Das Wort zum Sonntag

19 Apr

Das Leben ist kurz.

Ist der Tag vorbei, kommt er nicht wieder. Und alles, was wir an diesem Tag nicht begonnen, beendet, verändert oder gepflegt haben, ist einen Tag weniger wahr geworden.

Das wahre Leben, das bewusste Wagnis, die gelebte Dankbarkeit – das ist kein Kinderspiel. Und man kann es nicht imitieren. Wer Tomaten einkocht, um die Gläser zu fotografieren und nicht, um sich im Winter mit ihnen, einer Flasche Rotwein und guten Freunden den Sommer in die Küche zu holen, hat es nicht verstanden.

Die Wahrheit ist doch: Die, die ins Ausland zieht, nur um davon erzählen zu können, ist keine Abenteuerin. Die, die daheim bleibt, um das Leben aufzubauen, das sie wirklich will – inkl. Hund, Haus und Baby – ist es.

Aber so sind wir eben: Wir begreifen es nicht. Ein Drittel unserer Freizeit verbringen wir damit, in Büchern, Filmen und Serien nach Weisheit und Gänsehaut zu jagen. Um dann im Leben daran vorbeizugehen. Wir lassen uns gern inspirieren, aber nur, solange es nicht unser Leben betrifft. Die wenigen, für die das nicht gilt, wissen: Es lohnt sich zu springen. Wenn Springen das ist, was man will.

Wagen wir es, zu leben. Ob Motorrad in der Sahara oder Pastaglas im IKEA-Regal. Machen wir es für uns. Und feiern wir es jeden Tag. Denn eines ist sicher: Wir werden sterben, wahrscheinlich zu früh. Und dafür, dass wir das wissen und dafür, wie viele schlaue Bücher und Filme wir kennen, machen wir  immer noch eine ganze Menge Scheiße (mit)!

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Was interessiert mich mein Geschwätz von gestern?

13 Mrz

Huch, hoffentlich habe ich da keinen echten Schaden angerichtet. Tja, zu spät. Der Kollege hat das Büro bereits verlassen. Was passiert ist, ist passiert.
Ja, aber was ist denn nun passiert? Ich habe männlich kommuniziert. Was in diesem konkreten Fall heißt: Ich habe eine Frage im Brustton der Überzeugung verneint, ohne auch nur den entferntesten Schimmer zu haben, ob meine Antwort den Fakten entspricht. Frei nach dem Motto: Hauptsache, man hat was gesagt. Und Hauptsache, man wirkte dabei souverän. Mit der neuen Info begibt sich der Kollege jetzt in ein Meeting. Und ich warte einfach mal ab, was passiert.

Ich arbeite schon seit Jahren mit männlichen Kollegen zusammen. Warum mir erst vor kurzen die Formel ihres (vermeintlichen) Erfolgs klar wurde, weiß ich nicht. Fakt ist (sag ich jetzt einfach mal so): Männer sagen viel seltener „Ich glaube“ oder „Ich check’ das nochmal.“ Männer sagen: „Das ist so“, oder „Das stimmt nicht.“ Und meistens kommen sie damit durch. Überprüft doch mal eine den Sachverhalt und stellt sie zur Rede, werden die Schultern gezuckt. „Was, das ist gar nicht so? Sollte es aber.“ Der vermeintliche Fakt wird zur unverschämten Gehorsamsverweigerung der Welt gegen den Sprecher. Reue gibt es keine.

