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Armes Stiefkind Gegenwart

11 Apr

Neulich laufe ich mit dem Brummbären durch den Park. Er ist grad in der Trage aufgewacht, schaut sich neugierig um. Ich spreche laut mit ihm, wie ich es immer tue: “So, wir gehen jetzt gleich in den Supermarkt. Da gibt es bestimmt Süßkartoffeln. Die schälen wir, wenn wir zu Hause sind, und dann kochen wir sie. Und dann können wir ja noch ein wenig spielen. Und dann ziehen wir deinen Schlafanzug an. Und dann kuscheln wir uns ins Bett. Und dann …”  Irgendwann wird mir bewusst, was ich da rede und ich erschrecke: Seit ich denken kann, folge ich dem nächsten “Dann” wie Alice dem weißen Kaninchen. Aber jetzt ziehe ich auch mein armes Kind in meine Zukunftssucht mit hinein. Dabei fühlt sich der Brummbär in der Gegenwart überaus wohl. Mir hingegen geht der Gedankengaul durch, sobald ich einen Moment zur Ruhe komme.

Mit dem Brummbären im Bett beispielsweise. Kaum liege ich neben meinem schlafenden Baby, beginne ich mich zu sorgen. Dabei ist alles gut. Aber wenn ich etwas kann, dann mir unnötige Sorgen machen. Ich betrachte seinen Kopf – wunderschön, rund, mit zartem Haar gleichmäßig bedeckt. Der Wirbel am Hinterkopf ist der Nabel meiner ganzen Welt. Und doch macht der Kopf mir Angst: Was verbirgt sich darin? Mein Gehirn ist nicht mein Freund, das Gehirn meiner Mutter war ihr größter Feind. Ist mein Baby in Gefahr?

Ich liege mit meinem schlafenden Baby im Bett und doch bin ich nicht da – die Gegenwart hat mich wie so oft schon wieder verloren. Sie muss mich ziehen lassen, in die Vergangenheit und in die Zukunft. Erinnerungen, Ängste, längst verhallte Schmerzen. So war das. Hoffnungen, Wünsche, Fragen. Was wird sein? Was hat mir die Gegenwart nur getan, dass ich sie bei der erstbesten Gelegenheit fallenlasse wie eine heiße Kartoffel? Die Antwort liegt auf der Hand: alles!

Die Zukunft lügt, die Vergangenheit verzeiht, die Gegenwart tut uns alles an

Fakt ist: Alles, aber wirklich alles Schmerzhafte, Furchtbare, Unerträgliche passiert uns in der Gegenwart. Das kann aber nicht erklären, warum so viele von uns ihr die kalte Schulter zeigen, denn ebenso wahr ist, dass alles Gute, Schöne, Erhabene und Lustige uns ausschließlich im Hier & Jetzt passiert.

Ein Bekannter sagte mir einmal, er ärgere sich immer so sehr, wenn sich ein Paar trennt und alle sagen: “Sie haben sich nach sieben Jahren getrennt, wie furchtbar.”

“Warum”, fragte er, “kann man nicht einfach denken: Sie waren sieben Jahre zusammen, tolle Sache. Warum bekommen die sieben Jahre einen bitteren Beigeschmack, nur weil aus ihnen jetzt keine acht mehr werden?”
“Weil sie”, erkläre ich ihm, “durch die Trennung in die Vergangenheit gerutscht sind und dort kann man sie wunderbar idealisieren. Als das Paar zusammen war, war das Gegenwart, und die Gegenwart spielt eine undankbare Nebenrolle in unser aller Lebensstück.“

Egal, wieviel Mühe sie sich gibt, die Gegenwart ist das ewige Stiefkind unserer Zeit. Oder schlicht der Menschheit? Vielleicht war in dem Moment, in dem wir ein Konzept unsere Endlichkeit bekamen, Schluss mit ihrer Hochphase. Für immer abgemeldet, dritte Geige nach Zukunft und Vergangenheit. Und irgendwie ja auch kein Wunder. Vorgeführt von den rosigen Versprechungen der Zukunft, kann die Gegenwart meist nicht delivern und enttäuscht.

Außerdem: Im Gegensatz zur Zukunft (Fantasie) und Vergangenheit (Nostalgie) können wir die Geschehnisse der Gegenwart nicht beschönigen oder kontrollieren. Sie passieren uns einfach, stürmen und stürzen auf uns ein, wir können bestenfalls reagieren. Und nie wissen, was als nächstes kommt und wie lange das, was da ist, bleibt.

Ich erschrecke manchmal, wie wenig Zeit ich in meinen 36 Jahren tatsächlich in der Gegenwart verbracht habe.

Bevor ich den Mann traf, der jetzt auch der Vater des Brummbären ist, war ich zehn Jahre (in Zahlen: 10) Single. Das ist eine lange Zeit. Es hat mich eigentlich nicht gestört, also in der Gegenwart. Nur leider verbrachte ich damals genauso wenig Zeit im Hier & Jetzt wie heute. Träumte mein Leben, ohne Werbeagentur, ohne M41 Bus, ohne BAföG-Schulden. Und sorgte mich gleichzeitig ganz fleißig, was nur werden sollte.

