nicht wirklich nötig ist. Dass wir mehr an uns denken könnten – mal abpumpen und Papa füttern lassen, Babysitter suchen, darauf bestehen, uns die Zähne zu putzen, bevor wir das Haus verlassen – ohne unsere Babies zu traumatisieren.

Aber man muss auch nicht so tun, als wäre Selbstaufgabe nur ein selbst geschaffenes Problem. Denn es ist schon so: Das Baby kommt zuerst, weil es sich eben nicht selbst helfen kann. Es gibt keinen Plan B. Und kollidieren meine Bedürfnisse mit denen des Babies, stecke ich zurück. Wie hart das ist, merke ich in einer Extremsituation – dem Tod meiner Mutter.

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In dem Moment, als ich schwanger werde, wird meine Mutter krank. Es ist ihre dritte schwere Erkrankung, seit fast 30 Jahren kämpft sie gegen ihren Körper. Und ich habe über ein Jahr versucht, schwanger zu werden. Jetzt treffen diese beiden Ereignisse aufeinander, kurz vor Weihnachten. Wie ernst die Lage ist, ist in diesem Moment aber noch nicht abzusehen. Zunächst sind die Besuche daheim mehr oder weniger normal und wir telefonieren noch ab und an. Sie hat viele klare Momente, in denen sie sich über die Nachricht, dass ihr fünftes Enkelkind auf dem Weg ist, freut.
„Das wird endlich eins wie wir,“ sage ich und wir grinsen uns verschwörerisch an.
Denn in meiner Familie sind meine Mutter und ich die einzigen kleinen Dunklen unter großen robusten blonden Menschen. Und sämtliche Enkel schlagen sich bisher schamlos auf die Seite der nordischen Giganten.

In den folgenden Monaten verschlechtert sich der Zustand meiner Mutter stetig.
Am Telefon bemerke ich häufig, dass sie Standardantworten gibt, dem Gespräch gar nicht richtig folgt. Ich versuche, so oft wie möglich in die Heimat zu reisen, mich zu kümmern – trotz Schwangerschaft. Zeige ihr stolz die erste Bauchrundung, aber der erhoffte Enthusiasmus bleibt aus. Ich lese Berichte, spreche mit Ärzten. Recherchiere im Internet, befrage Experten an der Charité. Und sorge mich, ob das Kind im Bauch den ganzen Stress mitbekommt. Ob es weiß, dass ich viel weine.

Am Ende ist alles umsonst. Monate vor ihrem Tod hat sich meine Mutter bereits verabschiedet. Ich fahre noch einmal hin, hochschwanger. Sie spricht nicht, schaut nur. Ich stelle uns ein Hörbuch an, setze mich neben sie, die Füße hochgelegt, und nehme ihre Hand. Und dann weine ich, weil ich jetzt weiß, dass meine Mutter mein Kind nicht mehr kennenlernen wird. Und als eine Art verzweifelter letzter Test, denn so wie ich instinktiv mein Baby vor allem Schlechten bewahren und beschützen möchte, will meine Mama für mich, ihr Baby, ebenfalls nur das Beste. Dass es nicht leidet. Und jetzt steht ihr Kind vor einem lebensverändernden Ereignis und leidet sehr. Als Mutter wird – muss – sie da reagieren. Die Hand drücken, vielleicht den Kopf drehen. Irgendetwas. Aber meine Mutter regt sich nicht. Ich fahre zurück nach Berlin.

Emilio kommt zweieinhalb Wochen vor dem errechneten Termin zur Welt. Ein Zeichen vielleicht, denke ich. Dem Lauf der Zeit ein Schnäppchen geschlagen. Aber das Baby ist zart und braucht eine Weile, in der Welt anzukommen. Bis ich mich traue, die Reise mit ihm zu bestreiten, vergehen zwei Monate. Als ich meiner Mutter das Kind vors Gesicht halte, es auf ihre Brust lege, regt sich nichts hinter ihren braunen Augen. Dabei schauen sie nun zwei große brauen Augen zurück an.
„Hier ist er,“ sage ich. „Endlich ein Dunkler, Mama.“
Am Ende hat sie sich durchgesetzt. Aber wir sind zu spät.

