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Berlin wird höflich – und ich kaufe Handtücher (vielleicht)

15 Mai

header_topDa staunte ich aber nicht schlecht, heute um 8:30 in der U8. Grad noch von Autofahrern auf der Sonnenallee angehupt und Töle ausführenden Opas auf dem Radweg im breitesten Berlinerisch beschimpft, sehe ich tatsächlich ein Berlin und ein Danke im selben Satz.  header_top

Schön, dass diese pulsierende Weltstadt zwar das zehnsekündige Pausieren eines Touristen auf dem Gehweg nicht verzeihen kann, zu K.o.-Tropfen aber höflich Nein, danke sagt. Weiter so, Berlin. Als nächstes bitte BILD-Zeitung, BER und Nazis – nein, danke.

Auch schön, mal wieder auf dem Weg zur Arbeit zu schmunzeln. Wobei, ich schreibe mir durchaus das Talent zu, auch aus den zitronigsten Momenten und U-Bahn-Fressen einen Grund zum Schmunzeln zu pressen. Jedenfalls an meinen besseren Tagen. Sowieso sage ich mir dieser Tage oft: Wäre alles immer rosig gewesen, Rebekka, worüber würdest du denn dann schreiben? Und recht hat sie, die kurz mal durchscheinenen Erwachsenenrebekka. Nur meist regiert derzeit die trotzige schmollende Herzschmerz-Teenagerrebekka. Mööp, mööp, wieso haben alle ein Baby und ich nicht? Mal ganz ehrlich: Weil man dir auch keins anvertrauen dürfte. Werd erst mal erwachsen! Und reiß dich am Riemen. Weniger Wein, mehr Fleiß. Vielleicht mal Handtücher kaufen, die nicht in den Siebzigern zum ersten mal den Kochwaschgang sahen und in die ich zudem an den Ecken Löcher geschnitten habe, damit ich sie aufhängen kann. Die Leute im Fernsehen habe weiche, fluffige Handtücher in aufeinander abgestimmten Farben, die gefaltet – manchmal sogar dekorativ aufgerollt – in offenen Ikea-Badregalen in Tropenholzoptik liegen. Und mal ehrlich: Mittlerweile eben nicht nur die Leute im Fernsehen, sondern so gut wie alle Menschen, die ich kenne (und die über 30 sind). Vielleicht mal Geld ausgeben für derart Sinnvolles, anstatt mir bei amazon einen ledernden Trinkschlauch zu kaufen, weil Hemingway aus so einem in Pamplona Rotwein gesoffen hat – oder mit Hermines Zauberstab aus Harry Potter in original Ollivanders Verpackung zu liebäugeln.

Ja, ich denke es ist an der Zeit, erwachsen zu werden. Vielleicht auch mal joggen? Nein, joggen geht vielleicht etwas zu weit. Aber Handtücher scheint machbar. Und Steuererklärung. Dann geht vielleicht auch irgendwann Hund Und dann Baby. Man drücke mir die Daumen.

Verdammte Gegenwartsangst

19 Okt
Lebenszweifel sind am gemeinsten, wenn man eigentlich noch schlafen sollte und es draußen so schrecklich dunkel ist.

Dieses Gefühl, es ist das Schlimmste überhaupt: Aufzuwachen mit so einem Erschrecken, einem Schreckmoment, der das Herz aussetzen läßt, und der sich dann in ein ganz ungutes Bauchgefühl ausdehnt. Ich habe schlecht geträumt und draußen ist es stockdunkel. Ich schaue auf den Wecker, noch nicht einmal sechs. Ich drehe und wende mich, will wieder einschlafen, aber es geht nicht, Zweifel pieken mich von allen Seiten. Zukunftsangst? Auch, aber vor allem Gegenwartsangst: Was mache ich eigentlich mit meinem Leben? Muss ich nicht die Notbremse ziehen? Läuft vielleicht grad alles in die falsche Richtung und ich merke es nicht, aber jetzt, in diesem einem Moment, sehe ich plötzlich – und auch nur kurz – alles ganz klar, und wenn ich jetzt nicht handle dann bin ich selber schuld? Es erscheint mir plausibel, in diesen dunklen, müden Minuten.