Einmal fragte mich eine Freundin, warum ich das Singledasein nicht mehr genoss. “Eigentlich ist alles an dieser Art zu leben dir doch wie auf den Leib geschneidert.”

Recht hatte sie: Ich bin gern allein. Ich reise am liebsten allein, denn meiner Erfahrung nach schlittert man nur so in absurde, unverhoffte, wahnsinnig interessante Situationen. Ich lese gern in Restaurants und mag es nicht, wenn Pläne sich ändern. Kompromisse finde ich scheiße. Ins Kino gehe ich auch am liebsten allein, damit man mich beim Weinen nicht beobachten kann. Einmal war ich mit einem Mann, in den ich ein wenig verknallt war, im Kino, wir sahen “Extremely loud and incredibly close”. Tom Hanks, der auf den Anrufbeantworter spricht: “Are you there? Are you there?” Ich weinte so heftig, dass ich richtige Schluchzkrämpfe bekam. Der Mann meldete sich danach nicht mehr.

“Stimmt”, sagte ich deshalb. “Aber ich will ja nicht für immer alleine sein. Irgendwann will ich Kinder. Womöglich sogar einen Partner.”

“Und? Was hat das mit jetzt zu tun?”

“Naja”, erklärte ich mich, “solange ich nicht sicher weiß, dass sich der Zustand, den ich eigentlich aktuell toll finde, irgendwann verändert, kann ich ihn jetzt auch nicht genießen.”

“Das ist absurd.”

“Das ist es wohl.”

Was ich damals wollte, war ein Stück Papier. Ein notariell beglaubigtes Dokument mit Unterschrift und Siegel: “Hiermit bestätigen wir, der Rat der alten grauen Männer, Frau Rebekka Korthues, dass sie vor Ablauf der angemessenen Zeit Partner und Kind haben wird. Sie soll sich jetzt einmal entspannen.” Und oh, wie hätte ich mich dann entspannt und meine Zwanziger genossen. Aber niemand war gewillt, mir dieses Papier auszustellen.

Wäre es nicht besser, sich wirklich auf die Gegenwart einzulassen? Es gibt so viel davon …

Der Punkt ist der: Es fällt mir und vielen Menschen schwer, die Gegenwart zu genießen, weil wir nicht wissen, was die Zukunft bringt. Zwei Zustände, die eigentlich unabhängig voneinander sein sollten, kommen sich in die Quere. In Situationen, in denen eigentlich alles schick ist, fürchten wir uns davor, dass sich diese verändern. Oder dass sie es nicht tun.

In meinem Heimatort steht ein Kreuz an der Ampel bei der großen Tankstelle. Der Name eines Kindes steht darauf. Das Kreuz steht da seit vielen Jahren und lange lange Zeit brannte eine Kerze davor, vielleicht auch heute noch. Auch ich habe die Kerze zu meinen Rauchertagen mehr als einmal wieder angezündet, wenn der Wind oder der Regen sie ausgelöscht hatten.

Das Kind, dessen Namen auf dem Kreuz steht, wurde von einem abbiegenden Lastwagen überfahren. Ich war noch längst keine Mutter damals, aber den unerträglichen, unüberwindbaren Schmerz der Eltern konnte ich mir vorstellen. Schmerz ist mein Gemüse, meine Sprache, ich verstehe ihn und spreche ihn fließend und kann so mit anderen kommunizieren, selbst wenn sie eigentlich meinen, niemand würde sie verstehen. Dass das so ist, würde mir erst vor einigen Jahren klar, als ich eine Gruppe ganz unterschiedlicher Menschen zum Tod ihrer Angehörigen befragt habe. Mit verwaisten Vätern, Müttern, Freundinnen, Geliebten gesprochen habe. Ich habe viel nachgedacht in dieser Zeit über die Gegenwart.

Hoffentlich passiert nichts. Und wenn doch?

Ich liege mit dem Brummbären im Bett und die Sonne scheint und keine Uhr tickt und wir sind selig. Und doch zerrt der Gedankengaul am Zügel: Hoffentlich passiert ihm nie etwas. Hoffentlich geht alles gut. Ich zwinge mich, den Gedanken einmal wirklich zu Ende zu denken, die Frage zu erlauben: Was, wenn doch etwas passiert? Ändert das etwas an diesem Moment? Daran, dass der Kopf meines Sohnes der schönste der Welt ist? Ist ein Moment nur etwas wert, wenn wir wissen, dass auf ihn eine unendliche Anzahl ähnlich schöner Momente folgen wird? Dass er nur eine von vielen schimmernden Perlen an einer Kette ist? Oder ist nicht genau das Gegenteil wahr? Jeder schöne Moment ist so wertvoll, weil wir nicht wissen, was nach ihm kommt. Wenn wir akzeptieren, dass wir es nicht wissen, nicht wissen können, nicht kontrollieren, dann darf der Moment stehen bleiben. Dann kann die Zukunft der Gegenwart nichts anhaben. Kein Gehirntumor, kein Streit, kein Terroranschlag kann eindringen in mein Schlafzimmer, wo ich mit meinem Baby im Bett liege und alles um uns ist nur Geruch und Wärme und Haut und Liebe und wohliges Brummen. So wie er ist, ist der Augenblick perfekt. Ganz ohne Zukunft. Ganz ohne Vergangenheit. Ich hatte ihn nicht geplant. Und er muss auch nicht erst zur Erinnerung werden. Danke, liebe Gegenwart.

