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Es gibt keine blöden Fragen, nur blöde Fragende

12 Apr

Als Erziehungsberechtigte muss ich mein Suchtverhalten deutlich ändern bzw. ablegen. Ein Glas Wein trinke ich, früher wäre das nichts gewesen für mich. Dann lieber kein Glas Wein als ein Glas Wein. Nun denn, man wird älter und weiser und neuerdings des Nachts stündlich vermöbelt und/oder geweckt und/oder be-trunken. Kein Wunder, dass ich mir neue Süchte suche. Seit einigen Wochen bin ich süchtig danach, in einer geschlossenen Facebook-Gruppe zum Thema Kindererziehung – bzw. dem Gegenteil davon – jeden Beitrag und sämtliche Kommentare zu lesen und die Menschen dahinter zu verurteilen. Als Futter dienen mir da nicht primär die Fragen – ich selbst bin ja alles andere als frei von Zweifeln, Ängsten und Unwissenheit (Sonnencreme ja/nein? Wieso schläft mein Baby nicht im Bett?). Ich suhle mich eher in der dreist-autoritären, dogmatischen Art, wie viele Mütter dort Ungläubige attackieren und zu missionieren versuchen. Egal, worum die gepostete Frage sich dreht, ich muss nicht lange scrollen, um die erste völlig das Thema verfehlende Antwort zu finden.

„Ich möchte bald abstillen und die Flasche geben, weil ich unabhängiger sein möchte. Welche Pre-Milch könnt ihr empfehlen?“

  • Antwort 1: Keine, die sind alle Gift. Ich habe zwar noch nie eine benutzt, weil ich seit 5 Jahren stille, aber einfach nicht zu antworten kam jetzt irgendwie auch nicht in Frage.
  • Antwort 2: Was hast du denn bitte für Termine, zu denen das Baby nicht mitkann? Ich habe meine immer mitgenommen und sogar beim Zahnarzt gestillt. Jetzt bitte nicht falsch verstehen, aber ich finde du bist ein egoistisches Monster :))
  • Antwort 3: Warum pumpst du nicht ab?

Die Stimmung in der Gruppe ist entsprechend angstdurchtränkt. Oft lese ich „Ich traue mich jetzt einfach mal und schreibe was“, „Hoffentlich werde ich jetzt nicht gesteinigt“ und – allen Ernstes – „Bitte seid lieb! :)“.

Die Bitte-nicht-steinigen-Frau wurde übrigens digital gesteinigt, weil sie den problematischen Ausdruck des Steinigens verwendet hat und außerdem – warum stillt sie nicht einfach und hält ansonsten die Fresse??!

Das am meisten verbreitete kommunikative Phänomen in der Gruppe ist der Klassiker „blöde Frage“. Denn es ist mein Eindruck, dass nur Frauen sich ständig selber blöde Fragen zuschreiben. Muss also nicht stimmen. Eindruck halt. Ich habe aber wirklich gegrübelt und Erinnerungen durchforstet: Habe ich schon einmal einen Mann in einem Meeting, einer Diskussion, einem Seminar, einer Kneipe „das ist jetzt vielleicht eine blöde Frage“ sagen gehört? Und ich bin mir recht sicher: Nein. Das Ganze ähnelt dem weiblichen Entschuldigungswahn, nur dass es dazu Studien gibt und zum „Blöde Frage“-Wahn nicht (soweit ich beim Im-Park-rumlaufen-und-googlen feststellen konnte).

Frauen entschuldigen sich übrigens tatsächlich viel häufiger als Männer, aber das heißt laut einer Studie der University of Waterloo in Ontario, Kanada (2010) nicht, dass Männer es ablehnen, sich zu entschuldigen, sich darüber erhaben wähnen oder ähnlich Böses. Es ist eher so, dass für Männer die Messlatte dessen, für was sie sich zu entschuldigen bereit sind, viel höher liegt. Nicht für jeden Scheiß eben. Nicht dafür, etwas zu sagen. Einen Raum zu betreten. Oder gar zu existieren. Frauen entschuldigen sich, um sich beliebt zu machen, Harmonie zu wahren, sich abzusichern. Ob und wieviel sie es tun, hat mich dem (subjektiven oder objektiven) Machtgefüge zu tun. Eine Aktivistin vergleicht es in einem CNN-Bericht mit dem Küssen eines Ringes oder mit einem Knicks. Mir fällt der Hund an, der einem anderen die Kehle präsentiert. Schuld am ständigen Entschuldigen bzw. vermeintlich auch am „Blöde Frage“-Syndrom sind also nicht die Männer, jedenfalls nicht direkt. In meiner Facebook-Gruppe beispielsweise sind die anderen, potentiell verurteilenden und anklagenden Frauen der mächtige Gegenpart, dem sich bereis prophylaktisch unterworfen wird.

Ich würde zwar nie dort „blöde Frage“ schreiben, aber ich entschuldige mich auch viel zu oft. Es ist ja wirklich wie ein Reflex. Ich möchte diesen gern loswerden. Und ich überlege ernsthaft, die Frauen in der Aggromama-Gruppe dazu aufzurufen, es mir gleich zu tun. Außerdem mache ich seit einiger Zeit jedes Mal, wenn eine Frau dort „blöde Frage“ schreibt, mit dem Handy einen Screenshot. Eines Tages, so der Plan, werde ich eine Kollage aus all den Bildern machen und dort veröffentlichen. Das ist mein neuer gesellschaftspolitischer Auftrag. Schließlich tummeln sich dort erwachsene Frauen, die nicht nur Menschen am Leben halten und dabei noch ihre Heilpraktiker/Hunde-Feldenkrais/FenKid-Leiter-Fortbildung (man bin ich fies unterwegs heute) stemmen. Sie sozialisieren gerade die Bürger von morgen! Vielleicht erinnere ich sie einmal daran. Solltert ihr also nichts mehr von mir hören  – ich wurde gesteinigt.

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What the Fräulein?!

24 Mrz

Wir haben eine neue Trage für den Brummbären, an der mir alles gefällt außer dem Namen. Das gute Stück heißt Fräulein Hübsch und beide Teile des Namens stören mich. Sowieso wähne ich mich inmitten eines beklagenswerten Revivals der Frolleinkultur.

Fräulein bezeichnete bis vor gut 35 Jahren eine unverheiratete Frau. Logisch, denn ohne Ehemann ist eine Frau nur halb komplett. Also weniger, also kleiner, also braucht es den Diminutiv. Der Familienstand meiner Trage hatte mich aber gar nicht interessiert. Er geht mich auch nichts an. Vielleicht lebt sie in einer festen Partnerschaft, vielleicht ist sie aber auch lieber alleine. Viel wichtiger als ihr Familienstand ist ja wohl, was sie mag, was sie tut, was sie kann. Meinetwegen auch, wie sie aussieht – hübsch, offenbar. Die Trage kann einem leid tun, nicht nur wird sie auf ihr Unverheiratetsein reduziert, sondern auch auf ihr Äußeres. Warum nicht Frau Stabil. Besser, Frau Dr. Stabil. Hehe, oder Stabil, M.A. Robust, langlebig, nachhaltig (ist sie alles, ich kaufe ja keinen Schrott). Die Schönheit hat mich bei der Kaufauswahl aber an allerwenigsten interessiert, wir haben uns bei all der bunten Biobaumwollauswahl für Anthrazit entschieden.

Auch außerhalb des Babyuniversums greift der Fräuleinwahn wieder um sich. In der Bergmannstraße laufe ich an einer Boutique namens „Fräulein Sonntag“ vorbei. Das Online-Magazin „Fräulein Magazin“ titelt absurderweise „Heirate dich selbst!“ Wie, und kein Fräulein mehr sein? Auch ein Gewinner: „Fräuleins Tipp am Sonntag: Einfach mal alleine sein!“ Kannste dir nicht ausdenken.