Dagegen anzukämpfen scheint zum Scheitern verurteilt. Also mache ich es wie schon Dian Fossey (ja, den Namen schreibt man so) und passe mich meinem Umfeld an. Dian Fossey wurde ermordet, allerdings nicht von den Gorillas. Mein soziales Experiment hat bisher zum Glück keinerlei negative Konsequenzen für mich nach sich gezogen. Und wenn, dann wären die eben unfair. Und die anderen hysterisch? Na, ganz so weit wollen wir mal nicht gehen. Verallgemeinere ich hier nicht vielleicht ein bisschen, ist das, was ich hier schreibe, nicht stark vereinfacht und unfair? Nein, ist es nicht. Sag ich jetzt einfach mal so …

Ach wäre mein Leben doch nur ein OTTO-Katalog

6 Mrz

Früher habe ich immer Häuser gemalt. Anwesen, mit Innenhof, Pferdeställen und kleinen Türmchen, umgeben von dunklen Tannen. Später habe ich in Schulheften Grundrisse meiner Traumhäuser gezeichnet, mir überlegt, wo das Kinderzimmer und wo der begehbare Kleiderschrank ist, wo welche Möbel stehen. Offene Küche, Esszimmer. Ich wollte einen grossen Esstisch besitzen und eine schwere Whiskey-Karaffe mit Glasdeckeln und Kristallgläsern.

Wenn ich mal 30 bin, so habe ich gedacht, dann ist mein Leben ganz anders. Dann bin ich erwachsen und führe, wie durch ein Wunder, ein Erwachsenenleben als Erwachsenenrebekka. Kinder scheinen zu denken, dass man später ein anderer Mensch ist. Als würde man eines morgens aufwachen und anders sein. Anders aussehen, anders reden, anders denken. Meine Schwester und ich haben als Kinder gern im OTTO-Katalog geblättert. Wir haben die weiblichen Models begutachtet und uns „ausgesucht“, wie wir aussehen/sein wollen, wenn wir groß sind. Leider habe ich heute weder Korkenzieherlocken, noch einen olivfarbenen Teint. Ich bin keine 1,80 Meter und auch nicht gertenschlank. Die bittere Wahrheit ist: Wir bleiben genauso, wie wir immer waren – nur ein bisschen älter, ein bisschen verschwommener und, wenn wir Glück haben, ein bisschen weiser und bescheidener.

Wer ich bin und wie ich aussehe – damit muss ich wohl meinen Frieden machen. Andere Räume meines Luftschlosses allerdings wären durchaus im Rahmen der Erreichbaren gewesen. Trotzdem habe ich bis heute keine Wohnküche mit Tür in den Garten und einer Kochinsel in der Mitte. Kein offenes Fenster, durch das ein freches Pony seinen Kopf steckt. Keinen Hund vorm Ofen. Keine Kristallgläser. Ich besitze auch keine richtigen Pumps (kann ich nicht drin laufen), kein dunkles Kostüm (bin zu dick) und keine Auto (bin zu arm). Stattdessen wohne ich übergangsweise in einer WG, teile mein Zimmer mit Umzugskartons, die Spinnenweben ansetzen und warte. Warte und suche. Immerhin so viel. Suche nach etwas, das mich endlich wieder erfüllen wird. So wie früher in der Schule, als ich Schülersprecherin war, von jedem geschätzt und respektiert. Heute bin ich ein Niemand, ein kleines Rädchen in einer lauten Maschine namens Berlin. Mein Fehlen würde wohl nicht auffallen – welch ein Glück. Denn ich habe beschlossen: Vierzig ist die neue Dreißig. Und ich bekomme es noch, das verdammte Haus. Den verdammten Job, der mich mit Leidenschaft erfüllt. Wenn andere das schaffen, dann kriege ich das auch. Ich wünschte nur, ich wüsste, wie …

Lamy, Liebe, Loslassen

9 Feb

stift

Seit Neustem schreibe ich bei der Arbeit wieder mit Füller Mit einem roten Lamy-Füller, genauer gesagt. Zur Zeit bin ich sogar noch einen Nostalgie-Schritt weitergegangen und habe türkise Tintenpatronen gekauft. In Türkis habe ich damals in der Oberstufe geschrieben – wenn ich mich recht erinnere sogar die Abiturklausuren. Ein kleines aber feines Individualitätsdetail im genormten Hochschulreife-Apparat.