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Milch

7 Jan

Gleich nach Weihnachten fliegen der Mann, der Brummbär und ich nach Spanien. Der Mann stammt aus Kastilien, welches quasi das Deutschland Spaniens ist. Karge, teils flache Landschaft, Schnee im Winter und kulinarisch geprägt von Schweinefleisch und Eintöpfen. Hier fallen wir mit Kind und Kegel in das alte Bauernhaus der Schwiegereltern ein. Die Eingangshalle ist größer als die Küche meiner Eltern. Der Kamin hunderte von Jahren alt. Eine Heizung gibt es nicht. Vor der Tür wachen zwei Schäferhunde. Auf der anderen Seite der Straße grast die Rinderherde, von der die Familie seit Generationen lebt.

Opa B. hegt und pflegt die Herde, seit sein Vater es nicht mehr tut. Der Mann träumt seinerseits davon, sie eines Tages zu hegen und zu pflegen. Irgendwie, vielleicht. Oder halt doch was mit Computern. Jeden Tag gehen wir spazieren, betrachten das Land und träumen von einem Haus. Einem neuen Haus, einem warmen. Die Kälte im Bauernhaus macht mir zu schaffen. Das ist ironisch, denn ich neige wie kaum eine andere (und doch wie so viele) dazu, das Landleben zu idealisieren, was den Mann oft dazu bringt, die Augen zu verdrehen. Er ist hier aufgewachsen, als Baby, als Kind, ohne Heizung. Nur das Feuer im Kamin der Küche, die Glut in einer Schale unter dem Esstisch, und alle legen sich die Tischdecke über die Knie.

Morgens trinken wir Kaffee, jeder für sich, nach dem Aufstehen. Nachmittags gemeinsam, dazu essen wir Roscón de Reyes, Hefeteigkuchen mit Schlagsahne und kandierten Früchten. Nachmittags heißt hier in Spanien – denn trotz des Schnees und des Schweinefleischeintopfes und des Kaminfeuers sind wir hier in Spanien – so ab 17 Uhr. Mittagessen gibt es schließlich nicht vor 14 Uhr. Um die Zeit zwischen dem Frühstück um ca. 8 Uhr und dem Mittagessen zu überbrücken trinke ich viel heißen Café con leche. Der Kaffee kommt aus einer normalen Kaffeemaschine. Die Milch erhitzte ich in einer Tasse in der Mikrowelle.

Einmal merke ich, während sich die Tasse in der Mikrowelle dreht, dass ich eigentlich gar keinen Kaffee will. Und trinke die Milch einfach so. Auf dem Fensterbrett, und draußen schneit es. Wieso schmeckt Milch so anders, wenn sie heiß ist? Ich kann mich nicht erinnern, wann ich das zuletzt geschmeckt habe. Zum Nikolaus wahrscheinlich, als Kind. Es ist kalt, jedes Jahr, wir kaufen in der Stadt Stutenkerle mit tönernen Pfeifen. Zuhause sitzen wir in der Küche, alle zusammen, vor dem Fenster Finsternis, obwohl es doch erst 17 Uhr sein kann, später nicht. Mama erwärmt Milch in einem Topf und wir stippen die Stutenkerle hinein. Die Pfeifen nagen wir ab, ich weiß beim besten Willen nicht mehr, was wir damit vorhaben. Man kann damit nichts weiter tun, aber sie sind wichtig, trotzdem. Dann kommt der Nikolaus. Haus für Haus klappert er ab, und obwohl wir wissen, dass es ein Mann aus der Gemeinde ist, ist es doch ein magischer Abend. Wir Kinder wissen es, irgendwann, die Eltern wissen, dass wir es wissen und wir wissen, dass sie es – natürlich – wissen. Sogar mit ihm unter einer Decke stecken. Und doch.