Die Trendsetterinnen unter den Frolleins sind allerdings Bloggerinnen diverser Couleurs, von Fräulein Klein über Fräulein Draußen, Fräulein Garten und Fräulein Selbstgemacht bis zu Fräulein Zuckerbäckerin. Was steckt dahinter? Haben diese Menschen keine (Vor-)Namen oder wollen diese schlicht nicht verraten? Vielleicht will Fräulein Klein sich nicht Frau Klein nennen, weil so heißt ja ihre Mutter und die benutzt schnöde Niveacreme fürs Gesicht und wählt CDU – geht also gar nicht. Ich befürchte allerdings, der Grund liegt in dem frech-unverbrauchten, kecken, unabhängigen verspielten vibe, den ein Fräulein vermeintlich abgibt. „Ich schreib, was ich denke, ich mache mir beim Gärtnern oder Zuckerbäckern auch mal einen Erd- oder Zuckerkleks auf die Nasenspitze und dann gibt es ein total selbstbewusstes Selfie für Instagram, weil es ist mir doch total egal, wie ich aussehe.“ Dabei ist das Gegenteil der Fall: Fräulein ist so ziemlich der antifeministischste Titel, den eine Frau sich geben kann. Nicht nur, weil er eine Verniedlichung ist und auch nicht nur, weil er sie über die Existenz oder Abwesenheit eines Ehemannes definiert. Es gibt außerdem keine Entsprechung für Männer. Gibt man „Männlein Blog“ bei Google ein, findet man die Anwaltskanzlei Dr. Männlein. 

In Berlin und auch sonstwo, wo alte und/oder unzufriedene Menschen leben (Dortmund fällt mir ein), existiert das Wort „Fräulein“ auch auf der Tonspur noch öfter als man meinen würde. Das liegt daran, dass es neben „junger Mann“ und „junger Frau“ die einzige Phrase ist, mit der man einen Fremden ansprechen kann. Im Supermarkt beispielsweise hört man selten:
“Entschuldigen Sie, Mann, Sie haben etwas verloren.”

oder

“Hey, Herr, Sie stehen mir im Blickfeld”

Weil das eben nicht geht (dasselbe gilt für Frau), werden auch Männer mit grauen Schläfen gern von gräsigen Supermarktangestellten als junger Mann bezeichnet. Es ist alles, was sie haben.

Kinder sind hzumindest im Rudel übrigens ebenso unansprechbar wie Männer und Frauen. Einmal, ich war noch jung und wusste noch nicht viel von der Welt, fanden eine Freundin und ich auf dem Lärmschutzwall neben meinem Elternaus ein entlaufenes Meerschwein. In einem angrenzenden Garten spielten ein paar Kinder. Wir versuchten, durch Hey-Rufe und Winken ihre Aufmerksamkeit zu erregen, ohne Erfolg. Irgendwann rief ich verzweifelt, weil mir der Unzulänglichkeit meiner Wortwahl durchaus bewusst: “Hallo …äh … Kinder…?!“ Sie schauten, aber nicht amüsiert. Was man ja auch verstehen kann, Erwachsene werden ja auch nicht mit „Sie da, Erwachsene!“ gerufen.

Ich überlege mir nun jedenfalls einen neuen Namen für meine Trage, denn – Babyhabende werden das wissen – eine Babytrage wird nie einfach Babytrage genannt. „Schatz, gib mir mal die Manduca,“ heißt es da oder auch „Mein Rücken ist total verspannt von der ergobaby.“ Meine Fräulein Hübsch heißt bald entweder Professorin Schlau oder Dorothy Parker. Weitere Vorschläge willkommen!

 

Wer ficken kann, kann auch arbeiten

27 Jan

Es ist – das ist nichts Neues – ein Problem unserer alternden Gesellschaft, dass das Großziehen von Kindern nicht als wertvolle und Respekt verdienende Arbeit gesehen wird. So generell. Jeder einzelne findet das schon toll, wobei man das Kind auch nicht verhätscheln oder – mein Favorit – sich vom Kind nicht manipulieren lassen soll. Man kann ja schließlich Schnuller geben. Abpumpen. Ab in die Kita. Will eine Mutter lieber zu Hause bleiben und das Kind selbst versorgen, bis sie glaubt, dass es bereit ist für die große Gruppenwelt, ist sie leider eine Antifeministin, die nur am Herd Erbsensuppe kochen will, Fenster putzen oder gar heimlich bei zugezogenen Vorhängen die Bettwäsche bügeln.

Nein, das ist natürlich gemein, die Nervosität, die eine zu Hause bleibende Frau auslöst, liegt größtenteils gar nicht in der gebügelten Bettwäsche begründet, sondern on der berechtigen Sorge, dass sie sich mit einer derartigen laissez-faire-Haltung langfristig große finanzielle Nachteile einhandelt. Statt daran etwas zu ändern, soll die Frau einfach wieder sofort voll arbeiten gehen und ihr Kind dann halt am Wochenende sehen. Für Papa gilt selbstverständlich dasselbe. Und da wir hier in Berlin wundervolle Kitas haben mit dem für Kleinkinder von der „Liga für das Kind“ empfohlenen Betreuungsschlüssel 1:3, in denen kein Fachpersonalmangel herrscht und die alle über feine Gärten zum Draußenspielen verfügen, ist das ja irgendwie die beste Lösung für alle. Not.

Man könnte natürlich auch „einfach“ dafür sorgen, dass Eltern, die sich entscheiden, das Kleinkind eine etwas längere Weile selbst zu betreuen, dafür adäquat entlohnt und mit Rentenpunkten versorgt werden. Das wäre dann eher die Strategie „Wertschätzung“ – aber das, lerne ich, ist zu teuer. Dann lese ich morgens, dass die Air Berlin-Insolvenz den Bund 200 Millionen Euro kostet und hole das Nusspli-Glas lieber doch noch mal aus dem Regal. Die Entscheider bei Air Berlin haben super Arbeit geleistet, wie ja sowieso alle, die sich Vollzeit dem Arbeitsmarkt zur Verfügung stellen, super Arbeit leisten. Die sollte man würdigen, am besten gibt es einfach einen dicken fetten Bonus. Guten Appetit!
„Noch jemand? Sie dahinten, der Herr im besten Alter mit grauem Haar, Anzug und randloser Brille – Sie sehen aus, als hätten Sie einen Bonus verdient. Na los, nicht so zögerlich. Und Sie da mit dem identischen Anzug und dem identischen Haar, nur eher grau meliert als grau – Sie passen perfelt ins Schema. Sie haben sicher auch Ihr bestes getan, in irgendeinem Bereich, irgendwann mal. Greifen Sie zu!“

Mütter*, die Babies zu Hause betreuen, tragen nicht dieselbe Verantwortung wie Menschen, die Fluggesellschaften managen. Erstere erwirtschaften Profit (also im Idealfall). Bei zweiteren geht es lediglich um das Leben eines Menschen. Deshalb gibt es für Mütter, die zu Hause bleiben, keine Krankheitstage, keinen Urlaub und kein vergleichbares Geld. Und Verständnis auch nur begrenzt. Neulich recherchierte ich das mit den Krankheitstagen, nachdem ich eine Nacht allein mit Brummbär und Magendarm-Virus verbracht hatte und am nächsten Tag schlicht nicht wusste, wie ich es schaffen sollte, das Baby nicht auf den Boden fallen zu lassen. In einem Internetforum (ja, ich weiß) schrieb entrüstet eine Mutter: „Geht’s noch?!! Als Mama kannst du nicht krank sein, da heißt es Zähne zusammenbeißen.“ Ich finde das Ganze ekelhaft, diese merkwürdige Ansicht, dass Mütter, die Kinder betreuen, irgendwie über Nacht andere Menschen werden, so Titan-Supermenschen, an denen alles abzuprallen hat. Die Bürokauffrau, die sich sonst bei einer Erkältung mal eine Woche hat krankschreiben lassen, soll jetzt gefälligst mit 40 Grad Fieber und Durchfall das selig durch die Wohnng krabbelnde Gör beaufsichtigen. Und wenn sie umkippt und es greift in die Steckdose? Ist sie galt ’ne Rabenmutter. Wer ficken kann, der kann auch arbeiten.