Leider kann man die türkise Tinte nicht killern – zumindest war die Killer-Technologie damals noch nicht so weit. Werde mal in Erfahrung bringen, ob es heute geht. Ein Tintenkiller, das war schon etwas Interessantes. Es hab zwei verschiedene Mienenarten, je nach Marke. Die eine hat immer geschmiert, die andere nicht, dafür hatte der Stift nie die gleiche Farbe wie die Tinte. Ich habe sowieso immer lieber durchgestrichen und dann mit kleinen Sternchen auf der Blattrückseite ergänzt. Bis zu sechs ****** gab es da schon einmal, wenn Die Leiden des jungen Werther unter die Lupe genommen werden mussten.

Den Füller hat mir mein Freund Luis geschenkt, eigentlich sogar zwei. Den Silbernen benutze ich zu Hause, den Roten in der Agentur. Ich finde das ein ausgesprochen romantisches Geschenk, vergleichbar mit dem Blumenstrauß aus Bleistiften, den Tom Hanks Meg Ryan in „You’ve got mail“ überreichen möchte. Besonders schön finde ich, dass mich Menschen auf den Füller ansprechen. Kollegen, Vorgesetzte, sogar Kunden finden meinen Lamy-Füller bemerkenswert. Es scheint, als würde speziell dieses Modell in seiner demokratisch-erschwingbaren Plastikoptik durch die Bank angenehme Erinnerungen und Nostalgie hervorrufen. Mein Füller bringt Menschen zum Lächeln – wer hätte gedacht, dass es so einfach sein kann.

Es ist ja kein Geheimnis, dass die Nostalgie mir in meinem Wassermalkasten der Emotionen die liebste Farbe ist. Das mag nicht gesund sein, aber ich versuche dieser Tage, Gutes wie Schlechtes los- und laufen zu lassen. Und das gilt auch für meine Nostalgie. So hört man mich zu Hause vermehrt Lieder aus alten Disneyfilmen trällern. Dass aber auch andere Zeitgenossen sich von der Nostalgie anstecken lassen, macht mich froh. Nostalgie heißt schöne Erinnerungen, und die Tatsache, dass Menschen schöne Erinnerungen haben, kann sie sympathischer machen, als sie (vielleicht) sind.

Als das Nachbarskind vor kurzem in meiner Küche malte, hinterließ es mir ein weiteres Geschenk: einen dicken blauen Buntstift. Ihn habe ich zu meinem zweiten Lieblingsstift erkoren, für kurze Notizen und wirklich wichtige Geistesblitze wird er im Büro zur Hand genommen. Der Buntstift amüsiert mein Umfeld eher, als dass er Nostalgie hervorruft. Aber das ist mir egal. Im grauen Berliner Winter tut es gut, an Zeiten zurückzudenken, in denen die größte Entscheidung die Farbe des Buntstiftes war.

Auf der Suche nach dem nachhaltigen Glück

20 Jan

Nachhaltig leben und reisen – das ist das Motto der Online-Community Tribewanted. An einem ganz besonderen Ort in der Mitte Italiens, Tribewanted Monestevole, sucht die Autorin nach Inspiration für das, was ein glückliches Leben ausmacht.