Bevor ich gehe, will ich meine Mutter küssen, aber es geht nicht, denn das Kind schläft im Tragetuch. Es reicht nur für einen Kuss auf die Hand. Im Nachhinein: eine unmögliche Situation. Denn es ist das letzte Mal, dass ich sie sehe.

Unser Abschied, über das Kind hinweg. Eine Distanz, die mir deutlicher macht als alles andere, dass ich die Seiten gewechselt habe. Vom Kind zur Mutter. So grausam der Unterschied zu vorher, als ich in meiner Trauer noch der Mittelpunkt des Universums war. Als ich mich zu ihr ins Bett hätte kuscheln können. Mich auf der Toilette einschließen und weinen. Rausgehen und eine rauchen. All das geht nicht mehr. Ich gehöre jetzt einem anderen.

Aber der andere, mein Sohn, gehört auch mir. Und er hindert mich nicht nur, er hilft mir auch durch das, was jetzt folgt. Drei Wochen später kommt der Anruf meiner Schwester. Bei der Beerdigung will ich mein Kind nicht abgeben, nicht mal an den Papa. Ich will ihn ganz nah bei mir spüren. Seine Wärme, seinen Geruch, seine Geräusche. In der Kirche stehe ich, wiege mich mit ihm zur Musik, vergrabe mein Gesicht an seinem Hals beim Weinen. Das anschließende Essen im Gasthaus bekomme ich nicht mit, ich stille im Auto, auf der Toilette, verstecke mich vor den Trauergästen, die nicht wissen, ob sie „herzliches Beileid“ oder „herzlichen Glückwunsch“ sagen sollen. Die meisten sagen beides. Mein Baby ist mein Schutz, er sorgt dafür, dass ich das Ganze emotional gar nicht an mich heranlassen kann – und bietet mir eine Fluchtmöglichkeit vor Small Talk: „Tut mir leid, ich glaube er braucht eine frische Windel.“

Leider kann dieser warme, wohlriechende Schutzwall seine Wirkung nicht lange aufrechterhalten. Zurück in Berlin werde ich langsam mürbe. Ich frage mich: Wie soll ich trauern, wenn ich nicht eine Minute Zeit habe, mir die Wahrheit vor Augen zu führen: dass meine Mutter nicht mehr da ist? Wenn ich 24 Stunden am Tag selbst Mama bin und meine eigenen Bedürfnisse viel zu wenig Raum haben?

Und ich merke, wie ich die Geduld verliere. Wie es meine Nerven strapaziert, dass es nie darum geht, was ich will. Emilio ist quengelig, denn er merkt, dass etwas nicht stimmt. Ich breche oft in Tränen aus vor Frustration, um im nächsten Moment vor Liebe zu meinem Kind schier überzulaufen. Abends, wenn das Baby schläft, schäme ich mich: wieder ein Tag, an dem ich es nicht geschafft habe, ausgeglichen und geduldig zu sein. Wieder ein Tag, an dem ich geweint habe vor ihm. Ich weiß, man soll authentisch sein und so weiter, aber die Theorie ist das eine. Das andere ist mein Baby, das mich unsicher anschaut mit seinen großen brauen Augen, weil es nicht versteht, was für Geräusche Mama da macht, warum sie angespannt ist. Das sich fragt: Bin ich in Sicherheit?

Eine Lösung finde ich nicht. Deshalb nehme ich meine Trauer und lege sie ins Eisfach. Friere sie ein, damit sie warten kann auf mich. Nicht weniger wird, nicht fad oder bitter. Damit der Schmerz frisch bleibt, bis ich ihn hervorholen kann. Wenn das Kind etwas größer ist. Wenn ich einen Babysitter habe. Wenn der Papa die Flasche geben kann.