Das geht mir durch den Kopf, als ich hier im Deutschland Spaniens, das doch Spanien ist, heiße Milch trinke und aus dem Fenster blicke. So einfach ist dieses Getränk und so aufgeladen mit – Kindheit. Und mit Nostalgie. Hier sitze ich, mit Kaminfeuer im Rücken und draußen nasse Hunde und weiter hinten nasse Kühe und kein Auto in Sicht und noch weniger ein Krankenwagen. In Berlin höre ich jedes Mal, wenn ich mit dem Brummbär rausgehe, einen Krankenwagen und hier nie. So einfach ist das. Das einfache Leben, hach hach, es hat doch etwas Magisches mit seinen Stillen und seinen Gerüchen und seinen Routinen und seinen Konstanten. Opa B. und Oma D. leben in diesem Haus seit 40 Jahren. Davor wohnte hier der Vater von Opa B. Der riesige Kamin war damals wohl noch im Gebrauch, womöglich sogar zum Kochen. Heute gibt es einen normalen Herd und im Kamin steht ein gusseiserner Ofen mit Glastür. Jeden Morgen wird er gereinigt. Ich weiss das, weil ich dank Brummbär meist früh wach bin. Ich kann dann nicht wieder einschlafen und mein Kaffeedurst fuhrt mich als erstes in die Wohnküche. Die Großeltern schlafen noch, denn sie haben bis 22 Uhr zu Abend gegessen und danach noch gespült , aufgeräumt und ferngesehen. Vor Mitternacht gehen sie nicht ins Bett, ich hingegen schlafe meist mit dem Brummbär ein, so um 20 Uhr. Wahrend ich meinen zweiten Kaffee schlürfe, kommt irgendwann einer der beiden ins Zimmer und beginnt wortlos, den Ofen zu reinigen. Zuerst werden Asche und Glut der letzten Nacht in eine metallene Schüssel geschaufelt. Dann wird die Glastür mit einem Spray eingesprüht und nach einer gewissen Einwirkzeit abgeschrubbt. Jetzt wird Wasser geholt in einer zweiten Schüssel , das Ganze wird abgewaschen. So oft, bis das Glas klar ist. Nun Handschuhe aus, Wasser weg, Lappen auswaschen und raus, Feuerholz holen. Das neue Feuer wird sorgfältig vorbereitet: erst Papier, dann kleine Zweige, oben die großen Scheite.

Bis das morgendliche Feuer im Ofen brennt, ist der Brummbär bereit für das erste Schläfchen des Tages und ich gehe raus, dick eingepackt gegen Regen, Schnee oder Wind, mit dem Baby im Tuch, meinem Kaffee in der einen und dem Smartphone in der anderen Hand. Und denke nach darüber, was ich gerade gesehen habe. Mühselige Routine für die einen, magisches Klischee für die anderen. Ich überlege, ob es etwas gibt, das ich seit vielen vielen Jahren wirklich jeden Tag auf wirklich immer dieselbe Art und Weise mache. Nichts – nicht einmal Kaffee. Höchstens das Handy zur Hand nehmen, direkt nach dem Aufwachen, denke ich traurig. Mails checken, sehen wer was geschrieben hat in den vielen Abendstunden, in denen so viele noch wach sind und ich schlafe. Was der Trump jetzt schon wieder angestellt hat. Ob die Welt noch steht. Aber das ist eher ein Handgriff, so wie Naseputzen. Es ist kein Ablauf, dahinter steckt kein Wissen, keine body memory, keine Kunst. Tatsächlich kann ich recht wenig mit meinen Händen anfangen. Nicht mal Handtücher falte ich richtig, so, dass die Kanten übereinander liegen. Kochen fällt mir ein. Ewig Gemüse schnippeln für Cannelloni mit Ziegenkäse oder im Sommer fur einen israelischen Salat. In den heißen Schmortopf greifen und das Röstgemüse fürs Boeuf Bourguignon ohne mit der Wimper zu zucken umdrehen. Wissen, bis zu welchem exakten Moment ich Sahne, Brühe und Portwein miteinander reduzieren lassen muss, damit eine himmlische Sauce daraus wird.

Oma D. kocht auch richtig gut. Jeden Mittag und jeden Abend gibt es drei Gänge. Suppe oder frittierte Croquetas, dann für gewöhnlich ein Stuck Fleisch, Gemüse, immer einen grünen Salat mit Knoblauch. Zum Nachtisch Flan oder Kuchen oder Obst. Sie kann sich viel Zeit lassen beim Kochen, denn Opa B. ist bei den Kühen und wenn wir nicht gerade hier sind, ist der Fernseher ihre einzige Gesellschaft. Und eine Katze, die macht, was sie will und die alle, der Mann eingeschlossen, unbeirrt rufen, schelten, belehren. Als würde es sie interessieren. Während ich draußen mit dem Baby im Tuch auf Twitter Neuigkeiten lese, beginnt Oma D. also drinnen die Vorbereitungen für das Mittagessen. Die Katze sitzt auf dem inneren Fensterbrett und schaut mich herausfordernd an. Und Opa B. verstaut die zwei Schäferhunde auf dem Traktor-Anhänger und den Mann auf dem Beifahrersitz und alle vier verlassen mit großem Tamtam den Hof, um auf der anderen Seite der Straße die Kuhherde zu rufen. Ich kann beobachten, wie sie da, wo man nicht weiter gucken kann, plötzlich auftaucht – eine schwerfällige, würdevolle Herde in Granitgrau, Dreckigweiß und Braun. Lange Hörner, bedachte Schritte, erhobene Köpfe. Zwischen den großen Leibern laufen auch einige Kleine mit. Eines ist wackelig, mager. Opa B. begutachtet es und verfrachtet es schließlich auf den Anhänger. Die Mutter ist außer sich, sie folgt dem Traktor, die beiden Hunde umkreisen sie. Dramatik liegt in der Luft, ich lege das Handy aufs Fensterbrett. Etwas ist passiert.

