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Armes Stiefkind Gegenwart

11 Apr

Neulich laufe ich mit dem Brummbären durch den Park. Er ist grad in der Trage aufgewacht, schaut sich neugierig um. Ich spreche laut mit ihm, wie ich es immer tue: “So, wir gehen jetzt gleich in den Supermarkt. Da gibt es bestimmt Süßkartoffeln. Die schälen wir, wenn wir zu Hause sind, und dann kochen wir sie. Und dann können wir ja noch ein wenig spielen. Und dann ziehen wir deinen Schlafanzug an. Und dann kuscheln wir uns ins Bett. Und dann …”  Irgendwann wird mir bewusst, was ich da rede und ich erschrecke: Seit ich denken kann, folge ich dem nächsten “Dann” wie Alice dem weißen Kaninchen. Aber jetzt ziehe ich auch mein armes Kind in meine Zukunftssucht mit hinein. Dabei fühlt sich der Brummbär in der Gegenwart überaus wohl. Mir hingegen geht der Gedankengaul durch, sobald ich einen Moment zur Ruhe komme.

Mit dem Brummbären im Bett beispielsweise. Kaum liege ich neben meinem schlafenden Baby, beginne ich mich zu sorgen. Dabei ist alles gut. Aber wenn ich etwas kann, dann mir unnötige Sorgen machen. Ich betrachte seinen Kopf – wunderschön, rund, mit zartem Haar gleichmäßig bedeckt. Der Wirbel am Hinterkopf ist der Nabel meiner ganzen Welt. Und doch macht der Kopf mir Angst: Was verbirgt sich darin? Mein Gehirn ist nicht mein Freund, das Gehirn meiner Mutter war ihr größter Feind. Ist mein Baby in Gefahr?

Ich liege mit meinem schlafenden Baby im Bett und doch bin ich nicht da – die Gegenwart hat mich wie so oft schon wieder verloren. Sie muss mich ziehen lassen, in die Vergangenheit und in die Zukunft. Erinnerungen, Ängste, längst verhallte Schmerzen. So war das. Hoffnungen, Wünsche, Fragen. Was wird sein? Was hat mir die Gegenwart nur getan, dass ich sie bei der erstbesten Gelegenheit fallenlasse wie eine heiße Kartoffel? Die Antwort liegt auf der Hand: alles!

Die Zukunft lügt, die Vergangenheit verzeiht, die Gegenwart tut uns alles an

Fakt ist: Alles, aber wirklich alles Schmerzhafte, Furchtbare, Unerträgliche passiert uns in der Gegenwart. Das kann aber nicht erklären, warum so viele von uns ihr die kalte Schulter zeigen, denn ebenso wahr ist, dass alles Gute, Schöne, Erhabene und Lustige uns ausschließlich im Hier & Jetzt passiert.

Ein Bekannter sagte mir einmal, er ärgere sich immer so sehr, wenn sich ein Paar trennt und alle sagen: “Sie haben sich nach sieben Jahren getrennt, wie furchtbar.”

“Warum”, fragte er, “kann man nicht einfach denken: Sie waren sieben Jahre zusammen, tolle Sache. Warum bekommen die sieben Jahre einen bitteren Beigeschmack, nur weil aus ihnen jetzt keine acht mehr werden?”
“Weil sie”, erkläre ich ihm, “durch die Trennung in die Vergangenheit gerutscht sind und dort kann man sie wunderbar idealisieren. Als das Paar zusammen war, war das Gegenwart, und die Gegenwart spielt eine undankbare Nebenrolle in unser aller Lebensstück.“

Egal, wieviel Mühe sie sich gibt, die Gegenwart ist das ewige Stiefkind unserer Zeit. Oder schlicht der Menschheit? Vielleicht war in dem Moment, in dem wir ein Konzept unsere Endlichkeit bekamen, Schluss mit ihrer Hochphase. Für immer abgemeldet, dritte Geige nach Zukunft und Vergangenheit. Und irgendwie ja auch kein Wunder. Vorgeführt von den rosigen Versprechungen der Zukunft, kann die Gegenwart meist nicht delivern und enttäuscht.

Außerdem: Im Gegensatz zur Zukunft (Fantasie) und Vergangenheit (Nostalgie) können wir die Geschehnisse der Gegenwart nicht beschönigen oder kontrollieren. Sie passieren uns einfach, stürmen und stürzen auf uns ein, wir können bestenfalls reagieren. Und nie wissen, was als nächstes kommt und wie lange das, was da ist, bleibt.

Ich erschrecke manchmal, wie wenig Zeit ich in meinen 36 Jahren tatsächlich in der Gegenwart verbracht habe.

Bevor ich den Mann traf, der jetzt auch der Vater des Brummbären ist, war ich zehn Jahre (in Zahlen: 10) Single. Das ist eine lange Zeit. Es hat mich eigentlich nicht gestört, also in der Gegenwart. Nur leider verbrachte ich damals genauso wenig Zeit im Hier & Jetzt wie heute. Träumte mein Leben, ohne Werbeagentur, ohne M41 Bus, ohne BAföG-Schulden. Und sorgte mich gleichzeitig ganz fleißig, was nur werden sollte.

Einmal fragte mich eine Freundin, warum ich das Singledasein nicht mehr genoss. “Eigentlich ist alles an dieser Art zu leben dir doch wie auf den Leib geschneidert.”

Recht hatte sie: Ich bin gern allein. Ich reise am liebsten allein, denn meiner Erfahrung nach schlittert man nur so in absurde, unverhoffte, wahnsinnig interessante Situationen. Ich lese gern in Restaurants und mag es nicht, wenn Pläne sich ändern. Kompromisse finde ich scheiße. Ins Kino gehe ich auch am liebsten allein, damit man mich beim Weinen nicht beobachten kann. Einmal war ich mit einem Mann, in den ich ein wenig verknallt war, im Kino, wir sahen “Extremely loud and incredibly close”. Tom Hanks, der auf den Anrufbeantworter spricht: “Are you there? Are you there?” Ich weinte so heftig, dass ich richtige Schluchzkrämpfe bekam. Der Mann meldete sich danach nicht mehr.

“Stimmt”, sagte ich deshalb. “Aber ich will ja nicht für immer alleine sein. Irgendwann will ich Kinder. Womöglich sogar einen Partner.”

“Und? Was hat das mit jetzt zu tun?”

“Naja”, erklärte ich mich, “solange ich nicht sicher weiß, dass sich der Zustand, den ich eigentlich aktuell toll finde, irgendwann verändert, kann ich ihn jetzt auch nicht genießen.”

“Das ist absurd.”

“Das ist es wohl.”