Nur, was genau eigentlich schief läuft kann ich nicht benennen, vielleicht bin ich einfach nur zu verpennt… Eigentlich ist doch alles OK. Also wieso schrecke ich aus dem Schlaf auf wie in einem schlechten Film?? Vielleicht nur ein schlechtes Gewissen, weil ich gestern zuviel Wein getrunken habe? Vielleicht ist es die Angst vor meinem Kontostand? Ich wünschte, es wäre so einfach, aber am wahrscheinlichsten ist: Ich glaube nicht an mein Recht, glücklich zu sein. Ich komme besser mit mir zurecht, wenn ich es nicht bin. Dann macht irgendwie alles mehr Sinn. Wie sonst kann man es erklären, dass ich immer noch, nach zwei Jahren, von der Agentur alpträume?? Heute, im Ernst, wache ich vor sechs Uhr auf und denke: Ich habe vergessen, etwas zu erledigen. Es war nur ein Traum, will ich schreien, du bist armselig. Bald dreißig und immer noch eine Opferhaltung wie ein Kind. Werd endlich erwachsen, übernehme endlich Verantwortung für dein Leben.

Jetzt ist es sieben und immer noch dunkel draußen. Mein Gesicht fühlt sich taub an vor Erwachsenseinangst. Oh der Druck des endlichen Lebens, und vor allem des priviligerten. Seit ich weiß, dass ich theoretisch fast alles erreichen und machen kann was ich will, bewege ich mich so gut wie gar nicht mehr, wie das Kaninchen vor der Schlange der unendlichen Möglichkeiten. Und nun? Kaffee und Verdrängung. Vielleicht kommt das Gefühl ja nicht zurück. Erst einmal.

Der Beziehungskorrespondent

10 Okt

Eine Woche zu spät. Aber ich habe eine gute Ausrede. Mein Freund Gary aus Australien war zu Besuch. Gary, dessen echter Name viel weniger idiotisch klingt, ist eine sehr private Person. Wenn er mir von seinen Frauenbekanntschaften – aktuell und vergangen – erzählt, dann ändert er stets die Namen. So weiß ich bis heute nicht, wie eine seiner Exfreundinnen, die ich unbekannterweise unglaublich unsympathisch finde, eigentlich heißt. Wir nennen sie Cindy. Aber ich greife vor.

Die Zeit mit Gary war, wie zu erwarten, bombastisch. Er hätte von mir aus ewig bleiben können. Kennengelernt haben wir uns in Lissabon vor noch nicht einmal einem Jahr. Gary und ich sind uns ähnlich in genau zwei Dingen. Das eine ist unser Humor, offenkundig im Alltag v.a. durch unsere Vorliebe bzw. meist einfach nur besessene Liebe für gewisse englischsprachige TV Serien. Wir haben über Szenen oder auch nur Dialoge aus Arrested Development, Community oder Seinfeld bereits länger und intensiver gesprochen als über unsere Eltern. Wir können uns mit einem Satz und manchmal sogar nur einer hochgezogenen Augenbraue aus dem Konzept, aus dem Takt oder zum Lachen bringen. Wir können ganze Konversationen führen, ohne dass anwesende Dritte ein Wort verstehen. Wir haben zu jeder erdenklichen Lebenssituation ein Serienquerverweis (“This is just like in the second season episode of XY where…” – “Of course, where xy does that and that to xy.” – “Exactly.”).

Gary ist einer der wenigen Menschen, mit denen ich mich acht Stunden lang unterhalten kann, ohne mich eine Minute lang gelangweilt, unterfordert oder schlecht unterhalten zu fühlen (= unser erstes Date). Date? Ja, die Frage drängt sich auf: Wieso sind wir kein Paar? So ganz genau erklären kann ich das auch nicht. Nach einem amorösen Beziehungsstart (zu viel Wein, zu viel Bier, und dann wieder zuviel Wein) beschlossen wir beide scheinbar zeitgleich, dass wir uns als Freunde besser gefallen würden. Thematisiert wurde das nie zwischen uns. Meine Theorie: Wir haben beide gemerkt, wie wertvoll unsere hier beschriebene Beziehung ist, und keiner von uns war gewillt, sie durch Sex zu gefährden.