Die Lichter gehen früh aus in Monestevole. Das Abendessen ist beendet, die leeren Platten mit den Resten von Salat und Gemüse aus dem Garten, handgemachter Pasta und selbst geschlachtetem Fleisch wurden abgeräumt und eingeweicht. Die Spülmaschine säubert unzählige Gläser und Tassen vom Hauswein und stark gezuckertem Espresso. Der massive, grob gezimmerte Holztisch, der 20 Leuten Platz bietet und an dem nach dem Essen noch ein paar Runden Briscola gezockt wurden, ist leer. Vor dem Küchenfenster freuen sich sich wilde Katzen über ein paar Fleischreste. Der Koch ist noch wach. Es ist Zeit für die letzte Zigarette seines Tages. Für ihn ist dies der Feierabend, die Stunde, nachdem sich die meisten Gäste auf ihre Zimmer zurückgezogen haben, die Geschirrspülmaschine läuft und die Töpfe und Pfannen einweichen. Mit dem Seufzen eines Mannes, der den ganzen Tag auf den Beinen ist, setzt er sich auf die Bank vor der Küchentür. Dollie, die zierliche Jagdhündin mit den Bernsteinaugen, kommt sofort und bettet ihren Kopf in seinen Schoss. Die Katzen hingegen strafen ihren Versorger mit Nichtachtung, ignorieren ihn mit der Arroganz derer, die wissen, dass sie sich Gutmütigkeit gegenüber wähnen dürfen. Der Koch ist glücklich hier, mit der Küche, seinem Reich, im Rücken und den Hügeln Umbriens im Blick.

MEDION Digital Camera

Glücklich durch Arbeiten – arbeiten fürs Glück?

Das Gut Monestevole liegt tief im grünen hügeligen Umbrien, in der Mitte Italiens – und, wenn man den Anwohnern glaubt – der Welt. Hoch oben auf der Hügelkuppe, durch eine ca. zehn Kilometer lange Straßen mit Haarnadelkurven und bedrohlichen Abhängen entfernt vom nächsten Örtchen, leben Bewohner und Gäste hier in einem Mikrokosmos, dessen Tagesablauf von den Tieren, Feldern, Gärten und natürlich den Mahlzeiten strukturiert wird. Betrieben wird der Hof als eine Art Hotel von der Onlinecommunity Tribewanted. Deren Mitglieder weltweit finanzieren mit moderaten Monatsbeiträgen den Aufbau nachhaltiger Lebensgemeinschaften mit dem Anspruch, selbstversorgend zu leben. Das schließt neben Nahrungsmitteln auch die Strom- und Wasserversorgung ein. Angefangen in Fidschi ist Tribewanted mittlerweile auch in Sierra Leone und eben in Umbrien zu finden. Die Idee: Sowohl Mitglieder als auch Nichtmitglieder machen Urlaub in einer wunderschönen Umgebung und mit Vollverpflegung – erstere zu einem günstigeren Preis – und packen bei Interesse mit an, um das jeweilige Tribewanted Projekt mit eigener Kraft einen Schritt voranzubringen. Ob der Bau einer neuen Scheune für die Pferde, Rinder, Ziegen oder Schweine, die hier in Umbrien so idyllisch leben, wie es in Europa wohl möglich ist, beim Pflanzen von Knoblauch, beim Herstellen von organischen Seifen und Cremes oder bei der alljährlichen Wein- und Olivenernte – die Möglichkeiten, sich zu beteiligen sind zahllos. Und wenn nach dem im Sommer draußen eingenommenen Essen die Teller leer aber die Weingläser noch voll sind, die Grillen beginnen, mit der leisen Musik aus dem Grammofon zu konkurrieren, dann ist kaum ein Gast davor gefeit, seine bisherige Vorstellung vom Glücklichsein zu hinterfragen, dann kann sich kaum einer des Gefühls zu verwehren, dass dies hier ein ganz besonderer Ort und das Leben hier ein ganz besonderes Leben sein muss.

Ehrgeiz jetzt, Zufriedenheit später?