Was ich damals wollte, war ein Stück Papier. Ein notariell beglaubigtes Dokument mit Unterschrift und Siegel: “Hiermit bestätigen wir, der Rat der alten grauen Männer, Frau Rebekka Korthues, dass sie vor Ablauf der angemessenen Zeit Partner und Kind haben wird. Sie soll sich jetzt einmal entspannen.” Und oh, wie hätte ich mich dann entspannt und meine Zwanziger genossen. Aber niemand war gewillt, mir dieses Papier auszustellen.

Wäre es nicht besser, sich wirklich auf die Gegenwart einzulassen? Es gibt so viel davon …

Der Punkt ist der: Es fällt mir und vielen Menschen schwer, die Gegenwart zu genießen, weil wir nicht wissen, was die Zukunft bringt. Zwei Zustände, die eigentlich unabhängig voneinander sein sollten, kommen sich in die Quere. In Situationen, in denen eigentlich alles schick ist, fürchten wir uns davor, dass sich diese verändern. Oder dass sie es nicht tun.

In meinem Heimatort steht ein Kreuz an der Ampel bei der großen Tankstelle. Der Name eines Kindes steht darauf. Das Kreuz steht da seit vielen Jahren und lange lange Zeit brannte eine Kerze davor, vielleicht auch heute noch. Auch ich habe die Kerze zu meinen Rauchertagen mehr als einmal wieder angezündet, wenn der Wind oder der Regen sie ausgelöscht hatten.

Das Kind, dessen Namen auf dem Kreuz steht, wurde von einem abbiegenden Lastwagen überfahren. Ich war noch längst keine Mutter damals, aber den unerträglichen, unüberwindbaren Schmerz der Eltern konnte ich mir vorstellen. Schmerz ist mein Gemüse, meine Sprache, ich verstehe ihn und spreche ihn fließend und kann so mit anderen kommunizieren, selbst wenn sie eigentlich meinen, niemand würde sie verstehen. Dass das so ist, würde mir erst vor einigen Jahren klar, als ich eine Gruppe ganz unterschiedlicher Menschen zum Tod ihrer Angehörigen befragt habe. Mit verwaisten Vätern, Müttern, Freundinnen, Geliebten gesprochen habe. Ich habe viel nachgedacht in dieser Zeit über die Gegenwart.

Hoffentlich passiert nichts. Und wenn doch?

Ich liege mit dem Brummbären im Bett und die Sonne scheint und keine Uhr tickt und wir sind selig. Und doch zerrt der Gedankengaul am Zügel: Hoffentlich passiert ihm nie etwas. Hoffentlich geht alles gut. Ich zwinge mich, den Gedanken einmal wirklich zu Ende zu denken, die Frage zu erlauben: Was, wenn doch etwas passiert? Ändert das etwas an diesem Moment? Daran, dass der Kopf meines Sohnes der schönste der Welt ist? Ist ein Moment nur etwas wert, wenn wir wissen, dass auf ihn eine unendliche Anzahl ähnlich schöner Momente folgen wird? Dass er nur eine von vielen schimmernden Perlen an einer Kette ist? Oder ist nicht genau das Gegenteil wahr? Jeder schöne Moment ist so wertvoll, weil wir nicht wissen, was nach ihm kommt. Wenn wir akzeptieren, dass wir es nicht wissen, nicht wissen können, nicht kontrollieren, dann darf der Moment stehen bleiben. Dann kann die Zukunft der Gegenwart nichts anhaben. Kein Gehirntumor, kein Streit, kein Terroranschlag kann eindringen in mein Schlafzimmer, wo ich mit meinem Baby im Bett liege und alles um uns ist nur Geruch und Wärme und Haut und Liebe und wohliges Brummen. So wie er ist, ist der Augenblick perfekt. Ganz ohne Zukunft. Ganz ohne Vergangenheit. Ich hatte ihn nicht geplant. Und er muss auch nicht erst zur Erinnerung werden. Danke, liebe Gegenwart.

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What the Fräulein?!

24 Mrz

Wir haben eine neue Trage für den Brummbären, an der mir alles gefällt außer dem Namen. Das gute Stück heißt Fräulein Hübsch und beide Teile des Namens stören mich. Sowieso wähne ich mich inmitten eines beklagenswerten Revivals der Frolleinkultur.

Fräulein bezeichnete bis vor gut 35 Jahren eine unverheiratete Frau. Logisch, denn ohne Ehemann ist eine Frau nur halb komplett. Also weniger, also kleiner, also braucht es den Diminutiv. Der Familienstand meiner Trage hatte mich aber gar nicht interessiert. Er geht mich auch nichts an. Vielleicht lebt sie in einer festen Partnerschaft, vielleicht ist sie aber auch lieber alleine. Viel wichtiger als ihr Familienstand ist ja wohl, was sie mag, was sie tut, was sie kann. Meinetwegen auch, wie sie aussieht – hübsch, offenbar. Die Trage kann einem leid tun, nicht nur wird sie auf ihr Unverheiratetsein reduziert, sondern auch auf ihr Äußeres. Warum nicht Frau Stabil. Besser, Frau Dr. Stabil. Hehe, oder Stabil, M.A. Robust, langlebig, nachhaltig (ist sie alles, ich kaufe ja keinen Schrott). Die Schönheit hat mich bei der Kaufauswahl aber an allerwenigsten interessiert, wir haben uns bei all der bunten Biobaumwollauswahl für Anthrazit entschieden.

Auch außerhalb des Babyuniversums greift der Fräuleinwahn wieder um sich. In der Bergmannstraße laufe ich an einer Boutique namens „Fräulein Sonntag“ vorbei. Das Online-Magazin „Fräulein Magazin“ titelt absurderweise „Heirate dich selbst!“ Wie, und kein Fräulein mehr sein? Auch ein Gewinner: „Fräuleins Tipp am Sonntag: Einfach mal alleine sein!“ Kannste dir nicht ausdenken.

Die Trendsetterinnen unter den Frolleins sind allerdings Bloggerinnen diverser Couleurs, von Fräulein Klein über Fräulein Draußen, Fräulein Garten und Fräulein Selbstgemacht bis zu Fräulein Zuckerbäckerin. Was steckt dahinter? Haben diese Menschen keine (Vor-)Namen oder wollen diese schlicht nicht verraten? Vielleicht will Fräulein Klein sich nicht Frau Klein nennen, weil so heißt ja ihre Mutter und die benutzt schnöde Niveacreme fürs Gesicht und wählt CDU – geht also gar nicht. Ich befürchte allerdings, der Grund liegt in dem frech-unverbrauchten, kecken, unabhängigen verspielten vibe, den ein Fräulein vermeintlich abgibt. „Ich schreib, was ich denke, ich mache mir beim Gärtnern oder Zuckerbäckern auch mal einen Erd- oder Zuckerkleks auf die Nasenspitze und dann gibt es ein total selbstbewusstes Selfie für Instagram, weil es ist mir doch total egal, wie ich aussehe.“ Dabei ist das Gegenteil der Fall: Fräulein ist so ziemlich der antifeministischste Titel, den eine Frau sich geben kann. Nicht nur, weil er eine Verniedlichung ist und auch nicht nur, weil er sie über die Existenz oder Abwesenheit eines Ehemannes definiert. Es gibt außerdem keine Entsprechung für Männer. Gibt man „Männlein Blog“ bei Google ein, findet man die Anwaltskanzlei Dr. Männlein. 