Jetzt, sechs Wochen nach der Beerdigung, schläft mein Kind im Tragetuch bei einer Freundin, damit ich diesen Text schreiben kann. Sobald sie die Wohnung verlassen hat, bin ich in Tränen ausgebrochen. Es ist soweit, ich kann meine Trauer auftauen. Portionsweise, in kleinen Dosen. Und zu den vielen Erinnerungen, die dabei hochkommen, gesellt sich ein unendlicher Respekt dazu: für eine Frau, die drei Kinder großgezogen hat, zwei davon mit nur einem Jahr Abstand. Wieviel hat sie wohl beiseite geräumt, eingefroren, nach und nach hervorgeholt – oder vielleicht nie aufgetaut?

Meine Mutter war meine Mutter. Nie war mir so klar, was das bedeutet.

Verdammte Gegenwartsangst

19 Okt
Lebenszweifel sind am gemeinsten, wenn man eigentlich noch schlafen sollte und es draußen so schrecklich dunkel ist.

Dieses Gefühl, es ist das Schlimmste überhaupt: Aufzuwachen mit so einem Erschrecken, einem Schreckmoment, der das Herz aussetzen läßt, und der sich dann in ein ganz ungutes Bauchgefühl ausdehnt. Ich habe schlecht geträumt und draußen ist es stockdunkel. Ich schaue auf den Wecker, noch nicht einmal sechs. Ich drehe und wende mich, will wieder einschlafen, aber es geht nicht, Zweifel pieken mich von allen Seiten. Zukunftsangst? Auch, aber vor allem Gegenwartsangst: Was mache ich eigentlich mit meinem Leben? Muss ich nicht die Notbremse ziehen? Läuft vielleicht grad alles in die falsche Richtung und ich merke es nicht, aber jetzt, in diesem einem Moment, sehe ich plötzlich – und auch nur kurz – alles ganz klar, und wenn ich jetzt nicht handle dann bin ich selber schuld? Es erscheint mir plausibel, in diesen dunklen, müden Minuten.

Nur, was genau eigentlich schief läuft kann ich nicht benennen, vielleicht bin ich einfach nur zu verpennt… Eigentlich ist doch alles OK. Also wieso schrecke ich aus dem Schlaf auf wie in einem schlechten Film?? Vielleicht nur ein schlechtes Gewissen, weil ich gestern zuviel Wein getrunken habe? Vielleicht ist es die Angst vor meinem Kontostand? Ich wünschte, es wäre so einfach, aber am wahrscheinlichsten ist: Ich glaube nicht an mein Recht, glücklich zu sein. Ich komme besser mit mir zurecht, wenn ich es nicht bin. Dann macht irgendwie alles mehr Sinn. Wie sonst kann man es erklären, dass ich immer noch, nach zwei Jahren, von der Agentur alpträume?? Heute, im Ernst, wache ich vor sechs Uhr auf und denke: Ich habe vergessen, etwas zu erledigen. Es war nur ein Traum, will ich schreien, du bist armselig. Bald dreißig und immer noch eine Opferhaltung wie ein Kind. Werd endlich erwachsen, übernehme endlich Verantwortung für dein Leben.

Jetzt ist es sieben und immer noch dunkel draußen. Mein Gesicht fühlt sich taub an vor Erwachsenseinangst. Oh der Druck des endlichen Lebens, und vor allem des priviligerten. Seit ich weiß, dass ich theoretisch fast alles erreichen und machen kann was ich will, bewege ich mich so gut wie gar nicht mehr, wie das Kaninchen vor der Schlange der unendlichen Möglichkeiten. Und nun? Kaffee und Verdrängung. Vielleicht kommt das Gefühl ja nicht zurück. Erst einmal.