Beim Mittagessen erfahre ich, dass das Kalb mit dem Tode ringt. Opa B. hat es zu einem anderen, bereits gut gedeihenden Flaschenkalb in den Stall gebracht, zum Entsetzen der Mutter. Sie hatte, so wird mir gesagt, keine Milch oder wollte das Kalb nicht füttern, es ist nicht ganz klar. Ich verdränge Erinnerungen. Rebekka, sage ich mir, du wirst jetzt nicht weinen und dein eigenes Leid der ersten Babytage und -wochen auf diese Kuh projezieren. Das hier ist Natur, das ist das einfache Leben. Heiße Milch in einer angeschlagenen Tasse. Feuer im Ofen. Eine Kuhherde frei und stolz auf der Weide, die so groß ist, dass man sie erst rufen muss zum Füttern. Nach dem Essen mischt Opa B. Kälbchenmilch in zwei großen Pepsi-Flaschen und geht damit rüber zum Stall. Und am nächsten Morgen. Und am Morgen darauf. Am dritten Morgen trägt er nur noch eine Flasche in die Küche, schüttelt sie verbissen und verlässt das Haus. Ich nehme eine Tasse, fülle Milch hinein und erhitze sie. Dann setze ich mich aufs Fensterbrett, sehe ihm nach und lasse den Dampf die Scheibe beschlagen. Und freue mich nun doch ein bisschen auf zu Hause.

Ach wäre mein Leben doch nur ein OTTO-Katalog

6 Mrz

Früher habe ich immer Häuser gemalt. Anwesen, mit Innenhof, Pferdeställen und kleinen Türmchen, umgeben von dunklen Tannen. Später habe ich in Schulheften Grundrisse meiner Traumhäuser gezeichnet, mir überlegt, wo das Kinderzimmer und wo der begehbare Kleiderschrank ist, wo welche Möbel stehen. Offene Küche, Esszimmer. Ich wollte einen grossen Esstisch besitzen und eine schwere Whiskey-Karaffe mit Glasdeckeln und Kristallgläsern.

Wenn ich mal 30 bin, so habe ich gedacht, dann ist mein Leben ganz anders. Dann bin ich erwachsen und führe, wie durch ein Wunder, ein Erwachsenenleben als Erwachsenenrebekka. Kinder scheinen zu denken, dass man später ein anderer Mensch ist. Als würde man eines morgens aufwachen und anders sein. Anders aussehen, anders reden, anders denken. Meine Schwester und ich haben als Kinder gern im OTTO-Katalog geblättert. Wir haben die weiblichen Models begutachtet und uns „ausgesucht“, wie wir aussehen/sein wollen, wenn wir groß sind. Leider habe ich heute weder Korkenzieherlocken, noch einen olivfarbenen Teint. Ich bin keine 1,80 Meter und auch nicht gertenschlank. Die bittere Wahrheit ist: Wir bleiben genauso, wie wir immer waren – nur ein bisschen älter, ein bisschen verschwommener und, wenn wir Glück haben, ein bisschen weiser und bescheidener.

Wer ich bin und wie ich aussehe – damit muss ich wohl meinen Frieden machen. Andere Räume meines Luftschlosses allerdings wären durchaus im Rahmen der Erreichbaren gewesen. Trotzdem habe ich bis heute keine Wohnküche mit Tür in den Garten und einer Kochinsel in der Mitte. Kein offenes Fenster, durch das ein freches Pony seinen Kopf steckt. Keinen Hund vorm Ofen. Keine Kristallgläser. Ich besitze auch keine richtigen Pumps (kann ich nicht drin laufen), kein dunkles Kostüm (bin zu dick) und keine Auto (bin zu arm). Stattdessen wohne ich übergangsweise in einer WG, teile mein Zimmer mit Umzugskartons, die Spinnenweben ansetzen und warte. Warte und suche. Immerhin so viel. Suche nach etwas, das mich endlich wieder erfüllen wird. So wie früher in der Schule, als ich Schülersprecherin war, von jedem geschätzt und respektiert. Heute bin ich ein Niemand, ein kleines Rädchen in einer lauten Maschine namens Berlin. Mein Fehlen würde wohl nicht auffallen – welch ein Glück. Denn ich habe beschlossen: Vierzig ist die neue Dreißig. Und ich bekomme es noch, das verdammte Haus. Den verdammten Job, der mich mit Leidenschaft erfüllt. Wenn andere das schaffen, dann kriege ich das auch. Ich wünschte nur, ich wüsste, wie …

Lamy, Liebe, Loslassen

9 Feb

stift

Seit Neustem schreibe ich bei der Arbeit wieder mit Füller Mit einem roten Lamy-Füller, genauer gesagt. Zur Zeit bin ich sogar noch einen Nostalgie-Schritt weitergegangen und habe türkise Tintenpatronen gekauft. In Türkis habe ich damals in der Oberstufe geschrieben – wenn ich mich recht erinnere sogar die Abiturklausuren. Ein kleines aber feines Individualitätsdetail im genormten Hochschulreife-Apparat.