Unsere Gespräche sind keinesfalls nur albern und drehen sich keinesfalls nur ums Fernsehen. Im Gegenteil, oft sind sie sehr ernsthaft, vor allem, wenn es um unsere zweite Gemeinsamkeit geht: Die Entscheidungen, die wir kürzlich für unser Leben getroffen haben. Kennengelernt haben wir uns, wie gesagt, in Lissabon. Wie ich sollte auch Gary eigentlich gar nicht dort sein. Er hatte nicht nur Australien, sondern auch einen vielversprechenden Job als Unternehmensberater hinter sich gelassen, mitsamt Computer, peer pressure, Anzug, und anderen Statussymbolen. In Lissabon kannte er niemanden, sprach die Sprache nicht und bestritt seinen Lebensunterhalt mehr schlecht als recht als Englischlehrer. Er war 33, als er ankam. Zum ersten Mal sahen wir uns über die Glastheke “meines” Cafés hinweg, er groß und schüchtern, ich mit Kopftuch, dreckiger Schütze und Schokokuchenteig im Haar. Die vermeintliche Elite von morgen hatte sich anders entschieden. Hier waren wir also.

Gary war der erste, dem ich von meiner “Berlin/Lissabon = Ehemann/Liebhaber”- Analogie berichtete. Er war so fasziniert von meiner Erklärung, dass er sofort ankündigte, diese von jetzt an zu klauen, um zweifelnde Mails von Eltern und Freunden abzuwehren – was ich natürlich sofort untersagte. Aber verstehen kann ich ihn: Es ist enorm schwer, irrationale Entscheidungen wie unsere anderen verständlich zu machen. Vor allem, wenn man in Berlin wohnt, der Stadt, die wirklich jedem ein “Wow, lucky you, Berlin is such a cool city” entlockt. Ja, ja, kann ich dann immer nur sagen, das stimmt. Aber wieso war ich dann nicht zufrieden dort? Wieso war ich hier? Berlin ist nett, erklärte ich also, und wir kennen uns schon eine ganze Weile. Wir haben viel miteinander durchgemacht, auch viel Spaß gehabt, und Berlin könnte mich sicher mein Leben lang irgendwie glücklich machen. Es ist einfach mit Berlin, vertraut, sicher. Alles hätte für immer so bleiben können, wäre Lissabon mir nicht über den Weg gelaufen. Lissabon wird mich nicht immer glücklich machen, es bietet mir z.B. null Stabilität und kann nicht für mich aufkommen. Ich hatte nicht darum gebeten, es zu treffen. Aber sobald so etwas geschehen ist, kann man es nicht ungeschehen machen. Was man weiß, das kann man nie wieder nichtwissen. Also war ich hier, auch nicht ohne Zweifel, und manchmal voller Sehnsucht an früher, als alles so einfach war, und sich viele Fragen nicht gestellt haben. Aber es war, wie es war. Hier war ich, und hier war auch er.

Wir haben aber bei weitem nicht nur Gemeinsamkeiten. Im Gegenteil, wir fungieren als Korrespondenten für den jeweils anderen, erklären uns unsere unterschiedlichen Welten. Das ist erst einmal nicht überraschend, immerhin kommt er aus Australien und ich aus Europa. Er erzählt Alltagsanekdoten aus einem Land, in dem Geld, Autos, Statussymbole und Rasenmäher eine viel wichtigere Rolle spielen als in meinem (bzw. in dem Teil, den ich kenne). Einmal habe ich ihn gefragt, ob er ein Sparkonto besitzt, und er antwortete: “You wanna know how much I am worth?” Erst nach einer zwanzigminütigen, entrüsteten Grundsatzdiskussion wurde mir klar, dass man soetwas tatsächlich sagt, wenn man in Australien über Geld redet. Ich wiederum bringe ihm zum Staunen, wenn ich berichte, dass in Deutschland eher selten wegen geklemmten Fingern in Bustüren oder zu heißem Kaffee auf Millionenbeträge geklagt wird.