In Berlin und auch sonstwo, wo alte und/oder unzufriedene Menschen leben (Dortmund fällt mir ein), existiert das Wort „Fräulein“ auch auf der Tonspur noch öfter als man meinen würde. Das liegt daran, dass es neben „junger Mann“ und „junger Frau“ die einzige Phrase ist, mit der man einen Fremden ansprechen kann. Im Supermarkt beispielsweise hört man selten:
“Entschuldigen Sie, Mann, Sie haben etwas verloren.”

oder

“Hey, Herr, Sie stehen mir im Blickfeld”

Weil das eben nicht geht (dasselbe gilt für Frau), werden auch Männer mit grauen Schläfen gern von gräsigen Supermarktangestellten als junger Mann bezeichnet. Es ist alles, was sie haben.

Kinder sind hzumindest im Rudel übrigens ebenso unansprechbar wie Männer und Frauen. Einmal, ich war noch jung und wusste noch nicht viel von der Welt, fanden eine Freundin und ich auf dem Lärmschutzwall neben meinem Elternaus ein entlaufenes Meerschwein. In einem angrenzenden Garten spielten ein paar Kinder. Wir versuchten, durch Hey-Rufe und Winken ihre Aufmerksamkeit zu erregen, ohne Erfolg. Irgendwann rief ich verzweifelt, weil mir der Unzulänglichkeit meiner Wortwahl durchaus bewusst: “Hallo …äh … Kinder…?!“ Sie schauten, aber nicht amüsiert. Was man ja auch verstehen kann, Erwachsene werden ja auch nicht mit „Sie da, Erwachsene!“ gerufen.

Ich überlege mir nun jedenfalls einen neuen Namen für meine Trage, denn – Babyhabende werden das wissen – eine Babytrage wird nie einfach Babytrage genannt. „Schatz, gib mir mal die Manduca,“ heißt es da oder auch „Mein Rücken ist total verspannt von der ergobaby.“ Meine Fräulein Hübsch heißt bald entweder Professorin Schlau oder Dorothy Parker. Weitere Vorschläge willkommen!

 

Ich wollt ich wär’ wie Wolle

22 Dez

Mein Ding aktuell: Wollsocken verschenken. Im Bioladen um die Ecke gibt es ganz wunderbare dicke Strümpfe aus Freiland-Öko-Bio-Schaf-Spa-Wolle. Sie haben genau die Art von Ringel- oder Norwegermuster, die warme Winterwollstrümpfe zu haben haben. Und sie sind herrlich altmodisch weil dick, klumpig fast, ohne Gummizug oder Rutschfest-Noppen. Die Socken erinnern gar ein wenig an das, was der Trotzkopf strickt und dann dafür von der strengen Mädcheninternatshausmutter zurecht gewiesen wird. Genau kriege ich das nicht mehr auf die Reihe. Vielleicht verwechsle ich es auch mit Immenhof.

Wolle, das habe ich mittlerweile gelernt, soll man nicht so oft waschen. Und wenn, dann soll man einhundertundrei Dinge dabei beachten. Meine wunderschönen eisvogelgrünen Wolle-Seide-Babybodies mit all dem anderen Babyzeug bei 30 Grad zu waschen war der zweite Baby-Faux-pas, den ich mir geleistet habe. Der erste war, dass ich dem Brummbär direkt nach der Heimkehr die Fingernägel geschnitten habe. Meine Freundin L ist entsetzt.
„Das soll man nicht,“ ruft sie aus. „Da wachsen so Häutchen über den Nägeln, und das Schneiden tut den Babies weh!“
Also mein Baby hat sich nichts anmerken lassen aber vielleicht ist er auch wie ich und gibt sich gern tougher als er ist.

Ich bin nämlich nicht wie Wolle, die unter den Naturfasern ganz weit vorne liegt, was Resilienz angeht. Sie ist schmutz- und geruchsabweisend. Was auch immer Negatives um sie herum passiert, die Wolle lässt sich da nicht mit reinziehen. Sie hat quasi ein dickes Fell. Ich nicht so, ich bin eher wie Seide, der mimosenhaft-überempfindliche Partner der Wolle. Denn während an Wolle alles abprallt – sie kann sich sogar selbst reinigen – frisst Seide alles in sich hinein. Ich pflege seit jungen Jahren eine innere Excel-Tabelle, in die ich jede Beleidigung, jedes noch so kleine Vor-den-Karren-fahren säuberlich eintrage. Nachtragend ist gar kein Ausdruck. Nach außen aber tue ich häufig so, als wäre ich total tough und blöde Sprüche könnten mir nichts anhaben.

„Soll man nicht“, das ist sowieso mein liebstgehasster Satz aus Schwangerschaft und Babyzeit. Gern wird er begleitet von einem Luft-durch-die-Zähne-ziehen, im Folgenden durch „ssfffff’ kenntlich gemacht.

„Ich trinke ja grad total gerne Kräutertee.“
„Sssfff – soll man nicht. In Kräutertee können Schadstoffe enthalten sein.“
Einer Realität, in der der Verzehr von Kräutertee ein irgendwie geartetes Problem darstellt, verweigere ich mich aus Prinzip. Soweit kommt’s noch. Ich trinke aber auch viel Kaffee in der Schwangerschaft, weil ich es nur fair finde, dass das Baby direkt weiß, mit wem es da zu tun hat.

Zum Beispiel: Durch diverse Nervenzusammenbrüche angesichts des Formular-Hindernisparcours, den man bewältigen muss, wenn man sich erdreistet, ein uneheliches Kind in die Welt zu setzen, weiß der Brummbär bereits bei der Geburt über mich, dass ich nicht die Nervenstärkste bin. Obwohl das auch nicht ganz stimmt. Genau genommen stelle ich immer wieder folgenden interessanten Sachverhalt fest: Bei großen Dingen bin ich erstaunlich widerstandsfähig. Das gehörte quasi zu meiner Kinderstube. Kranke Mutter und immer schön in der Schule performen, Klassensprecherin sein, und – man halte sich fest – sogar noch nebenbei ein Mediatoren-Kinderfortbildung gerockt. Schülertalk hieß das Projekt, an dem ich teilgenommen habe. Ich kann mich nicht erinnern, dass je jemand zur Mediationssprechstunde gekommen ist, aber ich nutze meine Skills heute noch, um Mitmenschen zu manipulieren.