In der Tat ist es so, dass die Krankenkasse eine Haushaltshilfe stellt, wenn die Mutter zu krank ist, um das Kind zu versorgen. Ob das auch der Papa übernehmen darf, muss dessen Arbeitgeber entscheiden. Generell gilt: Ob Eltern oder Kind, Kranksein ist nicht gern gesehen und wird einem oft unterschwellig vorgeworfen nach dem Motto „Nimm doch fünf Ibuprofen und dann muss das gehen.“ Ich kann Arbeitgeber schon verstehen und auch Teamkollegen, ich war ja selber lange in der Situation. Um etwas an den Gegebenheiten zu ändern – meines Erachtens wäre das angebracht – müsste schon die Politk ran, das wird die Wirtschaft nicht freiwillig machen. Leider werden weder Wirtschaft noch Politik von Leuten dominiert, die selber schonmal krank mit Baby zu Hause waren. Was die aktuellen Regelungen im allgemeinen angeht, kommt es mir eher so vor, als hätte da ein Kind in der Trotzphase das Zepter in der Hand gehabt, so absolut bockig-realitätsverweigernd mutet das Ganze an.

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Ein Politiker und ein Kind auf der Sandkastenkante. Hat der Politiker graues Haar? Trägt er Anzug und randlose Brille? Womöglich …

Politiker:
Also. Wir wollen, besser gesagt brauchen es, dass die Leute mehr Kinder bekommen, so mittelfristig. Deshalb müssen wir wohl oder übel den Leuten so ein bisschen entgegen kommen, sodass die nicht als die Verlierer aus dem Ganzen rausgehen.

Kind:
Wie? Was? Nein!

Politiker:
Naja, also finanzielle Anreize schaffen und dafür sorgen, dass da kein Rentenloch entsteht, wenn Leute sich um ihre kleinen Kinder kümmern.

Kind:
Kita.

Politiker:
Aber manche Leute wollen das nicht, also wenn die Kinder noch so klein sind. Da könnten wir ja mit einer ordentlichen Finanzierung…

Kind:
Ich will, dass alle immer arbeiten.

Politiker:
Das tun sie dann ja später auch wieder, nur für eine gewisse Zeit…

Kind:
NEIN. ALLE SOLLEN ARBEITEN.

Politiker (selbstverständlich pädagogisch geschult):
Okay okay, du bist wütend (Stimmlage und Gesichtsausdrück = mitfühlend). Das ist ja sicher ein doofes Gefühl.

Kind:
Arbeiten, immer, und NIE krank sein.

Politiker:
Aber schau mal, Kinder sind nun mal häufig krank, und die Eltern schlafen nicht viel. Und wenn dann Winter ist …

Kind:
KEIN WINTER. KEIN KRANK.

Politiker (kommt ins Schwitzen):
Okay, okay. Die Leute gucken schon. Ich hab eine Idee: Wir können ja vielleicht die Kindertagesbetreuung verbessern, damit alle die Kleinen auch ohne schlechtes Gefühl da hingeben können.

Kind:
NEIN , ICH WILL NICHTS ÄNDERN !! ALLES SOLL SO BLEIBEN UND ALLE SOLLEN TROTZDEM MEHR KINDER KRIEGEN.

Politiker:
Das wird wohl nicht passieren…

Kind wirft sich auf den Boden und schlägt um sich. Sand, Hundekot und Einwegspritzen fliegen in alle Richtungen.

Kind:
DOCH, ICH WILL ES! UND ICH WILL EIN EIS!

Politiker (kleinlaut):
Vielleicht wenigstens unbezahlten Urlaub für die Sommerferien? Schau wie schön der unbezahlte Urlaub ist, der kostet uns nichts…

Kind:
EIS, EIS, EIS, EIS, EIS, EIS, EIS, EIS

Politiker:
Okay, komm, wir holen dir eine Kugel Weißwurst-Trüffelsenf mit Cassis.

Kind:
Zwei Kugeln!

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So sehr mir derartige Fantasien Spaß bereiten und lange Spaziergänge bei grauem Wetter mit dem Brummbär versüßen, so bitter ist oft noch die Elternrealität. Und ja: Mir ist bewusst, dass es in anderen Ländern nur 12 Wochen Mutterschutz gibt und das war’s. Ich orientiere mich aber lieber nach oben und sage: Da geht noch mehr. Zum Beispiel kenne ich mehrere Paare, die ihr Kind wirklich nicht vor drei Jahren in die Kita geben wollten, es sich aber nicht leisten konnten – ohne Elterngeld – dass ein Elternteil zu Hause bleibt oder beide in Teilzeit arbeiten. Ein kleines Kind mit einem schlechten Gefühl in eine unterbesetzte Kindertagesstätte bringen zu müssen – ich finde, das geht gar nicht!

Und es geht ja nicht nur um das politische Regelwerk und es geht auch nicht nur um Geld. Es geht, wie eingangs erwähnt, um die fehlende Wertschätzung. Ich finde es erschreckend, für wie wenig verantwortungsvoll und wichtig das, was ich aktuell den ganzen Tag mache, von vielen angesehen wird. Denn ich habe schon viele Jobs gehabt, aber keiner war so beängstigend. Beispiel: Müdigkeit. Es ist in meinen Augen schlichtweg absurd, wie die ganze Gesellschaft meint, es wäre wichtiger, dass der Erwebrstätige ausgeschlafen ist als die Kindsbetreuerin. Und das habe ich bereits vor meiner eigenen Schwangerschaft nicht verstanden. Wie meine Freundin F. beispielsweise mit Augenringen bis zu den Nasenflügeln apathisch den Kinderwagen vor- und zurückruckelte und von ewig langen nächtlichen Tragemarathons im dunklen Flur erzählte. Und auf meine Frage, ob nicht der werte Ehemann das Kleine auch mal ein paar Stündchen herumschleppen könne, die Antwort kam:
„Nein, der muss schlafen, der muss ja morgens arbeiten.“
Klar, als Grafikdesigner, Finanzbeamter oder Gärtner darf man natürlich nicht bei der Arbeit einnicken – die Mama, die beim Überqueren der Straße vor Erschöpfing nicht mehr weiß, was ein Auto ist, wird nicht als so problematisch gesehen. Zähne zusammenbeißen, Ibuprofen, Kaffee (aber nicht zu viel weil sonst Rabenmutter, erneut). Das ist wirklich der größte Bullshit, den ich überhaupt jemals gehört habe. Wir halten Menschenleben in unseren Händen. Ich fordere: Mamas und Herzchirurgen sollen schlafen dürfen. Und am allermeisten Herzchirurginnen, die auch Mamas sind. Aber zu der Problematik schreibe ich demnächst mehr, die verdient ihren eigenen Blog-Post.

*Im Text schreibe ich von Müttern, weil die große Mehrheit der Eltern, die im ersten Babyhalbjahr zu Hause bleiben, Mütter sind. Die Situationen und Schlussfolgerungen sind jedoch größtenteils auch auf Väter anwendbar. In der Theorie.

Milch

7 Jan

Gleich nach Weihnachten fliegen der Mann, der Brummbär und ich nach Spanien. Der Mann stammt aus Kastilien, welches quasi das Deutschland Spaniens ist. Karge, teils flache Landschaft, Schnee im Winter und kulinarisch geprägt von Schweinefleisch und Eintöpfen. Hier fallen wir mit Kind und Kegel in das alte Bauernhaus der Schwiegereltern ein. Die Eingangshalle ist größer als die Küche meiner Eltern. Der Kamin hunderte von Jahren alt. Eine Heizung gibt es nicht. Vor der Tür wachen zwei Schäferhunde. Auf der anderen Seite der Straße grast die Rinderherde, von der die Familie seit Generationen lebt.

Opa B. hegt und pflegt die Herde, seit sein Vater es nicht mehr tut. Der Mann träumt seinerseits davon, sie eines Tages zu hegen und zu pflegen. Irgendwie, vielleicht. Oder halt doch was mit Computern. Jeden Tag gehen wir spazieren, betrachten das Land und träumen von einem Haus. Einem neuen Haus, einem warmen. Die Kälte im Bauernhaus macht mir zu schaffen. Das ist ironisch, denn ich neige wie kaum eine andere (und doch wie so viele) dazu, das Landleben zu idealisieren, was den Mann oft dazu bringt, die Augen zu verdrehen. Er ist hier aufgewachsen, als Baby, als Kind, ohne Heizung. Nur das Feuer im Kamin der Küche, die Glut in einer Schale unter dem Esstisch, und alle legen sich die Tischdecke über die Knie.

