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Offener Brief an Berliner Krawall-Radfahrer

19 Aug

Lieber Krawallfahrer, liebe Krawallfahrerin

ich weiß, es muss hart sein, jeden Tag so vielen Einschränkungen zu begegnen, die du ignorieren und an denen du vorbeifahren musst. So oft im zähen Strom des Mittelmaßes steckenzubleiben. So oft behindert zu werden, so oft auf Unverständnis zu stoßen. Ich sehe die Verzweiflung darüber, dass so viele dein teures Fahrrad nicht als den Freifahrtschein erkennen, der es sein sollte. Ich weiß.

Und auch du, liebes Chiffronmädchen, hast es nicht leicht. Alles, was du willst, ist mit deinem stylischen Retro-Hollandrad langsam und bezaubernd durch Mitte zu schweben. Logisch, dass du an der Ampel an dem verschwitzten Mob mit den klebrigen Haaren unter den hässlichen Helmen vorbeigleitest wie Galadriel im Nebel. Wie sollst du die Blicke deuten, die dir entgegengefeuert werden, wenn du danach in einem deinem Sofa-Fahrrad angemessenen Tempo losgleitest – ganz vorne, vor all den verschwitzten Schnellfahrern, die dich dann überholen müssen. Du bist hochgezogene Augenbrauen, spöttische Blicke und Kopfschütteln nicht gewohnt – es muss hart sein. Ich weiß.

Nun bin ich natürlich sehr persönlich geworden. Streichen wir das und seien wir politisch und auch sonst korrekt. Jeder kann Krawallfahrer sein ­– alt oder jung, homo oder hetero, schön, hässlich, reich, arm. Sprecher wir also im Folgenden „das (geschlechtsneutral) Krawallfahrerlein an.

Auskotzen vorbei oder: Im Folgenden weniger persönlich,
mehr zur Sache

Es ist ja so: Die Autos haben es leichter, im Stadtverkehr passiert ihnen nicht so viel. Stimmt. Du traust den Autos nicht, und weil die Verkehrsregeln, auf die du spuckst, deines Erachtens für Autos gemacht wurden, akzeptierst du sie nicht. Rechts vor links: Ja klar muss der Benz warten, bis ich vorbei bin. Aber wenn ein Auto von rechts kommt, fahr ich schon noch schnell – denkt sich das Krawallfahrerlein. Mich können die damit nicht meinen, ich muss ja schließlich sonst anhalten und – Gott bewahre, mit dem Fuß die Erde berühren. Das Gleiche gilt für „dunkelgelbe Ampeln“. Ja, theoretisch haben die Fußgänger schon grün. Aber ich möchte doch so gern weiterfahren, ich war grad so schön schnell. Wird schon passen – meint das Krawallfahrerlein. Rote Ampeln sind für Spießer.

Die Sache mit der Konsequenz oder: Nervig, Sachen zu Ende
denken zu müssen

Versteh mich nicht falsch: Ich fahre auch gern schnell. Leider haben meine Eltern – oder irgendeine charakterschaffende Macht im Universum – ein gewisses Gerechtigkeitsempfinden und damit eine gewisse nervige Konsequenz in mein Herz gepflanzt. Wie kann ich noch mit dem gutem Gewissen Autofahrern, die mich schneiden, vom Rad aus gegen den Kotflügel treten, wenn ich am Morgen bereits drei Fußgängern einen Herzinfarkt beschert habe? Gar nicht.

Und jetzt ganz provokant: Ich glaube sogar, dass man nicht jedes Recht, das man hat, auch einfordern muss. Ich glaube an Mitdenken und daran, auch mal im Sinne des größeren Guten zu handeln. Beispielsweise kann man mich des Öfteren dabei beobachten, auf der engen zweispurigen Baustellenstrecke Unter den Linden einen vollgepackten Bus vorbeifahren zu lassen. Klar, es ist mein Recht, dort zu fahren, genau wie dieser Bus. Aber was sollen 120 Berufstätige hinter mir im Tempo 18 hertuckern, wenn ich auch einfach für 20 Sekunden rechts anhalten und mich dann wieder einreihen kann?

Wir sind keine Raubtiere oder: Aufgescheuchte Hennen statt Bewusstseinsschärfung

Ein weiteres, ernsthafteres Problem an der Freiheit, die du dir nimmst: Durch dieses Verhalten zwingst du, liebes Krawallfahrerlein, alle anderen Verkehrsteilnehmer zur absoluten Aufmerksamkeit. 360 Grad. 60 Sekunden pro Minute. Es kann keine Gespräche mehr geben auf Berliner Straßen, niemand kann seinem Kind mehr den bunten Luftballon am Himmel zeigen. Eine grüne Ampel bedeutet nie wieder eine grüne Ampel. Natürlich ist jeder Verkehrsteilnehmer sowieso verpflichtet, zu schauen, zu hören, zu prüfen – egal wie viel „Recht“ ihm durch Lichtsignale zugesprochen wird. Aber: Dich, liebes Krawallfahrerlein auf dem Rennrad, hört man nicht, und man sieht dich meist erst um die Ecke biegen, wenn es zu spät ist. Das Heikle daran ­– neben den Verlusten wertvoller Momente der Unbeschwertheit an grünen Ampeln und Zebrastreifen – ist, dass wir Menschen, jedenfalls die meisten von uns, unsere Raubtierherkunft nur noch sehr abgeschwächt in uns tragen. Und das bedeutet: Umgeben von konstanter, nicht sichtbarer, nicht hörbarer, nicht antizipierbarer aber dennoch omnipräsenter Gefahr laufen wir nicht – wie Raubtiere, SEKler und Superhelden wie du – zu Höchstformen auf. Im Gegenteil: Wir werden flattrig. Nervös. Wir handeln unbedacht, bewegen uns schreckhaft und unkoordiniert. Und vergrößern so die Gefahr für uns und andere.

Ein Apell oder: Endlich konkrete Handlungsanweisungen

Deshalb meine Bitte, liebes Krawallfahrerlein: Sei nachsichtig, sei großzügig. Komm uns Normalsterblichen, die – ganz old school – an roten Ampeln halten, nicht von rechts überholen und vor dem Abbiegen den Arm ausstrecken, ein wenig entgegen. Fahre fünf Minuten früher los, dann musst du keine Touristenkinder umnieten, die bei grün über die Ampel laufen. Ich weiß: Du kannst auch alles achten, du hast sie gesehen, du hast die Kontrolle, und du bist schnell wie der Wind. Du bist ein Superheld. Aber denke daran: Mit großer Macht kommt große Verantwortung.

PS: Dieser Text entstand, als ich heute morgen an einer roten Ampel gewartet habe und dich von hinten einer Straßenbahn ausweichen sah. Ich hoffe, du bist sicher ans Ziel gekommen.

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