Als ich 2010 die Diagnose MS erhielt in einem Lissabonner Krankenhaus mit erstaunlich schwellenländlichem Flair und entschied, trotzdem den regnerischen grauen Winter in der Fremde zu bleiben, bekam ich von vielen Seiten die Rückmeldung: Du bist so stark. Eine Freundin schrieb mir: „You are the toughest girl I know.“ Eine andere: „Ich könnte das nicht, ich müsste sofort nach Hause zu meiner Familie.“ Der Gedanke war mir nicht einmal gekommen. Also: Big picture-mäßig bin ich durchaus stark. Und Stärke ist offenbar auch die Kernkompetenz überhaupt, wenn es um große Schicksalsschläge geht. Das fiel mir auf, nachdem meine Mutter gestorben war, wobei der Tod eines Elternteils wohl aus offensichtlichen Gründen nicht als Schicksalsschlag gilt. In so gut wie jeder der lieben Nachrichten und Karten, die wir als Familie oder ich als Individuum erhielt(en), wurde eines gewünscht: Kraft. Kraft, so meinen Menschen, brauchen Hinterbliebene am meisten. Ich kann mir darunter wenig vorstellen. Die Kraft weiterzumachen? Morgens aufzustehen? Nicht kraftlos im Bett zu liegen? (falls letzteres, oh wie wünschte ich mir dann, ich hätte keine Kraft – nur so für kurze Zeit). Die Kraft, zum anderen Ende des Tunnels zu gelangen, wo das Licht ist?

Offenbar habe ich genug Kraft, denn bislang stehe ich verlässlich jeden Morgen auf, und ich kann mich sogar für andere freuen und ihnen Geburtstagskuchen backen und mein Baby herzen und so richtig richtig glücklich sein. Bei kleinen Dingen fehlt mir allerdings oft die Stärke, mich im Zaum zu halten. Zum Beispiel, wenn die Dinge nicht so laufen, wie ich es will. Einer meiner Hauptkontrahenten dabei: die Schwerkraft. Ständig fallen mir Dinge herunter. Handschuhe, gern draußen. Teekartons aus dem Regal. Oder Dinge, die ich irgendwo abgestellt habe, kippen, sobald ich ihnen den Rücken zuwende, um. Mein Rucksack. Ein an die Wand gelehntes Fahrrad. Ich empfinde das generell als respektlos, als Provokation und bin dann gern beleidigt. Aber seit es den Brummbär gibt, nervt es auch ganz in echt. Erst mit Baby im Bauch, jetzt mit Baby im Tragetuch, ist es einfach mühsam und manchmal schier unmöglich, die Sachen aufzuheben. Und ich denke dann auch oft: „Man, seht ihr nicht, dass ich grad eh kämpfe? Müsst ihr jetzt echt auch noch runterfallen, ihr doofen Teebeutel?“ Ich nehme das Ganze sehr persönlich, genau wie die Seide es in meiner Fantasie auch tun würde.

Mit dem Baby ergeht es mir manchmal auch so. Wenn alles perfekt passt, sodass wir beide ein wenig schlafen könnten. Und damit meine ich: Wir sind zuhause, da ist ein Bett, und das Baby und ich, wir sind – Zufall, Zufall – ganz offensichtlich todmüde. What could go wrong? Alles, denn selbstverständlich weigert sich das Baby, einzuschlafen. Ich habe – und jetzt bin ich ganz offen, und nervös deshalb – in diesen Situationen schonmal in ein Kissen geschlagen. Im anderen Zimmer. Und bin dann erst zurück zum Brummbär. Wie kindisch. Es ist ja nicht auf ewig, dass ich zurückstecken muss. Aber das kann ich nicht sehen. Da bin ich aufbrausend, jähzornig. Da bin ich nicht stark. Da bin ich eine echte Mimose. Nicht Wolle, sondern Seide.

Zur Belohnung für seine Geduld mit mir habe ich dem Brummbär einen nagelneuen Wolle-Seide-Body gekauft. Ihn werde ich wenn irgend möglich mit Geduld und Feingefühl pflegen, damit die besten Qualitäten der Wolle und der Seide erhalten bleiben. Denn gerade ihr Zusammenspiel macht den Body warm – aber auch weich und anschmiegsam. Praktisch – aber auch schön. Und während ich das Teil stundenlang in handwarmen Wasser mit Lanolin einseife oder was auch immer (noch nicht gelesen), kann ich ja gleich dran arbeiten, mich selbst mehr so zu akzeptieren wie ich bin. Nervenstark und aufbrausend, stark und schwächlich, liebevoll und impulsiv. Halt ein anspruchsvolles Kombiprodukt. Aber beste Qualität.

 

 

 

Berlin wird höflich – und ich kaufe Handtücher (vielleicht)

15 Mai

header_topDa staunte ich aber nicht schlecht, heute um 8:30 in der U8. Grad noch von Autofahrern auf der Sonnenallee angehupt und Töle ausführenden Opas auf dem Radweg im breitesten Berlinerisch beschimpft, sehe ich tatsächlich ein Berlin und ein Danke im selben Satz.  header_top

Schön, dass diese pulsierende Weltstadt zwar das zehnsekündige Pausieren eines Touristen auf dem Gehweg nicht verzeihen kann, zu K.o.-Tropfen aber höflich Nein, danke sagt. Weiter so, Berlin. Als nächstes bitte BILD-Zeitung, BER und Nazis – nein, danke.