Morgens trinken wir Kaffee, jeder für sich, nach dem Aufstehen. Nachmittags gemeinsam, dazu essen wir Roscón de Reyes, Hefeteigkuchen mit Schlagsahne und kandierten Früchten. Nachmittags heißt hier in Spanien – denn trotz des Schnees und des Schweinefleischeintopfes und des Kaminfeuers sind wir hier in Spanien – so ab 17 Uhr. Mittagessen gibt es schließlich nicht vor 14 Uhr. Um die Zeit zwischen dem Frühstück um ca. 8 Uhr und dem Mittagessen zu überbrücken trinke ich viel heißen Café con leche. Der Kaffee kommt aus einer normalen Kaffeemaschine. Die Milch erhitzte ich in einer Tasse in der Mikrowelle.

Einmal merke ich, während sich die Tasse in der Mikrowelle dreht, dass ich eigentlich gar keinen Kaffee will. Und trinke die Milch einfach so. Auf dem Fensterbrett, und draußen schneit es. Wieso schmeckt Milch so anders, wenn sie heiß ist? Ich kann mich nicht erinnern, wann ich das zuletzt geschmeckt habe. Zum Nikolaus wahrscheinlich, als Kind. Es ist kalt, jedes Jahr, wir kaufen in der Stadt Stutenkerle mit tönernen Pfeifen. Zuhause sitzen wir in der Küche, alle zusammen, vor dem Fenster Finsternis, obwohl es doch erst 17 Uhr sein kann, später nicht. Mama erwärmt Milch in einem Topf und wir stippen die Stutenkerle hinein. Die Pfeifen nagen wir ab, ich weiß beim besten Willen nicht mehr, was wir damit vorhaben. Man kann damit nichts weiter tun, aber sie sind wichtig, trotzdem. Dann kommt der Nikolaus. Haus für Haus klappert er ab, und obwohl wir wissen, dass es ein Mann aus der Gemeinde ist, ist es doch ein magischer Abend. Wir Kinder wissen es, irgendwann, die Eltern wissen, dass wir es wissen und wir wissen, dass sie es – natürlich – wissen. Sogar mit ihm unter einer Decke stecken. Und doch.

Das geht mir durch den Kopf, als ich hier im Deutschland Spaniens, das doch Spanien ist, heiße Milch trinke und aus dem Fenster blicke. So einfach ist dieses Getränk und so aufgeladen mit – Kindheit. Und mit Nostalgie. Hier sitze ich, mit Kaminfeuer im Rücken und draußen nasse Hunde und weiter hinten nasse Kühe und kein Auto in Sicht und noch weniger ein Krankenwagen. In Berlin höre ich jedes Mal, wenn ich mit dem Brummbär rausgehe, einen Krankenwagen und hier nie. So einfach ist das. Das einfache Leben, hach hach, es hat doch etwas Magisches mit seinen Stillen und seinen Gerüchen und seinen Routinen und seinen Konstanten. Opa B. und Oma D. leben in diesem Haus seit 40 Jahren. Davor wohnte hier der Vater von Opa B. Der riesige Kamin war damals wohl noch im Gebrauch, womöglich sogar zum Kochen. Heute gibt es einen normalen Herd und im Kamin steht ein gusseiserner Ofen mit Glastür. Jeden Morgen wird er gereinigt. Ich weiss das, weil ich dank Brummbär meist früh wach bin. Ich kann dann nicht wieder einschlafen und mein Kaffeedurst fuhrt mich als erstes in die Wohnküche. Die Großeltern schlafen noch, denn sie haben bis 22 Uhr zu Abend gegessen und danach noch gespült , aufgeräumt und ferngesehen. Vor Mitternacht gehen sie nicht ins Bett, ich hingegen schlafe meist mit dem Brummbär ein, so um 20 Uhr. Wahrend ich meinen zweiten Kaffee schlürfe, kommt irgendwann einer der beiden ins Zimmer und beginnt wortlos, den Ofen zu reinigen. Zuerst werden Asche und Glut der letzten Nacht in eine metallene Schüssel geschaufelt. Dann wird die Glastür mit einem Spray eingesprüht und nach einer gewissen Einwirkzeit abgeschrubbt. Jetzt wird Wasser geholt in einer zweiten Schüssel , das Ganze wird abgewaschen. So oft, bis das Glas klar ist. Nun Handschuhe aus, Wasser weg, Lappen auswaschen und raus, Feuerholz holen. Das neue Feuer wird sorgfältig vorbereitet: erst Papier, dann kleine Zweige, oben die großen Scheite.

Bis das morgendliche Feuer im Ofen brennt, ist der Brummbär bereit für das erste Schläfchen des Tages und ich gehe raus, dick eingepackt gegen Regen, Schnee oder Wind, mit dem Baby im Tuch, meinem Kaffee in der einen und dem Smartphone in der anderen Hand. Und denke nach darüber, was ich gerade gesehen habe. Mühselige Routine für die einen, magisches Klischee für die anderen. Ich überlege, ob es etwas gibt, das ich seit vielen vielen Jahren wirklich jeden Tag auf wirklich immer dieselbe Art und Weise mache. Nichts – nicht einmal Kaffee. Höchstens das Handy zur Hand nehmen, direkt nach dem Aufwachen, denke ich traurig. Mails checken, sehen wer was geschrieben hat in den vielen Abendstunden, in denen so viele noch wach sind und ich schlafe. Was der Trump jetzt schon wieder angestellt hat. Ob die Welt noch steht. Aber das ist eher ein Handgriff, so wie Naseputzen. Es ist kein Ablauf, dahinter steckt kein Wissen, keine body memory, keine Kunst. Tatsächlich kann ich recht wenig mit meinen Händen anfangen. Nicht mal Handtücher falte ich richtig, so, dass die Kanten übereinander liegen. Kochen fällt mir ein. Ewig Gemüse schnippeln für Cannelloni mit Ziegenkäse oder im Sommer fur einen israelischen Salat. In den heißen Schmortopf greifen und das Röstgemüse fürs Boeuf Bourguignon ohne mit der Wimper zu zucken umdrehen. Wissen, bis zu welchem exakten Moment ich Sahne, Brühe und Portwein miteinander reduzieren lassen muss, damit eine himmlische Sauce daraus wird.

Oma D. kocht auch richtig gut. Jeden Mittag und jeden Abend gibt es drei Gänge. Suppe oder frittierte Croquetas, dann für gewöhnlich ein Stuck Fleisch, Gemüse, immer einen grünen Salat mit Knoblauch. Zum Nachtisch Flan oder Kuchen oder Obst. Sie kann sich viel Zeit lassen beim Kochen, denn Opa B. ist bei den Kühen und wenn wir nicht gerade hier sind, ist der Fernseher ihre einzige Gesellschaft. Und eine Katze, die macht, was sie will und die alle, der Mann eingeschlossen, unbeirrt rufen, schelten, belehren. Als würde es sie interessieren. Während ich draußen mit dem Baby im Tuch auf Twitter Neuigkeiten lese, beginnt Oma D. also drinnen die Vorbereitungen für das Mittagessen. Die Katze sitzt auf dem inneren Fensterbrett und schaut mich herausfordernd an. Und Opa B. verstaut die zwei Schäferhunde auf dem Traktor-Anhänger und den Mann auf dem Beifahrersitz und alle vier verlassen mit großem Tamtam den Hof, um auf der anderen Seite der Straße die Kuhherde zu rufen. Ich kann beobachten, wie sie da, wo man nicht weiter gucken kann, plötzlich auftaucht – eine schwerfällige, würdevolle Herde in Granitgrau, Dreckigweiß und Braun. Lange Hörner, bedachte Schritte, erhobene Köpfe. Zwischen den großen Leibern laufen auch einige Kleine mit. Eines ist wackelig, mager. Opa B. begutachtet es und verfrachtet es schließlich auf den Anhänger. Die Mutter ist außer sich, sie folgt dem Traktor, die beiden Hunde umkreisen sie. Dramatik liegt in der Luft, ich lege das Handy aufs Fensterbrett. Etwas ist passiert.

