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Milch

7 Jan

Gleich nach Weihnachten fliegen der Mann, der Brummbär und ich nach Spanien. Der Mann stammt aus Kastilien, welches quasi das Deutschland Spaniens ist. Karge, teils flache Landschaft, Schnee im Winter und kulinarisch geprägt von Schweinefleisch und Eintöpfen. Hier fallen wir mit Kind und Kegel in das alte Bauernhaus der Schwiegereltern ein. Die Eingangshalle ist größer als die Küche meiner Eltern. Der Kamin hunderte von Jahren alt. Eine Heizung gibt es nicht. Vor der Tür wachen zwei Schäferhunde. Auf der anderen Seite der Straße grast die Rinderherde, von der die Familie seit Generationen lebt.

Opa B. hegt und pflegt die Herde, seit sein Vater es nicht mehr tut. Der Mann träumt seinerseits davon, sie eines Tages zu hegen und zu pflegen. Irgendwie, vielleicht. Oder halt doch was mit Computern. Jeden Tag gehen wir spazieren, betrachten das Land und träumen von einem Haus. Einem neuen Haus, einem warmen. Die Kälte im Bauernhaus macht mir zu schaffen. Das ist ironisch, denn ich neige wie kaum eine andere (und doch wie so viele) dazu, das Landleben zu idealisieren, was den Mann oft dazu bringt, die Augen zu verdrehen. Er ist hier aufgewachsen, als Baby, als Kind, ohne Heizung. Nur das Feuer im Kamin der Küche, die Glut in einer Schale unter dem Esstisch, und alle legen sich die Tischdecke über die Knie.

Morgens trinken wir Kaffee, jeder für sich, nach dem Aufstehen. Nachmittags gemeinsam, dazu essen wir Roscón de Reyes, Hefeteigkuchen mit Schlagsahne und kandierten Früchten. Nachmittags heißt hier in Spanien – denn trotz des Schnees und des Schweinefleischeintopfes und des Kaminfeuers sind wir hier in Spanien – so ab 17 Uhr. Mittagessen gibt es schließlich nicht vor 14 Uhr. Um die Zeit zwischen dem Frühstück um ca. 8 Uhr und dem Mittagessen zu überbrücken trinke ich viel heißen Café con leche. Der Kaffee kommt aus einer normalen Kaffeemaschine. Die Milch erhitzte ich in einer Tasse in der Mikrowelle.

Einmal merke ich, während sich die Tasse in der Mikrowelle dreht, dass ich eigentlich gar keinen Kaffee will. Und trinke die Milch einfach so. Auf dem Fensterbrett, und draußen schneit es. Wieso schmeckt Milch so anders, wenn sie heiß ist? Ich kann mich nicht erinnern, wann ich das zuletzt geschmeckt habe. Zum Nikolaus wahrscheinlich, als Kind. Es ist kalt, jedes Jahr, wir kaufen in der Stadt Stutenkerle mit tönernen Pfeifen. Zuhause sitzen wir in der Küche, alle zusammen, vor dem Fenster Finsternis, obwohl es doch erst 17 Uhr sein kann, später nicht. Mama erwärmt Milch in einem Topf und wir stippen die Stutenkerle hinein. Die Pfeifen nagen wir ab, ich weiß beim besten Willen nicht mehr, was wir damit vorhaben. Man kann damit nichts weiter tun, aber sie sind wichtig, trotzdem. Dann kommt der Nikolaus. Haus für Haus klappert er ab, und obwohl wir wissen, dass es ein Mann aus der Gemeinde ist, ist es doch ein magischer Abend. Wir Kinder wissen es, irgendwann, die Eltern wissen, dass wir es wissen und wir wissen, dass sie es – natürlich – wissen. Sogar mit ihm unter einer Decke stecken. Und doch.