Auch schön, mal wieder auf dem Weg zur Arbeit zu schmunzeln. Wobei, ich schreibe mir durchaus das Talent zu, auch aus den zitronigsten Momenten und U-Bahn-Fressen einen Grund zum Schmunzeln zu pressen. Jedenfalls an meinen besseren Tagen. Sowieso sage ich mir dieser Tage oft: Wäre alles immer rosig gewesen, Rebekka, worüber würdest du denn dann schreiben? Und recht hat sie, die kurz mal durchscheinenen Erwachsenenrebekka. Nur meist regiert derzeit die trotzige schmollende Herzschmerz-Teenagerrebekka. Mööp, mööp, wieso haben alle ein Baby und ich nicht? Mal ganz ehrlich: Weil man dir auch keins anvertrauen dürfte. Werd erst mal erwachsen! Und reiß dich am Riemen. Weniger Wein, mehr Fleiß. Vielleicht mal Handtücher kaufen, die nicht in den Siebzigern zum ersten mal den Kochwaschgang sahen und in die ich zudem an den Ecken Löcher geschnitten habe, damit ich sie aufhängen kann. Die Leute im Fernsehen habe weiche, fluffige Handtücher in aufeinander abgestimmten Farben, die gefaltet – manchmal sogar dekorativ aufgerollt – in offenen Ikea-Badregalen in Tropenholzoptik liegen. Und mal ehrlich: Mittlerweile eben nicht nur die Leute im Fernsehen, sondern so gut wie alle Menschen, die ich kenne (und die über 30 sind). Vielleicht mal Geld ausgeben für derart Sinnvolles, anstatt mir bei amazon einen ledernden Trinkschlauch zu kaufen, weil Hemingway aus so einem in Pamplona Rotwein gesoffen hat – oder mit Hermines Zauberstab aus Harry Potter in original Ollivanders Verpackung zu liebäugeln.

Ja, ich denke es ist an der Zeit, erwachsen zu werden. Vielleicht auch mal joggen? Nein, joggen geht vielleicht etwas zu weit. Aber Handtücher scheint machbar. Und Steuererklärung. Dann geht vielleicht auch irgendwann Hund Und dann Baby. Man drücke mir die Daumen.

Verdammte Gegenwartsangst

19 Okt
Lebenszweifel sind am gemeinsten, wenn man eigentlich noch schlafen sollte und es draußen so schrecklich dunkel ist.

Dieses Gefühl, es ist das Schlimmste überhaupt: Aufzuwachen mit so einem Erschrecken, einem Schreckmoment, der das Herz aussetzen läßt, und der sich dann in ein ganz ungutes Bauchgefühl ausdehnt. Ich habe schlecht geträumt und draußen ist es stockdunkel. Ich schaue auf den Wecker, noch nicht einmal sechs. Ich drehe und wende mich, will wieder einschlafen, aber es geht nicht, Zweifel pieken mich von allen Seiten. Zukunftsangst? Auch, aber vor allem Gegenwartsangst: Was mache ich eigentlich mit meinem Leben? Muss ich nicht die Notbremse ziehen? Läuft vielleicht grad alles in die falsche Richtung und ich merke es nicht, aber jetzt, in diesem einem Moment, sehe ich plötzlich – und auch nur kurz – alles ganz klar, und wenn ich jetzt nicht handle dann bin ich selber schuld? Es erscheint mir plausibel, in diesen dunklen, müden Minuten.

Nur, was genau eigentlich schief läuft kann ich nicht benennen, vielleicht bin ich einfach nur zu verpennt… Eigentlich ist doch alles OK. Also wieso schrecke ich aus dem Schlaf auf wie in einem schlechten Film?? Vielleicht nur ein schlechtes Gewissen, weil ich gestern zuviel Wein getrunken habe? Vielleicht ist es die Angst vor meinem Kontostand? Ich wünschte, es wäre so einfach, aber am wahrscheinlichsten ist: Ich glaube nicht an mein Recht, glücklich zu sein. Ich komme besser mit mir zurecht, wenn ich es nicht bin. Dann macht irgendwie alles mehr Sinn. Wie sonst kann man es erklären, dass ich immer noch, nach zwei Jahren, von der Agentur alpträume?? Heute, im Ernst, wache ich vor sechs Uhr auf und denke: Ich habe vergessen, etwas zu erledigen. Es war nur ein Traum, will ich schreien, du bist armselig. Bald dreißig und immer noch eine Opferhaltung wie ein Kind. Werd endlich erwachsen, übernehme endlich Verantwortung für dein Leben.

Jetzt ist es sieben und immer noch dunkel draußen. Mein Gesicht fühlt sich taub an vor Erwachsenseinangst. Oh der Druck des endlichen Lebens, und vor allem des priviligerten. Seit ich weiß, dass ich theoretisch fast alles erreichen und machen kann was ich will, bewege ich mich so gut wie gar nicht mehr, wie das Kaninchen vor der Schlange der unendlichen Möglichkeiten. Und nun? Kaffee und Verdrängung. Vielleicht kommt das Gefühl ja nicht zurück. Erst einmal.

Der Beziehungskorrespondent

10 Okt

Eine Woche zu spät. Aber ich habe eine gute Ausrede. Mein Freund Gary aus Australien war zu Besuch. Gary, dessen echter Name viel weniger idiotisch klingt, ist eine sehr private Person. Wenn er mir von seinen Frauenbekanntschaften – aktuell und vergangen – erzählt, dann ändert er stets die Namen. So weiß ich bis heute nicht, wie eine seiner Exfreundinnen, die ich unbekannterweise unglaublich unsympathisch finde, eigentlich heißt. Wir nennen sie Cindy. Aber ich greife vor.

Die Zeit mit Gary war, wie zu erwarten, bombastisch. Er hätte von mir aus ewig bleiben können. Kennengelernt haben wir uns in Lissabon vor noch nicht einmal einem Jahr. Gary und ich sind uns ähnlich in genau zwei Dingen. Das eine ist unser Humor, offenkundig im Alltag v.a. durch unsere Vorliebe bzw. meist einfach nur besessene Liebe für gewisse englischsprachige TV Serien. Wir haben über Szenen oder auch nur Dialoge aus Arrested Development, Community oder Seinfeld bereits länger und intensiver gesprochen als über unsere Eltern. Wir können uns mit einem Satz und manchmal sogar nur einer hochgezogenen Augenbraue aus dem Konzept, aus dem Takt oder zum Lachen bringen. Wir können ganze Konversationen führen, ohne dass anwesende Dritte ein Wort verstehen. Wir haben zu jeder erdenklichen Lebenssituation ein Serienquerverweis (“This is just like in the second season episode of XY where…” – “Of course, where xy does that and that to xy.” – “Exactly.”).

Gary ist einer der wenigen Menschen, mit denen ich mich acht Stunden lang unterhalten kann, ohne mich eine Minute lang gelangweilt, unterfordert oder schlecht unterhalten zu fühlen (= unser erstes Date). Date? Ja, die Frage drängt sich auf: Wieso sind wir kein Paar? So ganz genau erklären kann ich das auch nicht. Nach einem amorösen Beziehungsstart (zu viel Wein, zu viel Bier, und dann wieder zuviel Wein) beschlossen wir beide scheinbar zeitgleich, dass wir uns als Freunde besser gefallen würden. Thematisiert wurde das nie zwischen uns. Meine Theorie: Wir haben beide gemerkt, wie wertvoll unsere hier beschriebene Beziehung ist, und keiner von uns war gewillt, sie durch Sex zu gefährden.