Beim Mittagessen erfahre ich, dass das Kalb mit dem Tode ringt. Opa B. hat es zu einem anderen, bereits gut gedeihenden Flaschenkalb in den Stall gebracht, zum Entsetzen der Mutter. Sie hatte, so wird mir gesagt, keine Milch oder wollte das Kalb nicht füttern, es ist nicht ganz klar. Ich verdränge Erinnerungen. Rebekka, sage ich mir, du wirst jetzt nicht weinen und dein eigenes Leid der ersten Babytage und -wochen auf diese Kuh projezieren. Das hier ist Natur, das ist das einfache Leben. Heiße Milch in einer angeschlagenen Tasse. Feuer im Ofen. Eine Kuhherde frei und stolz auf der Weide, die so groß ist, dass man sie erst rufen muss zum Füttern. Nach dem Essen mischt Opa B. Kälbchenmilch in zwei großen Pepsi-Flaschen und geht damit rüber zum Stall. Und am nächsten Morgen. Und am Morgen darauf. Am dritten Morgen trägt er nur noch eine Flasche in die Küche, schüttelt sie verbissen und verlässt das Haus. Ich nehme eine Tasse, fülle Milch hinein und erhitze sie. Dann setze ich mich aufs Fensterbrett, sehe ihm nach und lasse den Dampf die Scheibe beschlagen. Und freue mich nun doch ein bisschen auf zu Hause.

Gefühle im Eisfach oder: Trauern mit Kind

15 Dez

Aktuell wird viel gestritten über das sogenannte Attachment Parenting, einer auf Dr. William Sears beruhenden Erziehungsphilosophie, die auf Nähe, Respekt, Bindung setzt. Attachment Parenting sei antifeministisch, weil es die Mutter zur Selbstaufgabe nötigen würde, heißt es. Ich habe die Debatte verfolgt und denke, hier gilt wie bei so vielem: Das Ganze ist, was man draus macht. So glaube ich zum Beispiel, dass vieles von dem, was ich und andere Mütter, die ich kenne, als notwendig ansehen, nicht wirklich nötig ist. Dass wir mehr an uns denken könnten – mal abpumpen und Papa füttern lassen, Babysitter suchen, darauf bestehen, uns die Zähne zu putzen, bevor wir das Haus verlassen – ohne unsere Babies zu traumatisieren.

Aber man muss auch nicht so tun, als wäre Selbstaufgabe nur ein selbst geschaffenes Problem. Denn es ist schon so: Das Baby kommt zuerst, weil es sich eben nicht selbst helfen kann. Es gibt keinen Plan B. Und kollidieren meine Bedürfnisse mit denen des Babies, stecke ich zurück. Wie hart das ist, merke ich in einer Extremsituation – dem Tod meiner Mutter.

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In dem Moment, als ich schwanger werde, wird meine Mutter krank. Es ist ihre dritte schwere Erkrankung, seit fast 30 Jahren kämpft sie gegen ihren Körper. Und ich habe über ein Jahr versucht, schwanger zu werden. Jetzt treffen diese beiden Ereignisse aufeinander, kurz vor Weihnachten. Wie ernst die Lage ist, ist in diesem Moment aber noch nicht abzusehen. Zunächst sind die Besuche daheim mehr oder weniger normal und wir telefonieren noch ab und an. Sie hat viele klare Momente, in denen sie sich über die Nachricht, dass ihr fünftes Enkelkind auf dem Weg ist, freut.
„Das wird endlich eins wie wir,“ sage ich und wir grinsen uns verschwörerisch an.
Denn in meiner Familie sind meine Mutter und ich die einzigen kleinen Dunklen unter großen robusten blonden Menschen. Und sämtliche Enkel schlagen sich bisher schamlos auf die Seite der nordischen Giganten.

In den folgenden Monaten verschlechtert sich der Zustand meiner Mutter stetig.
Am Telefon bemerke ich häufig, dass sie Standardantworten gibt, dem Gespräch gar nicht richtig folgt. Ich versuche, so oft wie möglich in die Heimat zu reisen, mich zu kümmern – trotz Schwangerschaft. Zeige ihr stolz die erste Bauchrundung, aber der erhoffte Enthusiasmus bleibt aus. Ich lese Berichte, spreche mit Ärzten. Recherchiere im Internet, befrage Experten an der Charité. Und sorge mich, ob das Kind im Bauch den ganzen Stress mitbekommt. Ob es weiß, dass ich viel weine.

Am Ende ist alles umsonst. Monate vor ihrem Tod hat sich meine Mutter bereits verabschiedet. Ich fahre noch einmal hin, hochschwanger. Sie spricht nicht, schaut nur. Ich stelle uns ein Hörbuch an, setze mich neben sie, die Füße hochgelegt, und nehme ihre Hand. Und dann weine ich, weil ich jetzt weiß, dass meine Mutter mein Kind nicht mehr kennenlernen wird. Und als eine Art verzweifelter letzter Test, denn so wie ich instinktiv mein Baby vor allem Schlechten bewahren und beschützen möchte, will meine Mama für mich, ihr Baby, ebenfalls nur das Beste. Dass es nicht leidet. Und jetzt steht ihr Kind vor einem lebensverändernden Ereignis und leidet sehr. Als Mutter wird – muss – sie da reagieren. Die Hand drücken, vielleicht den Kopf drehen. Irgendetwas. Aber meine Mutter regt sich nicht. Ich fahre zurück nach Berlin.

Emilio kommt zweieinhalb Wochen vor dem errechneten Termin zur Welt. Ein Zeichen vielleicht, denke ich. Dem Lauf der Zeit ein Schnäppchen geschlagen. Aber das Baby ist zart und braucht eine Weile, in der Welt anzukommen. Bis ich mich traue, die Reise mit ihm zu bestreiten, vergehen zwei Monate. Als ich meiner Mutter das Kind vors Gesicht halte, es auf ihre Brust lege, regt sich nichts hinter ihren braunen Augen. Dabei schauen sie nun zwei große brauen Augen zurück an.
„Hier ist er,“ sage ich. „Endlich ein Dunkler, Mama.“
Am Ende hat sie sich durchgesetzt. Aber wir sind zu spät.

Bevor ich gehe, will ich meine Mutter küssen, aber es geht nicht, denn das Kind schläft im Tragetuch. Es reicht nur für einen Kuss auf die Hand. Im Nachhinein: eine unmögliche Situation. Denn es ist das letzte Mal, dass ich sie sehe.

Unser Abschied, über das Kind hinweg. Eine Distanz, die mir deutlicher macht als alles andere, dass ich die Seiten gewechselt habe. Vom Kind zur Mutter. So grausam der Unterschied zu vorher, als ich in meiner Trauer noch der Mittelpunkt des Universums war. Als ich mich zu ihr ins Bett hätte kuscheln können. Mich auf der Toilette einschließen und weinen. Rausgehen und eine rauchen. All das geht nicht mehr. Ich gehöre jetzt einem anderen.

Aber der andere, mein Sohn, gehört auch mir. Und er hindert mich nicht nur, er hilft mir auch durch das, was jetzt folgt. Drei Wochen später kommt der Anruf meiner Schwester. Bei der Beerdigung will ich mein Kind nicht abgeben, nicht mal an den Papa. Ich will ihn ganz nah bei mir spüren. Seine Wärme, seinen Geruch, seine Geräusche. In der Kirche stehe ich, wiege mich mit ihm zur Musik, vergrabe mein Gesicht an seinem Hals beim Weinen. Das anschließende Essen im Gasthaus bekomme ich nicht mit, ich stille im Auto, auf der Toilette, verstecke mich vor den Trauergästen, die nicht wissen, ob sie „herzliches Beileid“ oder „herzlichen Glückwunsch“ sagen sollen. Die meisten sagen beides. Mein Baby ist mein Schutz, er sorgt dafür, dass ich das Ganze emotional gar nicht an mich heranlassen kann – und bietet mir eine Fluchtmöglichkeit vor Small Talk: „Tut mir leid, ich glaube er braucht eine frische Windel.“

Leider kann dieser warme, wohlriechende Schutzwall seine Wirkung nicht lange aufrechterhalten. Zurück in Berlin werde ich langsam mürbe. Ich frage mich: Wie soll ich trauern, wenn ich nicht eine Minute Zeit habe, mir die Wahrheit vor Augen zu führen: dass meine Mutter nicht mehr da ist? Wenn ich 24 Stunden am Tag selbst Mama bin und meine eigenen Bedürfnisse viel zu wenig Raum haben?