Umgeben von seinen Gästen aus Deutschland, England, den Niederlanden und Australien sitzt Filippo am großen Tisch und denkt voller Sorge an den morgigen Tag. Der Tribewanted Mitbegründer und Manager von Monestevole hat selbst ein Jahr lang am Strand von Sierra Leone gelebt. Davor wirkt seine Biografie wie von einem Karriereplaner erdacht: lange Auslandsaufenthalte schon als Kind und Jugendliche in Frankreich und den USA, eine Ivy League Collegeausbildung in Boston, dann Finanzberater in New York. Trotz seines politischen Engagements und Erfolgen als Dokumentarfilmer, der einst Rapstars nach Sierra Leone brachte, um über Blutdiamanten aufzuklären, und trotz seines Outfits – legeres Leinenhemd, Jeans und offene Lederboots – wirkt Filippo immer noch ein bisschen wie ein Banker. Der 32-Jährige ist ehrgeizig, und es ist ihm wichtig, dass Tribewanted Monestevole, hier in seiner Heimat, einen rundum guten Eindruck macht. Deshalb denkt Filippo, während er eine Mandarine schält und scheinbar interessiert den Diskussionen seiner Gäste über Ökotourismus lauscht, an den morgigen Tag: an Einkäufe, Ankünfte, Abreisen und an die Kosten für das undichte Scheunendach, von dem ihm die ortsansässigen Farmarbeiter berichtet haben. Nichts davon sollen seine Gäste mitbekommen – Filippo ist ein PR-Profi. Fragen Journalisten nach einem Interview, so ist es er, der antwortet – in fließendem Englisch natürlich. Für Filippo liegt Zufriedenheit im Erfolg: seinem, dem von Monestevole, und dem der Idee von Tribewanted. Ob er glücklich ist, fragt er sich nicht. Dafür ist später Zeit.

It takes a village …

Filippo war es, der 2010 das Landgut Monestevole entdeckt und an die Tür der Besitzer geklopft hat. Geöffnet wurde ihm von Alessio und Valeria, seit mehr als 15 Jahren verheiratet und Eltern von vier Kindern. Ohne sie gäbe es Monestevole nicht, denn in über zehn Jahren harter Arbeit haben sie aus einer Ruine ein Juwel gemacht. Das Ergebnis: Ein ausladendes Feldsteingebäude aus dem 15. Jahrhundert mit mehreren Flügeln und Nebengebäuden, unzähligen Nischen, Winkeln, rustikal gezimmerten Türen, bunten Kacheln an den Wänden, kleinen Sprossenfenstern mit Fensterläden, Eingängen auf verschiedenen Ebenen, über schiefe Treppchen erreichbar, eindrucksvollen Türbögen und freigelegten Dachbalken, unter denen dank Tribewanted nun Gäste aus aller Welt vom Heuschreckenkonzert in den Schlaf begleitet werden. Alessio ist eine beeindruckende Person, eine Mischung aus exzentrischem Künstler und bodenständigem Farmer. Ein untersetzter Mann mit blondem Rauschebart, wettergegerbtem Gesicht und eisblauen Augen. Ein Mann, dessen Nähe Pferde genießen, ein Mann, dem Hunde folgen, dem Bäume sich – so scheint es – entgegenlehnen. Alessio bemerkt nichts von dem und bedenkt Hund, Pferd und Baum mit einem beiläufigen Tätscheln – sie sind Teil von ihm und er von ihnen. Alessio stammt aus Umbertide, dem kleinen Ort unten im Tal. Er hat sein ganzes Leben hier verbracht. Ein Mann, der weiß wer er ist und was er will. Deshalb wusste Alessio auch bereits mit 20 Jahren, dass er Valeria heiraten wollte. Und die beiden wussten wenig später genau, dass sie die heruntergekommene Gutshofruine oben auf dem Hügel kaufen und renovieren würden – ohne viel Geld aber mit viel Geduld und dem Einsatz eines ganzen Dorfes. Das war lange, bevor Tribewanted an die Tür klopfte – der Hof bis dahin ein Projekt ohne bestimmten Ausgang, ein Projekt um seiner selbst willen, und für die vier Kinder, die er von hier ins Leben entlässt. Seit Tribewanted da ist, ist Alessio mit seiner Familie in ein Nebengebäude gezogen. Dass nun Fremde in seinem Haus wohnen, stört ihn nicht. Er weiß: Dinge verändern sich, aber das Gut wird bleiben. Nur eines ist ihm heilig, die Bank auf der Anhöhe hinter seinem Haus. Er ist glücklich, wenn er Musik macht, und wenn er abends mit seiner Zigarette auf dieser Bank am höchsten Punkt des Hügels sitzt und herunterblickt auf das, was er geschaffen hat. Der gesamte Hof gehört dann wieder ihm, für einen Moment.