Unsere Gespräche sind keinesfalls nur albern und drehen sich keinesfalls nur ums Fernsehen. Im Gegenteil, oft sind sie sehr ernsthaft, vor allem, wenn es um unsere zweite Gemeinsamkeit geht: Die Entscheidungen, die wir kürzlich für unser Leben getroffen haben. Kennengelernt haben wir uns, wie gesagt, in Lissabon. Wie ich sollte auch Gary eigentlich gar nicht dort sein. Er hatte nicht nur Australien, sondern auch einen vielversprechenden Job als Unternehmensberater hinter sich gelassen, mitsamt Computer, peer pressure, Anzug, und anderen Statussymbolen. In Lissabon kannte er niemanden, sprach die Sprache nicht und bestritt seinen Lebensunterhalt mehr schlecht als recht als Englischlehrer. Er war 33, als er ankam. Zum ersten Mal sahen wir uns über die Glastheke “meines” Cafés hinweg, er groß und schüchtern, ich mit Kopftuch, dreckiger Schütze und Schokokuchenteig im Haar. Die vermeintliche Elite von morgen hatte sich anders entschieden. Hier waren wir also.

Gary war der erste, dem ich von meiner “Berlin/Lissabon = Ehemann/Liebhaber”- Analogie berichtete. Er war so fasziniert von meiner Erklärung, dass er sofort ankündigte, diese von jetzt an zu klauen, um zweifelnde Mails von Eltern und Freunden abzuwehren – was ich natürlich sofort untersagte. Aber verstehen kann ich ihn: Es ist enorm schwer, irrationale Entscheidungen wie unsere anderen verständlich zu machen. Vor allem, wenn man in Berlin wohnt, der Stadt, die wirklich jedem ein “Wow, lucky you, Berlin is such a cool city” entlockt. Ja, ja, kann ich dann immer nur sagen, das stimmt. Aber wieso war ich dann nicht zufrieden dort? Wieso war ich hier? Berlin ist nett, erklärte ich also, und wir kennen uns schon eine ganze Weile. Wir haben viel miteinander durchgemacht, auch viel Spaß gehabt, und Berlin könnte mich sicher mein Leben lang irgendwie glücklich machen. Es ist einfach mit Berlin, vertraut, sicher. Alles hätte für immer so bleiben können, wäre Lissabon mir nicht über den Weg gelaufen. Lissabon wird mich nicht immer glücklich machen, es bietet mir z.B. null Stabilität und kann nicht für mich aufkommen. Ich hatte nicht darum gebeten, es zu treffen. Aber sobald so etwas geschehen ist, kann man es nicht ungeschehen machen. Was man weiß, das kann man nie wieder nichtwissen. Also war ich hier, auch nicht ohne Zweifel, und manchmal voller Sehnsucht an früher, als alles so einfach war, und sich viele Fragen nicht gestellt haben. Aber es war, wie es war. Hier war ich, und hier war auch er.

Wir haben aber bei weitem nicht nur Gemeinsamkeiten. Im Gegenteil, wir fungieren als Korrespondenten für den jeweils anderen, erklären uns unsere unterschiedlichen Welten. Das ist erst einmal nicht überraschend, immerhin kommt er aus Australien und ich aus Europa. Er erzählt Alltagsanekdoten aus einem Land, in dem Geld, Autos, Statussymbole und Rasenmäher eine viel wichtigere Rolle spielen als in meinem (bzw. in dem Teil, den ich kenne). Einmal habe ich ihn gefragt, ob er ein Sparkonto besitzt, und er antwortete: “You wanna know how much I am worth?” Erst nach einer zwanzigminütigen, entrüsteten Grundsatzdiskussion wurde mir klar, dass man soetwas tatsächlich sagt, wenn man in Australien über Geld redet. Ich wiederum bringe ihm zum Staunen, wenn ich berichte, dass in Deutschland eher selten wegen geklemmten Fingern in Bustüren oder zu heißem Kaffee auf Millionenbeträge geklagt wird.

Vor allem aber ist Gary mein Beziehungskorrespondent. Er hatte schon diverse ernsthafte, und er nimmt mich mit in eine Welt von Kompromissen, Diskussionen über vermeintliche Nichtigkeiten, Prinzipienentscheidungen und Sexentzug, die ich mit quasi anthropologischem Interesse studiere. Und nicht selten auch mit Irritation oder Angst. Teilweise sind es kulturelle Unterschiede – in Berlin streitet sich hoffentlich kein Paar darüber, wann wer von beiden einen gemeinsamen Kneipenabend mit Freunden verlassen will, denn wir fahren nicht mit dem selben Auto eine Stunde durch die Landschaft. Obwohl, wer weiß. Man hört ja Dinge. Aus dem Ich wird halt ein Wir. Jeder kennt ja das “Wir mochten den Film nicht”-Klischee. Nur ich kenne es eben nur aus Erzählungen bzw. – seien wir ehrlich – aus dem Fernsehen. Ich verschlucke mich oft an meinem Wasser bzw.– seien wir ehrlich – Wein, und Gary reißt oft ungläubig die Augen auf ob meiner Ignoranz/Unschuld.

Aber auch hier ist unsere Beziehung nicht einseitig, ich bin nämlich Garys Frauenkorrespondentin. Und das wünscht sich ja wohl ein jeder Mann. Wir reden schonungslos offen, und stellen uns endlich die Fragen, die man immer über “die anderen” stellen wollte, aber sich nie getraut hat. Ich fasziniere ihn mit meinem Gebrauch des Wortes “Affäre” und stelle auch den einen oder anderen Mythos klar, aber das möchte ich an dieser Stelle nicht weiter ausführen.

Gary und ich kennen uns noch nicht lange, aber sehr gut. Ich würde sagen: wir haben uns erkannt. Ich würde ihm alles erzählen. Ich weiß fast immer, was er über ein Thema denkt, und es ist eigentlich immer genau das, was ich denke. Und dennoch überrascht er mich manchmal, und ich ihn auch. Nachdem Gary abgereist war räumte ich nicht – wie er es sich gedacht hatte – mein Zimmer gründlich auf. Deshalb fand ich die Zettel erst Tage später. Ich wollte meine Bodylotion benutzen, griff nach der Flasche und fand einen Zettel auf der Rückseite, mit Tesa angebracht. Darauf ein handgeschriebener Seinfeld-Dialog. Später fand ich noch fünf weitere. Wer weiß, wie viele sich noch in meinem Chaos versteckt halten. Mein Favorit ist unser gemeinsames Lieblingszitat (ja, das ist eine Anspielung auf das “Wir mochten den Film nicht” Klischee), aufgefaltet in meinem Schuh: “People are the worst.” aus der Serie Seinfeld. Eigentlich sagt Elaine “I hate people” und Seinfeld sagt “Yeah, they are the worst.” Ich habe bisher niemanden getroffen, der mich so aus meiner kleinen eigenen skurrilen Welt herausgelockt hat, indem er sich für genauso einen Spruch genauso fanatisch begeistern kann wie ich – bis jetzt.