Und ich merke, wie ich die Geduld verliere. Wie es meine Nerven strapaziert, dass es nie darum geht, was ich will. Emilio ist quengelig, denn er merkt, dass etwas nicht stimmt. Ich breche oft in Tränen aus vor Frustration, um im nächsten Moment vor Liebe zu meinem Kind schier überzulaufen. Abends, wenn das Baby schläft, schäme ich mich: wieder ein Tag, an dem ich es nicht geschafft habe, ausgeglichen und geduldig zu sein. Wieder ein Tag, an dem ich geweint habe vor ihm. Ich weiß, man soll authentisch sein und so weiter, aber die Theorie ist das eine. Das andere ist mein Baby, das mich unsicher anschaut mit seinen großen brauen Augen, weil es nicht versteht, was für Geräusche Mama da macht, warum sie angespannt ist. Das sich fragt: Bin ich in Sicherheit?

Eine Lösung finde ich nicht. Deshalb nehme ich meine Trauer und lege sie ins Eisfach. Friere sie ein, damit sie warten kann auf mich. Nicht weniger wird, nicht fad oder bitter. Damit der Schmerz frisch bleibt, bis ich ihn hervorholen kann. Wenn das Kind etwas größer ist. Wenn ich einen Babysitter habe. Wenn der Papa die Flasche geben kann.

Jetzt, sechs Wochen nach der Beerdigung, schläft mein Kind im Tragetuch bei einer Freundin, damit ich diesen Text schreiben kann. Sobald sie die Wohnung verlassen hat, bin ich in Tränen ausgebrochen. Es ist soweit, ich kann meine Trauer auftauen. Portionsweise, in kleinen Dosen. Und zu den vielen Erinnerungen, die dabei hochkommen, gesellt sich ein unendlicher Respekt dazu: für eine Frau, die drei Kinder großgezogen hat, zwei davon mit nur einem Jahr Abstand. Wieviel hat sie wohl beiseite geräumt, eingefroren, nach und nach hervorgeholt – oder vielleicht nie aufgetaut?

Meine Mutter war meine Mutter. Nie war mir so klar, was das bedeutet.

„Prost Mahlzeit“ – über Ernüchterung

4 Dez

Die Schwangerschaft hat eine sehr ernüchternde Wirkung auf mich. Zunächst im wahrsten Sinne des Wortes. Es ist Anfang Dezember, als ich den Test mache. Drei Weihnachtsfeiern pro Woche. Und man kennt mich: Sobald ich das erste Glas Wein ablehne, ernte ich hochgezogene Augenbrauen. Zum Glück geht es mir elend. Blass, übel, kalt. Die Erkältung nimmt man mir ab.

Weihnachten zu Hause. Meine Mutter schwer krank. Ich stehe in der Küche und denke: Wie soll ich das alles ohne Wein durchstehen? Und ahne nicht im Ansatz, was noch kommt, was ich noch alles ohne Wein durchstehen werde. An Silvester gehe ich um 19 Uhr ins Bett.

Januar, Februar, März. Es bleibt kalt, Mir geht es weiter elend. Im Büro schlafe ich heimlich auf der zugigen Toilette. Und eine andere Art der Ernüchterung tritt in mein Leben. Die der Rollenbilder, mit denen ich mich angesichts der baldigen Existenz eines Babies konfrontiert sehe.

Ich war immer schon ganz vernarrt in Babies. Als Teenager war ich dafür bekannt, alles „niedlich“ und „süß“ zu finden. Meine vier Neffen kann ich gar nicht genug halten, herzen und knuddeln. Warum ich trotzdem frustriert bin, als sich herauskristallisiert, dass ich die klassischen zwölf Monate Elternzeit nehmen werde? Also in der echten Babyzeit mein Kind kennenlernen, betreuen und begleiten darf? Bevor es riesige Schneidezähne kriegt – später dann Pickel – und Widerworte gibt?

Weil ich zwar Babies liebe, aber dieses Arrangement sich übel nach 1950er anfühlt. Weil der Spiegel, die ZEIT und das Bundesfamilienministerium mir sagen, dass dieses Arrangement die Einstiegsdroge zur Teilzeit ist und damit zur sicheren Altersarmut führt. Weil es mich ärgert, dass der Mann und ich da nicht weiter sind. Dasselbe Betreuungsmodell zu wählen wie die konservativsten Menschen, die ich kenne – das passt einfach nicht in mein Selbstbild. Folglich bin ich maulig und aggressiv, immer wenn es um die Elternzeitformulare geht. Dann schlägt der Mann vor, dass ich weniger Monate nehme und er mehr. Daraufhin werde ich panisch: Mein Baby einfach verlassen und zur Arbeit gehen? Das kann ich nicht. Der Mann ist genervt – zu Recht.

Ist ja nur ein Jahr. Aber stimmt das?

Ich ernüchtere mich quasi selbst, und das nicht nur in puncto Betreuungsplan. All die hehren Vorstellungen, die ich von mir hatte – die coole Mutter, die nebenbei alles Mögliche macht, abends einen Babysitter beim Kind lässt und mit Freunden beim Italiener sitzt, die niemals dem armen Papa sagt, wie er etwas zu tun hat oder ihm das weinende Kind wie eine Furie aus den Armen reißt. Zwei Wochen nach Entbindung ist klar: Eher nicht …

Am Ende füllen wir das Formular konservativ aus und einigen uns auf einen finanziellen Ausgleich, damit ich weiterhin meinen monatlichen Fixbetrag aufs Sparbuch einzahlen kann. Dennoch – ich sehe mich schon als Flaschen sammelnde Oma und bin ratlos: Wenn ich als meines Erachtens autarke und aufgeklärte Person nicht in der Lage (oder willens) bin, dieses Muster zu durchbrechen, wie soll sich dann je etwas ändern? Oder muss es das vielleicht gar nicht? Kämpfe ich gegen meine Natur, wenn ich von mir verlange, mein Baby bereits im ersten Jahr „zu verlassen“?

Der Mann bleibt gelassen. Er sagt: „Du siehst immer nur das Baby. Aber wir werden jahrelang Teilzeit arbeiten müssen, denn das Kind braucht uns auch noch nach dem einen Jahr.“ Recht hat er. Und ich hoffe sehr, ich schaffe den Absprung. Beziehungsweise mein Sohn schafft ihn. Denn meine große Sorge: Durch mein Beharren auf dem „Mamajahr“ schaffe ich eine Abhängigkeit nach mir, die der Mann nicht durchbrechen in der Lage ist – zumindest nicht ohne eine Extraportion Engagement.

Erst zu dm, dann in den Bioladen

Und so geht der Mann ins Büro und ich reihe mich ein in die Riege der Daheim-auf-Zeit-Mamas, die alle dieselben Blogs lesen, dieselben bunten Tragen tragen, bei dm durch biobaumwollenen Bodies wühlen und im Kindercafé Rhabarbersaftschorle kippen. Jeden Morgen die Frage: Wie kriege ich den Tag heute rum? Irgendwie findet sich plötzlich ständig ein Grund, zum Supermarkt, zur Drogerie oder zum Baby-Secondhandladen zu schlendern. Als ich eines Tages dem Mann folgende Telegram-Nachricht schreibe, erschrecke ich mich vor mir selbst: „Tag soweit gut. Waren grad bei dm. Gleich gehen wir noch zur Bio Company. :))“ Wer ist diese Frau und was hat sie mit Rebekka gemacht?

Und weil mir so langweilig ist, ergibt es sich wie von selbst, dass ich mich um alle Babybelange kümmere – sei es die Recherche nach Babykursen und Mittelchen gegen Bauchweh, das Organisieren der Garderobe (Kleidung leihen, Kleidungsbestandsaufnahme machen, Kleidung zurückgeben) oder das Lesen von Ratgebern. Und mich dann erneut erschrecke: Ist es soweit gekommen, dass ich einen Alltag lebe, in dem manches „Frauensache“ (oder „Muttersache“) ist?