Das geht mir durch den Kopf, als ich hier im Deutschland Spaniens, das doch Spanien ist, heiße Milch trinke und aus dem Fenster blicke. So einfach ist dieses Getränk und so aufgeladen mit – Kindheit. Und mit Nostalgie. Hier sitze ich, mit Kaminfeuer im Rücken und draußen nasse Hunde und weiter hinten nasse Kühe und kein Auto in Sicht und noch weniger ein Krankenwagen. In Berlin höre ich jedes Mal, wenn ich mit dem Brummbär rausgehe, einen Krankenwagen und hier nie. So einfach ist das. Das einfache Leben, hach hach, es hat doch etwas Magisches mit seinen Stillen und seinen Gerüchen und seinen Routinen und seinen Konstanten. Opa B. und Oma D. leben in diesem Haus seit 40 Jahren. Davor wohnte hier der Vater von Opa B. Der riesige Kamin war damals wohl noch im Gebrauch, womöglich sogar zum Kochen. Heute gibt es einen normalen Herd und im Kamin steht ein gusseiserner Ofen mit Glastür. Jeden Morgen wird er gereinigt. Ich weiss dass, weil ich dank Brummbär meist früh wach bin. Ich kann dann nicht wieder einschlafen und mein Kaffeedurst fuhrt mich als erstes in die Wohnküche. Die Großeltern schlafen noch, denn sie haben bis 22 Uhr zu Abend gegessen und danach noch gespült , aufgeräumt und ferngesehen. Vor Mitternacht gehen sie nicht ins Bett, ich hingegen schlafe meist mit dem Brummbär ein, so um 20 Uhr. Wahrend ich meinen zweiten Kaffee schlürfe, kommt irgendwann einer der beiden ins Zimmer und beginnt wortlos, den Ofen zu reinigen. Zuerst werden Asche und Glut der letzten Nacht in eine metallene Schüssel geschaufelt. Dann wird die Glastür mit einem Spray eingesprüht und nach einer gewissen Einwirkzeit abgeschrubbt. Jetzt wird Wasser geholt in einer zweiten Schussel, das Ganze wird abgewaschen. So oft, bis das Glas klar ist. Nun Handschuhe aus, Wasser weg, Lappen auswaschen und raus, Feuerholz holen. Das neue Feuer wird sorgfältig vorbereitet: erst Papier, dann kleine Zweige, oben die großen Scheite.

Bis das morgendliche Feuer im Ofen brennt, ist der Brummbär bereit für das erste Schläfchen des Tages und ich gehe raus, dick eingepackt gegen Regen, Schnee oder Wind, mit dem Baby im Tuch, meinem Kaffee in der einen und dem Smartphone in der anderen Hand. Und denke nach darüber, was ich gerade gesehen habe. Mühselige Routine für die einen, magisches Klischee für die anderen. Ich überlege, ob es etwas gibt, das ich seit vielen vielen Jahren wirklich jeden Tag auf wirklich immer dieselbe Art und Weise mache. Nichts – nicht einmal Kaffee. Höchstens das Handy zur Hand nehmen, direkt nach dem Aufwachen, denke ich traurig. Mails checken, sehen wer was geschrieben hat in den vielen Abendstunden, in denen so viele noch wach sind und ich schlafe. Was der Trump jetzt schon wieder angestellt hat. Ob die Welt noch steht. Aber das ist eher ein Handgriff, so wie Naseputzen. Es ist kein Ablauf, dahinter steckt kein Wissen, keine body memory, keine Kunst. Tatsächlich kann ich recht wenig mit meinen Händen anfangen. Nicht mal Handtücher falte ich richtig, so, dass die Kanten übereinander liegen. Kochen fällt mir ein. Ewig Gemüse schnippeln für Cannelloni mit Ziegenkäse oder im Sommer fur einen israelischen Salat. In den heißen Schmortopf greifen und das Rostgemüse fürs Boeuf Bourguignon ohne mit der Wimper zu zucken umdrehen. Wissen, bis zu welchem exakten Moment ich Sahne, Brühe und Portwein miteinander reduzieren lassen muss, damit eine himmlische Sauce daraus wird.