Leider kann man die türkise Tinte nicht killern – zumindest war die Killer-Technologie damals noch nicht so weit. Werde mal in Erfahrung bringen, ob es heute geht. Ein Tintenkiller, das war schon etwas Interessantes. Es hab zwei verschiedene Mienenarten, je nach Marke. Die eine hat immer geschmiert, die andere nicht, dafür hatte der Stift nie die gleiche Farbe wie die Tinte. Ich habe sowieso immer lieber durchgestrichen und dann mit kleinen Sternchen auf der Blattrückseite ergänzt. Bis zu sechs ****** gab es da schon einmal, wenn Die Leiden des jungen Werther unter die Lupe genommen werden mussten.

Den Füller hat mir mein Freund Luis geschenkt, eigentlich sogar zwei. Den Silbernen benutze ich zu Hause, den Roten in der Agentur. Ich finde das ein ausgesprochen romantisches Geschenk, vergleichbar mit dem Blumenstrauß aus Bleistiften, den Tom Hanks Meg Ryan in „You’ve got mail“ überreichen möchte. Besonders schön finde ich, dass mich Menschen auf den Füller ansprechen. Kollegen, Vorgesetzte, sogar Kunden finden meinen Lamy-Füller bemerkenswert. Es scheint, als würde speziell dieses Modell in seiner demokratisch-erschwingbaren Plastikoptik durch die Bank angenehme Erinnerungen und Nostalgie hervorrufen. Mein Füller bringt Menschen zum Lächeln – wer hätte gedacht, dass es so einfach sein kann.

Es ist ja kein Geheimnis, dass die Nostalgie mir in meinem Wassermalkasten der Emotionen die liebste Farbe ist. Das mag nicht gesund sein, aber ich versuche dieser Tage, Gutes wie Schlechtes los- und laufen zu lassen. Und das gilt auch für meine Nostalgie. So hört man mich zu Hause vermehrt Lieder aus alten Disneyfilmen trällern. Dass aber auch andere Zeitgenossen sich von der Nostalgie anstecken lassen, macht mich froh. Nostalgie heißt schöne Erinnerungen, und die Tatsache, dass Menschen schöne Erinnerungen haben, kann sie sympathischer machen, als sie (vielleicht) sind.

Als das Nachbarskind vor kurzem in meiner Küche malte, hinterließ es mir ein weiteres Geschenk: einen dicken blauen Buntstift. Ihn habe ich zu meinem zweiten Lieblingsstift erkoren, für kurze Notizen und wirklich wichtige Geistesblitze wird er im Büro zur Hand genommen. Der Buntstift amüsiert mein Umfeld eher, als dass er Nostalgie hervorruft. Aber das ist mir egal. Im grauen Berliner Winter tut es gut, an Zeiten zurückzudenken, in denen die größte Entscheidung die Farbe des Buntstiftes war.

Auf der Suche nach dem nachhaltigen Glück

20 Jan

Nachhaltig leben und reisen – das ist das Motto der Online-Community Tribewanted. An einem ganz besonderen Ort in der Mitte Italiens, Tribewanted Monestevole, sucht die Autorin nach Inspiration für das, was ein glückliches Leben ausmacht.

Die Lichter gehen früh aus in Monestevole. Das Abendessen ist beendet, die leeren Platten mit den Resten von Salat und Gemüse aus dem Garten, handgemachter Pasta und selbst geschlachtetem Fleisch wurden abgeräumt und eingeweicht. Die Spülmaschine säubert unzählige Gläser und Tassen vom Hauswein und stark gezuckertem Espresso. Der massive, grob gezimmerte Holztisch, der 20 Leuten Platz bietet und an dem nach dem Essen noch ein paar Runden Briscola gezockt wurden, ist leer. Vor dem Küchenfenster freuen sich sich wilde Katzen über ein paar Fleischreste. Der Koch ist noch wach. Es ist Zeit für die letzte Zigarette seines Tages. Für ihn ist dies der Feierabend, die Stunde, nachdem sich die meisten Gäste auf ihre Zimmer zurückgezogen haben, die Geschirrspülmaschine läuft und die Töpfe und Pfannen einweichen. Mit dem Seufzen eines Mannes, der den ganzen Tag auf den Beinen ist, setzt er sich auf die Bank vor der Küchentür. Dollie, die zierliche Jagdhündin mit den Bernsteinaugen, kommt sofort und bettet ihren Kopf in seinen Schoss. Die Katzen hingegen strafen ihren Versorger mit Nichtachtung, ignorieren ihn mit der Arroganz derer, die wissen, dass sie sich Gutmütigkeit gegenüber wähnen dürfen. Der Koch ist glücklich hier, mit der Küche, seinem Reich, im Rücken und den Hügeln Umbriens im Blick.

MEDION Digital Camera

Glücklich durch Arbeiten – arbeiten fürs Glück?