Ist geborgtes Glück die Lösung?

Rebekka, die Schreiberin, sitzt im leeren Wohnzimmer von Monestevole und denkt über geborgtes Glück nach. Sie möchte sich konzentrieren und etwas von Wert produzieren, über Glück, aber sie ist rastlos, denn sie ist verliebt. In diesen Ort, dieses Haus, für das Tribewanted nur eine Phase in einem langen Leben ist. Und in die Hündin Dollie mit den Bernsteinaugen, die draußen an einem Knochen nagt. Nach dem Abendessen, wenn sich die übrigen Gäste zurückziehen, der Koch in der Küche pfeift, Alessio zu seiner Bank auf den Hügel steigt und Filippo sich in seinem Büro den Zahlen widmet, sitzt Rebekka für gewöhnlich hier, an dem ausladenden grob gezimmerten Holztisch, und verliert sich in ihren Gedanken. Der Aufenthalt in Monestevole sollte Abstand bringen zum stressigen Alltag in Berlin, einem Stress, der neben den langen U-Bahnfahrten und späten Abenden in der Werbeagentur vor allem darin liegt, dass sie sich an einem Ort und einem Leben wähnt, die sie nicht komplett glücklich machen. Rebekka ist ratlos: Wie soll sie ihr Leben gestalten, wenn dieser Ort ihr das untrügliche Gefühl gibt, dass das Glück nicht in Geld oder Sicherheit liegt, sondern in einem Projekt, in einem mit Wert erfüllten Tun, in einem Hund?

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Hier bleiben kann sie nicht, das weiß sie. Dieses Projekt kopieren, das Glück der Menschen hier borgen, wird keine Erfüllung bringen, denn Alessio ist Alessio, Filippo ist Filippo, der Koch ist der Koch – und Rebekka ist Rebekka. Ihre Küche ist das Schreiben. Ihre Ruine ist ein umstrittener Markt und die Angst vor finanzieller Unsicherheit. Ihr Hund ist das Bedürfnis nach Konstanz. All das weiß Rebekka, und abends vor ihrem Computer versucht sie, die Weisheit von Monestevole zu kondensieren, für sich selbst zu durchsuchen nach Hinweisen und die Magie dieses Ortes auf weiße Seiten zu bannen. Die Dunkelheit, die sie umgibt, die Geräusche von Füchsen und Wildschweinen, das Knarren des Holzes, all das macht ihr keine Angst. Sie sind kein Vergleich zum Knarren der Treppenstufen, zum Pfeifen der Männer in Berlin, wo sie sich fremd und bedroht fühlt. Hier in Monestevole steigt sie abends – den Computer unter dem Arm – die Außentreppe zu ihrem Wohnbereich hoch, in kompletter Dunkelheit, und stolpert fast über Dollie, die jede Nacht auf ihrer Fußmatte schläft und sich jeden Morgen mit ihr erhebt, wenn die ersten Tiere sich rühren und der Kaffeeduft das Haus umarmt. Rebekka vermisst die Stadt nicht, nicht ihre Lichter, nicht ihre Geräusche, ihre Hektik, ihre Möglichkeiten. Sie ist glücklich hier, und weiß gleichzeitig, dass in diesem Glück eine Frage liegt, auf die sie keine Antwort weiß.

 

 

Maske ab, Maske auf?