Oma D. kocht auch richtig gut. Jeden Mittag und jeden Abend gibt es drei Gänge. Suppe oder frittierte Croquetas, dann für gewöhnlich ein Stuck Fleisch, Gemüse, immer einen grünen Salat mit Knoblauch. Zum Nachtisch Flan oder Kuchen oder Obst. Sie kann sich viel Zeit lassen beim Kochen, denn Opa B. ist bei den Kühen und wenn wir nicht gerade hier sind, ist der Fernseher ihre einzige Gesellschaft. Und eine Katze, die macht, was sie will und die alle, der Mann eingeschlossen, unbeirrt rufen, schelten, belehren. Als würde es sie interessieren. Während ich draußen mit dem Baby im Tuch auf Twitter Neuigkeiten lese, beginnt Oma D. also drinnen die Vorbereitungen für das Mittagessen. Die Katze sitzt auf dem inneren Fensterbrett und schaut mich herausfordernd an. Und Opa B. verstaut die zwei Schäferhunde auf dem Traktor-Anhänger und den Mann auf dem Beifahrersitz und alle vier verlassen mit großem Tamtam den Hof, um auf der anderen Seite der Straße die Kuhherde zu rufen. Ich kann beobachten, wie sie da, wo man nicht weiter gucken kann, plötzlich auftaucht – eine schwerfällige, würdevolle Herde in Granitgrau, Dreckigweiß und Braun. Lange Hörner, bedachte Schritte, erhobene Köpfe. Zwischen den großen Leibern laufen auch einige Kleine mit. Eines ist wackelig, mager. Opa B. begutachtet es und verfrachtet es schließlich auf den Anhänger. Die Mutter ist außer sich, sie folgt dem Traktor, die beiden Hunde umkreisen sie. Dramatik liegt in der Luft, ich lege das Handy aufs Fensterbrett. Etwas ist passiert.

Beim Mittagessen erfahre ich, dass das Kalb mit dem Tode ringt. Opa B. hat es zu einem anderen, bereits gut gedeihenden Flaschenkalb in den Stall gebracht, zum Entsetzen der Mutter. Sie hatte, so wird mir gesagt, keine Milch oder wollte das Kalb nicht füttern, es ist nicht ganz klar. Ich verdränge Erinnerungen. Rebekka, sage ich mir, du wirst jetzt nicht weinen und dein eigenes Leid der ersten Babytage und -wochen auf diese Kuh projezieren. Das hier ist Natur, das ist das einfache Leben. Heiße Milch in einer angeschlagenen Tasse. Feuer im Ofen. Eine Kuhherde frei und stolz auf der Weide, die so groß ist, dass man sie erst rufen muss zum Füttern. Nach dem Essen mischt Opa B. Kälbchenmilch in zwei großen Pepsi-Flaschen und geht damit rüber zum Stall. Und am nächsten Morgen. Und am Morgen darauf. Am dritten Morgen trägt er nur noch eine Flasche in die Küche, schüttelt sie verbissen und verlässt das Haus. Ich nehme eine Tasse, fülle Milch hinein und erhitze sie. Dann setze ich mich aufs Fensterbrett, sehe ihm nach und lasse den Dampf die Scheibe beschlagen. Und freue mich nun doch ein bisschen auf zu Hause.

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Ach wäre mein Leben doch nur ein OTTO-Katalog

6 Mrz

Früher habe ich immer Häuser gemalt. Anwesen, mit Innenhof, Pferdeställen und kleinen Türmchen, umgeben von dunklen Tannen. Später habe ich in Schulheften Grundrisse meiner Traumhäuser gezeichnet, mir überlegt, wo das Kinderzimmer und wo der begehbare Kleiderschrank ist, wo welche Möbel stehen. Offene Küche, Esszimmer. Ich wollte einen grossen Esstisch besitzen und eine schwere Whiskey-Karaffe mit Glasdeckeln und Kristallgläsern.

Wenn ich mal 30 bin, so habe ich gedacht, dann ist mein Leben ganz anders. Dann bin ich erwachsen und führe, wie durch ein Wunder, ein Erwachsenenleben als Erwachsenenrebekka. Kinder scheinen zu denken, dass man später ein anderer Mensch ist. Als würde man eines morgens aufwachen und anders sein. Anders aussehen, anders reden, anders denken. Meine Schwester und ich haben als Kinder gern im OTTO-Katalog geblättert. Wir haben die weiblichen Models begutachtet und uns „ausgesucht“, wie wir aussehen/sein wollen, wenn wir groß sind. Leider habe ich heute weder Korkenzieherlocken, noch einen olivfarbenen Teint. Ich bin keine 1,80 Meter und auch nicht gertenschlank. Die bittere Wahrheit ist: Wir bleiben genauso, wie wir immer waren – nur ein bisschen älter, ein bisschen verschwommener und, wenn wir Glück haben, ein bisschen weiser und bescheidener.