Das Gut Monestevole liegt tief im grünen hügeligen Umbrien, in der Mitte Italiens – und, wenn man den Anwohnern glaubt – der Welt. Hoch oben auf der Hügelkuppe, durch eine ca. zehn Kilometer lange Straßen mit Haarnadelkurven und bedrohlichen Abhängen entfernt vom nächsten Örtchen, leben Bewohner und Gäste hier in einem Mikrokosmos, dessen Tagesablauf von den Tieren, Feldern, Gärten und natürlich den Mahlzeiten strukturiert wird. Betrieben wird der Hof als eine Art Hotel von der Onlinecommunity Tribewanted. Deren Mitglieder weltweit finanzieren mit moderaten Monatsbeiträgen den Aufbau nachhaltiger Lebensgemeinschaften mit dem Anspruch, selbstversorgend zu leben. Das schließt neben Nahrungsmitteln auch die Strom- und Wasserversorgung ein. Angefangen in Fidschi ist Tribewanted mittlerweile auch in Sierra Leone und eben in Umbrien zu finden. Die Idee: Sowohl Mitglieder als auch Nichtmitglieder machen Urlaub in einer wunderschönen Umgebung und mit Vollverpflegung – erstere zu einem günstigeren Preis – und packen bei Interesse mit an, um das jeweilige Tribewanted Projekt mit eigener Kraft einen Schritt voranzubringen. Ob der Bau einer neuen Scheune für die Pferde, Rinder, Ziegen oder Schweine, die hier in Umbrien so idyllisch leben, wie es in Europa wohl möglich ist, beim Pflanzen von Knoblauch, beim Herstellen von organischen Seifen und Cremes oder bei der alljährlichen Wein- und Olivenernte – die Möglichkeiten, sich zu beteiligen sind zahllos. Und wenn nach dem im Sommer draußen eingenommenen Essen die Teller leer aber die Weingläser noch voll sind, die Grillen beginnen, mit der leisen Musik aus dem Grammofon zu konkurrieren, dann ist kaum ein Gast davor gefeit, seine bisherige Vorstellung vom Glücklichsein zu hinterfragen, dann kann sich kaum einer des Gefühls zu verwehren, dass dies hier ein ganz besonderer Ort und das Leben hier ein ganz besonderes Leben sein muss.

Ehrgeiz jetzt, Zufriedenheit später?

Umgeben von seinen Gästen aus Deutschland, England, den Niederlanden und Australien sitzt Filippo am großen Tisch und denkt voller Sorge an den morgigen Tag. Der Tribewanted Mitbegründer und Manager von Monestevole hat selbst ein Jahr lang am Strand von Sierra Leone gelebt. Davor wirkt seine Biografie wie von einem Karriereplaner erdacht: lange Auslandsaufenthalte schon als Kind und Jugendliche in Frankreich und den USA, eine Ivy League Collegeausbildung in Boston, dann Finanzberater in New York. Trotz seines politischen Engagements und Erfolgen als Dokumentarfilmer, der einst Rapstars nach Sierra Leone brachte, um über Blutdiamanten aufzuklären, und trotz seines Outfits – legeres Leinenhemd, Jeans und offene Lederboots – wirkt Filippo immer noch ein bisschen wie ein Banker. Der 32-Jährige ist ehrgeizig, und es ist ihm wichtig, dass Tribewanted Monestevole, hier in seiner Heimat, einen rundum guten Eindruck macht. Deshalb denkt Filippo, während er eine Mandarine schält und scheinbar interessiert den Diskussionen seiner Gäste über Ökotourismus lauscht, an den morgigen Tag: an Einkäufe, Ankünfte, Abreisen und an die Kosten für das undichte Scheunendach, von dem ihm die ortsansässigen Farmarbeiter berichtet haben. Nichts davon sollen seine Gäste mitbekommen – Filippo ist ein PR-Profi. Fragen Journalisten nach einem Interview, so ist es er, der antwortet – in fließendem Englisch natürlich. Für Filippo liegt Zufriedenheit im Erfolg: seinem, dem von Monestevole, und dem der Idee von Tribewanted. Ob er glücklich ist, fragt er sich nicht. Dafür ist später Zeit.