Harry Potter und der Tröstende Taxifahrer

13 Sep

Die folgende Geschichte habe ich schon oft erzählt, aber noch nie aufgeschrieben.

Man stelle sich folgendes Szenario vor: Ein blauer Himmel, die Sonne ist bereits aufgegangen über Berlin. Eine menschenleere, stille, friedliche Sonnenallee. Das gibt es nur ungefähr eine Stunde lang pro Tag zu genießen, gefühlt so zwischen fünf und sechs Uhr morgens. Vor allem sonntags. Kein Auto ist unterwegs. Nur ein altes Taxi steht am Straßenrand vor der Bushaltestelle Fuldastraße. Die Fahrertür ist geöffnet, drinnen plärrt das Radio. Schlagermusik konkurriert mt dem übereifrigen Zwitschern der Vögel. Auch ihnen ist bewusst, dass sie nur diese eine Stunde haben, um zu beeindrucken. Im Bushäuschen sitzt eine junge Frau mit einem kleinen roten Kindersandkasteneimerchen im Schoß. Sie kotzt. Also: Sonne, Vögel, Radio, Kotzen.

Neben dem Taxi steht noch eine Frau, auch jung, Aber sie kotzt nicht. Statt dessen weint sie. Laut und von ganz tief drinnen. Und doch klingt ihr Schluchzen erstickt, denn ihr Gesicht ruht an der Schulter des Taxifahrers. Er ist circa 60 Jahre alt, dick und ungepflegt. Sein graues Haar hat er notdürftig über die Glatze geklebt. Der Taxifahrer wiegt die weinende Frau in seinen wulstigen Armen. Je mehr er sie wiegt, desto intensiver weint sie. Es muss alles raus. Der Mann denkt an seine Töchter, als sie im Alter der jungen Frau waren. Und an seine Enkelinnen, die bald soweit sein werden. Was haben sie für Sorgen heute, diese jungen Frauen, denkt er. Wie einfach war doch meine Welt – oder erschien es zumindest – als ich jung war. Er tätschelt der jungen Frau sachte den Rücken. “Gut, gut, ist ja gut.” murmelt er. “Du machst das alles ja so gut.” Er weiß nicht wovon er redet, aber er meint es so. Im Hintergrund fällt die kotzende Frau mit einem Seufzer auf die Seite und lässt den roten Plastikeimer fallen. Ihre Freundin dreht den Kopf, aber der Taxifahrer hält sie sanft fest. “Alles gut”, sagt er, “es wird schon alles wieder gut.” Sie legt den Kopf ab, dankbar, und lässt es geschehen.

Wann genau es war weiß ich nicht mehr, aber ich weiß, dass es warm war und der Himmel blau, und dass ich schon in der “Agentur” gearbeitet habe. Ersteres wohl erst seit kurzem, letzteres schon seit geraumer Zeit. Ich war gestresst, gehetzt, hoffnungslos und invalide. Ob es der Stress war bliebe zu beweisen, aber zum ersten Mal seit langer langer Zeit machte mein linkes Knie wieder Probleme. Schmerz und – schlimmer – Schmerzerwartung waren bereits seit Schultagen meine treuen Begleiter. Jetzt humpelte ich eben durch den “Agentur”-Glaskasten, was niemanden groß interessierte. Alles, was eine Ladung Aspirin Complex nicht lösen konnte, existierte nicht. Ich war sogar in der Charite, aber die gaben mir nur ein paar Krücken, allerdings – das muss man ja auch mal sagen – zum Spottpreis von sieben Euro.

Ich mochte meinen Job nicht besonders – auch ohne geschwollenes Knie und Schmerzmittelzwangsverordnung. Niemand hat Schuld, außer vielleicht ich selber. Bloß: Wenn man nie gelernt hat, dass man etwas so gut machen kann, dass man sich vor Lob und Empfehlungen nicht retten kann, ohne dass es auch nur annähernd etwas ist, das einem Spaß macht, was soll man dann tun? Man kann nur lernen.

Jemand zerrte an meinem linken Arm, ein anderer am rechten. Währenddessen schlug mich jemand ins Gesicht. Nicht fest, eher konstant, und daher nervig. Morgens wachte ich auf in einem Bett voll bunter Excelausdrucke und mit in wirrer Handschrift beschriebenen Postits, die ich im nichthalbwachen Zustand nicht mehr entziffern konnte. Sechs Stunden Schlaf waren Luxus, nächtliche Taxifahrten vom Büro nach Hause mit anschließendem Weintrinken Normalität. Dann Kaffee. Dann wieder Wein.

Am Wochenende gab es aber dann ab und zu eine Party. Und damit zurück in die morgendlich-malerische Sonnenallee. Ich war gerade umgezogen und hatte eines meiner kleinen geheimen Ziele erreicht: die Postadresse “Sonnenallee” auf Briefumschläge und Formulare kritzeln zu dürfen. Und es gab eine Party. Und es gab einen Mann. Eigentlich ist es keine besonders originelle Geschichte. Ich ging mit ein paar Freundinnen. Und einer Bekannten, mit der ich noch nie wirklich feiern war. Sie war nicht annähernd so trinkerfahren wie wir. Long story short, ich fand mich morgens um halb sechs mit einer kotzenden Freundin an der Bushaltestelle Fuldastraße wieder. Das Problem: Mit meinem kaputten Knie konnte ich sie keinen Meter weiter tragen. Ich war müde, ich war betrunken, ich war liebesbekümmert. Ich hatte genug. Mal wieder, wie immer, musste ich irgendwie stark sein, aus irgendeinem Grund etwas tun, das ich nicht tun wollte. Mal wieder vor die Wahl gestellt: machen was ich will und ein Arsch sein, oder machen was ich nicht will und auf Dank hoffen.