5 Jun

Jetzt ist es zum fünften Mal passiert: ein bindungswilliger Mensch in meinem Alter meldet sich – nicht weiter wissend oder aus Neugierde – bei einer Online-Dating-Plattform an. Er möchte jetzt auch mal jemanden kennenlernen für etwas festes. Alle lassen sich nieder, man selbst möchte nicht allein zurückbleiben, mit dem Die Ärzte T-Shirt und dem WG Zimmer mit der Bierkiste als Nachttisch. Soweit, so gut. Passiert wohl häufiger als vier Mal, denkt der geneigte Leser, eher 5.000 Mal am Tag. Worauf will sie hinaus? Zum fünften Mal, antwortet sie mit einem entrüsteten Unterton, bin ich über das Dating-Profil eines Menschen gestolpert, der mich kennt. Mehr noch: Der mich kennt und mag. Der mich kennt mag, schätzt, lustig und charmant und klug findet. Der gegebenenfalls sogar mit mir schlafen möchte oder dies bereits getan hat (keine Zahlen). Und: Der mich kennt und weiß, dass ich Single und auf der Such bin. So etwas nennen junge Menschen in amerikanischen TV-Serien gerne eine no brainer. Ich nenne es einen Dolch ins Herz. Denn in genau Null Komma Null Prozent dieser Fälle ergab sich aus der parallelen Suche der Gedanke: Ach, vielleicht ja die…?

Ich befürchte ja schon lange, dass es nicht nur „an mir liegt“ (egal, was die Leute sagen), sondern noch spezifischer an meinem Charakter. Meine Empörung generiert sich aus der Kombination der oben geschilderten Online-Dating-Erfahrungen mit einem konstanten Aufs -Äußere-Reduziert-Werden draußen im echten Dating-Jungle. Und wenn ich Äußeres sage, meine ich Brüste. Letztens auf dem Hermannplatz springt mir tatsächlich ein Mann mit ausgestreckten Händen in den Weg und schreit: „Man, hast du große Brüste. Sind die echt oder hast du dir die machen lassen?“ In der U-Bahn fragte mich mal jemand; „Kann ich die mal anfassen?“

Was hat das jetzt mit irgendwas zu tun? Ach ja: Generelle Attraktivität gepaart mit Beliebtheit und – sagen wir es doch wie es ist – Verfügbarkeit = ja , nichts. Es fehlt etwas in der Gleichung und das ist die Date-würdige Persönlichkeit. Interessant? Ja. Unterhaltsam? Auch das. Ein echt guter Kumpel halt. Eine Kumpeline mit wallendem Haar, einem netten Lächeln und großen Brüsten, die ich mir aber nicht ins Bett oder mein Leben holen will, weil all diese Qualitäten überschattet werden von einer un-datebaren Persönlichkeit. Wie kann man so in die „was ne Frau“ Ecke gedrängt werden und gleichzeitig ein Dauergast in der friend zone bleiben??

Dann ein Bekannter: „Du bist eine attraktive Frau, aber ich würde dich auch nicht daten. Ich glaub du wärst mir zu klug.“ Ein anderer: „Männer mögen keine Frauen, die allzu selbstständig sind.“ Okay, da haben wir doch mal die zwei Bösewichte: Selbstständigkeit/Souveränität auf der einen, Intelligenz auf der anderen Seite. Da muss doch was dran zu schrauben sein. Wein scheint auf letzteres einen begrenzenden Einfluss zu haben, wenn man dem Volksmund glauben darf – ersteres unterstreicht er aber leider eher, zumindest bis man nicht mehr laufen kann. Fällt also weg. Bleibt: Faken.