It takes a village …

Filippo war es, der 2010 das Landgut Monestevole entdeckt und an die Tür der Besitzer geklopft hat. Geöffnet wurde ihm von Alessio und Valeria, seit mehr als 15 Jahren verheiratet und Eltern von vier Kindern. Ohne sie gäbe es Monestevole nicht, denn in über zehn Jahren harter Arbeit haben sie aus einer Ruine ein Juwel gemacht. Das Ergebnis: Ein ausladendes Feldsteingebäude aus dem 15. Jahrhundert mit mehreren Flügeln und Nebengebäuden, unzähligen Nischen, Winkeln, rustikal gezimmerten Türen, bunten Kacheln an den Wänden, kleinen Sprossenfenstern mit Fensterläden, Eingängen auf verschiedenen Ebenen, über schiefe Treppchen erreichbar, eindrucksvollen Türbögen und freigelegten Dachbalken, unter denen dank Tribewanted nun Gäste aus aller Welt vom Heuschreckenkonzert in den Schlaf begleitet werden. Alessio ist eine beeindruckende Person, eine Mischung aus exzentrischem Künstler und bodenständigem Farmer. Ein untersetzter Mann mit blondem Rauschebart, wettergegerbtem Gesicht und eisblauen Augen. Ein Mann, dessen Nähe Pferde genießen, ein Mann, dem Hunde folgen, dem Bäume sich – so scheint es – entgegenlehnen. Alessio bemerkt nichts von dem und bedenkt Hund, Pferd und Baum mit einem beiläufigen Tätscheln – sie sind Teil von ihm und er von ihnen. Alessio stammt aus Umbertide, dem kleinen Ort unten im Tal. Er hat sein ganzes Leben hier verbracht. Ein Mann, der weiß wer er ist und was er will. Deshalb wusste Alessio auch bereits mit 20 Jahren, dass er Valeria heiraten wollte. Und die beiden wussten wenig später genau, dass sie die heruntergekommene Gutshofruine oben auf dem Hügel kaufen und renovieren würden – ohne viel Geld aber mit viel Geduld und dem Einsatz eines ganzen Dorfes. Das war lange, bevor Tribewanted an die Tür klopfte – der Hof bis dahin ein Projekt ohne bestimmten Ausgang, ein Projekt um seiner selbst willen, und für die vier Kinder, die er von hier ins Leben entlässt. Seit Tribewanted da ist, ist Alessio mit seiner Familie in ein Nebengebäude gezogen. Dass nun Fremde in seinem Haus wohnen, stört ihn nicht. Er weiß: Dinge verändern sich, aber das Gut wird bleiben. Nur eines ist ihm heilig, die Bank auf der Anhöhe hinter seinem Haus. Er ist glücklich, wenn er Musik macht, und wenn er abends mit seiner Zigarette auf dieser Bank am höchsten Punkt des Hügels sitzt und herunterblickt auf das, was er geschaffen hat. Der gesamte Hof gehört dann wieder ihm, für einen Moment.

Ist geborgtes Glück die Lösung?

Rebekka, die Schreiberin, sitzt im leeren Wohnzimmer von Monestevole und denkt über geborgtes Glück nach. Sie möchte sich konzentrieren und etwas von Wert produzieren, über Glück, aber sie ist rastlos, denn sie ist verliebt. In diesen Ort, dieses Haus, für das Tribewanted nur eine Phase in einem langen Leben ist. Und in die Hündin Dollie mit den Bernsteinaugen, die draußen an einem Knochen nagt. Nach dem Abendessen, wenn sich die übrigen Gäste zurückziehen, der Koch in der Küche pfeift, Alessio zu seiner Bank auf den Hügel steigt und Filippo sich in seinem Büro den Zahlen widmet, sitzt Rebekka für gewöhnlich hier, an dem ausladenden grob gezimmerten Holztisch, und verliert sich in ihren Gedanken. Der Aufenthalt in Monestevole sollte Abstand bringen zum stressigen Alltag in Berlin, einem Stress, der neben den langen U-Bahnfahrten und späten Abenden in der Werbeagentur vor allem darin liegt, dass sie sich an einem Ort und einem Leben wähnt, die sie nicht komplett glücklich machen. Rebekka ist ratlos: Wie soll sie ihr Leben gestalten, wenn dieser Ort ihr das untrügliche Gefühl gibt, dass das Glück nicht in Geld oder Sicherheit liegt, sondern in einem Projekt, in einem mit Wert erfüllten Tun, in einem Hund?

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Hier bleiben kann sie nicht, das weiß sie. Dieses Projekt kopieren, das Glück der Menschen hier borgen, wird keine Erfüllung bringen, denn Alessio ist Alessio, Filippo ist Filippo, der Koch ist der Koch – und Rebekka ist Rebekka. Ihre Küche ist das Schreiben. Ihre Ruine ist ein umstrittener Markt und die Angst vor finanzieller Unsicherheit. Ihr Hund ist das Bedürfnis nach Konstanz. All das weiß Rebekka, und abends vor ihrem Computer versucht sie, die Weisheit von Monestevole zu kondensieren, für sich selbst zu durchsuchen nach Hinweisen und die Magie dieses Ortes auf weiße Seiten zu bannen. Die Dunkelheit, die sie umgibt, die Geräusche von Füchsen und Wildschweinen, das Knarren des Holzes, all das macht ihr keine Angst. Sie sind kein Vergleich zum Knarren der Treppenstufen, zum Pfeifen der Männer in Berlin, wo sie sich fremd und bedroht fühlt. Hier in Monestevole steigt sie abends – den Computer unter dem Arm – die Außentreppe zu ihrem Wohnbereich hoch, in kompletter Dunkelheit, und stolpert fast über Dollie, die jede Nacht auf ihrer Fußmatte schläft und sich jeden Morgen mit ihr erhebt, wenn die ersten Tiere sich rühren und der Kaffeeduft das Haus umarmt. Rebekka vermisst die Stadt nicht, nicht ihre Lichter, nicht ihre Geräusche, ihre Hektik, ihre Möglichkeiten. Sie ist glücklich hier, und weiß gleichzeitig, dass in diesem Glück eine Frage liegt, auf die sie keine Antwort weiß.