Vor allem aber ist Gary mein Beziehungskorrespondent. Er hatte schon diverse ernsthafte, und er nimmt mich mit in eine Welt von Kompromissen, Diskussionen über vermeintliche Nichtigkeiten, Prinzipienentscheidungen und Sexentzug, die ich mit quasi anthropologischem Interesse studiere. Und nicht selten auch mit Irritation oder Angst. Teilweise sind es kulturelle Unterschiede – in Berlin streitet sich hoffentlich kein Paar darüber, wann wer von beiden einen gemeinsamen Kneipenabend mit Freunden verlassen will, denn wir fahren nicht mit dem selben Auto eine Stunde durch die Landschaft. Obwohl, wer weiß. Man hört ja Dinge. Aus dem Ich wird halt ein Wir. Jeder kennt ja das “Wir mochten den Film nicht”-Klischee. Nur ich kenne es eben nur aus Erzählungen bzw. – seien wir ehrlich – aus dem Fernsehen. Ich verschlucke mich oft an meinem Wasser bzw.– seien wir ehrlich – Wein, und Gary reißt oft ungläubig die Augen auf ob meiner Ignoranz/Unschuld.

Aber auch hier ist unsere Beziehung nicht einseitig, ich bin nämlich Garys Frauenkorrespondentin. Und das wünscht sich ja wohl ein jeder Mann. Wir reden schonungslos offen, und stellen uns endlich die Fragen, die man immer über “die anderen” stellen wollte, aber sich nie getraut hat. Ich fasziniere ihn mit meinem Gebrauch des Wortes “Affäre” und stelle auch den einen oder anderen Mythos klar, aber das möchte ich an dieser Stelle nicht weiter ausführen.

Gary und ich kennen uns noch nicht lange, aber sehr gut. Ich würde sagen: wir haben uns erkannt. Ich würde ihm alles erzählen. Ich weiß fast immer, was er über ein Thema denkt, und es ist eigentlich immer genau das, was ich denke. Und dennoch überrascht er mich manchmal, und ich ihn auch. Nachdem Gary abgereist war räumte ich nicht – wie er es sich gedacht hatte – mein Zimmer gründlich auf. Deshalb fand ich die Zettel erst Tage später. Ich wollte meine Bodylotion benutzen, griff nach der Flasche und fand einen Zettel auf der Rückseite, mit Tesa angebracht. Darauf ein handgeschriebener Seinfeld-Dialog. Später fand ich noch fünf weitere. Wer weiß, wie viele sich noch in meinem Chaos versteckt halten. Mein Favorit ist unser gemeinsames Lieblingszitat (ja, das ist eine Anspielung auf das “Wir mochten den Film nicht” Klischee), aufgefaltet in meinem Schuh: “People are the worst.” aus der Serie Seinfeld. Eigentlich sagt Elaine “I hate people” und Seinfeld sagt “Yeah, they are the worst.” Ich habe bisher niemanden getroffen, der mich so aus meiner kleinen eigenen skurrilen Welt herausgelockt hat, indem er sich für genauso einen Spruch genauso fanatisch begeistern kann wie ich – bis jetzt.

Harry Potter und der Tröstende Taxifahrer

13 Sep

Die folgende Geschichte habe ich schon oft erzählt, aber noch nie aufgeschrieben.

Man stelle sich folgendes Szenario vor: Ein blauer Himmel, die Sonne ist bereits aufgegangen über Berlin. Eine menschenleere, stille, friedliche Sonnenallee. Das gibt es nur ungefähr eine Stunde lang pro Tag zu genießen, gefühlt so zwischen fünf und sechs Uhr morgens. Vor allem sonntags. Kein Auto ist unterwegs. Nur ein altes Taxi steht am Straßenrand vor der Bushaltestelle Fuldastraße. Die Fahrertür ist geöffnet, drinnen plärrt das Radio. Schlagermusik konkurriert mt dem übereifrigen Zwitschern der Vögel. Auch ihnen ist bewusst, dass sie nur diese eine Stunde haben, um zu beeindrucken. Im Bushäuschen sitzt eine junge Frau mit einem kleinen roten Kindersandkasteneimerchen im Schoß. Sie kotzt. Also: Sonne, Vögel, Radio, Kotzen.