Ich finde ja: Wenn man jemanden kennenlernt, in der ersten Datingphase, verstellt man sich doch sowieso. Das nennt man dann gern „sich von der besten Seite zeigen“, aber seien wir doch ehrlich: Man faked. Demnach müsste es doch für mich auch okay sein, ein wenig zu faken. Nur wie stelle ich das an? Idee 1: ich denke mir fake Probleme aus dem Alltag aus und trage diese nach außen. Ich bin mir unsicher deshalb, ich kann das und das nicht alleine. Von traurigen Themen wird ja eher abgeraten, was leider heißt, dass ich das bunte Potpourri meiner echten Probleme nicht zum Einsatz bringen kann. Schade eigentlich. Lieber Organisatorisches. Wohnungssuche? Irgendwas steht zu hoch im Regal? Fahrradreifen platt? Ich bin vollkommen überfordert (wie passend). Vielleicht reicht es aber auch, mir ein bestimmtes Lächeln und einen etwas suchenden, hilflosen Blick anzutrainieren. Beziehungsweise, mir abzutrainieren, in unsicheren Situationen mein souveränes Gesicht (was halt leider mein konzentriertes Gesicht ist) aufzusetzen und stattdessen meine innere Gefühlswelt („Aarggh, wo bin ich hier, warum reden diese Menschen mit mir und was mache ich jetzt?“) eins zu eins nach außen zu kehren. Die paar Falten, die das verursacht, muss ich dann wohl tolerieren. Eine Maske ab, die andere auf? Einen Versuch ist es vielleicht wert…??

Berlin wird höflich – und ich kaufe Handtücher (vielleicht)

15 Mai

header_topDa staunte ich aber nicht schlecht, heute um 8:30 in der U8. Grad noch von Autofahrern auf der Sonnenallee angehupt und Töle ausführenden Opas auf dem Radweg im breitesten Berlinerisch beschimpft, sehe ich tatsächlich ein Berlin und ein Danke im selben Satz.  header_top

Schön, dass diese pulsierende Weltstadt zwar das zehnsekündige Pausieren eines Touristen auf dem Gehweg nicht verzeihen kann, zu K.o.-Tropfen aber höflich Nein, danke sagt. Weiter so, Berlin. Als nächstes bitte BILD-Zeitung, BER und Nazis – nein, danke.

Auch schön, mal wieder auf dem Weg zur Arbeit zu schmunzeln. Wobei, ich schreibe mir durchaus das Talent zu, auch aus den zitronigsten Momenten und U-Bahn-Fressen einen Grund zum Schmunzeln zu pressen. Jedenfalls an meinen besseren Tagen. Sowieso sage ich mir dieser Tage oft: Wäre alles immer rosig gewesen, Rebekka, worüber würdest du denn dann schreiben? Und recht hat sie, die kurz mal durchscheinenen Erwachsenenrebekka. Nur meist regiert derzeit die trotzige schmollende Herzschmerz-Teenagerrebekka. Mööp, mööp, wieso haben alle ein Baby und ich nicht? Mal ganz ehrlich: Weil man dir auch keins anvertrauen dürfte. Werd erst mal erwachsen! Und reiß dich am Riemen. Weniger Wein, mehr Fleiß. Vielleicht mal Handtücher kaufen, die nicht in den Siebzigern zum ersten mal den Kochwaschgang sahen und in die ich zudem an den Ecken Löcher geschnitten habe, damit ich sie aufhängen kann. Die Leute im Fernsehen habe weiche, fluffige Handtücher in aufeinander abgestimmten Farben, die gefaltet – manchmal sogar dekorativ aufgerollt – in offenen Ikea-Badregalen in Tropenholzoptik liegen. Und mal ehrlich: Mittlerweile eben nicht nur die Leute im Fernsehen, sondern so gut wie alle Menschen, die ich kenne (und die über 30 sind). Vielleicht mal Geld ausgeben für derart Sinnvolles, anstatt mir bei amazon einen ledernden Trinkschlauch zu kaufen, weil Hemingway aus so einem in Pamplona Rotwein gesoffen hat – oder mit Hermines Zauberstab aus Harry Potter in original Ollivanders Verpackung zu liebäugeln.

Ja, ich denke es ist an der Zeit, erwachsen zu werden. Vielleicht auch mal joggen? Nein, joggen geht vielleicht etwas zu weit. Aber Handtücher scheint machbar. Und Steuererklärung. Dann geht vielleicht auch irgendwann Hund Und dann Baby. Man drücke mir die Daumen.