Ich versuchte, den Fahrer der Buslinie M41 zu überzeugen, dass er uns ruhigen Gewissens die zwei Stationen mitnehmen konnte. Er sah zu meiner kotzenden Freundin hinüber und lachte. Ich hielt Taxen an und bot den Fahrern horrende Summen – ich hatte einige zerknitterte Scheine in der Umhängetasche meiner Begleitung entdeckt. Sie winkten ab. Ich gab auf. Hier saßen wir, immobil aus verschiedenen Gründen, mit dem roten Eimerchen, im Bushäuschen Fuldastraße. Dann war es halt so. Ich hatte genug von allem. Ich würde hier sitzen bleiben und abwarten was passiert. Oder nicht einmal warten. Ich würde einfach hier sein. Punkt. Die Sonne ging auf, die Vögel fingen an zu zwitschern. Ich wurde immer nüchterner. Meine Freundin kotzte mit erstaunlicher Ausdauer. Plötzlich sah ich am oberen Rand meines auf meine Füße gesenkten Blickes ein Auto anhalten – direkt vor uns. Ich sah auf – es konnte nicht sein! Ein Taxifahrer hatte uns erblickt und freiwillig gehalten. Wir waren gerettet…

Der Mann hievte sich aus dem Fahrersitz, ging langsam um den Wagen herum. Das Radio lief, irgendein Schlager. Für einen Moment stützte er sich auf der Motorhaube ab. Er trug Hosenträger und eine getönte Brille. Ich stand auf. “Brauchen Sie Hilfe?” fragte er, mit einem starken osteuropäischen Akzent. Wie um seine Frage zu beantworten, erbrach sich meine Freundin mit einem Röhren in den Eimer. Wie voll der jetzt schon sein muss, ging mir durch den Kopf. Vielleicht ist es der Sandkasteneimer von Mary Poppins… Dann: konzentrier dich, Rebekka! Nicht kichern, flehen! “Nehmen Sie uns mit? Ich kann sie nicht tragen. Es ist nicht weit.” Er schüttelte traurig das zerfurchte Gesicht. “Das nicht gehen, Mädchen.” “Bitte!” “Ich bekommen Ärger.” Er wich langsam zurück. Ich ging einen Schritt auf ihn zu. Er wich einen weiteren zurück. “Bitte. Ich kann sie nicht tragen.” Er gestikulierte ein Nein. Ich wiederholte: “Ich kann nicht – ich kann nicht mehr…”

Meine Freundin erbrach sich. Und bei mir barsten alle Schleusen. Die Tränen liefen, ich hob noch die Hände, wie um zu sagen: Es tut mir leid, ich weiß auch nicht, wieso… Doch da drückten sich meine Unterarme schon an seinen Bauch, da war ich schon in seinen Armen. Er roch nach Tabak, Schweiß und alten Kleiderschränken. Ich wollte mich herauswinden, die Kontrolle wieder erlangen. Aber er hielt mich. Und ich ließ los. Alles kam über mich: Der Job, die Frustration, die Angst, der Umzug, der Krebs meiner Mutter, mein Versagen, als ich es vor lauter Burnout nicht einmal geschafft hatte, an ihrem Bett zu wachen, nachdem sie ihr den Schädel aufgesägt hatten, die Freundschaften, die ich riskierte, weil ich immer zu spät oder gar nicht kam. Die unendliche Müdigkeit. Meine Knie gaben nach, und er hielt mich. Erst nach mehreren Minuten beruhigte ich mich. Ein Bus fuhr vorbei. Meine Freundin lag nun auf der Bank. Ihr Arm hing dem Asphalt entgegen. Ich war wieder da. Ich straffte die Schultern, wischte mein Gesicht mit den Händen ab, oder an seinem Hemd. Ich trat einen Schritt zurück.

“Okay, ich nehmen dir mit”, sagte er ergeben. Ich hatte ihn gebrochen. Aber jetzt war ich wieder da. Heroisch deklarierte ich: “Nein. Ich möchte nicht, dass Sie Ärger bekommen. Ich schaffe das schon.” Und ich ging zu meiner Freundin und richtete sie grob auf. Er zögerte. Stand da. Hin- und hergerissen. Noch einmal sah ich auf zu ihm. “Danke. Ich schaffe das schon.” Er wich zurück – so wie vorher – und schaffte es diesmal um das Fahrzeug herum und auf den Fahrersitz. Die Tür schlug zu. Ich zuckte zusammen. Wieder allein. Langsam, ganz langsam, fuhr er davon. Ein Winken von mir hätte genügt. Aber ich winkte nicht.

Ich hievte sie unter Schmerzen die Straße hoch zu meinem Haus. “Linkes Bein vor, rechtes Bein vor”, sang ich ihr vor. Irgendwie ging es, so wie es immer irgendwie geht. Sie schlief in meinem Bett unter einem Handtuch. Ich rauchte in der Küche und sah aus dem Fenster.

Zum weiserwerden Teil:

Diese Geschichte ist lange her. Ich habe seitdem viel gelernt. Heute erscheint es mir unvorstellbar, dass sich derartiges wiederholen könnte. So viel Unglück in mir, so viel Unzufriedenheit. Dabei können wir ja in unserer heutigen Situation so ziemlich machen, was wir wollen. Wer hindert uns denn? Es gibt keine arrangierten Ehen, oder so gut wie keine. Wer muss denn heute noch das Geschäft des Vaters übernehmen, gegen seinen oder ihren Willen? Es kommt vor, natürlich. Aber in meinem Fall war es defintiv nicht so.

Vielmehr verfolgte ich ein Bild von mir, dass ich größtenteils selber skizziert hatte. Ich hakte brav einen Schritt nach dem anderen ab und wartete darauf, dass sich das Resultat – also das Glück, die Zufriedenheit – einstellen würde. Wartete und wartete auf etwas von außen, und ignorierte die Realität, das Innen.

Das ganze Szenario erinnert mich an eine Szene aus dem drittem Harry Potter Film – “Der Gefangene von Askaban”. Harry liegt mit seinem Patenonkel Sirius in den Armen am Ufer eines Sees, umgeben von den lebensaussaugenden Dementoren. Da er bereits weiß, dass jemand kommen wird, um ihn zu retten – weil er das Ganze schon einmal erlebt hat – wartet er ab und handelt nicht. Und liegt dabei im Sterben. Erst in letzter Sekunde realisiert er, dass niemand kommen wird, dass er selber derjenige war, der ihn das erste Mal beschützt hat. Er überlebt. Für NichtHarryPotterLeser klingt das jetzt sicher wirr, ich hoffe der Rest versteht mich.

Viele von uns warten doch darauf, dass sich endlich die Karriere, das Leben, der Mensch einstellt, auf die/das/den wir warten, und die/das/den wir erwarten. Glücklich sein werden wir aber erst, wenn wir einsehen, dass nur wir diejenigen sind, die das Glück erschaffen können. Es wird nie zu uns kommen, es kann nur aus uns kommen. Und das war das Wort zum Sonntag, und die erste Moral von der Geschicht dieses Blogs. Gute Nacht!