Neben dem Taxi steht noch eine Frau, auch jung, Aber sie kotzt nicht. Statt dessen weint sie. Laut und von ganz tief drinnen. Und doch klingt ihr Schluchzen erstickt, denn ihr Gesicht ruht an der Schulter des Taxifahrers. Er ist circa 60 Jahre alt, dick und ungepflegt. Sein graues Haar hat er notdürftig über die Glatze geklebt. Der Taxifahrer wiegt die weinende Frau in seinen wulstigen Armen. Je mehr er sie wiegt, desto intensiver weint sie. Es muss alles raus. Der Mann denkt an seine Töchter, als sie im Alter der jungen Frau waren. Und an seine Enkelinnen, die bald soweit sein werden. Was haben sie für Sorgen heute, diese jungen Frauen, denkt er. Wie einfach war doch meine Welt – oder erschien es zumindest – als ich jung war. Er tätschelt der jungen Frau sachte den Rücken. “Gut, gut, ist ja gut.” murmelt er. “Du machst das alles ja so gut.” Er weiß nicht wovon er redet, aber er meint es so. Im Hintergrund fällt die kotzende Frau mit einem Seufzer auf die Seite und lässt den roten Plastikeimer fallen. Ihre Freundin dreht den Kopf, aber der Taxifahrer hält sie sanft fest. “Alles gut”, sagt er, “es wird schon alles wieder gut.” Sie legt den Kopf ab, dankbar, und lässt es geschehen.

Wann genau es war weiß ich nicht mehr, aber ich weiß, dass es warm war und der Himmel blau, und dass ich schon in der “Agentur” gearbeitet habe. Ersteres wohl erst seit kurzem, letzteres schon seit geraumer Zeit. Ich war gestresst, gehetzt, hoffnungslos und invalide. Ob es der Stress war bliebe zu beweisen, aber zum ersten Mal seit langer langer Zeit machte mein linkes Knie wieder Probleme. Schmerz und – schlimmer – Schmerzerwartung waren bereits seit Schultagen meine treuen Begleiter. Jetzt humpelte ich eben durch den “Agentur”-Glaskasten, was niemanden groß interessierte. Alles, was eine Ladung Aspirin Complex nicht lösen konnte, existierte nicht. Ich war sogar in der Charite, aber die gaben mir nur ein paar Krücken, allerdings – das muss man ja auch mal sagen – zum Spottpreis von sieben Euro.

Ich mochte meinen Job nicht besonders – auch ohne geschwollenes Knie und Schmerzmittelzwangsverordnung. Niemand hat Schuld, außer vielleicht ich selber. Bloß: Wenn man nie gelernt hat, dass man etwas so gut machen kann, dass man sich vor Lob und Empfehlungen nicht retten kann, ohne dass es auch nur annähernd etwas ist, das einem Spaß macht, was soll man dann tun? Man kann nur lernen.

Jemand zerrte an meinem linken Arm, ein anderer am rechten. Währenddessen schlug mich jemand ins Gesicht. Nicht fest, eher konstant, und daher nervig. Morgens wachte ich auf in einem Bett voll bunter Excelausdrucke und mit in wirrer Handschrift beschriebenen Postits, die ich im nichthalbwachen Zustand nicht mehr entziffern konnte. Sechs Stunden Schlaf waren Luxus, nächtliche Taxifahrten vom Büro nach Hause mit anschließendem Weintrinken Normalität. Dann Kaffee. Dann wieder Wein.