Gerade haben wieder einige Studien gezeigt: Die organisatorische Mehrarbeit rund ums Kind klebt an Frauen wie Fliegen an einem Fliegenfänger. Sogar, wenn der Mann arbeitslos ist und die Frau voll arbeitet, kommt es zu derartigen Konstellationen. Wie kann das sein? Und wie können wir das stoppen? In meiner Situation ist es so, dass der Mann Ausländer und der hiesigen Sprache nur begrenzt mächtig ist. Aber erklärt das wirklich, warum ich mich in der Apotheke über Globuli informiere und den Unterschied zwischen FABEL, FenKid und PEKiP recherchiere? Nein, tut es nicht. Vielmehr hat es auch damit zu tun, dass der Mann vieles von dem, womit ich mir so den eigentlich wohlverdienten Feierabend fülle, überflüssig findet. Und sich dementsprechend auch nicht darum kümmern will. Trotzdem, Bekleidung, Poposalbe und Kitaplatz gehen uns ganz eindeutig beide etwas an. Und es geht ja nicht nur ums Prinzip. Die Tatsache, dass ich den Löwenanteil der Baby-Aufgaben erledige, begünstigt mindestens zwei problematische Zustände:

1. Vorbildfunktion

Ich habe den Plan. Gleichzeitig habe ich wenig Zeit und noch weniger Nerven. Heißt: Weil ich weiß, was läuft und wie ich es will, mache ich es am sinnvollsten (schnellsten) selber. Und plötzlich sind wir bei Loriot und der Mann weiß nicht, wo was liegt in der Wickelkommode.

Nicht nur ist diese Arbeitsteilung nervig, weil ich quasi keinen Feierabend habe. Sie drängt mich auch in eine Rolle, die ich gar nicht spielen will. Schließlich möchte ich meinen Sohn zum Feministen erziehen. Die „Mommy knows best“-Nummer, bei der die Mutter genervt aber versiert sämtliche Tätigkeiten ausübt, während der Vater ahnungslos/störrisch auf sein Smartphone starrt, ist dabei nicht zielführend, Stichwort Vorbildfunktion. Zum Glück habe ich einen Partner, der auch schon vor dem Baby jegliche Art von Hausarbeit erledigt (ich putze sowieso nicht korrekt).

2. Wissensvorsprung

Der Mann hat nur begrenzte Zeit mit dem Baby und will gern bonden – absolut zu unterstützen. Gleichzeitig habe ich nicht nur alles genauestens recherchiert, sondern außerdem jeden Tag ca. 11 Stunden Erfahrungsvorsprung. Will sagen: Ich habe erst zehn Dinge probiert, die nicht funktioniert haben, bis ich die eine Sache gefunden habe, die funktioniert. Ist es da nicht sinnvoll, dass der Mann meiner Ansage und Anleitung folgt, anstatt selbst herauszufinden, wie es am besten geht? In Gesprächen stelle ich fest: Genau das scheint der Streitpunkt zwischen vielen frisch gebackenen Elternteilen zu sein. Ich frage mich: Müssen unsere Babies als Versuchskaninchen herhalten, um die Egos der Väter zu beschützen? Oder wollen Mütter wie ich alles viel zu sehr kontrollieren und sollten sich entspannen?

Wahrscheinlich liegt die Wahrheit wie so oft in der Mitte, aber ich bin schon sehr ernüchtert darüber, wie oft wir streiten. In der Schwangerschaft, und dann auch mit dem winzigen Baby im Haus. Sollten wir uns nicht eigentlich ungläubig-entrückt über den samtweichen Babykopf hinweg anlächeln und dabei pudrig-pastellfarbige Kleidung tragen? Offenbar nicht, denn wir holen lieber ganz andere Klassiker aus der Klischeekiste und bewerfen uns fleißig mit „Immer“-Granaten und „Nie“-Bomben –  als hätte es die Brigitte Psychologie-Artikel nie gegeben.

In einem gereizten Moment bricht es aus mir heraus:
„Wir kämpfen viel zu sehr gegeneinander. Als wären wir Kontrahenten. Dabei sollte es doch eher wir gegen das Baby sein.“
„Wir gegen das Baby?“
„Du weißt, was ich meine …“

Gemeinsames Lachen schweißt zusammen, die Spannung ist gebannt. Aber das Taktieren auf dem Schlachtgeld der Erziehung ist ein anstrengender Dauerzustand. Von Schlafroutinen über Fremdbetreuung ja/nein und „Was machen, wenn er weint?“ bis zur Frage, wer oder was an Weihnachten die Geschenke bringt, ist vieles so viel weniger klar, als ich es angenommen hatte. Ob das wohl so bleibt?

Lonely Planet Elternzeit oder: Meine ersten drei Monate auf der Insel

23 Nov

Schadenfreude ist die Droge der Entrechteten und Erschöpften. Deshalb kann man Eltern nerviger Kleinkinder keinen größeren Gefallen tun, als zum ersten Mal schwanger zu sein und im Verlauf dieser Schwangerschaft mit ihnen zu sprechen.

Jedes Wehwehchen, jede Beschwerde wird mit einem genüsslichen Schnaufen und einem wissenden Blick (falls andere Mütter zugegen) pariert: „Das ist ja noch gar nichts… du wirst dich noch umgucken.“ Versucht man allerdings, den erfahrenen WegbereiterInnen devot zu kommen und ihren Wissensschatz anzuzapfen, stößt man auf Granit. „Das musst du selber erleben,“ heißt es dann. „Man kann sich nicht vorstellen, wie es ist, ein Baby zu haben, bis es soweit ist.“

Und was soll ich sagen? Die müden Eltern haben alle recht und ich schlage mich nun schamlos auf ihre Seite. Umgeben von Freunden, die größtenteils noch kinderlos sind, schäme ich mich manchmal dafür, wie viel ich mein Handy herumreiche, Fotoreihen zeige, die für den Außenstehenden alle wie ein und dasselbe Bild des Babies aussehen („Aber guck, der Mundwinkel …“) und über Stuhlgang spreche. Soweit, so erwartet.

Ebensowenig überraschend, wie wohltuend die vielen (auch immer wieder gleichen) Gespräche mit anderen Müttern sind. Die auch über Stuhlgang sprechen wollen. Und darüber, wie oft man sich in den ersten Wochen mit dem Partner gestritten hat. Aber anders als meine Schwangerschaftswegbegleiter mache ich nun einen Versuch, die Mauer des Schweigens zu durchbrechen und meine Erfahrungen zu teilen. Ich habe mir dafür sogar ein Gleichnis überlegt:

Ein Kind zu haben, ist wie auf einer Reise ein Land gefunden haben – oder sagen wir, weil malerischer, eine Insel. Man wusste nichts von ihrer Existenz und alles auf dieser Insel ist schön oder unheimlich, extrem, wunderbar, unglaublich. Versucht man, wieder zu Hause angekommen, seinen Freunden von der Insel zu erzählen, merkt man schnell: Der Funke springt nicht über, trotz unzähliger Fotos. Trotz detaillierter Anekdoten. Nach 15 Minuten werden die Blicke leer.

Und dann trifft man plötzlich eine Fremde, die auch schon auf dieser Insel war. Man kann es nicht glauben – endlich jemand, der dieselbe Sprache spricht. Die all die Orte kennt, die Panoramen, die Strände, die Aromen. Man könnte ewig quatschen.

Auf Mami-Gesprächskreis, Schlafentzug und Babyverliebtheit war ich also vorbereitet. Vieles andere hat mich in diesen drei Monaten wirklich aus dem Konzept gebracht.

Eine erste Zwischenbilanz.

 

Anstrengende Ahnungslosigkeit

Die ersten Monate mit Baby sind sehr anstrengend – soweit keine Überraschung. Aber sie sind ganz anders anstrengend, als ich es gedacht hätte. Nicht der Schlafmangel zehrt an mir, sondern die absolute Ahnungslosigkeit. In dem Moment, als mir im Krankenhaus das gerade angezogene, winzige Baby hingehalten wird mit der Ansage „ab jetzt alle zwei Stunden anlegen“ merke ich: Ich weiß nicht, wie ich dieses zerbrechliche Vögelchen halten soll. Umdrehen. Hinlegen und wieder aufheben. Geschweige denn anlegen. Ich habe so viel gelesen, aber jetzt wird mir klar: Es ging dabei immer um Schwangerschaft und Geburt, und dann um Erziehung, um Grundsätzliches zur Entwicklung von Kindern. Den Gebrauchsanleitungsteil fürs Baby habe ich schlicht übersprungen.