Wer ich bin und wie ich aussehe – damit muss ich wohl meinen Frieden machen. Andere Räume meines Luftschlosses allerdings wären durchaus im Rahmen der Erreichbaren gewesen. Trotzdem habe ich bis heute keine Wohnküche mit Tür in den Garten und einer Kochinsel in der Mitte. Kein offenes Fenster, durch das ein freches Pony seinen Kopf steckt. Keinen Hund vorm Ofen. Keine Kristallgläser. Ich besitze auch keine richtigen Pumps (kann ich nicht drin laufen), kein dunkles Kostüm (bin zu dick) und keine Auto (bin zu arm). Stattdessen wohne ich übergangsweise in einer WG, teile mein Zimmer mit Umzugskartons, die Spinnenweben ansetzen und warte. Warte und suche. Immerhin so viel. Suche nach etwas, das mich endlich wieder erfüllen wird. So wie früher in der Schule, als ich Schülersprecherin war, von jedem geschätzt und respektiert. Heute bin ich ein Niemand, ein kleines Rädchen in einer lauten Maschine namens Berlin. Mein Fehlen würde wohl nicht auffallen – welch ein Glück. Denn ich habe beschlossen: Vierzig ist die neue Dreißig. Und ich bekomme es noch, das verdammte Haus. Den verdammten Job, der mich mit Leidenschaft erfüllt. Wenn andere das schaffen, dann kriege ich das auch. Ich wünschte nur, ich wüsste, wie …

Lamy, Liebe, Loslassen

9 Feb

stift

Seit Neustem schreibe ich bei der Arbeit wieder mit Füller Mit einem roten Lamy-Füller, genauer gesagt. Zur Zeit bin ich sogar noch einen Nostalgie-Schritt weitergegangen und habe türkise Tintenpatronen gekauft. In Türkis habe ich damals in der Oberstufe geschrieben – wenn ich mich recht erinnere sogar die Abiturklausuren. Ein kleines aber feines Individualitätsdetail im genormten Hochschulreife-Apparat.

Leider kann man die türkise Tinte nicht killern – zumindest war die Killer-Technologie damals noch nicht so weit. Werde mal in Erfahrung bringen, ob es heute geht. Ein Tintenkiller, das war schon etwas Interessantes. Es hab zwei verschiedene Mienenarten, je nach Marke. Die eine hat immer geschmiert, die andere nicht, dafür hatte der Stift nie die gleiche Farbe wie die Tinte. Ich habe sowieso immer lieber durchgestrichen und dann mit kleinen Sternchen auf der Blattrückseite ergänzt. Bis zu sechs ****** gab es da schon einmal, wenn Die Leiden des jungen Werther unter die Lupe genommen werden mussten.

Den Füller hat mir mein Freund Luis geschenkt, eigentlich sogar zwei. Den Silbernen benutze ich zu Hause, den Roten in der Agentur. Ich finde das ein ausgesprochen romantisches Geschenk, vergleichbar mit dem Blumenstrauß aus Bleistiften, den Tom Hanks Meg Ryan in „You’ve got mail“ überreichen möchte. Besonders schön finde ich, dass mich Menschen auf den Füller ansprechen. Kollegen, Vorgesetzte, sogar Kunden finden meinen Lamy-Füller bemerkenswert. Es scheint, als würde speziell dieses Modell in seiner demokratisch-erschwingbaren Plastikoptik durch die Bank angenehme Erinnerungen und Nostalgie hervorrufen. Mein Füller bringt Menschen zum Lächeln – wer hätte gedacht, dass es so einfach sein kann.

Es ist ja kein Geheimnis, dass die Nostalgie mir in meinem Wassermalkasten der Emotionen die liebste Farbe ist. Das mag nicht gesund sein, aber ich versuche dieser Tage, Gutes wie Schlechtes los- und laufen zu lassen. Und das gilt auch für meine Nostalgie. So hört man mich zu Hause vermehrt Lieder aus alten Disneyfilmen trällern. Dass aber auch andere Zeitgenossen sich von der Nostalgie anstecken lassen, macht mich froh. Nostalgie heißt schöne Erinnerungen, und die Tatsache, dass Menschen schöne Erinnerungen haben, kann sie sympathischer machen, als sie (vielleicht) sind.

Als das Nachbarskind vor kurzem in meiner Küche malte, hinterließ es mir ein weiteres Geschenk: einen dicken blauen Buntstift. Ihn habe ich zu meinem zweiten Lieblingsstift erkoren, für kurze Notizen und wirklich wichtige Geistesblitze wird er im Büro zur Hand genommen. Der Buntstift amüsiert mein Umfeld eher, als dass er Nostalgie hervorruft. Aber das ist mir egal. Im grauen Berliner Winter tut es gut, an Zeiten zurückzudenken, in denen die größte Entscheidung die Farbe des Buntstiftes war.