Am Wochenende gab es aber dann ab und zu eine Party. Und damit zurück in die morgendlich-malerische Sonnenallee. Ich war gerade umgezogen und hatte eines meiner kleinen geheimen Ziele erreicht: die Postadresse “Sonnenallee” auf Briefumschläge und Formulare kritzeln zu dürfen. Und es gab eine Party. Und es gab einen Mann. Eigentlich ist es keine besonders originelle Geschichte. Ich ging mit ein paar Freundinnen. Und einer Bekannten, mit der ich noch nie wirklich feiern war. Sie war nicht annähernd so trinkerfahren wie wir. Long story short, ich fand mich morgens um halb sechs mit einer kotzenden Freundin an der Bushaltestelle Fuldastraße wieder. Das Problem: Mit meinem kaputten Knie konnte ich sie keinen Meter weiter tragen. Ich war müde, ich war betrunken, ich war liebesbekümmert. Ich hatte genug. Mal wieder, wie immer, musste ich irgendwie stark sein, aus irgendeinem Grund etwas tun, das ich nicht tun wollte. Mal wieder vor die Wahl gestellt: machen was ich will und ein Arsch sein, oder machen was ich nicht will und auf Dank hoffen.

Ich versuchte, den Fahrer der Buslinie M41 zu überzeugen, dass er uns ruhigen Gewissens die zwei Stationen mitnehmen konnte. Er sah zu meiner kotzenden Freundin hinüber und lachte. Ich hielt Taxen an und bot den Fahrern horrende Summen – ich hatte einige zerknitterte Scheine in der Umhängetasche meiner Begleitung entdeckt. Sie winkten ab. Ich gab auf. Hier saßen wir, immobil aus verschiedenen Gründen, mit dem roten Eimerchen, im Bushäuschen Fuldastraße. Dann war es halt so. Ich hatte genug von allem. Ich würde hier sitzen bleiben und abwarten was passiert. Oder nicht einmal warten. Ich würde einfach hier sein. Punkt. Die Sonne ging auf, die Vögel fingen an zu zwitschern. Ich wurde immer nüchterner. Meine Freundin kotzte mit erstaunlicher Ausdauer. Plötzlich sah ich am oberen Rand meines auf meine Füße gesenkten Blickes ein Auto anhalten – direkt vor uns. Ich sah auf – es konnte nicht sein! Ein Taxifahrer hatte uns erblickt und freiwillig gehalten. Wir waren gerettet…

Der Mann hievte sich aus dem Fahrersitz, ging langsam um den Wagen herum. Das Radio lief, irgendein Schlager. Für einen Moment stützte er sich auf der Motorhaube ab. Er trug Hosenträger und eine getönte Brille. Ich stand auf. “Brauchen Sie Hilfe?” fragte er, mit einem starken osteuropäischen Akzent. Wie um seine Frage zu beantworten, erbrach sich meine Freundin mit einem Röhren in den Eimer. Wie voll der jetzt schon sein muss, ging mir durch den Kopf. Vielleicht ist es der Sandkasteneimer von Mary Poppins… Dann: konzentrier dich, Rebekka! Nicht kichern, flehen! “Nehmen Sie uns mit? Ich kann sie nicht tragen. Es ist nicht weit.” Er schüttelte traurig das zerfurchte Gesicht. “Das nicht gehen, Mädchen.” “Bitte!” “Ich bekommen Ärger.” Er wich langsam zurück. Ich ging einen Schritt auf ihn zu. Er wich einen weiteren zurück. “Bitte. Ich kann sie nicht tragen.” Er gestikulierte ein Nein. Ich wiederholte: “Ich kann nicht – ich kann nicht mehr…”