Das Gefühl, nicht so recht zu wissen, was ich tue, hält quasi bis zum dritten Monat an. Ich bin enttäuscht von den anfänglichen Stillproblemen, sie nagen an meiner Selbstsicherheit. Die ganze Schwangerschaft über reden alle vom Mutterinstinkt und unser aller Mutter Natur, die seit Jahrtausenden alles regelt, durchdenkt und optimiert. Den Mist hab ich schon bei der Geburt nicht mehr geglaubt, beim Stillen wird es dann richtig absurd: Wie können weder ich noch das Baby wissen, wie das geht? Schweine schauen doch auch keine Youtube Tutorials.

Das Krankenhaus entlässt uns mit einem winzigen Baby und einer Milchpumpe nach Hause, wo ich keine passenden Strampler habe, keinen Stillerfolg und weiterhin keine Ahnung. Das Baby weint und ich weiß nicht wieso. So kann man das zusammenfassen. Zum Glück habe ich kein Schreibaby, sondern eines, das viel schläft. Und sobald es mit dem Stillen klappt, biete ich ihm bei jedem Murks die Brust an und stehle mich so aus der Verantwortung, mein Baby zu verstehen. Erst mit dem dritten Monat habe ich endlich keine Angst mehr vor meinem Baby. Es kann jetzt auf verschiedene Arten weinen: verzweifelt/hungrig, müde, zornig. Und ich weiß für jedes Schreien mindestens eine Sache, die ich tun kann.

 

Irrationale Glucke

Der Mutterinstinkt, den ich beim kompetenten Versorgen des Babies vermisse, lässt mich ansonsten zur Karikatur mutieren – wie wohl sämtliche Mütter vor mir auch. Sobald in der Dusche das Wasser rauscht, höre ich mein Baby weinen. Weint es tatsächlich, muss ich sofort hin und es an mich nehmen. Emilio schläft mit acht Wochen zum ersten Mal in seinem Beistellbettchen – ich brauche eine Woche, um das Zimmer zu verlassen und drei, um zum Abendessen bis in die Küche zu gehen.

Diese überschäumenden Emotionen führen dazu, dass ich andere Lebensbereiche, drücken wir es mal diplomatisch aus, etwas vernachlässige. Die Nachtleggins gehen nahtlos in die Tagleggins über. Ich bestelle jeden Scheiß bei amazon und checke oft erst, wenn der Paketbote die Treppe hochkommt, ob ich nach dem Stillen alles wieder einigermaßen eingepackt habe. Ich esse wie ein Tier – beim Stillen kippe ich Smarties wie Shots direkt aus der Röhre, Burger stopfe ich mir über einem mit einer Serviette bedeckten Babykopf in den Mund. „Leg ihn doch einfach hin,“ sagt mein Freund. „Er weint doch nicht.“ „Ja, jetzt nicht“, erwidere ich. „Weil ich ihn trage.“ Tatsächlich weint mein Sohn in den ersten Monaten vergleichsweise wenig. Der Preis: Zeit für mich und eventuell eine gute Portion meines Verstands.

 

Eine neue Sprache

Eltern kleiner Babies sprechen ihre ganz eigene Sprache. Ich erinnere mich, wie ich vor der eigenen Schwangerschaft nie verstanden habe, was die Schwangeren immer von Wochen labern. „Wie weit bist du denn?“ „23. Woche.“ Peinliches Schweigen. „Ich weiß nicht, was das bedeutet …“

Seit der Schwangerschaft denke ich nun auch nur noch in Wochen und ernte selbst ratlose Blicke. Außerdem habe ich entdeckt, dass es ein ganzes Vokabular gibt, das alle in meinem Mama-Universum fließend draufhaben. Da gibt es natürlich U1, U2, U3, U4 … und für den Gruppenzwang PEKiP, Fabel, FenKid. Aus der Welt des Tragetuchs: Wickelkreuz, Känguru, Anhock-Spreiz. Aus der Kategorie „Apotheke“: Carum carvi, Beinwell, Engelwurz, Chamomilla, Vier-Winde-Öl. Ich bin integrationswillig und spreche dementsprechend fließend die Muttersprache der Insel „Elternsein“. Und hab selbstverständlich sämtliche Techniken drauf und Mittelchen parat!

 

Total verkopft

Ich bin sicher, dass es Eltern gibt, die komplett darin aufgehen, mit ihren Kleinen daheim zu bleiben. Die sich nichts Schöneres vorstellen können, als sie Tag um Tag zu betrachten und in ihrer Entwicklung zu begleiten. Ich weiß das deshalb so genau, weil diese Eltern es mir erzählen. Unaufgefordert, versteht sich.

Ich bin ebenso offen wenn ich sage: Ich langweile mich bereits nach drei Monaten ganz gewaltig in meinem Daheimbleibertum. Nicht, weil ich mein Baby nicht bezaubernd finde. Und auch nicht, weil es nicht genug zu tun gäbe. Mir fehlt schlicht die intellektuelle Komponente. Das, was ich gewohnt bin zu tun: einen neuen Sachverhalt, ein neues Themengebiet umkreisen, erforschen, durchdringen und dann gären lassen, bis ich soweit bin, Schlüsse zu ziehen, Konzentrate zu produzieren, etwas Neues aus dem Gelernten zu schaffen. Mit Baby ist bei mir alles Emotion, alles Instinkt bzw. das Fehlen des Instinkts. Ich reagiere eigentlich nur, immer einen Schritt hinterher. Mein Herz läuft mir über, aber der Kopf wird irgendwie immer schwermütiger.

Bereits in Woche 2 beginne ich alles zu lesen, was es gibt. Zum Leben mit neuem Baby. Zu Stillproblemen. Zum Tragetuch. Zum plötzlichen Kindstod. Ich durchforste beim stundenlangen nächtlichen Stillen Expertenforen und Informationsbroschüren auf Deutsch und Englisch, überfliege Studien, lese Interviews. Ich kaufe und verschlinge etliche Bücher über Schreikinder (meines schreit nicht viel), Beikoststart (steht noch längst nicht an) und allgemeinen Bewegungen wie dem Attachment Parenting. Im Ernst – man frage mich irgendetwas zu den Themen zu viel Milch, zu wenig Milch, Wickelkreuztrage ja oder nein oder den idealen Betreuungsschlüsseln für Kleinkinder in der Tagesstätte. Ich kann referieren.

Ich verkopfe, weil mein Kopf mir eben so fehlt. Weil wissen so viel beruhigender ist als lernen. Sicherer im Umgang mit meinem eigenen Baby macht mich das Ganze nur bedingt. Manchmal hilft es, zum Beispiel beim Tragen. Manchmal macht es mich als überzeugten Hypochonder nur noch pessimistischer – beim Stillen etwa. Und einmal so belesen und besorgt, ist es unglaublich schwer, zum intuitiven Umgang mit dem Baby und all den Herausforderungen, die mit ihm einhergehen, zurückzufinden. Ich habe es noch nicht geschafft.

Und mir kommt der Verdacht, dass mein Verhalten auch einen Erklärungsansatz für das aktuell so viel gebashte Helikopter-Elterntum bergen könnte. Vielleicht bekommen eben hier und jetzt vermehrt Frauen Kinder, die lange Zeit Sinn und Spaß in der geistigen Arbeit gefunden haben – weil sie oft Akademikerinnen sind und weil sie länger arbeiten, bevor sie ein Kind bekommen. Vielleicht stürzen sich viele von ihnen in der ersten Zeit zu Hause auf das Sachgebiet „Kinder – die Chancen und Risiken“. Und vielleicht werden sie um so ängstlicher und deshalb überfürsorglicher, je mehr sie lesen und wissen.

Damit muss ich mich unbedingt sofort im Detail auseinandersetzen …