Meine Freundin erbrach sich. Und bei mir barsten alle Schleusen. Die Tränen liefen, ich hob noch die Hände, wie um zu sagen: Es tut mir leid, ich weiß auch nicht, wieso… Doch da drückten sich meine Unterarme schon an seinen Bauch, da war ich schon in seinen Armen. Er roch nach Tabak, Schweiß und alten Kleiderschränken. Ich wollte mich herauswinden, die Kontrolle wieder erlangen. Aber er hielt mich. Und ich ließ los. Alles kam über mich: Der Job, die Frustration, die Angst, der Umzug, der Krebs meiner Mutter, mein Versagen, als ich es vor lauter Burnout nicht einmal geschafft hatte, an ihrem Bett zu wachen, nachdem sie ihr den Schädel aufgesägt hatten, die Freundschaften, die ich riskierte, weil ich immer zu spät oder gar nicht kam. Die unendliche Müdigkeit. Meine Knie gaben nach, und er hielt mich. Erst nach mehreren Minuten beruhigte ich mich. Ein Bus fuhr vorbei. Meine Freundin lag nun auf der Bank. Ihr Arm hing dem Asphalt entgegen. Ich war wieder da. Ich straffte die Schultern, wischte mein Gesicht mit den Händen ab, oder an seinem Hemd. Ich trat einen Schritt zurück.

“Okay, ich nehmen dir mit”, sagte er ergeben. Ich hatte ihn gebrochen. Aber jetzt war ich wieder da. Heroisch deklarierte ich: “Nein. Ich möchte nicht, dass Sie Ärger bekommen. Ich schaffe das schon.” Und ich ging zu meiner Freundin und richtete sie grob auf. Er zögerte. Stand da. Hin- und hergerissen. Noch einmal sah ich auf zu ihm. “Danke. Ich schaffe das schon.” Er wich zurück – so wie vorher – und schaffte es diesmal um das Fahrzeug herum und auf den Fahrersitz. Die Tür schlug zu. Ich zuckte zusammen. Wieder allein. Langsam, ganz langsam, fuhr er davon. Ein Winken von mir hätte genügt. Aber ich winkte nicht.

Ich hievte sie unter Schmerzen die Straße hoch zu meinem Haus. “Linkes Bein vor, rechtes Bein vor”, sang ich ihr vor. Irgendwie ging es, so wie es immer irgendwie geht. Sie schlief in meinem Bett unter einem Handtuch. Ich rauchte in der Küche und sah aus dem Fenster.

Zum weiserwerden Teil:

Diese Geschichte ist lange her. Ich habe seitdem viel gelernt. Heute erscheint es mir unvorstellbar, dass sich derartiges wiederholen könnte. So viel Unglück in mir, so viel Unzufriedenheit. Dabei können wir ja in unserer heutigen Situation so ziemlich machen, was wir wollen. Wer hindert uns denn? Es gibt keine arrangierten Ehen, oder so gut wie keine. Wer muss denn heute noch das Geschäft des Vaters übernehmen, gegen seinen oder ihren Willen? Es kommt vor, natürlich. Aber in meinem Fall war es defintiv nicht so.

Vielmehr verfolgte ich ein Bild von mir, dass ich größtenteils selber skizziert hatte. Ich hakte brav einen Schritt nach dem anderen ab und wartete darauf, dass sich das Resultat – also das Glück, die Zufriedenheit – einstellen würde. Wartete und wartete auf etwas von außen, und ignorierte die Realität, das Innen.

Das ganze Szenario erinnert mich an eine Szene aus dem drittem Harry Potter Film – “Der Gefangene von Askaban”. Harry liegt mit seinem Patenonkel Sirius in den Armen am Ufer eines Sees, umgeben von den lebensaussaugenden Dementoren. Da er bereits weiß, dass jemand kommen wird, um ihn zu retten – weil er das Ganze schon einmal erlebt hat – wartet er ab und handelt nicht. Und liegt dabei im Sterben. Erst in letzter Sekunde realisiert er, dass niemand kommen wird, dass er selber derjenige war, der ihn das erste Mal beschützt hat. Er überlebt. Für NichtHarryPotterLeser klingt das jetzt sicher wirr, ich hoffe der Rest versteht mich.

Viele von uns warten doch darauf, dass sich endlich die Karriere, das Leben, der Mensch einstellt, auf die/das/den wir warten, und die/das/den wir erwarten. Glücklich sein werden wir aber erst, wenn wir einsehen, dass nur wir diejenigen sind, die das Glück erschaffen können. Es wird nie zu uns kommen, es kann nur aus uns kommen. Und das war das Wort zum Sonntag, und die erste Moral von der Geschicht dieses Blogs. Gute Nacht!